Die Verlobung an der Grenze

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Die Bergketten verliefen sich, wir kamen auf Landstraßen nur noch langsam voran. Obstbaumwälder, die ihre Blüte schon hinter sich hatten. Kleine Städte und Marktflecken, die mir ungarisch vorkamen. Diese langen, niedrigen Häuserzeilen, das verblichene Ocker ihrer Fassaden, sollte das unser Süden sein?

„Wir sind noch nicht an der Grenze. Sie muss weiter südlich sein.“

„Hinter diesen Hügeln? Dann sag mir, wo ich abbiegen soll.“

Doris vertiefte sich in die Karte. Sie ließ mich wiederholt abbiegen. Im Ergebnis gerieten wir immer tiefer in ein System parallel verlaufender, flacher Höhenzüge hinein, zwischen denen unbedeutende Senken von Nord nach Süd strichen. Die Landschaft war so regelmäßig wie das Straßennetz undurchschaubar. Aus einem Flugzeug wäre die Orientierung sehr einfach gewesen.

Die Sonne sank ihrem Untergang immer rascher entgegen. Ihr Licht füllte diese lächerlichen Gräben schon nicht mehr aus. Ich fuhr durch tiefen Schatten eine kleine Anhöhe hinauf, von deren überraschend scharfem Grat es nach kurzem wieder sanft abwärts ging. Dabei blendete mich die Sonne. Doris ließ mich an der nächsten Verzweigung nach Osten abbiegen, ich glaube, nur aus Mitleid. Wir erreichten bald wieder den Grat, und die Straße folgte ihm doch endlich einmal geradewegs nach Süden. Sie war gesäumt von kleinen ländlichen Anwesen, die so aussahen, als hätten ihre Besitzer den endgültigen Ausstieg aus allem bereits geschafft. Wahrscheinlicher war, sie waren niemals irgendwohin aufgebrochen.

Um eine barocke Kirche, rosarot und weiß, die in der Dämmerung schon angestrahlt war, verdichteten sich die Häuser. Einem Straßenschild zufolge erhob die Häusergruppe den Anspruch, als Marktgemeinde zu gelten. Als ich beim Kirchenwirt anhielt, sah mich Doris fragend an.

„Wir können morgen immer noch bis an die Grenze, nach Radkersburg, meine ich. Fragen wir hier nach einem Zimmer?“

Vom Parkplatz übersah man einen großen Ausschnitt rasch dunkler werdenden Landes. An vielen Stellen flammten jetzt auf den Kämmen Lichter in den vereinzelten Häusern auf. Nur im Süden, wo es eben zu sein schien, herrschte fast ungestörte Finsternis.

Eine kleine alte Frau trat aus einem flachen und fensterlosen Gebäude, eine Milchkanne hing ihr von der rechten Hand herab, fast bis zum Boden. Daraus schloss ich, dass sie vom Melken kam.

„Sie suchen etwas für die Nacht? Nur für eine Nacht?“ Sie führte uns zu einem anderen niedrigen Gebäude mit flachem Dach. Jedes der wenigen Zimmer hatte eine eigene Tür auf den Parkplatz hinaus. Das gefiel uns auf Anhieb, auch mangels anderer herausragender Vorzüge. Die Wirtin ließ uns einziehen und wir brachten unser Gepäck hinein. Wir würden ja nachher in die Gaststube hinüberkommen, um dort zu nachtmahlen, sagte sie. Vermutlich gab es im Umkreis von zehn Kilometern sonst keine Gelegenheit dazu.

Doris sagte: „Sieh einmal, wie klein das Fenster ist. Sie schützen sich vor der Sonne. Das ist der Süden.“

Die Gaststube war mittelgroß, die meisten Tische waren besetzt. Wir fanden für uns einen freien nahe dem Eingang. Nur saßen wir dabei über Eck. Ich überblickte den Großteil des Lokals und spürte ab und zu den Luftzug von der sich öffnenden Eingangstür her. Doris sah nur den Schanktresen vor sich. Wir vermissten die Wirtin. Sie zeigte sich an diesem Abend nicht mehr. In dem älteren Mann mit der graugrünen Strickweste, der zeitweise neben uns Bier zapfte, die meiste Zeit allerdings weiter hinten bei Stammgästen kiebitzte, vermuteten wir den Wirt. Dann gab es noch ein Servierfräulein, das auch uns bediente. Sie lief geschäftig zwischen den Tischen, dem Tresen und der Durchreiche hin und her. Das Wurzelfleisch erschien auf unserem Tisch.

