Die Stunde des Lemmings

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Bo-ehd

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„Ach!“ tat der Lemming erstaunt. „Das finde ich lustig: Sie studieren die Lemminge und ich die Menschen. Was für ein Zufall, dass wir uns hier treffen. Sie sitzen übrigens auf meinem Stein.“
„Na ja, so zufällig ist das nun auch wieder nicht. Das ist ein herrliches Fleckchen Erde. Man hat einen phantastischen Blick übers Meer, und es ist alles so ruhig, wenn man mal vom Schlagen der Brandung gegen die Felsen absieht. Der Ort gefällt Ihnen auch, sonst wären Sie nicht hier.“ Der Professor fand das Gespräch belustigend und rückte ein Stück zur Seite.
„Ja, hier oben sind die Wellen nicht so laut. Die Anhöhe, auf der wir uns befinden, ist ja auch über dreißig Meter hoch.“ Der Lemming schwieg für einen Moment. „Ich bin mir sicher, es ist nicht die Ruhe, die Sie hierhergetrieben hat. Ich denke, ich kenne den Grund.“
Der Forscher erschrak, starrte für einen Moment vor sich hin und überlegte, dann wechselte er das Thema. „Wissen Sie, ich bin ehrlich gesagt verblüfft, wie gut Sie die menschliche Sprache beherrschen.“
„Beherrschen ist gut. Wir „beherrschen“ noch viel mehr als nur Ihre Sprache – im Gegensatz zu Ihnen.“
„Überraschen Sie mich. Ich platze vor Neugier.“
„Sie behaupten, hier herrsche Ruhe“, begann der Lemming. „Es ist laut hier, elendig laut. Und das liegt nicht nur an der Brandung.“
„Ich kann Ihnen nicht folgen.“
„Das glaube ich Ihnen sofort, Sie taubes Wesen. Hören Sie nicht das ununterbrochene Rufen, Zirpen, Zwitschern, Schnattern und Krächzen all der Tiere hier, vor allem der Insekten?“
„Wir sind nicht veranlagt, extrem hohe Töne wahrzunehmen“, räumte der Professor ein. „Sie haben ganz Recht mit Ihrer Feststellung.“
„Ihr Menschen seid sonderbare Wesen.“
„Nein, Ihr seid die Wesen, die Rätsel aufgeben. Zumindest in einer Frage.“
„Aha! Da kommen wir dem Grund schon näher, warum Sie hier sind.“
„Ich bin hier, weil Sie und Ihre Artgenossen magische, mystische, ja, in einer Hinsicht monströse Wesen sind.“ Der Professor wusste, dass das provozierend klang.
„Huch! Der Herr liebt Adjektive, die mit einem M beginnen. Ich will Sie ja nicht beleidigen, Mensch, aber da fällt mir bezüglich der Eigenschaften Ihrer Gattung so Einiges ein: miesepetrig, mürrisch, misstrauisch, machtbesessen und massenmörderisch mit doppeltem M.“
„Na, ja, so ist es nun auch wieder nicht.“
„Doch, doch“, versicherte der Lemming. „Seien Sie mal ein bisschen selbstkritisch: Sie bringen unfassbar viele Ihresgleichen um, erfinden Dinge, die nur zum Töten taugen, Ihr versiegelt die Natur mit Beton, verseucht das Wasser, stiehlt anderen Wesen den Lebensraum und raubt allen auf diesem Planeten die Zukunft.“
„Ich gebe es ja zu!“, versuchte der Professor die Behauptungen des Lemmings abzuschwächen. „Aber alles ist nicht so schlecht, wie Sie …“
„Oh doch! Sie sind taub, wie ich schon festgestellt habe, aber seien Sie nicht auch noch blind. Ihr Menschen tötet nicht nur, sondern foltert und verstümmelt euch, sperrt euch in Anstalten ein, und das manchmal nur, um irgendein Ego zu bedienen.“
Der Gelehrte schaute beschämt zu Boden und schwieg. Da fuhr der Lemming mit seiner Klage fort, nun aber in einem provozierenden Ton.
„Ich könnte mit der Aufzählung dieser Gräueltaten weitermachen bis morgen früh. Und wenn ich sie einmal adjektivisch bezeichnen darf: Sie sind schaurig, schändlich, schurkisch und schmutzig, alles mit SCH.“
„Sie haben einen außerordentlich großen Wortschatz.“
„Ich erforsche die Menschen genauestens.“
„Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?“
„Das erspare ich Ihnen, werter Herr, ich weiß nur, dass Sie mir immer noch etwas verheimlichen. Warum geben Sie nicht zu, dass Sie hier sind, um zu erfahren, was die wahren Gründe für das sind, was Sie kollektiven Selbstmord nennen?“
Der Professor fühlte sich nicht nur ertappt, sondern in dieser Sache seinem Gegenüber auch unterlegen.
„Ja, ja, der berühmte Massenselbstmord!“, resümierte der Lemming. „Den wollen Sie ergründen, und nur deswegen sind Sie hier. Aber die eigentliche Frage ist nicht, ob, wann, wo und warum er stattfindet. Die Frage ist, warum die Menschen ihn nicht begehen.“
 

