Die Witwe

Markus8897

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Die Witwe


Der 16. November war ein trister, grauer und früh-winterlicher Tag. Es war einer dieser Tage, an denen es schwer fällt aufzustehen und die Energie aufzubringen, sich anzuziehen. Mein Blick war auf mein Fenster gerichtet und ich sah die Dächer der Häuser aus meiner Nachbarschaft. Rechts neben dem Fenster stand mein Kleiderschrank, an den ich mich gleich begeben würde, um meine Klamotten heraus zu suchen. Ich konnte mich einfach nicht aufraffen. Ein träger Sack, nichts anderes war ich an diesem Morgen. So war es leider jeden Morgen in den letzten Wochen. Wenn ich nicht gerade zur Schule musste, lag ich immer bis mittags im Bett. Die Jahreszeit schlug einfach auf mein Gemüt. Ich musste aufstehen, also beschloss ich Musik an zu machen, um mir den nötigen Ruck zu geben. Es funktionierte und ich war, wie jeden Morgen, überrascht von mir selbst. Ich ging runter in die Küche und dort bereute ich auch schon wieder aufgestanden zu sein.

Meine Mutter saß am Küchentisch und sagte mir mit Tränen in den Augen, dass unser Nachbar, ein Freund aus den Kindheitstagen meiner Mutter, verstorben sei. Eine Hirnblutung hat ihn überraschend aus dem Leben gerissen. Er ist nicht sehr alt geworden und ließ eine trauernde Ehefrau zurück. Ich war betroffen, zumindest so wie ich es immer war, wenn jemand verstarb. Es kümmerte mich in der Regel nicht besonders. Klar, ich kannte unseren Nachbarn nicht so gut, wie meine Mutter ihn kannte, aber doch so gut, dass es mich mehr hätte treffen sollen. Dachte ich jedenfalls. Ohne mich für ein klares Gefühl entschieden zu haben, tröstete ich meine Mutter. Mir war auf jeden Fall klar, dass sie es nicht verdient hat, an diesem Morgen so traurig zu sein. Ich fand ein paar nette Worte, die meine Mutter deutlich trösteten, aber trotzdem fühlte ich mich in diesem Moment nutzlos. Zurückbringen konnte ich ihn schließlich nicht.

Es gehört wohl zu den schwersten Dingen im Leben, den Tod anderer und vor allem seinen eigenen zu akzeptieren. Hat man aber erst mal verstanden, dass all das zum Leben dazugehört, ist deutlich mehr Zeit da, um sich Gedanken darüber zu machen, wie man seine begrenzte Zeit denn eigentlich nutzen will. Komisch so etwas von jemandem zu hören, der den halben Winter über nur im Bett liegt, aber es ist wahr. In der Theorie zumindest. Ich habe zwar schon lange begriffen, dass alles endlich ist, dass das völlig normal ist und nicht anders sein kann, aber einen Plan für meine Zeit habe ich deswegen trotzdem nicht. Eher im Gegenteil. Man kann nichts damit falsch machen, ein freundlicher Mensch zu sein und damit wollte ich auch direkt anfangen.

Ich beschloss also mit meiner Mutter zusammen, die Witwe unseres verstorbenen Nachbarn zu besuchen. Wir kannten sie beide, zwar nur flüchtig, aber gut genug, um unser Beileid auszusprechen und ein paar tröstende Worte zu finden. Wir gingen rüber, aber als wir klingelten, machte uns niemand auf. Der Wagen stand in der Einfahrt und irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl bekommen. Die Blumen, die vor der Tür standen, waren allesamt verwelkt. Sie hatten lange kein Wasser mehr gesehen. Als meine Mutter mir einen fragenden Blick zuwarf, schlug ich vor zu gehen. Wir drehten uns von der Tür weg, als wir plötzlich ein Wimmern aus der Wohnung vernahmen. Es bestand kein Zweifel daran, dass es die Witwe war, die wohl einfach niemanden sehen wollte. Ein wirklich markerschütterndes Wimmern war es, welches mich eine Gänsehaut am ganzen Körper spüren ließ. In diesem Moment war ich wirklich betroffen. Nicht wegen des verstorbenen Mannes, sondern weil ich mitanhören musste, wie viel Leid ein Tod zurücklässt. In dieser Nacht fiel es mir schwer Schlaf zu finden. Ich könnte schwören, das Wimmern der Witwe zu vernehmen, obwohl uns einige Wände voneinander trennten.