„Schau, sie haben auch Kernöl. Aber passt es auch dazu?“

Ich zuckte die Achseln. „Bin nicht kompetent in solchen Fragen.“

„Kompetent … Worin bist du als Polizist kompetent? Verbrechen?“

Ich ging darauf ein: „Ordnung, positiv ausgedrückt. Magst du sonst Kernöl?“

„Ja, sehr sogar. Mama hasst es. Kernöl und ihre böhmische Küche – unmöglich für sie … Stellst du mich bald einmal deinen Leuten daheim vor?“ Da wurden aus dem Stegreif Ansprüche formuliert, es verdross mich sogleich.

„Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Soll ich dann dafür sorgen, dass Kernöl im Hause ist?“ Ich spürte wieder den Luftzug, sah eine Silhouette vorbeitänzeln. „Glaubst du“, sagte ich, um meine Verwirrung zu verbergen, „dass diese Saaltochter die Tochter des Hauses ist?“ Wenn ich es schweizerisch ausdrückte, so war das eine ironische Nebelkerze. Er war mehr als ansehnlich - blendend, auf den ersten Blick.

Doris musterte das Fräulein. „Nein, sie wirkt nicht so.“

„Woran erkennst du es?“

„Die Haltung, die Miene … Ihr Profitinteresse scheint mir eher weniger ausgeprägt.“

Ich bewunderte ihren Scharfsinn. Nun, sie war selbst eine Wirtstochter, doch ihr Auge war nicht so scharf, dass sie die Hauptrichtung meines Blickes entdeckt haben konnte. Ich war mir so gut wie sicher, sie nahm nur das frei Schwebende darin wahr. Dem Unwissenden verrät es nichts. Ich schien mich hoffentlich nur mäßig für die Bauern dahinten zu interessieren. Er saß jetzt neben ihnen auf der Ofenbank, schwarzhaarig, viel glänzender schwarz als mein eigenes Haar. Er hatte zu ihnen etwas durch die Zähne gesagt, ihren Blicken nach etwas für sie Unverständliches. Dennoch rückten sie zur Seite, mehr als nötig.

Ein harmonischer Anblick hängt auch vom richtigen Abstand oder Blickwinkel des Betrachters ab. Fehlt er oder ändert sich die einmal erreichte ideale Perspektive, dann wird der Gesamteindruck rasch unerfreulich. Ich ahnte schon, die Faszination des Fremden war von dieser Art. Er würde erst lächeln und dann zu reden anfangen und sich als ziemlich gewöhnlich und keineswegs mehr begehrenswert erweisen. Ich wollte die Stärke seiner Anziehungskraft auf mich ermessen, indem ich ihren Verfall studierte. Diesen Ablauf hatte ich schon wiederholt erlebt. Man ist danach angenehm enttäuscht und man schläft gut. Mir erschien das als eine passende Vorbereitung auf unsere Verlobung.

All das konnte ich so natürlich nicht vor Doris analysieren. Sie wollte zurück auf das Zimmer. Da legte ich ihr nahe, schon einmal vorzugehen: als wären wir ein altes Ehepaar.

„Ich brauche noch ein Viertel vom Wein. Weißt du, die Fahrt war recht stressig.“

Sie zuckte ein wenig zusammen, doch sie hatte sich in der Gewalt. „Du hast Recht, ich kann ja auch drüben warten. Nimm dich aber in Acht … vor diesem Schilcher.“ Damit verschwand sie schon. Wenn sie ein wenig verstimmt war, so war ich es auch. Meine Absichten waren durchaus ehrbar, ich konnte ihr nur nicht erklären inwiefern.

Jetzt aß er, hingebungsvoll. Er war so sehr mit Essen beschäftigt, dass ihm der Weggang von Doris entging. Vorher hatte er einige Male mit dem Anschein von Arglosigkeit zu uns herübergesehen. Er aß langsam. Es dauerte seine Zeit, bis mein zweites Glas Wein auf dem Tisch stand. Dann war er endlich mit Essen fertig, und nun fiel sein Blick über das erhobene Bierglas hinweg wieder einmal auf mich, auf den leeren Platz neben mir. Er stutzte. Für Sekunden blieb das Glas in der Luft: als ob er sich daran festhalten wollte. Ich lachte ihn an, voller Anerkennung. Er war geschmeichelt und zeigte es. Seine Augen blitzten. Und blies er nicht sogar die Backen ein wenig auf? Es tat ihm keinen Abbruch.