Shallow

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Hallo @Bo-ehd,

kurzer Gegenbesuch. Vorweg: Die Story gefällt mir, die Idee mit dem Aufeinandertreffen von Mensch und Tier zum Austausch philosophischer Gedanken ist gelungen. Darüberhinaus ist es gut geschrieben und deine Einflechtung der Adjektive ist witzig und und intelligent eingewoben. Rundum gelungen. Ich hätte vermutet, dass du das in der Rubrik Humor unterbringst, aber bei Kurzprosa passt es auf jeden Fall mindestens genauso gut.

Schönen Gruß von

Shallow
 

Bo-ehd

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Hallo Shallow,
danke fürs Kommentierten. Ja, es gehört in die Rubrik Humor, weil so gut wie alles, das ich schreibe, mit einem Schuss Humor versehen ist (ich vermeide hier den Begriff "Humorist", weil der nur eingeschränkt zutrifft). Habe mir beim Einstellen in diese Rubrik schon die Finger verbrannt, deswegen gehe ich den Weg ... na ja, du weißt schon.
Gruß Bo-ehd
 

wirena

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@Shaloow: Rubrik Humor - nie und nimmer - das wäre mMn nach grundtiefer schwarzer Humor - wäre absolut schade für diese, leider, wahre, schöne und gutgeschriebene Geschichte - LG wirena
 
Zuletzt bearbeitet:

Tula

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Hallo Bo-ehd
Der Text hat alles, was ich von guter Kurzprosa erwarte. Geistreich, unterhaltsam und sogar mit Humor, mit einer wunderbaren Pointe.
Empfehlung bitte!

LG Tula
 

Ubertas

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Hallo Bo-ehd,

da setze ich mich auf dem Kommentartreppchen doch gleich hinter Tula, der es auf den Punkt gebracht hat:
Der Text hat alles, was ich von guter Kurzprosa erwarte. Geistreich, unterhaltsam und sogar mit Humor, mit einer wunderbaren Pointe.
Empfehlung bitte!
Und füge noch hinzu - nein, ich füge nichts hinzu, außer meiner Begeisterung für dein Werk:)!

