Die vier Königreiche

Die vier Königreiche


die schwarze Kreuzblume (Adelige)
die schwarze Pike (Arbeiter)
das rote Herz (Bürger)
die rote Raute (Zünfte)

Das zentrale Bergmassiv, das in jede Himmelsrichtung in etwa die gleiche Ausdehnung hatte, war neutrales Land. Dort entsprang in jede der vier Himmelsrichtungen ein Fluss, der als Grenze zwischen den jeweiligen Königreichen diente. Der Fluss nach Norden zog die Grenze zwischen der Kreuzblume am Westufer und der Pike am Ostufer, der nach Osten trennte Pike vom Herz, an den Fluss nach Süden schloss sich die Raute an, an welche nach Norden jenseits des westlichen Flusses wieder die Kreuzblume grenzte.
Von den Hängen der Berge hinab erstreckten sich waldreiche Hochebenen, die in weite Wiesen übergingen, welche nur noch mit kleineren Inseln aus Bäumen und Büschen besetzt waren.
Die vier Flüsse, die nun schon mehr als ein Dutzend Meter breit waren, wurden von Brücken überquert, welche von einem auf einem kleinen Damm angelegten, befestigten Weg um das neutrale Land alle miteinander verbunden waren. Dieser Weg war die Grenze zu allen vier Königreichen.

Die schwarze Kreuzblume war das Königreich der Adeligen. Und die feierten gerne rauschende Feste, weil sie alles hatten, was das Leben in ihren Augen schöner macht. Ihre eigenen Kaufleute hatten immer die besten Quellen, damit der Nachschub niemals versiegen würde.
Aber wären da nicht die Arbeiter gewesen, die das Königreich der schwarzen Pike symbolisierten, dann gäbe es viele Dinge gar nicht. Und erst recht nicht, wenn es dann nicht auch die Handwerker der Zünfte gäbe, die das Königreich der roten Raute darstellten. Denn die lieferten die hochwertigen Dinge, wie Fleisch, Wein, Kleider, Schmuck. Sie veredelten das, was die Arbeiter produzierten.
Die Bürger schließlich aus dem Königreich des roten Herzens ließen es sich auch gut gehen, keine Frage, aber sie gingen bei weitem nicht so verschwenderisch mit den Waren um, die sie durch ihre Kaufleute bezogen, wie es die Adeligen zu tun pflegten.

So verschieden die Königsfamilien auch waren, so hatten sie einige Dinge absolut gemeinsam. Jeder König lebte mit seinen zwei erwachsenen Kindern, einer Dame und einem Buben, die allesamt eineiige Zwillinge waren, dem Verwalter Zehn, sowie den drei Mägden Sieben, Acht und Neun. Eine Königin gab es nicht mehr. Stattdessen gab es nur einen Avatar ihrer selbst, das Ass.
Die Königinnen hatten sich ein halbes Jahr nach der Geburt ihrer Kinder zu einer Damenrunde im neutralen Land verabredet und waren nie zurückgekehrt. Alle Suche war bislang vergebens, niemand wusste, wo noch zu suchen sei, um die Mütter, Ehefrauen und Königinnen zu finden.
Alle in den Königshäusern, aber auch alle Untertanen der vier Königreiche wussten davon. In jedem der vergangenen zwanzig Jahre schickten die Könige Suchtrupps los, doch auch diese kamen nie zurück. Ein böser Fluch musste über dem Land um das Bergmassiv liegen, glaubten sie.