Wir tranken beide absichtlich langsam den jeweiligen Rest aus. Als er gezahlt hatte und weggegangen war, ließ auch ich den Wirt kommen.

Ich traf den anderen dann auf dem Parkplatz neben seinem Lastwagen. Der lange, hohe Kasten verdeckte jetzt die Sicht auf den Stall. Er ging am Fahrzeug auf und ab, offenbar bereit, einzusteigen und abzufahren.

Ich fragte, wo es hingehen solle.

Er war aus Deutschland und fuhr regelmäßig von Dortmund nach Saloniki. Als er anfing zu reden, kam mir die Erinnerung an einen schlecht funktionierenden Kinovorhang. Wenn er sich erst nicht öffnet und dann mit einem Ruck aufspringt, kann es vorkommen, dass die Stoffbahnen seiner Segmente den Vorspann auf der Leinwand einige Momente lang in isolierte Streifen zerlegen, Fragmente, die kein Gesamtbild ergeben. Ähnlich zersetzend auf seine zuerst so blendende Erscheinung wirkten seine Redeweise mit dem häufigen Nä? und sein unsteter Blick dabei.

Er esse oft hier oben, wo es reichlich und billig sei, und wolle jetzt einen Parkplatz in der Nähe ansteuern: „Zum Pennen, nä?“ Witterte er schon den Gendarmen in mir, auf seine Weise doch schlau, wie primitiv auch sonst?

„Deine Braut vorhin? Die bei dir am Tisch war … Schläft schon, nä?“

„Nein, das war meine Schwester.“ Es kam mir ohne Absicht über die Lippen. Von einem Reflex kann man nicht sagen, er sei eine Lüge.

Sein Interesse an mir nahm zu. Es war deutlich zu sehen, wie meine Auskunft ihn belebte. Er sah mich erwartungsvoll aus feucht schimmernden großen Augen an. Ich kam mir beinahe vor wie sein Abendessen vorhin. Aber ich wollte schon nichts mehr von ihm.

„Auch für mich ist es Zeit. Komm gut nach Saloniki.“ Ich hörte ihn noch wegfahren, als ich die Tür zu unserem Zimmer aufstieß.

Doris stellte sich schlafend, und zwar so, dass ich ihre Verstellung bemerken musste. Ich glaube, auf diesen Augenblick hatte sie zwei Stunden lang warten müssen. Ich legte mich neben sie hin. Sie schlief dann bald wirklich ein, und ich lag fast bis zum Morgen wach. Nach dieser Nacht, das stand mir beständig vor Augen, würden wir uns trotz allem wie verabredet verloben. Nur die Grenze war noch weiter weg.
 
Die Bergketten verliefen sich, wir kamen auf Landstraßen nur noch langsam voran. Obstbaumwälder, die ihre Blüte schon hinter sich hatten. Kleine Städte und Marktflecken, die mir ungarisch vorkamen. Diese langen, niedrigen Häuserzeilen, das verblichene Ocker ihrer Fassaden, sollte das unser Süden sein?

„Wir sind noch nicht an der Grenze. Sie muss weiter südlich sein.“

„Hinter diesen Hügeln? Dann sag mir, wo ich abbiegen soll.“

Doris vertiefte sich in die Karte. Sie ließ mich wiederholt abbiegen. Im Ergebnis gerieten wir immer tiefer in ein System parallel verlaufender, flacher Höhenzüge hinein, zwischen denen unbedeutende Senken von Nord nach Süd strichen. Die Landschaft war so regelmäßig wie das Straßennetz undurchschaubar. Aus einem Flugzeug wäre die Orientierung sehr einfach gewesen.

Die Sonne sank ihrem Untergang immer rascher entgegen. Ihr Licht füllte diese lächerlichen Gräben schon nicht mehr aus. Ich fuhr durch tiefen Schatten eine kleine Anhöhe hinauf, von deren überraschend scharfem Grat es nach kurzem wieder sanft abwärts ging. Dabei blendete mich die Sonne. Doris ließ mich an der nächsten Verzweigung nach Osten abbiegen, ich glaube, nur aus Mitleid. Wir erreichten bald wieder den Grat, und die Straße folgte ihm doch endlich einmal geradewegs nach Süden. Sie war gesäumt von kleinen ländlichen Anwesen, die so aussahen, als hätten ihre Besitzer den endgültigen Ausstieg aus allem bereits geschafft. Wahrscheinlicher war, sie waren niemals irgendwohin aufgebrochen.