Liebe Grüße,
ubertas
 

Bo-ehd

Mitglied
Hallo Tula,
sehr viel Lob in nur einem Satz. Danke. Dialoggeschichten sind immer etwas Besonderes, und deine Worte bestätigen das.
Gruß Bo-ehd
 

Bo-ehd

Mitglied
Hallo ubertas,
schön zu sehen, dass mein Beitrag so gut ankommt. Dein Lob ist on top: Begeisterung! Ich freue mich sehr.
Gruß Bo-ehd
 

wirena

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wow Bo-ehd - so läss -! mal sehen, ob ich sterne in meinem himmelstreifen, der mir vom fenster aus zur verfügung steht sehe - danke für hinweis - LG wirena
 

Anders Tell

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Bei allem berechtigten Lob für diesen Text, stimme ich mit der Conclusio nicht überein. Menschen verhalten sich exakt wie Lemminge. Das Fatale ist nur, dass sie glauben wollen, es nicht zu tun. Die Begründung für diese Einsicht ist so klar, dass ich glaube, dazu keine Details liefern zu müssen.
 

Bo-ehd

Mitglied
Hallo Anders,
danke für deine kritischen Worte. Dein Vergleich hinkt ein bisschen, denn wir wissen gar nicht, wie sich Lemminge tatsächlich verhalten. Sie leiden unter einer unglaublichen Überproduktion - ein Weibchen bekommt etwa 8 mal im Jahr jeweils 5 Junge -, und deshalb kommt es zu Wanderungen. Lebensraum und Nahrung werden knapp, Fressfeinde schaffen die Mengen nicht. Es kommt zum Exodus und mehr wissen wir nicht. Dieses wenige Wissen spielt auch für die Geschichte gar keine Rolle, denn der Professor geht nicht von den vereinzelten oder gruppierten Wanderungen aus, sondern von -Achtung- Walt Disneys Darstellung des Kollektivmordes. Es ist fälschlicherweise allgemeines Wissensgut geworden. Es ist wie mit dem Spinat, der besonders viel Eisen enthalten soll.
Der Prof will das Phänomen des Massenabsturzes beobachten. Deshalb begibt er sich auf hohes Terrain, dreißig Meter über der Brandung, ein idealer Platz für ein solches Unternehmen.
Diesen Massensturz mit menschlichem Verhalten zu vergleichen, finde ich nicht so gelungen. Allein schon wegen der Motivation. Die Mäuse suchen einen neuen wenig besiedelten Lebensraum, die Menschen in erster Linie Wohlstand und drängen in die besonders dicht besiedelten Städte.
Gruß Bo-ehd
 

Anders Tell

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So gesehen hast Du natürlich Recht. Ich wußte nicht, dass der Massensturz ökologisch sinnvoll sein könnte. Das kann man ja von den Massenstürzen der Menschen nicht behaupten.
 

wirena

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ich will ja kein Spielverderber sein. Aber die "Todesstürze der Lemminge" gibt es nicht:
hmmm - habe dies heute ebenfalls im Internet Wikipedia recherchiert - eigenartig - ich bin aber sicher, vor vielen, vielen Jahren, einmal solch eine Dokumentation gesehen zu haben. Habe im TV, nicht im Kino, gesehen, wie das Alphatier sich über die Klippe stürzte und die ganze Herde hinterher - bin sicher, dies nicht geträumt zu haben - LG wirena

PS: vielleicht gibt es dies heute infolge "Mutation/Weiterentwicklung der Lemminge" nicht mehr, aber die Ursprungsrasse war genetisch noch so programmiert -
 
Zuletzt bearbeitet:

anbas

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Hi Wirena,
es gibt diesen Film. Er ist von Disney. Doch wenn man dem zweiten der beiden Links, die ich herausgesucht habe, glauben darf, war diese Szene von außen provoziert.
Liebe Grüße
Andreas
 

wirena

Mitglied
Hallo Andreas - glaub ich dir gerne, dass es diesen Film gibt - aber was ich gesehen habe, vermutlich bevor es diesen Film gabe, war eine TV-Dokumentation - mir kommt inzwischen noch ein anderer Gedanke. Vielleicht gibt es gar nicht mehr soviele Lemminge, dass sie sich infolge Überpopulation selbst regulieren müssen - LG wirena
 



 
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