An seinem einundzwanzigsten Geburtstag trat der Bube des Königs Kreuzblume vor seinen Vater und sagte: „Vater, ich will nicht glauben, dass meine Mutter und alle, die bislang nach ihr gesucht hatten und nicht heimgekehrt waren, nicht mehr am Leben sein sollen. Ich bitte dich, selbst auf die Suche gehen zu dürfen. Meine Schwester ist der gleichen Ansicht, sie würde sogar mitkommen, wenn du es gestattest. Bitte, Vater.“
„Aber ich will euch doch nicht auch noch verlieren, mein Junge. Das könnte ich nicht ertragen. Ich weiß doch auch nicht, was wir noch tun können.“
„Ich werde sie finden, Vater. Ich bin ganz sicher.“
„Was ist mit unserem Ass? Es ist ein schwacher Ersatz für meine geliebte Gemahlin. Soll das Ass doch auf die Suche gehen!“
Das Ass mit der schwarzen Kreuzblume war, genau wie die drei anderen seiner Art, nach dem Verschwinden der Königin zum König gekommen. Doch keiner der vier Männer konnte sich einen Reim darauf machen, warum dies geschehen war.
„Es hat uns nie erzählt, woher es gekommen war, weder warum. Ich bin nicht sicher, ob wir ihm vertrauen könnten. Ich würde lieber selbst gehen, Vater.“
„Dann soll es so sein, mein Sohn. Ich habe die Hoffnung ebenso wenig aufgegeben, wie du, aber ich frage mich trotzdem, wie das alles geschehen konnte.“
„Ich werde Mutter finden!“
Und so schickte König Kreuzblume seinen Spross ins neutrale Land, um nach der Königin zu suchen. Doch als das Ass Kreuzblume davon erfuhr, folgte es dem Buben.

Nach dreizehn Tagen kam das Ass zurück und ging zum König. Er hatte dessen Abwesenheit gar nicht bemerkt, denn er pflegte keinen Kontakt mit dem Avatar seiner Gemahlin.
„Mein König, wo ist dein Sohn?“
„Er zog los, um meine Gemahlin zu finden.“
„Das war nicht richtig. Er wird nicht zurückkehren.“
„Warum?“
„Weil ich es weiß. Ganz einfach.“
„Dann befehle ich dir eben, nach ihm zu suchen!“, rief der König wütend.
„Du als König hast die Pflicht, nach deinen Lieben zu suchen!“, entgegnete das Ass.
„Wie kann ich denn? Ich bin der König. Ich muss hier sein.“
„Dann wirst du auch deinen Sohn verlieren.“
„Wie kannst du so etwas sagen?“ Wieder war der König wütend.
„Du wirst schon sehen.“ Mit diesen Worten verließ das Ass den königlichen Saal.

König Kreuzblume war verzweifelt. Was, wenn das Ass recht behalten sollte? Er beschloss, Kontakt mit den anderen Königen aufzunehmen, um sich mit ihnen zu beraten. Die Beziehungen untereinander waren nicht immer einfach, aber schließlich teilten doch alle das gleiche Schicksal. Das muss über allen sonstigen Differenzen stehen, dachte er.
Also schickte er einen Boten los, der den drei anderen eine Nachricht überbringen sollte.

Und so ergab es sich, dass gleich vier Boten unterwegs waren, die sich jedoch nicht trafen, weil sie alle etwa zur gleichen Zeit und gegen den Uhrzeigersinn auf dem Rundweg zwischen den Brücken ritten, um den jeweils anderen drei Königreichen eine Nachricht zukommen zu lassen. Auch die anderen drei Könige hatten ihre Buben auf deren Drängen hin auf die Suche nach der eigenen Königin geschickt, und die Söhne waren ebenfalls nicht zurückgekehrt.
Nach erneut dreizehn Tagen hatten alle vier Könige Nachricht von den anderen dreien erhalten, die Boten waren zurückgekehrt.
König Kreuzblume war ein wenig irritiert, also fragte er erneut sein Ass. „Was hat das denn nun zu bedeuten?“
„Es ist, wie ich sagte. Nur wenn du selbst auf die Suche gehen wirst, dann wirst du deine Lieben auch zurückbekommen. Ich werde dich jedoch begleiten müssen.“
„Man könnte glauben, das wäre Zauberei, was du mir hier vorspielst! Sag mir die Wahrheit!“
„Es gibt nur diese eine Wahrheit, mein König.“
Ganz ähnliche Dialoge führten auch die anderen Könige mit ihren Assen.

Es bedurfte keiner großen Überredungskünste mehr, da alle das gleiche Ziel hatten, und weil alle von den jeweils anderen wussten, dass es ihnen genauso ergangen war. Also zogen die vier Könige mit ihren Assen los, um nach ihren Frauen und ihren Söhnen zu suchen.

