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Die Welt sagt nichts. (Sonett ungereimt)

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Walther

Mitglied
Die Welt sagt nichts. Sie leidet einfach still
Und fühlt sich schlecht beherrscht von denen, die
Einst Gott gelehrt hat: Macht sie untertan.
Er sagte nicht: Bringt sie dabei gleich um.

Wer herrscht, muss sorgen, pflegen, hegen.
Wer hütet, muss die Herde füttern, schützen.
Wer seine Herde frisst, hat nichts zu hüten,
Und wer nur erntet, der wird später hungern:

Die Kühe sind Gerippe, voller Fliegen,
Gerade wie Kinder, die die Mütter säugten
Mit bester Milch, wenn sie welche hätten.

Die Welt sagt nichts. Sie schweigt klaglos und dörrt
Das Feld zur Wüste; Strunk an Strunk verreckt:
Der Herrscher sind‘s zu viele. Und voll Gier.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ungereimte Sonette sind selten, aber es gibt eine ganze Reihe davon.
Insbesondere in Übersetzungen der Sonette von Pablo Neruda habe ich solche gefunden.

Hier haben wir ein sehr politisches Sonett.
Wir sind die Herrscher. Wir sorgen dafür, dass Wälder und Felder zu Wüsten werden und verdorren.

Wir.

Was an der anderen Seite der Welt passiert, interessiert nicht, Hauptsache: Freie Fahrt für freie Bürger (Hu, wie beherrschen wir doch die Welt.)

Und hier nehmen sich die Gesellschaftssysteme nicht viel.

Regel: Nimm, was du kannst. Je mehr, desto besser herrschst du über die Natur.
 

ariel

Mitglied
Hallo Wather,

an Deinem Sonett finde ich auch großes Gefallen. Es ist nicht
nur das Theme sondern auch, wie Du es gekonnt umgesetzt hast. Tatsache ist, dass mir "ungereimte" Sonette nicht bekannt sind.



"Die Welt sagt nichts. Sie leidet einfach still
Und fühlt sich schlecht beherrscht von denen, die
Einst Gott gelehrt hat: Macht sie untertan.
Er sagte nicht: Bringt sie dabei gleich um.

Wer herrscht, muss sorgen, pflegen, hegen.
Wer hütet, muss die Herde füttern, schützen.
Wer seine Herde frisst, hat nichts zu hüten,
Und wer nur erntet, der wird später hungern:

Die Kühe sind Gerippe, voller Fliegen,
Gerade wie Kinder, die die Mütter säugten
Mit bester Milch, wenn sie welche hätten.

Die Welt sagt nichts. Sie schweigt klaglos und dörrt
Das Feld zur Wüste; Strunk an Strunk verreckt:
Der Herrscher sind‘s zu viele. Und voll Gier."

Nun habe ich überlegt, was mir besonders gefällt, muß
sagen, dass jede Strophe kreativ modifiziert, Elemente
enthält, die untrennbar zu einer festen Einheit verbunden
sind. Aus einem Guss!
Die erste Zeile mit dieser nicht nur optischen Zweiteilung
ist ein vorzüglicher Beginn.


Viele Grüße
ariel
 

Walther

Mitglied
Hi Bernd,

danke. daß du dieses sonett vor dem absturz bewahrt hast. es ist immer wieder interessant festzustellen, was aufmerksamkeit erzeugt und bei wem. sonette, vor allem, wenn sie nicht erwartbar ausfallen, haben ein eigentümliches schicksal.

in der tat zeigt dein sechshebiges Gryphius-Beispiel, daß Sonette sich nicht zwangweise reimen müssen. es kommt auf inhalt, klang, architektur an, nicht einmal so sehr auf das metrum; selbst dort kann man kompromisse machen. immer aber sind sonette lehr- und lerngedichte - und dialogisch im wesen.

dies ist politisch - aber das tut der lyrik eh nicht gut, denn das macht sie weniger konsumierbar. du hast die kernaussage gut gefaßt. ich habe hier die aussage von Der Panther weiß es: https://www.leselupe.de/lw/titel-Der-Panther-weiss-es-138259.htm prononciert und weiter ausgeführt.

lg W.
 

Walther

Mitglied
Hi ariel,

dir ebenso herzl. danke fürs lesen, besprechen, empfehlen. ich meine fast, es sei des lobes ein wenig zu viel.

lg W.
 

Mondnein

Mitglied
Es ist, Walther, wirklich nicht bewußt so gebaut worden, sondern reiner Zufall, daß jetzt zwei Sonette beieinander stehen, die sich auf Bibelstellen beziehen, die fast genauso eng benachbart sind, wie diese Sonette jetzt hier.

Das reizt mich dazu, mal nachzuschauen, wie sich das mit dem "untertan machen" verhält.
Ich gehe immer von Buber aus, dem absolut Zuverlässigen. Er übersetzt:
Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer!
schaltet über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels und alles Lebendige, das auf Erden sich regt!
Es gäbe einiges anzumerken, zur poetischen Rhythmik in Bubers Satzgliederung, zur Genauigkeit, mit der z.B. die kollektiven Singularia der Lebewesen, über die "ihr schalten" sollt, von ihm wiedergegeben worden sind.
Aber konzentrieren wir uns auf "bemächtigt euch ihrer!" und "schaltet über ..."
Ich schaue in den hebräischen Text.
"kibschuhâ urdu" -
der erste der beiden Imperative ist überraschenderweise ziemlich hart in der Bedeutung, die mir das alte Langenscheidt-Lexikon anbietet:
kâbasch qal impt. c.sf kibeschuhâ niedertreten, zertreten, unterdrücken, unterjochen, überwältigen.
Augott, da kommt man ja vom Regen in die Traufe!

râdad (...) niederstrecken, überwältigen
Ich glaube, ich muß jetzt erst mal einen Schnaps trinken, ich bin geradezu niedergestreckt von diesen Bedeutungsangaben.