Um eine barocke Kirche, rosarot und weiß, die in der Dämmerung schon angestrahlt war, verdichteten sich die Häuser. Einem Straßenschild zufolge erhob die Häusergruppe den Anspruch, als Marktgemeinde zu gelten. Als ich beim Kirchenwirt anhielt, sah mich Doris fragend an.

„Wir können morgen immer noch bis an die Grenze, nach Radkersburg, meine ich. Fragen wir hier nach einem Zimmer?“

Vom Parkplatz übersah man einen großen Ausschnitt rasch dunkler werdenden Landes. An vielen Stellen flammten jetzt auf den Kämmen Lichter in den vereinzelten Häusern auf. Nur im Süden, wo es eben zu sein schien, herrschte fast ungestörte Finsternis.

Eine kleine alte Frau trat aus einem flachen und fensterlosen Gebäude, eine Milchkanne hing ihr von der rechten Hand herab, fast bis zum Boden. Daraus schloss ich, dass sie vom Melken kam.

„Sie suchen etwas für die Nacht? Nur für eine Nacht?“ Sie führte uns zu einem anderen niedrigen Gebäude mit flachem Dach. Jedes der wenigen Zimmer hatte eine eigene Tür auf den Parkplatz hinaus. Das gefiel uns auf Anhieb, auch mangels anderer herausragender Vorzüge. Die Wirtin ließ uns einziehen und wir brachten unser Gepäck hinein. Wir würden ja nachher in die Gaststube hinüberkommen, um dort zu nachtmahlen, sagte sie. Vermutlich gab es im Umkreis von zehn Kilometern sonst keine Gelegenheit dazu.

Doris sagte: „Sieh einmal, wie klein das Fenster ist. Sie schützen sich vor der Sonne. Das ist der Süden.“

Die Gaststube war mittelgroß, die meisten Tische waren besetzt. Wir fanden für uns einen freien nahe dem Eingang. Nur saßen wir dabei über Eck. Ich überblickte den Großteil des Lokals und spürte ab und zu den Luftzug von der sich öffnenden Eingangstür her. Doris sah nur den Schanktresen vor sich. Wir vermissten die Wirtin. Sie zeigte sich an diesem Abend nicht mehr. In dem älteren Mann mit der graugrünen Strickweste, der zeitweise neben uns Bier zapfte, die meiste Zeit allerdings weiter hinten bei Stammgästen kiebitzte, vermuteten wir den Wirt. Dann gab es noch ein Servierfräulein, das auch uns bediente. Sie lief geschäftig zwischen den Tischen, dem Tresen und der Durchreiche hin und her. Das Wurzelfleisch erschien auf unserem Tisch.

„Schau, sie haben auch Kernöl. Aber passt es dazu?“

Ich zuckte die Achseln. „Bin nicht kompetent in solchen Fragen.“

„Kompetent … Worin bist du als Polizist kompetent? Verbrechen?“

Ich ging darauf ein: „Ordnung, positiv ausgedrückt. Magst du sonst Kernöl?“

„Ja, sehr sogar. Mama hasst es. Kernöl und ihre böhmische Küche – unmöglich für sie … Stellst du mich bald einmal deinen Leuten daheim vor?“ Da wurden aus dem Stegreif Ansprüche formuliert, es verdross mich sogleich.

„Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Soll ich dann dafür sorgen, dass Kernöl im Hause ist?“ Ich spürte wieder den Luftzug, sah eine Silhouette vorbeitänzeln. „Glaubst du“, sagte ich, um meine Verwirrung zu verbergen, „dass diese Saaltochter die Tochter des Hauses ist?“ Wenn ich es schweizerisch ausdrückte, so war das eine ironische Nebelkerze. Er war mehr als ansehnlich - blendend, auf den ersten Blick.

Doris musterte das Fräulein. „Nein, sie wirkt nicht so.“

„Woran erkennst du es?“

„Die Haltung, die Miene … Ihr Profitinteresse scheint mir eher weniger ausgeprägt.“

Ich bewunderte ihren Scharfsinn. Nun, sie war selbst eine Wirtstochter, doch ihr Auge war nicht so scharf, dass sie die Hauptrichtung meines Blickes entdeckt haben konnte. Ich war mir so gut wie sicher, sie nahm nur das frei Schwebende darin wahr. Dem Unwissenden verrät es nichts. Ich schien mich hoffentlich nur mäßig für die Bauern dahinten zu interessieren. Er saß jetzt neben ihnen auf der Ofenbank, schwarzhaarig, viel glänzender schwarz als mein eigenes Haar. Er hatte zu ihnen etwas durch die Zähne gesagt, ihren Blicken nach etwas für sie Unverständliches. Dennoch rückten sie zur Seite, mehr als nötig.