Am nächsten Morgen, eher am nächsten Mittag, fand ich auf dem Küchentisch den bereits geöffneten Trauerbrief. „Im Herzen bleibst du bei uns.“ stand auf der Karte ganz oben. Die Beerdigung sollte morgen stattfinden. Meine Mutter betrat die Küche und unterbrach ihren Satz, als sie sah, dass ich über die bevorstehende Beerdigung Bescheid wusste. „Wir gehen doch hin, oder?“ fragte sie mich mit einer Unsicherheit, aus der ich nicht schlau wurde. „Aber klar doch. Wieso auch nicht?“ antwortete ich ihr mit einem prüfenden Blick. Vergebens. Auf meinen Blick und auf meine Frage ging sie nicht ein. „Das freut mich und das wird sie auch sicher freuen.“ ließ sie im Raum stehen und ich nickte ihr mit einem Lächeln zu. „Bestimmt.“ sagte ich. Als meine Mutter die Küche wieder verließ, blieb ein Fragezeichen in meinem Kopf zurück. Wieso fragte sie mich so unsicher? Wahrscheinlich hat sie einfach vermutet, dass ich keine Lust hatte mitzukommen. Habe ich auch nicht, aber so was ist keine Frage von Lust, sondern von Anstand. Außerdem wusste ich, wie ungern meine Mutter alleine irgendwo hin ging. Von daher stand mein Entschluss fest. Morgen werde ich meinem alten Nachbarn die letzte Ehre erweisen.

Ich hatte letzte Nacht schon nicht gut schlafen können und diese Nacht war es nicht besser. Stunde für Stunde drehte und wälzte ich mich in meinem Bett herum und bekam kein Auge zu. Es waren nicht dieselben Gedanken, die mir sonst den Schlaf raubten. Nein. Sorgen und Ängste jeglicher Art sind mir diese Nacht fern geblieben. Obwohl ich müde war und einen verhältnismäßig klaren Kopf besaß, kam ich einfach nicht zur Ruhe. Dann hörte ich es plötzlich. Ein Weinen, ein Klagelied, welches so laut war, dass es direkt vor unserem Haus gewesen sein musste. Da ich ohnehin nicht schlafen konnte, entschloss ich mich aufzustehen und mal einen Blick zu wagen. Vielleicht ist ja jemandem etwas passiert, der jetzt meine Hilfe braucht. Wenig begeistert davon, dass ich mein warmes Bett verlassen musste, raffte ich mich auf. Ich stand am Fenster meines Zimmers und schaute auf eine leere Straße. Das Heulen konnte ich immer noch deutlich hören, aber von wem es kam, konnte ich nicht ausmachen. Ich ging ins Badezimmer und schaute dort aus dem Fenster. Jetzt sah ich die Hauptstraße und ich hielt meine Augen offen. Es machte sich ein Unbehagen in mir breit, da ich mir in solchen Momenten schnell das Schlimmste ausmalte. Ich sah niemanden, aber das Heulen wurde immer lauter und langsam konnte ich eine Richtung ausmachen, aus der das Weinen kam. Das Geräusch kam auf mich zu und ich erschrak, als ich einen verzweifelten Schrei hörte. Mir wurde heiß und ich kämpfte mit der Angst. Nicht einmal den kalten Marmor, auf dem ich mich abstützte, spürte ich noch. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich das Elend sehen wollte, welches solche Laute von sich gab. Ehe ich wirklich eine Entscheidung treffen konnte, sah ich sie. Meine Nachbarin – die Witwe. Sie schob ihre Füße antriebslos vor sich her und wimmerte, weinte, schrie einfach in den Nachthimmel. So taumelte sie wie benebelt die Straße von links nach rechts entlang, bis ich den Mut zusammen nahm und ihr zurief „Kann man Ihnen irgendwie helfen?“. Ich wusste nicht, was man in einer solchen Situation sagen sollte. Woher auch? Auf solche Begegnungen wird man nie vorbereitet sein. Kaum war das Echo meiner Stimme in der von der Nacht durchtränkten Straße verhallt, sah die Witwe mir mitten in die Augen. Es war ein sehr intensiver Moment und ich dachte nicht drüber nach, noch etwas zu sagen. Sie machte mir Angst und für einen kurzen Augenblick war ich wie gelähmt. Ich hatte das Gefühl, dass die Frau von der Straße direkt in mein Badezimmer springen könnte, wenn sie nur wollte. Bevor ich noch etwas sagen konnte, kehrte sie in ihr Haus zurück. Sie war still geworden und solange ich sie noch sehen konnte, sah sie mir in die Augen. Ihr Blick war müde und es wirkte so, als wäre kein Fünkchen Freude mehr übrig. Als sie fort war, legte ich mich zurück in mein Bett. Ich bekam in dieser Nacht keine Ruhe. Diesmal war es die Totenstille, die mir den Schlaf verwehrte und mit meinen Gedanken war ich nun bei ihr. Sie tat mir so leid.