Nach dreizehn beschwerlichen Tagen erreichten die vier Könige jeweils eine der vier Quellen, aus denen die vier Flüsse entsprangen. Sie waren von den Assen dort hin geführt worden.
„Und was nun?“ König Kreuzblume war ratlos, denn nun stand er vor einem steilen Berg, den er unmöglich würde erklimmen können.
„Wir sind auf dem richtigen Weg, mein König.“
„Dann sag mir, wo es weiter geht.“
„Bemühe deine Fantasie.“
„Mir ist nicht nach Späßen zumute! Sag mir, wo wir zum Ziel gelangen.“
„Geduld und Fantasie musst du haben. Dort geht es entlang“, sagte das Ass und zeigte auf die Quelle.
„Aber wo ist da ein Weg?“
„Wo ein Wille ist ...“
Der König wurde wütend. „Du spielst mit mir!“
„Aber du bestimmst den Weg. Sage mir, wo dein Wille das Ziel suchen mag, und es wird so sein. Vertraue mir, vertraue auch dir selbst.“
Der König schaute sich das Gestein und den Bewuchs um die Quelle genauer an. Und dann entdeckte er einen großen Busch, wo er glaubte, kein Gestein dahinter zu sehen. „Da ist der Weg!“, rief er.
„Bravo! Dein Wille hat die Lösung erzwungen. Dann gehe den Weg zum Ziel.“
„Das ist ein Hinterhalt“, argwöhnte er dann jedoch.
„Geh!“, befahl das Ass. „Gehe, bevor dein Wille dich wieder verlässt!“
„Das Geäst ist zu dicht“, redete er sich heraus.
„Es wird sich dir nicht entgegenstellen. Vertraue deinem Willen. Geh!“
Der König nahm allen Mut zusammen, nahm beide Hände zu Hilfe, um die Äste beiseite zu drücken, was sie erstaunlich leicht taten. Er schaute das Ass an und ging immer weiter. Etwa zwanzig Meter lang war der Gang, den er bald hinter sich gelassen hatte. Und nun stand er in einer kleinen Halle.
Gleiches gelang auch den anderen drei Königen.
„Und nun?“, fragten sie alle ihre Asse.
„Nun musst du den richtigen Gang finden, der dich zum Ziel bringt“, wurde ihnen gesagt. „Es ist nicht schwer.“
Zu sehen waren drei Gänge, die tiefer in den Berg führten. Und einer sah wie der andere aus.
„Welcher Gang ist es denn nun?“, rief der König.
„Es ist nicht schwer“, versicherte das Ass erneut.
„Dann wähle ich die goldene Mitte“, sagte der König der Kreuzblume.
Die gleiche Antwort gaben auch die anderen ihren Assen.
Und wie die Könige bald erkannten, war es der richtige Gang. Nach einigen Windungen führte dieser Gang von allen vier Seiten in eine große Halle in der Mitte des Berges. Dort standen sich nun die vier Könige gegenüber und waren sehr verdutzt. Die Asse jedoch waren zurückgeblieben. Das war den Königen einerlei, denn in der Mitte der Halle führte eine breite Wendeltreppe von unten her in diesen Raum. Und dort kamen all die vermissten Menschen herauf gestiegen, die in den letzten zwanzig Jahren verlorengegangen waren.

Die Freude über das Wiedersehen war unendlich groß. Und so beschlossen die vier Königsfamilien, diesen Tag zum Feiertag zu erklären, an dem alle zusammen ein großes Fest feiern sollten. Die bisherigen Differenzen waren zwar niemals Anlass für einen Streit gewesen, aber die Eigenarten wurden allzu sorgfältig gepflegt. Das sollte nun anders werden.

Die Asse ihrerseits kamen unaufgefordert ebenfalls zu dem Fest, wo sie ihre magischen Fähigkeiten einsetzten. So, wie sie in all den Jahren versucht hatten, die Könige durch Zureden zu überzeugen, dass sie selbst auf die Suche hätten gehen müssen, bis diese durch mentale Einflussnahme endlich erkannt hatten, dass es sein musste, so nahmen die Asse auch jetzt ganz bewusst Einfluss auf die Damen und Buben der vier Königreiche, damit alle vier künftig per Heirat irgendwie familiär miteinander verbunden sein würden. Es sollte nur noch ein einziges großes Königreich geben.
 
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