Die Tonspur

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steyrer

Mitglied
Irgendwo im Park singt seit fünf Minuten jemand Vokale. Gewöhnlich würde ich diesen Jemand für verrückt erklären, aber ich denke an die Online-Diskussion von vorgestern und als Tonspur dazu erscheint mir der Gesang plötzlich, wenn schon nicht vernünftig, so doch wenigstens recht passend.

Die Aufregung drehte sich um eine Antwort aus einem Zeitungs-Forum. Sie begann mit: „Warum denn eigentlich nicht?“ Die Frage davor lautete: „Wie kann ein Mensch so etwas Fürchterliches tun?“ Dieses Fürchterliche war ein Massaker irgendwo in den Vereinigten Staaten oder in Australien und der, inzwischen gelöschte, Artikel war eine Exklusivmeldung. Die Schlagzeile lautete: „Frustrierter weißer Macho läuft Amok!“

Dieser „frustrierte Macho“ soll seine Zeit mit Killerspielen und Pornos zugebracht und eine Waffensammlung von der Pumpgun bis hin zur Panzerfaust aufgebaut haben. Der Ort des Amoklaufes war, soviel ging hervor, eine äußerst große Veranstaltung. Die Unklarheit beruhte auf einem überwältigenden Chaos im Artikel, aber die Diskussion begann dennoch ruhig und kultiviert: Waffen, Pornos und Killerspiele gehörten auf der Stelle verboten und es müsse im Schulunterricht wesentlich mehr ethische und politische Bildung geben. Die Frage, wieso denn ein Mensch so etwas Fürchterliches tun könne, gehörte, in dieser oder einer andern Form, meistens dazu. Es blieb also alles ruhig, bis doch jemand darauf antwortete.

Das Ergebnis war wiederum ein Massaker, diesmal allerdings mit Worten. Ab hier fiel mir das Chaos auf: Der Artikelinhalt wechselte bei jedem Aufruf. So war der Ort des Massakers einmal eine Convention, dann ein Fest, eine Demonstration oder ein Kongress und die Opfer wechselten von emanzipierten Frauen, zu chinesischen Einwanderern, fortschrittlichen Muslimen, bis hin zu Transgender-Personen. Der Täter erschoss sich, sprang irgendwo hinunter, verbrannte oder sprengte sich in die Luft.

Die offensichtliche Fehlfunktion betraf sogar den zweiten Teil der Antwort und so begannen die User ihn abweichend zu zitieren: „Das ist doch absolut normal!“, „Das waren nichts als Perverse“, „Jemand musste es eben tun“ und „Flammenwerfer haben noch gefehlt.“

Dieses Tohuwabohu schien die Kommentatoren zuerst nicht sonderlich zu irritieren; allenfalls korrigierten und maßregelten sie einander, als jedoch ein Streit darüber entbrannte, wie die skandalöse Bemerkung denn nun richtig lautete, behauptete jemand die Identität des Unbekannten herausgefunden und interveniert zu haben: dieser solle seinen Ausbildungsplatz verlieren und überhaupt „nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen.“

Vielleicht wäre die Diskussion wie bisher weitergelaufen, aber das Wort „Ausbildungsplatz“ veranlasste einen User genauer nachzufragen und als nun der Aufdecker antwortete, dass es sich um einen 15-jährigen Lehrling handelte, drehte die Stimmung. Bald darauf wurde das Forum geschlossen und am nächsten Tag erschien ein Kommentar, in dem sich ein Redakteur über „völlig falsch verstandene Toleranz“ ausließ.

Der Vokalgesang im Park erreicht nun Höhen wie Vogelgezwitscher oder Katzenmusik. Danach endet er abrupt und in die Stille hinein spricht, ziemlich außer Atem, eine tiefe Stimme: „Es reicht!“
 
Hallo steyrer,

gefällt mir sehr gut - die Rahmenhandlung des Vokalgezwitschers weist glücklicherweise dem Onlinechaos die Schranken...

Sprachlich kann ich wenig meckern, inhaltlich habe ich ein kleines Verständnisproblem. Der 15-Jährige fragt "Warum denn eigentlich nicht (Amok laufen)?" und wird daraufhin strafrechtlich verfolgt. Aber wie genau ist die "falsch Verstandene Toleranz" zu verstehen, die davon abhängig zu sein scheint, wer der Sprecher war?

Nun frage ich mich, ob ich es nicht verstehe, du es unklar geschrieben hast oder das Tohuwabohu Absicht war.