Ein harmonischer Anblick hängt auch vom richtigen Abstand oder Blickwinkel des Betrachters ab. Fehlt er oder ändert sich die einmal erreichte ideale Perspektive, dann wird der Gesamteindruck rasch unerfreulich. Ich ahnte schon, die Faszination des Fremden war von dieser Art. Er würde erst lächeln und dann zu reden anfangen und sich als ziemlich gewöhnlich und keineswegs mehr begehrenswert erweisen. Ich wollte die Stärke seiner Anziehungskraft auf mich ermessen, indem ich ihren Verfall studierte. Diesen Ablauf hatte ich schon wiederholt erlebt. Man ist danach angenehm enttäuscht und man schläft gut. Mir erschien das als eine passende Vorbereitung auf unsere Verlobung.

All das konnte ich so natürlich nicht vor Doris analysieren. Sie wollte zurück auf das Zimmer. Da legte ich ihr nahe, schon einmal vorzugehen: als wären wir ein altes Ehepaar.

„Ich brauche noch ein Viertel vom Wein. Weißt du, die Fahrt war recht stressig.“

Sie zuckte ein wenig zusammen, doch sie hatte sich in der Gewalt. „Du hast Recht, ich kann ja auch drüben warten. Nimm dich aber in Acht … vor diesem Schilcher.“ Damit verschwand sie schon. Wenn sie ein wenig verstimmt war, so war ich es auch. Meine Absichten waren durchaus ehrbar, ich konnte ihr nur nicht erklären inwiefern.

Jetzt aß er, hingebungsvoll. Er war so sehr mit Essen beschäftigt, dass ihm der Weggang von Doris entging. Vorher hatte er einige Male mit dem Anschein von Arglosigkeit zu uns herübergesehen. Er aß langsam. Es dauerte seine Zeit, bis mein zweites Glas Wein auf dem Tisch stand. Dann war er endlich mit Essen fertig, und nun fiel sein Blick über das erhobene Bierglas hinweg wieder einmal auf mich, auf den leeren Platz neben mir. Er stutzte. Für Sekunden blieb das Glas in der Luft: als ob er sich daran festhalten wollte. Ich lachte ihn an, voller Anerkennung. Er war geschmeichelt und zeigte es. Seine Augen blitzten. Und blies er nicht sogar die Backen ein wenig auf? Es tat ihm keinen Abbruch.

Wir tranken beide absichtlich langsam den jeweiligen Rest aus. Als er gezahlt hatte und weggegangen war, ließ auch ich den Wirt kommen.

Ich traf den anderen dann auf dem Parkplatz neben seinem Lastwagen. Der lange, hohe Kasten verdeckte jetzt die Sicht auf den Stall. Er ging am Fahrzeug auf und ab, offenbar bereit, einzusteigen und abzufahren.

Ich fragte, wo es hingehen solle.

Er war aus Deutschland und fuhr regelmäßig von Dortmund nach Saloniki. Als er anfing zu reden, kam mir die Erinnerung an einen schlecht funktionierenden Kinovorhang. Wenn er sich erst nicht öffnet und dann mit einem Ruck aufspringt, kann es vorkommen, dass die Stoffbahnen seiner Segmente den Vorspann auf der Leinwand einige Momente lang in isolierte Streifen zerlegen, Fragmente, die kein Gesamtbild ergeben. Ähnlich zersetzend auf seine zuerst so blendende Erscheinung wirkten seine Redeweise mit dem häufigen Nä? und sein unsteter Blick dabei.

Er esse oft hier oben, wo es reichlich und billig sei, und wolle jetzt einen Parkplatz in der Nähe ansteuern: „Zum Pennen, nä?“ Witterte er schon den Gendarmen in mir, auf seine Weise doch schlau, wie primitiv auch sonst?

„Deine Braut vorhin? Die bei dir am Tisch war … Schläft schon, nä?“

„Nein, das war meine Schwester.“ Es kam mir ohne Absicht über die Lippen. Von einem Reflex kann man nicht sagen, er sei eine Lüge.