(Ich trinke keinen Alkohol, es war nur ein Scherz, aber ich muß hier scherzen, weil mir so gar nicht nach Scherzen zumute ist nach dieser Traufendusche)

Seufz,
grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
Lb Hansz,

die genesis ist verheißung und auftrag zugleich: was wunder, daß sie sich hier in ihren beiden aspekten so nah begegnet, sind verheißung und auftrag doch geschwister und aus einem stamm (der baum, der baum, man glaubt es kaum). und auch wenn uns das paradeis abhanden kam, so gab G?tt uns doch die welt dafür, um uns einzurichten.

nur wissen wir nichts besseres, als die einrichtung zu zerlegen und die wohnstatt so runterzuwohnen, als seien wir mietnomaden. leider gibt es keine erde 2.0. wobei man sich berechtigter weise fragen sollte, ob das - angesichts unserer lernfähigkeit - nicht nurmehr ein aufschub wäre. usw. usf.

da kommt dann das sonett und ist recht wenig nett - meins wenigstens. deins ist ja auch noch richtig nett, bis die reibungshitze der beiden erloschen ist. und dann wird's auch recht ernst.

lg W.
 
Gefällt mir sehr gut. Bringt eine meiner größten (jedoch abstrakten) Sorgen in eine Form, die keinen Überdruss bei mir erregt, wie es Nachrichtenzeilen oft tun.
Ob 'untertan' der häbräischen Bibel gerecht wird, ist mir eher nicht wichtig. Der Kern liegt für mich in dem 'Die Welt sagt nichts.' Das ist wuchtig und hat mich zum Weiterlesen bewogen. Sehr schön auch die Verkehrungen im ersten Dreizeiler.
Der wuchtige Einstieg, der im zweiten Dreizeiler auch noch einmal aufgenommen wird, rächt sich allerdings: [Die Welt] 'dörrt das Feld zur Wüste'. Sagt sie damit nicht doch etwas und macht so den Aufhänger zur unbewiesenen (unbeweisbaren?) Behauptung?
 

Walther

Mitglied
Hi Persona Scribens,

der dichter dankt für deine gedanken und der wahrscheinlich von dir stammenden wertung. feedback, egal welches, hilft immer.

die welt sagt in der tat nichts. das hindert sie nicht daran, etwas zu tun bzw. etwas zu unterlassen. die frage ist, ob man die menschl. interpretation dessen als reden bzw. sprechen auffassen kann oder gar müsste. auch handeln kann natürlich kommunikation sein. wenn wir dabei bleiben, daß nur wir, die menschen, wirklich sprechen können, bleibt der text sauber - und die message korrekt.

lg W.
 

Walther

Mitglied
hi p.s., der dichter muß damit leben, daß seine interpretierbaren unschärfen durch den leser "zurechtgerückt" werden. das werk bedarf des lesers, um fertig zu werden. wenn es gut ist, sieht es bei jedem leser anders aus, wenn nicht, ist es totgeboren. lg W.
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Nein, Walther, sprich bitte nicht von Totgeburten, wenn uns mit Müh' das Lebendige gelungen ist und es entlassen werden kann in die Welt, die nun sehen muss, damit zu leben. Kann sie es, wächst es, kann sie es nicht, muss es nicht am Lebendigen liegen...

Und dein Gedicht?

die Welt sagt nichts, sie leidet still gefiele mir besser, ebenso Er sagte nicht: Bringt sie gleich um.
(Ich weiß, das Metrum stimmte nicht mehr...)

Und fühlt sich schlecht beherrscht
Will sie denn beherrscht werden?

Die zweite Strophe gefällt. Die Zählung sorgen, hegen, pflegen, hütet, füttern, schützen ist voller Blut, Leben...


Gerade wie Kinder, die die Mütter säugten
da muss man aufpassen...


Die Welt sagt nichts. Sie schweigt und dörrt

gefiele mir besser

Strunk an Strunk verreckt
; starker Schlussspurt: dröhnende Vokale und Konsonantenschläge

Der Herrscher sind‘s zu viele
Und wir, die Untertanen?



Viel ist in deinem Gedicht, Walther, sehr viel. Fast wär's 10 geworden, so stelle ich mich artig an und mach's wie die anderen.

Schönen Gruß von
Dyrk
 

Walther

Mitglied
Hi Dyrk,

deine einwendungen und deine wertung ehren dich. und den text auch.

in der tat machen wir uns die schöpfung untertan - dein hinweis auf Heinrich Manns Untertan ist daher greifbar und durchaus von mir gewollt. wir spiegeln uns in unserem verhalten: schmeicheln nach oben, treten nach unten. ganz unten ist der boden, auf dem wir stehen.

zu deinen hinweisen: das metrum ist formgebend und trägt zum vortrag bei - daher sollten wir es belassen, da der sprache kein tort angetan wurde. das ist m.e. hinreichend gelungen. wie wir wissen, geht das nicht immer auf.

deine anmerkungen zur schlußsequenz: die welt sagt nichts, ist für das sonett tragend. sie handelt, mehr und mehr durch uns getriggert. wir müssen das reden übernehmen: miteinander und danach für einander.

danke vielmals!!!

lg W.
 

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