Falls nicht ersteres oder letzteres zutrifft, so rate ich dazu, vielleicht noch eine Konkretisierung der Handlungsabfolge einzubauen.

Ansonsten, glaube ich, ist diese Frischluft spendende Atmosphäre der Geschichte selbst mit einem so abgewetzten Thema für jedermann genießbar!
 

steyrer

Mitglied
Hallo Weltenwandler,

danke für die Einschätzung! Ich überlege, den vorletzten Absatz etwas auszubauen, um den Standpunkt des Redakteurs zu verdeutlichen. Das wird allerdings einige Tage dauern.

Das Grundthema der Geschichte ist natürlich „Amok“.

steyrer
 

steyrer

Mitglied
Irgendwo im Park singt seit fünf Minuten jemand Vokale. Gewöhnlich würde ich diesen Jemand für verrückt erklären, aber ich denke an die Online-Diskussion von vorgestern und als Tonspur dazu erscheint mir der Gesang plötzlich, wenn schon nicht vernünftig, so doch wenigstens recht passend.

Die Aufregung drehte sich um eine Antwort aus einem Zeitungs-Forum. Sie begann mit: „Warum denn eigentlich nicht?“ Die Frage davor lautete: „Wie kann ein Mensch so etwas Fürchterliches tun?“ Dieses Fürchterliche war ein Massaker irgendwo in den Vereinigten Staaten oder in Australien und der, inzwischen gelöschte, Artikel war eine Exklusivmeldung. Die Schlagzeile lautete: „Frustrierter weißer Macho läuft Amok!“

Dieser „frustrierte Macho“ soll seine Zeit mit Killerspielen und Pornos zugebracht und eine Waffensammlung von der Pumpgun bis hin zur Panzerfaust aufgebaut haben. Der Ort des Amoklaufes war, soviel ging hervor, eine äußerst große Veranstaltung. Die Unklarheit beruhte auf einem überwältigenden Chaos im Artikel, aber die Diskussion begann dennoch ruhig und kultiviert: Waffen, Pornos und Killerspiele gehörten auf der Stelle verboten und es müsse im Schulunterricht wesentlich mehr ethische und politische Bildung geben. Die Frage, wieso denn ein Mensch so etwas Fürchterliches tun könne, gehörte, in dieser oder einer andern Form, meistens dazu. Es blieb also alles ruhig, bis doch jemand darauf antwortete.

Das Ergebnis war wiederum ein Massaker, diesmal allerdings mit Worten. Ab hier fiel mir das Chaos auf: Der Artikelinhalt wechselte bei jedem Aufruf. So war der Ort des Massakers einmal eine Convention, dann ein Fest, eine Demonstration oder ein Kongress und die Opfer wechselten von emanzipierten Frauen, zu chinesischen Einwanderern, fortschrittlichen Muslimen, bis hin zu Transgender-Personen. Der Täter erschoss sich, sprang irgendwo hinunter, verbrannte oder sprengte sich in die Luft.

Die offensichtliche Fehlfunktion betraf sogar den zweiten Teil der Antwort und so begannen die User ihn abweichend zu zitieren: „Das ist doch absolut normal!“, „Das waren nichts als Perverse“, „Jemand musste es eben tun“ und „Flammenwerfer haben noch gefehlt.“

Dieses Tohuwabohu schien die Kommentatoren zuerst nicht sonderlich zu irritieren; allenfalls korrigierten und maßregelten sie einander, als jedoch ein Streit darüber entbrannte, wie die skandalöse Bemerkung denn nun richtig lautete, behauptete jemand die Identität des Unbekannten herausgefunden und interveniert zu haben: dieser solle seinen Ausbildungsplatz verlieren und überhaupt „nie wieder einen Fuß auf den Boden bekommen.“

Vielleicht wäre die Diskussion wie bisher weitergelaufen, aber das Wort „Ausbildungsplatz“ veranlasste einen User genauer nachzufragen und als nun der Aufdecker antwortete, dass es sich um einen 15-jährigen Lehrling handelte, drehte die Stimmung. Bald darauf wurde das Forum geschlossen und am nächsten Tag erschien ein Kommentar, in dem sich ein Redakteur über „völlig falsch verstandene Toleranz“ ausließ: Ein solcher Ausfall verhöhne die Opfer zusätzlich und sei deshalb unentschuldbar.