Sein Interesse an mir nahm zu. Es war deutlich zu sehen, wie meine Auskunft ihn belebte. Er sah mich erwartungsvoll aus feucht schimmernden großen Augen an. Ich kam mir beinahe vor wie sein Abendessen vorhin. Aber ich wollte schon nichts mehr von ihm.

„Auch für mich ist es Zeit. Komm gut nach Saloniki.“ Ich hörte ihn noch wegfahren, als ich die Tür zu unserem Zimmer aufstieß.

Doris stellte sich schlafend, und zwar so, dass ich ihre Verstellung bemerken musste. Ich glaube, auf diesen Augenblick hatte sie zwei Stunden lang warten müssen. Ich legte mich neben sie hin. Sie schlief dann bald wirklich ein, und ich lag fast bis zum Morgen wach. Nach dieser Nacht, das stand mir beständig vor Augen, würden wir uns trotz allem wie verabredet verloben. Nur die Grenze war noch weiter weg.
 

CPMan

Mitglied
Lieber Arno

Soeben habe ich die Lektüre deines Textes beendet und möchte dir in loser Reihenfolge von meinen Eindrücken erzählen.

Ich mag deine Art zu schreiben sehr, es ist meist eine gediegene, klassische Atmosphäre mit schönen Beschreibungen, die mich sanft in die Geschichte einführen. Bei deinen besten Texten entsteht daraus ein Sog, der mich nicht nur in die Geschichte einführt, sondern entführt (ich erspare mir jetzt ein weiteres Lob deiner 'Winterreise'). In dieser Geschichte entstand zunächst genau dieses Gefühl, verlor sich aber dann schnell in der m.E. zu lang geratenen Einführung:

Die Sonne sank ihrem Untergang immer rascher entgegen. Ihr Licht füllte diese lächerlichen Gräben schon nicht mehr aus. Ich fuhr durch tiefen Schatten eine kleine Anhöhe hinauf, von deren überraschend scharfem Grat es nach kurzem wieder sanft abwärts ging. Dabei blendete mich die Sonne. Doris ließ mich an der nächsten Verzweigung nach Osten abbiegen, ich glaube, nur aus Mitleid. Wir erreichten bald wieder den Grat, und die Straße folgte ihm doch endlich einmal geradewegs nach Süden. Sie war gesäumt von kleinen ländlichen Anwesen, die so aussahen, als hätten ihre Besitzer den endgültigen Ausstieg aus allem bereits geschafft. Wahrscheinlicher war, sie waren niemals irgendwohin aufgebrochen.
Dieser Teil kann für meinen Geschmack, obwohl schön geschrieben, komplett weg.

Obstbaumwälder, die ihre Blüte schon hinter sich hatten.
Über diesen Satz bin ich gestolpert, da sich die Blüte nur auf die Obstbäume aber nicht auf die Wälder als Ganzes beziehen kann.

Vorschlag: Wälder, deren Obstbäume ihre Blüte schon hinter sich hatten.

Einem Straßenschild zufolge erhob die Häusergruppe den Anspruch, als Marktgemeinde zu gelten.
Ohne genau sagen zu können warum gefällt mir diese Personifizierung der Häusergruppe nicht.

Doris sagte: „Sieh einmal, wie klein das Fenster ist. Sie schützen sich vor der Sonne. Das ist der Süden.“

Ein sehr schöner Satz, beneidenswert. Ein Detail, das viel über den Landstrich aussagt. Schön beobachtet und gut formuliert.

In dem älteren Mann mit der graugrünen Strickweste, der zeitweise neben uns Bier zapfte, die meiste Zeit allerdings weiter hinten bei Stammgästen [red]kiebitzte[/red], vermuteten wir den Wirt.
Das Verb war mir vorher nicht bekannt, es gefällt mir so gut, dass ich es in naher Zukunft auch mal verwenden möchte. Hier im Kontext passt es auch sehr gut, ich habe ein klares Bild vor Augen.

Nur die Grenze war noch weiter weg.

Ein schöner, mehrdeutiger Schlußsatz.

Insgesamt fehlt mir etwas in der Erzählung. Vielleicht mißlingt die Identifikation mit dem Ich-Erzähler, vielleicht empfinde ich auch die Reisebegegnungen als zu beliebig und wenig einprägsam. Für mich plätschert die Erzählung zu sehr dahin, es fehlt die Mitte, das Ereignis, das mir als Leser und dem Protagonisten eine neue Erkenntnis verschafft. Ich lasse mich nicht fallen in dem Erzählten.

