Die Stille des blauen Atlantiks

Costner

Mitglied
Irgendwo an der Küste von North Carolina; Outer Banks;

Wenn ich meine Augen schließe, dann kann ich mich noch daran erinnern. Ganz deutlich sogar. Es ist wie eine Schmach, die mich befällt. So weit entfernt und doch spürbar nahe. Wie ein Fels in der Brandung, der durch nichts zu erschüttern ist. Eine Barriere, die Leben und Opfer bringt. Eine Waage zwischen Glück und Trauer. Ich fühle sie, meine Gedanken, wie sie mit dem Wind davon gleiten, der sie woanders hinträgt. An einen Ort, den ich nicht kenne und den nicht einmal Gott zu kennen scheint. Um mich herum ist alles leer. Keine Menschenseele so weit das Auge reicht, nur Wind und der Donner, der vorüberzieht.
Da sitze ich im weichen weißen Sand und fühle seine Wärme, die er vom übrig gebliebenen Tage langsam verliert. Ich lasse den Sand durch meine Finger rieseln und spüre seine Sanftmütigkeit. Als fürchte er sich davor, mich zu berühren oder mir weh zu tun.
Ich lausche dem Rauschen des Meeres und versuche die Stimme zu finden, nach der ich mich sehne. Aber ich suche schon seit langer Zeit und habe sie nicht finden können. Die Stimme, die mir im Leben alles bedeutet hat. Sehnsuchtsvoll gleiten meine Blicke über den Horizont, der sich verdunkelt, während die schwarzen Wolken vom Landesinneren her aufs Meer hinausziehen. Die Sonne war lange verschwunden und mit ihr das Gefühl der Geborgenheit, die mir ihre warmen Strahlen schenkten.
Wie das Meer versucht, seinen Ursprung zu finden, so versuche ich zu finden, was ich vor langer Zeit verloren habe. Gelacht haben wir miteinander, zusammen waren wir glücklich. Doch gab es diesen Tag, der uns für immer trennte.