Der Tag der Beerdigung war gekommen. Ich frühstückte mit meiner Mutter und es lag eine bedrückende Stille in der Luft. Nicht nur an dem Tisch, an dem wir aßen, sondern auch vor dem kühlen Grab, an dem ich später stand. Niemand redete viel, denn alle waren damit beschäftigt sich zu erinnern und sich zu verabschieden. Es waren viele Leute dort, was mich etwas überraschte. Ich wusste nicht, dass unser Nachbar ein so beliebter Mann gewesen war. Was mich allerdings noch mehr überraschte war, dass die Witwe an diesem Morgen nicht aufgetaucht war. Es verlor auch niemand ein Wort über sie. Vermutlich war die Trauer über den Tod ihres Mannes an diesem Morgen besonders groß und sie schaffte es einfach nicht unter Leute zu gehen. Als ich an unsere "Begegnung" letzte Nacht dachte, war das auch mehr als verständlich. Ich war froh, sie heute nicht so sehen zu müssen, wie ich sie gestern gesehen hatte. In diesem Moment riss mir ein Schauer wie scharfe Klauen über den Rücken.

In der folgenden Nacht fiel es mir wieder sehr schwer Schlaf zu finden. Es war nie ein Problem von mir gewesen einzuschlafen, doch scheinbar ist es das an dieser Stelle geworden. Ich lag wach, bekam keine Ruhe in meinen Kopf und wälzte mich hin und her. Ein sehr merkwürdiger und beängstigender Traum fand mich schließlich und wiegte mich in einen keineswegs erholsamen Schlaf. Ich lag in meinem Bett und schaute zur Zimmertür, als sich diese langsam öffnete. Mit der Decke halb über den Kopf gezogen wartete ich auf das Übel, welches seinem eigenen Schatten hinterher trottete. Die Witwe trat in mein Zimmer. Ein eingefallenes Gesicht, ein gekrümmter Rücken und wackelige Beine sprachen Bände von dem Horror, den sie in letzter Zeit durchlebt haben musste. Wir sahen uns kurz an und keiner sagte etwas oder regte sich. Ich hatte Angst, aber nicht so, dass ich hätte aufschreien müssen. Letztendlich war sie nur meine Nachbarin und die jüngsten Ereignisse hatten ihrem Äußeren zu schaffen gemacht. Ich ließ diesen beängstigenden Moment passieren und beobachtete, wie die Witwe meinen Kleiderschrank betrat. Sie öffnete die Tür und warf mir Blicke zu, wie es auch ein räudiger Hund getan hätte, der um Erlaubnis bittet eintreten zu dürfen. Als ich nicht reagierte, ging sie hinein, schloss die Tür hinter sich und Stille kehrte ein. Nach ein paar Minuten realisierte ich, wie mein ganzes Bettlaken von Schweiß getränkt war. Ich dachte tatsächlich kurz darüber nach es sauber zu machen, doch ein allmählich vertrautes Wimmern riss mich aus jenem Gedanken. Es war ein Geräusch, welches ich keinen Ohren zu vernehmen wünschte. Das Wimmern und Heulen wurde so laut, dass ich Panik bekam. In diesem Moment wusste ich mir jedoch nicht zu helfen und versuchte mich zu beruhigen. Es fiel mir schwer, als ein hastiges Kratzen an der Schranktür hinzukam. Der Klang von splitternden Nägeln durchfuhr mich wie ein Blitz, der mich hätte töten können. Für den Moment wäre mir damit auf jeden Fall geholfen. Ich wollte einfach nur wieder aufwachen.