Der Vokalgesang im Park erreicht nun Höhen wie Vogelgezwitscher oder Katzenmusik. Danach endet er abrupt und in die Stille hinein spricht, ziemlich außer Atem, eine tiefe Stimme: „Es reicht!“
 

CPMan

Mitglied
Lieber Steyrer,

der Text gefällt mir gut, eine schöne Idee mit dem Vokalgesang im Park und der implizite Vergleich zu Online-Diskussionen. Auch der Schlusssatz 'Es reicht' ist schön doppeldeutig und letzten Endes wirken Online-Diskussionen genauso ziellos und sinnentleert. Auch bei Online-Diskussionen schaukelt sich 'der Ton' hoch, bis irgendwann eine Kakophonie an die Steller einer richtigen Unterhaltung/ Diskussion tritt.

Einziger Kritikpunkt: Ich hätte mir noch eine etwas schärfere Pointe gewünscht, was wiederum bedingt, dass das Thema der Online-Diskussion nicht ganz so vage bleibt. Aber das ist nur mein persönliches Empfinden.

LG,

CPMan
 

steyrer

Mitglied
Hallo CPMan,

erst einmal danke für deine positive Einschätzung! Was die kritische Anmerkung betrifft: Ein klareres Thema und eine scharfe Pointe würden sicherlich eine gute Satire ergeben, aber die Form einer Kurzgeschichte gibt mir (und vielleicht auch den Lesern?) wesentlich mehr Spielraum.

Im Artikel geht es um einen Amoklauf, also eine höchst irrationale Tat. Ich versuche also, möglichst alle anderen Personen ebenfalls unsinnig handeln zu lassen. Das störende Element ist dann eher die plötzliche Ernüchterung, als bekannt wird, dass der Hassposter angeblich noch ein halbes Kind ist. Der Artikel, um den sich die Aufregung dreht, ist völlig beliebig und absolut austauschbar. Die einzige wichtige Message steht bereits in der Schlagzeile.

Schöne Grüße
steyrer
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo steyrer,

in meinen Augen guter Text und unterhaltsam geschriebener Text mit einem sehr gelungenen Einstieg und einem ernsten Grundthema.

Inhaltlich nimmst du amüsant Bezug auf die Flut an größtenteils saudummen Kommentaren, die mittlerweile unter beinahe jedem Artikel in immergleichem Ablauf hereinbricht. Auch das Problem der "Liveberichterstattung" bei einem solchen Ereignis hast du pointiert eingebaut.

Mir stellt sich beim Lesen des Mittelteils eine ähnliche Frage wie Weltenwandler? Hier verwirrst du mich mit ständigen Sprüngen, so das ich teilweise den Überblick verliere was sich worauf bezieht. Ich hab ein paar Stellen rausgesucht:

"Die offensichtliche Fehlfunktion betraf sogar den zweiten Teil der Antwort..." Mir ist nicht klar worauf du da Bezug nimmst.

"wie die skandalöse Bemerkung denn nun richtig lautete" Welche? Mit die skandalöse Bemerkung zeigst du ja eine bestimmte an.

" als nun der Aufdecker antwortete" Der Aufdecker ist ein etwas komischer ausdruck, auch wenn mir klar ist das er auf den vorigen Absatz bezug nimmt. Ich würde das vielleicht angleichen, so wird die Anspielung deutlicher.

"Bald darauf wurde das Forum geschlossen und am nächsten Tag erschien ein Kommentar, in dem sich ein Redakteur über „völlig falsch verstandene Toleranz“ ausließ..." Warum hier von falsch verstandener Toleranz gerdet wird ist mir nicht klar, was wurde denn toleriert?


Ich frage mich nun ist das deine Absicht? Wenn nicht könntest du den Ablauf an diesen Stellen noch etwas klarer sortieren.

Ansonsten hab ich den Text gerne gelesen und nichts zu meckern :)

Oh und natürlich Glückwünsche zum Text des Monats

Beste Grüße

Blumenberg
 

steyrer

Mitglied
Hallo Blumenberg!

Nun ja, wenn ich deinem Kommentar folge, dann ist mein Text ja größtenteils absolut unverständlich … Aber jetzt im Ernst: Ich habe in meiner Antwort an CP-Man schon das Wichtigste gesagt. Nur noch soviel: Es soll natürlich weder ein Kommentar, noch eine Polemik gegen irgendwelche Hassposter sein, sondern eine möglichst vielschichtige Kurzgeschichte, die mehrere Deutungen zulässt, darunter auch ganz unerhörte.

Ich könnte natürlich noch nachschärfen und versuchen, Dinge deutlicher darzustellen, aber das nehme ich mir vielleicht für eine spätere Fassung vor.

Abschließend: besten Dank für die Gratulation.

Schöne Grüße
steyrer
 

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