Die Toten

Kyra

Mitglied
Die Toten

Wawa saß auf dem hohen Krankenhausbett ihrer Mutter und pickte zögernd an den Trauben die sie ihr mitgebracht hatten. Sie beobachtete das ernste Gesicht ihre Urgroßmutter und versuchte das Gespräch zu begreifen. Ihre Mutter sprach russisch, damit die anderen Frauen im Zimmer nichts verstehen konnten und sah Wawa dabei immer wieder mit einem verzweifelt-feuchten Blick an. Wawa mochten diesen Blick nicht. Er bedeutete eigentlich immer, dass ihre Mutter getrunken hatte – nur heute konnte sie nichts riechen. Traurig und verlegen strich sie mit dem Finger Figuren in die Bettdecke. Ihre Mutter war operiert worden, sie würde nie einen Bruder oder eine Schwester bekommen. Wawa hatte sich seit einem Jahr darauf gefreut, sie wollte nicht mehr alleine sein. Ihre Mutter hatte es ihr ganz fest versprochen. Es wäre ein Negerkind gewesen, ein kleiner Neger mit dem sie später hätte zusammen in die Schule gehen könnte. Ihre Urgroßmutter schien es allerdings nicht so schlimm zu finden. Die klugen Augen, die schon alle Farbe verloren hatten, waren auf das Kind gerichtet als sie zu Wawas Mutter sagte,
„du hättest nie ein Kind haben dürfen, es war eine Sünde von dir“
Ängstlich beobachtete Wawa wie ihre Mutter den Kopf weit zurückwarf und die Decke anlachte. Sie lachte als wäre etwas sehr komisches passiert, allein Wawa verstand nicht was es gewesen sein könnte.
Schließlich schlug ihre Mutter die Bettdecke zurück und zog ihren grünen Bademantel über. Sie zog sich ihre Straßenschuhe mit den hellen Kreppsohlen mühsam über die geschwollenen Füße, nahm Wawas Hand und sagte sie wären gleich wieder da. Sie gingen über den glänzenden Linoleumboden des Krankenhausflurs. Die Kreppsohlen ihrer Mutter quietschten bei jedem Schritt. Wawa ließ sich widerwillig hinterher ziehen, sie wollte nicht durch das Krankenhaus geführt werde. Während sie auf den Lift warteten, gesellten sich noch mehr Patienten zu ihnen. Ein alter Mann der schrecklich hustete und einen Verband um den Hals trug sowie zwei Damen in sehr eleganten Morgenröcken die leise miteinender sprachen. Wawa schämte sich für den alten Bademantel ihrer Mutter. Eine Tasche war ausgerissen, zwei Päckchen Zigaretten ragten heraus. Das kam von den Schnapsflaschen die sie sonst immer in die Taschen stopfte. Als schließlich der Aufzug kam, war Wawa erleichtert. Sie war sicher, die beiden Damen sprachen über sie, über das arme Kind. Alle sprachen sie immer über das arme Kind wenn sie mit ihrer Mutter unterwegs war. Wawa hasste es, sie hasste die Leute die das taten, sie hasste ihre Mutter und sich selber. Ihre Mutter drückte den Knopf zum Kellergeschoss, als sie dort ankamen war außer ihnen keiner mehr im Aufzug. Der Gang auf den sie traten, war nicht so hell beleuchtet wie in den oberen Stockwerken und von einem tiefen, gleichmäßigen Dröhnen erfüllt. Ihre Mutter meinte das käme von der Heizung, daher war es wahrscheinlich auch so warm hier. Wawa drängte sich an ihre Mutter als sie den dämmrigen Flur immer weiter gingen. Ab und zu kamen sie an breiten, grauen Metalltüren vorbei. Ihre Mutter ließ ihre Hand los, und ging etwas schneller auf die letzte Tür zu, und öffnete sie mit einem einladenden Lächeln über die Schulter. Der Raum war erst finster aber als sie den Lichtschalter gefunden hatte, gingen überall Neonröhren an. Wawa musste in der plötzlichen Helligkeit blinzeln. Der Raum war groß und im Gegensatz zum Flur sehr kalt. Fünf Betten standen an der linken Wand. Die Betten waren ganz mit Laken bedeckt unter denen sich Körper abzeichneten. Wawa blieb in der Tür stehen, während ihre Mutter hineinstolzierte, als sei es ihr Schlafzimmer.
„ Schau, das habe ich entdeckt. Hier bringen sie die Toten hin.“
Sie klopfte lässig mit der Hand auf einen der Körper,
„ich zeige dir jetzt eine Leiche, du hast ja noch nie eine gesehen. Es ist wirklich nicht schlimm!“
Wawa rührte sich nicht von der Stelle. Ihre Mutter kam schließlich zu ihr, nahm ihre Hand und führte sie liebevoll zu dem ersten Bett. Langsam zog sie das Laken am Fußende zurück. Weiße Füße mit dicken gelben Hornhäuten kamen zum Vorschein. Sie nahm einen Fuß und schüttelte ihn leicht,
„siehst Du, es passiert wirklich nichts. Tote tun einem nichts.“
Sie begann wieder leise zu lachen, als sie wiederholte,
„Tote tun dir bestimmt nichts“.
Wawa hatte Angst, ihr war alles unheimlich. Das ständige Dröhnen, das viel schlimmer war als Stille. Ein Gefühl als würde jemand ihr die Ohren zuhalten. Sie sah immer wieder zur Tür, ob da nicht jemand stand. Schließlich tat sie ihrer Mutter den Gefallen und berührte den Toten mit dem Finger am Knöchel. Ihre Mutter drückte sie kurz an sich, sie war zufrieden mit ihr. Dann schlug sie den oberen Teil des Bettlakens zurück. Wawa sah ein gelbes Gesicht mit grauen Bartstoppeln. Der Mund war stark eingefallen und um Kopf und Kinn war eine Bandage. Obwohl seine Augen geschlossen waren, schien er sie mit traurigem Blick anzusehen. Das lag sicher an den Augenbrauen, die leidvoll emporgezogen waren. Wawa hatte genug, sie wich auf den Flur zurück und bat ihre Mutter flehentlich zu kommen. Ihre Mutter sah sie verständnislos und enttäuscht an,
„ich hatte mich so darauf gefreut dir das alles zu zeigen, du bist doch meine Tochter. Außer mir weiß keiner wo die Leichen sind. Ich dachte das würde dich interessieren.“
Mit einem Ruck zog sie das ganze Laken zurück,
„dann schau dir jedenfalls an wie ein nackter Mann aussieht. Du hast mich doch vor zwei Wochen gefragt wie Männer aussehen wenn sie nichts anhaben. Komm her und schau es dir an.“
Wawa kam mit widerwilliger Neugier näher. Sie sah haarige, faltige, dunkle Haut die oben zwischen den Schenkeln hing und einen kleinen Fleischwulst wo sie keinen hatte. Jedenfalls wusste sie jetzt wie Männer ohne etwas an aussehen.
Später, als sie wieder im Lift standen, versuchte ihre Mutter sie zu umarmen, aber Wawa wollte nicht. Sie wollte nichts davon hören als sie ihr sagte,
„du bist doch jetzt der einzige Mensch den ich liebe, du bist für mich das wichtigste auf der Welt, vor allem jetzt wo ich keine anderen Kinder mehr bekommen kann.“
Wawa wünschte sich nur, dass ihre Urgroßmutter nie sterben möge.
 

