Die unbändige Bestie und der hinfällige Dompteur

Politiker veranstalten einen mordsmäßigen Zirkus, immer schon.
Sie tun so, als wären sie der Dompteur in der Manege.
Sie wollen uns glauben machen, sie hätten das wilde Tier gezähmt und gebändigt. Dieses wilde Tier, das man „Kapital“ nennt. Sie knallen mit der Peitsche, immer wieder, damit das Publikum eine Freude hat. Damit die Zuschauer glauben, die mächtige Gerte würde sie vor dem Biest schon irgendwie beschützen. Alles das freilich, ohne das Monster auch nur ein bisschen zu streifen.
Denn dem Kapital darf man nicht weh tun, niemals. Der Politiker weiß das. Es ist alles nur Show. Peitschenhiebe in die Luft.

Eine Zeitlang hat das Kapital mitgespielt.
Vor dem Publikum hat es gern so getan, als würde es die Peitsche tatsächlich respektieren. Als wäre die Bestie an sich ganz harmlos, gut gezähmt und ein einziges Gaudium. Als würde sie den Zuschauern niemals was zuleide tun.
Zusätzlich hat der Dompteur Tricks eingeübt. Wenn das Kapital „Sitz!“ gemacht hat, hat der Dompteur schnell „Sitz!“ gerufen. Dann hat es so ausgesehen, als würde das Kapital der Politik folgen – und nicht andersrum.
Der Politiker war auch immer ganz stolz darauf, dass das wilde Tier die Zuschauer nicht sofort komplett aufgefressen hat. Gewiss: Zu diesem Zweck hat er die Bestie hintenrum gut gefüttert mit allem, worauf sie Appetit hatte und was nicht direkt Zuschauer war. Der Politiker hat vor allem dafür gesorgt, dass das Raubtier stets wunschlos glücklich ist.

Mit der Zeit war das aber nicht genug. Die Bestie war trotz allem unzufrieden. Der ganze Zirkus entsprach nun mal nicht ihrer wahren Wesensart. Sie wurde immer wilder und immer weniger willens, das Dressurspiel mitzuspielen. Der Politiker konnte mit der Peitsche knallen, sooft er wollte, doch das Kapital machte, wozu es lustig war und reagierte noch nicht mal zum Schein auf die Peitschenhiebe, die der Dompteur in die Luft schnalzte. Die Illusion verpuffte nach und nach.
Schließlich verlor der Politiker vollends an Glaubwürdigkeit, als die Bestie dann doch ein paar Zuschauer gefressen hatte. „Okay, friss ein paar Zuschauer“ hat er zwar noch schnell hinterhergerufen, um vorzutäuschen, die Bestie würde nach wie vor sein Kommando ausführen und nicht etwa enthemmt ihrer Natur folgen. Aber das Publikum hatte längst Lunte gerochen und es begann, an der Sache zu zweifeln.
„Deine Kommandos gefallen uns nicht! Lass die Bestie wieder „Sitz“ machen!“ forderten die Leute.
„Nein, nein, das will ich jetzt nicht“, behauptete der Politiker und gab dem rasenden Ungeheuer den Befehl, gleich noch einen Zuschauer zu verschlingen. „Das muss so sein“, schob er hinterher, und: „Wer an uns zweifelt, muss als Nächster dran glauben!“
Da war die Bestie schon vollends in Fahrt und richtete ein einziges Blutbad an.

Der Dompteur stand wie erstarrt inmitten der Manege.
Jetzt, da das wilde Tier vollends ausgebrochen war, zuckte der Politiker resigniert die Schultern, ließ die Peitsche fallen und taufte die Bestie auf den Namen „Krieg“.
Denn der ausgebrochene Krieg, so meint er nun, wäre leider, leider, partout nicht zu bändigen.
 



 
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