An diesem Tag, wie schon an den vielen Tagen zuvor saß ich auf unserem gemeinsamen Stein bei den Wellenbrechern. Ich genoss das Gefühl der warmen Sonne, die meine braune Haut zu streicheln schien und den Wind, der mein Haar tanzen lies. Der Himmel war so wunderschön blau wie der Große Ozean und die Augen meiner geliebten Frau. Dort saß ich allein und wartete. Meine Arme umschlossen die eingezogenen Beine und es wirkte so, als müsste ich mich daran festhalten. Ich beobachtete die Wellen, wie sie sich weit draußen auf dem Meer auftürmten und auf mich zurasten. Wie ungescholtene Botschafter reisten sie durch den geheimnisvollen Atlantik um an genau diesem Punkt der Erde ihr Ende zu finden, damit sie kraftlos in sich zusammenzufallen konnten. Von einem Ende der Welt zum anderen hier her. Wie mächtige und unbezwingbare Wasserwände bäumten sie sich auf zu einem letzten Gruß an die raue See und sein Land, bevor sie glücklich und erschöpft an ihr Ziel gelangten und an den großen Steinen, die die Buchten vor Überschwemmungen beschützten, zerschellten.
Unerschrocken von ihrer Kraft wartete ich immer wieder auf diese Wellen. Es waren genau diese Tageszeiten, die mich hier herlockten, auf den Stein, den ich mir mit meiner Frau teilte. Zusammen zogen wir uns von den vielen Menschen zurück, die durch die Stadt spazierten und viel redeten. Wir flohen vom Lärm, der tagsüber die Innenstadt lähmte. Später dann, wenn die Dämmerung den Tag verdrängte, kamen wir uns immer wie einsame Seelen vor, die Zuflucht in einem von Wasser umgebenen Ort suchten und dort ihre Ruhe fanden. Wie die beiden Möwen, die zusammen an der Spitze der Wellenbrecher kauerten und aufs Meer hinaussahen, als erspähten sie dort ein großes Unglück. Es war ein wunderbarer Moment, der sich in meinen Erinnerungen verankerte.
Auch wenn der brüllende Donner über das Land zog, die grellen Blitze zuckten und sich hin und wieder im Meer verloren, der Wind an meinen Ohren vorbei pfiff und im nahegelegenen Dorf das Signalhorn dröhnte, dass einen aufkommenden Sturm signalisierte, so spürte ich die Stille um mich herum. Als könnte mich nichts berühren, als wäre ich unantastbar. So frei wie ich es hier sein konnte, so konnte ich es nirgends anders finden.
Dann kam meine Frau herbeigelaufen, Marie. Vorsichtig balancierte sie auf den teilweise spitz aus dem Wasser ragenden Steinen des Wellenbrechers herum, um zu unserem Stein zu kommen. Ich stand auf, um sie zu erwarten. Dann spürte ich, wie ein kalter Wind aufzog. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr und ich fragte mich, ob es richtig war, hier zu sein. Ein unangenehmes Gefühl schlich sich durch meinen Magen, doch die Freude, dass meine Frau endlich hier war, verdrängte dieses Gefühl sogleich.
Als sie näher kam, bemerkte ich, dass ihre Haare nass waren. Regentropfen perlten an ihr herunter, liefen ihr quer durchs Gesicht, um am Kinn herunterzutropfen. Vor Kälte rieb sie sich ihre Unterarme warm. Sie zitterte und sah mich mit leeren Blicken an. Doch ein kurzlebiges Lächeln zeigte mir, dass sie sich freute, hier sein zu können. Ich nahm sie sofort in den Arm, um ihr meine Wärme abzugeben. Sie umklammerte mich, als wolle sie nicht mehr loslassen. Ihr kaltes Ohr drückte gegen meine warme Wange. Ich spürte ihr zittern, ich spürte auch ihre Angst. Der Wind, wie ein pfeifender Protest, zog an uns vorüber wie die Zeit, die an uns vorbeiraste.
Völlig losgelöst und im Taumel unserer Liebe, die wir gegenseitig empfingen, löste ich mich von ihr, nahm ihr frierendes Gesicht in meine Hände und sah sie an. In ihren Augen sammelten sich Tränen. Ihre blauen Augen, die mit nichts anderem zu vergleichen waren. Voller Schönheit, voller Begierde saugte ich ihre Blicke in mich auf, damit niemand anders sie auffangen konnte. Beide standen wir auf unserem Stein, wortlos und nichtssagend sahen wir uns an. Als liebten wir uns innig, ohne jeglicher Blickpunkte, die sich uns dazwischendrängten. Es war Liebe, die in unseren Blicken währte. Es war Vergangenheit und Zukunft, Sorglosigkeit und Anmut, die uns zusammenhielten.
Stillstehend, wie erstarrt und ergeben vor dem großen Unheil stellte ich mich meiner Ehrfurcht. Marie schüttelte tränenüberhäuft den Kopf und schloss dann fest ihre Augen. Das unausweichliche Schicksal hatte wieder zugeschlagen. Enttäuscht, aber nicht mutlos senkte ich meinen Kopf und versuchte Mut aus der Quelle zu schöpfen, die uns damals zusammenfinden lies. Und dann berührte ich ihr geschmeidiges Kinn, berührte ihre Lippen mit meinem Zeigefinger, strich ihr darüber und lächelte sie an. Entsetzt und enttäuscht über das Geschehene, über die Hoffnung, die wir in ein neues Leben für unsere Zusammengehörigkeit gesetzt hatten, verlor an Bedeutung. Ich versuchte, meine Tränen zurückzuhalten, doch dann brach es aus mir heraus. Ich lies nicht davon ab. Als wenn der Regen aus dem Himmel bräche, als wenn die Sintflut uns fortspülen mochte, rannen mir die warmen und salzigen Tränen über die Wangen. Ich konnte nichts tun, nur krampfhaft versuchen, die letzte Hoffnung, die wir beide in uns trugen, festzuhalten.
Marie schaute in den dunkel verwobenen Himmel und atmete tief ein. Dann blickte sie mich an und lächelte. Damit bereitete sie mir das größte Glück, dass ich jemals hatte erfahren dürfen. Sie lächelte und sie sah mich an. Dann strich sie mit ihrer weichen und zartfühlenden Hand über mein Gesicht und entfernte die Tränen. Es kribbelte wie damals, als wir uns das erste Mal sahen.
Ich war 19 Jahre, sie war 20 bei unserem ersten Treffen. Alles geschah an einem Abend. Es brauchte nicht vieler Worte. Es war im Bootshafen, gleich hier in der Nähe. Dort gab es vor vier Jahren ein Fest über ein neues prachtvolles Segelschiff, welches man taufte. Beide entdeckten wir uns, als die Seeleute in einem Kreis um ein großes Feuer saßen und Lieder auf ihren Gitarren spielten. Es war ein Gefühl, als würden uns unsere gegenseitig zugeworfenen Blicke streicheln. Vom ersten Moment an wusste ich, dass Marie etwas besonderes war. Ich ging zu ihr, nahm ihre Hand und tanzte mit ihr. Beide tanzten wir in die tiefe Nacht hinein. Unsere Hände verloren sich bis heute nicht mehr. Einander hielten wir fest.
Das Unwetter heute zog seine Linien und kam immer näher an uns heran. Besorgt klemmte ich ihr Haar hinter dem Ohr fest, küsste sie sanft auf ihre kalten Lippen und nahm sie an der Hand. Zusammen gingen wir einen Schritt voran, damit wir uns sicher auf unserem gemeinsamen Felsen setzen konnten. Sie setzte sich vor mich, ich setzte mich direkt hinter sie. Dann rutschte ich nahe an ihren Rücken, bis ich sie an mir spürte, bis ich ihr Zittern auffing und sie wärmen konnte. Meine Arme umschlangen die ihren und ich versuchte sie, als ich meinen Kopf auf ihre rechte Schulter legte, durch das sanfte andrücken meines Körpers zu wärmen. Mein Blick fiel schnell auf die Markierung im Felsen. Ich hob meinen Arm und zeigte darauf. Unsere Blicke vereinigten sich genau an dieser Markierung, die in einem herzförmigen Symbol „Marie & David“ zeigten. Zusammen hatten wir den Namen des anderen noch am gleichen Tage, als wir uns an diesem Hafenfest gefunden hatten, eingeritzt. Es sollte für die Ewigkeit sein. Das wussten wir damals. Und bis heute und alle Zukunft sollte dieser Bund halten und uns zusammen festhalten.
Einfühlsam streichelte ich mit meiner linken ihren Bauch und berührte mit den Lippen ihr Ohr. Es war mir so, als könnte ich ihr stilles Flehen im Wind hören. Wie dieses Flehen mit dem Wind hinfortgetragen wurde.
Als wir hier saßen, hatten sich schon alle in ihre Häuser zurückgezogen. Dieses Unwetter, dass langsam herankroch wie ein Krebs im Sand, machte den Menschen Angst. Nicht uns. Zusammen saßen wir hier, genossen die Ferne, die vor uns lag und spürten einander die Liebe, die uns zu beschützen vermochte. Auch wenn uns unsere Liebe nicht das Geschenk machte, nach dem wir uns sehnten. Wir mussten nur Geduld aufbringen. Und so hörten wir dem Wind zu, der über das Land zog und unsere Gedanken mitnahm, in der Hoffnung, dass sie jemand hörte.
Nur heute, an diesem Ort, vor diesem Meer, während das Rauschen immer lauter wurde, die Wellen immer größer und der Donner immer bedrohender, gehörte uns allein die Stille des blauen Atlantiks.