Nichtsdestotrotz: Liebe Grüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr! Ich seh dich auf der anderen Seite!

CPMan
 
Lieber CPMan,

danke für deine ausgiebige Stellungnahme, die für mich recht wertvoll ist. Sie lädt mich, sofern sie kritisch ist, zum nochmaligen Überprüfen ein, wobei ich dann dir abwechselnd zustimme oder meinen Standpunkt beibehalte. Im Detail:

1. Der einleitende Abschnitt über die unübersichtliche Gegend und das mühsame Vorwärtskommen dort ist mir wichtig, da in ihm die parallele persönliche Desorientierung der Verlobten sich andeuten soll.

2. Bei den Obstbaumwäldern funktioniert mein Sprachgefühl so, dass Baumblüte und Gesamtheit der Bäume durchaus diese enge sprachliche Verbindung eingehen können. Heißt es nicht bei Matthias Claudius: "Der Wald steht schwarz und schweiget ..." und nicht "Die Bäume des Waldes stehen schwarz und schweigen ..."? Auch die Blüte aller Bäume einer Pflanzung zur selben Zeit kann einen solchen geschlossenen Eindruck vermitteln.

3. Wie die "Marktgemeinde" im Text erscheint: Ja, tatsächlich habe ich das gestern beim Durchlesen auch als eher missglückt empfunden. Ich werde mich weiter um eine bessere Formulierung bemühen.

4. Kiebitzen findet sich auch im Duden. Dennoch bin ich unsicher, ob ein österreichischer Ich-Erzähler es verwenden würde.

5. Zur Identifikation soll der IE nicht einladen. Er stellt eher eine spezielle Problematik dar, die der Leser gern als eine ihm fremde von außen wahrnehmen kann.

6. Dass dich der Text trotz der eingeräumten Qualitäten - Lob wird immer gern eingeheimst - dennoch insgesamt nicht recht befriedigt, könnte seinen tieferen Grund darin haben, dass er ein leicht bearbeiteter Ausschnitt aus einem Roman ist. Das Verfahren ist nicht unproblematisch, da der Leser der Kurzgeschichte ja den größeren stützenden Zusammenhang nicht kennt.

Danke für die guten Wünsche zum Jahreswechsel. Komme selbst auch gut im Neuen Jahr an.

Arno Abendschön
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Arno,

ein Text, der sehr subtil das Scheitern einer angestrebten Beziehung andeutet, quasi wie eine tektonische Bruchlinie, denn der Prot interessiert sich eigentlich mehr für einen anderen - den er plötzlich im Lokal sieht.

Das ist gut herausgearbeitet.

Was mir eher missfällt, ist die altertümliche Sprache mit Ausdrücken wie "Saal(Wirts)tochter" oder "nachtmahlen". Du hältst diesen Stil allerdings konsequent durch, so mag es eher Geschmackssache sein.

Und die Übernachtung findet doch wohl in einem Motel statt? Der Ausdruck würde aber nicht in den Text passen.

Insgesamt gelungen!

Mit den besten Wünschen für 2019,

DS
 
Danke für die wohlwollende Beachtung, liebe Redakteurin. Zu den angesprochenen Details folgende Erläuterungen von mir:

1. "Saaltochter" ist ein in der deutschsprachigen Schweiz nach wie vor gebräuchlicher Ausdruck für Kellnerin. Der IE sagt ja selbst im Text, er habe sich ironisch zum Zweck der Vertuschung dieser in Österreich unüblichen Bezeichnung bedient. Dagegen ist die "Wirtstochter" einfach nur die (leibliche) Tochter eines Gastwirts.

2. "Nachtmahlen" bedeutet in Österreich: zu Abend essen. Bei einer Handlung, die in der Südsteiermark spielt, hat der Gebrauch des Wortes durch eine Einheimische nichts Altertümliches.

3. Die Bauweise des Gasthofs mag dich an das aus den USA stammende Motel erinnern. Sie ist jedoch in der Gegend, in der die Handlung spielt, traditionell häufiger anzutreffen. Es ist einfach nur ein älterer Landgasthof mit Zimmern im Reihenhausstil.

Mit freundlichen Grüßen und auch meinen guten Wünschen für dich für 2019.