Rainer Heiß

Mitglied
Verwirrung

Hi Kyra,

deine Geschichte hat mich spontan an einen ähnlichen "Ausflug" in einem Krankenhaus erinnert; unter solchen Umständen Tote zu sehen, ist abstoßend, weil sie hier wie Ausschuss rumliegen, den die "Fabrik" Krankenhaus produziert hat.
Allerdings hat deine Geschichte zwei Stellen, an denen man hängen bleibt, an denen zumindest ich erst hängen geblieben bin: Jedes Mal, wenn die Mutter zu Wawa spricht, ist nicht klar, wer spricht, man meint also, Wawa hätte nie Kinder bekommen sollen, und Wawa könne jetzt keine mehr bekommen. Das ließe sich allerdings mit einem minimalen Eingriff ändern: "...die klugen Augen waren auf Wawa gerichtet, als sie ZUR MUTTER sagte..." und "...sie wolte nichts davon hören, als IHRE MUTTER ihr sagte..." Die dann auftretenden Wiederholungen kannst du sicher selbst leicht korrigieren.
Trotzdem ist es DEIN Text, und nur DU entscheidest, ob, und wenn, was geändert werden soll. Kann ja schließlich auch sein, dass ich etwas schwer von Begriff bin...
Grüße, Rainer
 

Kyra

Mitglied
Danke Rainer

Hallo rainer,

danke, ich bin immer dankbar wenn man mich auf solche Fehler aufmerksam macht

Kyra
 

Rainer Heiß

Mitglied
vorhin vergessen...

Hi Kyra,

nichts desto trotz, und das habe ich vorhin gar nicht geschrieben (Schande!), finde ich deine Geschichte interessant und glaubwürdig! Hast du etwas Ähnliches einmal erlebt?
Grüße, Rainer
 

Kyra

Mitglied
Hallo Rainer

Du fragst :
deine Geschichte interessant und glaubwürdig! Hast du etwas Ähnliches einmal erlebt?

ich habe das genau so erlebt. Die anderen Geschichten um das Kind kannst Du weiter hinten im Forum lesen unter "Kind", "Nagelschere" "Notdurft" "Der letzte Blick"

Viele Grüße

Kyra
 

kira

Mitglied
Kyra, ich finde ja insgesamt, dass du wahrhaftig über ein sehr sensibles Sprachgefühl verfügst, aber deine Wawa-Geschichten sind wirklich unübertroffen!

Begeistert und berührt - Kira
 

 
Oben Unten