Die Tiefe vor dem Erwachen.

Pretoriano29

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Der Riss

Es war kein Geräusch, das ihn weckte.
Es war das Fehlen eines Geräusches, das es nicht geben durfte.

Seby richtete sich langsam auf, als würde sein Körper die Bewegung vermeiden wollen. Mit fünfundfünfzig kannte er sein Gedächtnis wie eine alte, vernarbte Wunde: präzise, unerbittlich, zuverlässig.
Doch heute war etwas in ihm verschoben – ein kaum spürbarer Druck, der sich wie ein kalter Finger an seine Wirbelsäule legte und dort verharrte.

Die Stille im Haus war nicht einfach Stille.
Sie war zu still.
Zu glatt.
Wie ein Raum, der den Atem anhielt, um nicht entdeckt zu werden.

Er setzte die Füße auf den Boden. Der Parkett war kalt, aber nicht der nächtliche Kälte entsprechend – eher wie ein Material, das sich gegen ihn sträubte. Die Luft war schwerer, dichter, als würde sie etwas verbergen. Etwas, das sich zurückgezogen hatte, sobald er die Augen geöffnet hatte.

Er ging durch den Flur. Alles war an seinem Platz.
Die Bücher im Regal – exakt ausgerichtet.
Die Jacke über dem Stuhl – so, wie er sie gestern abgelegt hatte.
Die Tür zur Küche – halb offen, wie immer.

Und trotzdem vibrierte etwas in der Luft.
Ein kaum hörbares Summen, das nicht von außen kam, sondern aus ihm selbst.
Ein inneres Warnsignal, das er seit Jahren nicht mehr gespürt hatte – und das er nie wieder hatte spüren wollen.

Er blieb stehen.
Atmete flach.
Lauschte.

Nichts.
Kein Schritt.
Kein Rascheln.
Kein Atemzug außer seinem eigenen.

Aber die Stille war nicht leer.
Sie war bewohnt.

Seby schloss die Augen. Das Gefühl war da – ein feiner Haarriss im Glas, unsichtbar, aber scharf, wenn man mit dem Finger darüberfuhr. Ein Riss, der nicht im Haus war, sondern in ihm. Ein Riss, der sich ausdehnte, als würde etwas von innen gegen ihn drücken.

Als er die Augen öffnete, sah er ihn.

Auf der Kommode im Wohnzimmer lag ein Schlüssel.
Ein alter, dunkler Schlüssel, dessen Metall stumpf war wie ein vergessener Gedanke.
Ein Schlüssel, den er seit Jahren nicht mehr benutzt hatte.
Ein Schlüssel, den er gestern Abend nicht dort hingelegt hatte.

Er wusste es.
Er wusste es mit derselben Klarheit, mit der man weiß, dass man allein ist – oder dass man es nicht mehr ist.

Der Riss in ihm wurde breiter.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit spürte Seby etwas, das er nicht mochte:
Eine Erinnerung, die sich nicht erinnerte, woher sie kam.
 



 
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