Arno Abendschön
 

Willibald

Mitglied
Eine ungewöhnlich sorgfältig er/gearbeitete Erzähl-Geschichte.
Sie bleibt nicht einmal dann stumm, wenn sie nicht gelesen wird.
Wirkungsvoll auch als Findling aus einem Romantext. Ein Regenbogen, der, minder grell als die Sonne,strahlt in gedämpftem Licht(, meint Friedrich Hebbel).

Herzliche Grüße

ww
 
Danke, Willibald, für die Anerkennung und auch für die schönen Bilder.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön (neben einem Findling unter einem Regenbogen schreibend)
 

FrankK

Mitglied
Hallo, Arno
Eine bildhafte Erzählung, eine merklich emotionale Nähe zum IE (wie du ihn nennst) und eine durchgehend angemessene Sprache machten deine Geschichte zu einem einfühlsamen Erlebnis für mich.

Ich habe es gerne gelesen, und finde nichts zu bekritteln. Gar nichts.

Zweimal "Daumen hoch" von mir.


Herzlichst gegrüßt und willkommen im Jahr 2019!

Frank
 
Dank auch an dich, Frank, für deine ermutigenden Worte. Also auf ein ersprießliches Neues Jahr und gute Zusammenarbeit.

Natürlich habe ich mich über alle Wertungen zu diesem Text gefreut und bin auch dafür dankbar.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

MicM

Mitglied
Hallo Arno,

ich habe den Text heute mit etwas zeitlichem Abstand ein zweites Mal gelesen. Insgesamt gefällt mir der Text weiterhin sehr gut. Viele Beschreibungen sind sehr präzise und zeichnen schöne Bilder. Auch die Ambivalenz des Prot verfängt aus meiner Sicht.

Gerade aufgrund dieses positiven Gesamteindrucks gab es einige Details oder "lose Enden", die aus meiner Sicht den Lesefluss stören (was auffällt, weil es im Übrigen so schön fließt):
- Ohne nachzuschauen, weiß ich nicht, wo Radkersburg liegt. Wenn man die ganze Geschichte gelesen hat, weiß man, dass es auf die genaue geografische Lage gar nicht ankommt. An der Stelle der Geschichte habe ich mich aber gefragt, warum die Stadtgemeinde ausdrücklich genannt wird.

- Begriffe "Saaltochter" oder "Schilcher". Ich habe während des Lesens vermutet, dass dies regionale Begriffe sind, die bewusst gewählt wurden. Dennoch kannte ich (als "preußischer" Leser) die genaue Bedeutung nicht, was mich eher abgelenkt hat.

- Es gibt einen kurzen Wortwechsel dazu, dass der Prot ein Polizist ist. Die Relevanz dieses Details für die Geschichte habe ich nicht verstanden und hat mich ebenfalls abgelenkt.

- Das Bild mit dem Kinovorhang ist sehr schön, passt aus meiner Sicht aber nicht zu den anderen Bildern bzw. in den Erzählfluss.

Wie gesagt, trotz der Kritik im Detail für mich eine insgesamt sehr lesenswerte Kurzgeschichte.

Der Schilcher ist leer, auf bald

MicM
 
Danke, MicM, für die ausgiebige Beschäftigung mit dem Text. Zu den bemängelten Details nur so viel: Ich bin schon der Meinung, dass die Glaubwürdigkeit einer Geschichte, zumal einer erfundenen, auch von konkreten Details wie ihrer Geographie, am Ort des Geschehens üblichen Bezeichnungen sowie Hinweisen auf Beruf und Herkunft der Hauptpersonen abhängt.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

MicM

Mitglied
Hallo Arno, danke für die Einordnung. Nur aus Neugier: Gibt es einen bestimmten Grund, warum du deinen Prot zum Polizisten gemacht hast?
MicM
 
Also, MicM, es verhielt sich so: Die Romanhandlung - der Text ist ja nur ein leicht umgearbeiteter Auszug - ist als Ganzes rein fiktiv, ebenso die Personen. Doch der erste Anstoß, mir diese Story auszudenken, das war eine reale Begegnung vor Jahrzehnten mit einem Polizeischüler. Ich war damals oft und lange in Österreich, sowohl in Wien als auch auf dem Land, und konnte so später viele Beobachtungen verwerten. So war ich z.B. zu Fuß in der hier beschriebenen Gegend unterwegs und habe selbst in diesem Gasthof übernachtet. Zufrieden?

Schönen Abendgruß
Arno
 

 
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