Und heute sitze ich wieder hier. Diesmal aber allein. Und während ich die Markierung betrachte, die vor so vielen Jahren in den ewigen Stein der Jugend geritzt worden war, füllen sich meine allein gelassenen Augen mit Tränen. Ich konnte, und eigentlich wollte ich sie nicht aufhalten. Zurückgelassen hat man mich mit der Zeit, allein bin ich wieder gegangen. „Marie & David“ stand dort in dem Stein. Der Stein, der sich bis heute nicht verändert hat. Die Zeit, die ihn so belies, wie es damals schon war. Doch mich hat sie verändert, und mit mir mein Leben.
Ich schwelge in so vielen Erinnerungen, während der Schmerz es mir verbietet, an die schönsten Dinge im Leben zu denken, die uns zusammen noch hätten erfreuen können. Doch das Schicksal hatte sie mir weggenommen. Marie, die einzige Liebe, nach der ich mich heute noch sehne. Jedes Mal, wenn der Tag gekommen ist, als sie fortging und nicht wiederkehrte, führt mich mein Weg zurück an diesen einsamen Ort, wo wir zueinander finden konnten. Wie die beiden Möwen, die an der Spitze der Wellenbrecher saßen und aufs weite Meer hinaussahen. Sie waren zusammen, aber ich war allein.
Heute bin ich 69 Jahre alt. Ein Mann, der seine Frau verloren hat. Ein Mann, der sich mit seiner Frau ein Kind gewünscht hatte, es aber nie wahr werden konnte. Ein gebrochener Mann, der niemals wieder soviel lieben konnte, wie ich es mit Marie getan habe.
Damals, als sie zu diesem Felsen kam, frierend und mit Tränen in den Augen, war es der Tag, der uns hätte ein Kind bescheren sollen, das wir uns gewünscht hatten. Aber das Schicksal wollte es nicht.
Jetzt bin ich allein. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht nach ihr sehne. Kein Abend, an dem ich nicht an sie denke. Kein Moment, an dem sie nicht mein Herz erobert hatte. Mit nur einem Blick waren unsere Seelen zueinander gewandert.
Noch einmal kehrte ich hier her zurück, an den Ursprung zweier Menschen. Denn es sollte mein letztes Wiederkehren an diesen Ort bedeuten.
Auch wenn der Wind noch an mir vorüberwehte, der Donner immer bedrohlicher wurde und die Wellen sich auftürmten zu einem letzten Gruß an das Meer, so saß ich hier auf unserem Stein und genoss die Stille des geheimnisvollen blauen Atlantiks.
 

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