Ohne dass ich mich in irgendeiner Weise erholt fühlte, klingelte mein Wecker. Ich war wieder wach. Für gewöhnlich verfluchte ich meinen Wecker und seine ätzende Art mir „Guten Morgen“ zu sagen, doch an diesem Morgen sah ich davon ab. Meine müden Augen flogen durch das Zimmer und als ich meinen Schrank sah, erinnerte ich mich an meinen Traum. Angespannt lag ich im Bett und das Geräusch der knickenden und brechenden Fingernägel schoss mir wieder durch den Kopf. Ich schlich mich zu einer Schublade in meinem Zimmer, in der ein Messer lag. Niemals hätte ich vorgehabt der Witwe etwas anzutun, doch in diesem Moment fühlte ich mich damit sicherer. Ich war nicht ganz bei mir nach dieser verstörenden Nacht. Nicht wissend, was genau in den nächsten Sekunden passieren würde, bewegte ich mich mit dem Messer in der Hand zur Schranktür und betete, dass alles nur ein Wachtraum war. Einer dieser Träume, von denen man einfach nicht weiß, ob sie wirklich passiert sind oder nicht. Als sich meine Hand zitternd zur Schranktür bewegte, hätte ich aus Angst davor, ihr Gesicht wiederzusehen, weinen können. Ich nahm meinen Mut zusammen und riss die Tür mit einem Schrei auf. Der Schrank war leer. Ich fiel erleichtert zu Boden und erkannte, dass all das nur ein Traum gewesen sein konnte. Wie hätte die Witwe auch in unser Haus kommen sollen? Ich lachte erleichtert vor mich hin und wunderte mich über mich selbst und darüber, was für ein Dummkopf ich doch manchmal war. Das Lachen hätte gerne bleiben können. Für eine lange Zeit war es das letzte Mal gewesen.

Was in dieser Nacht passiert ist, "träumte" ich nun jede Nacht. Jede Nacht saß ich wie gelähmt auf meinem Bett und schaute zur Schranktür. Wie sie aufging, wie sie zuging und wie das Wimmern, das Heulen und das Kratzen lauter zu werden schienen. Es fühlte sich alles so echt an, dass ich meinen Glauben an einen Traum verloren hatte. Sicher konnte ich mir jedoch nie sein, weil ich jede Nacht wie paralysiert und zusammengekauert auf meinem Bett saß und zu viel Angst hatte, etwas mit Sicherheit herauszufinden. Ich begann weniger zu essen, weniger zu trinken und weniger an etwas anderes zu denken. Zur Schule ging ich auch nicht mehr. Mit wem ich darüber reden konnte, wusste ich auch nicht. Ich wollte nicht, dass meine Mutter mich für verrückt hält.

In den darauffolgenden Tagen habe ich mein Verhalten in dem Verhalten meiner Mutter wiederfinden können. Sie schien ebenfalls etwas zu belasten. Zunächst wollte ich nicht fragen, da ich mein eigenes Päckchen zu tragen hatte, doch es musste etwas passieren. Ich entschloss mich mit ihr zu reden. Sie sollte von meinen Problemen erfahren und ich von ihren.

Dem Gespräch fehlte seinesgleichen - wenig Worte, viel Entsetzen. Meine Mutter hat die letzten Nächte das gleiche durchgemacht. Nun war jeder Zweifel verflogen - es war kein Traum. Wir suchten nach einer Lösung und entschieden uns, das Ganze noch etwas zu dulden. Sie war schließlich unsere Nachbarin und machte eine schwere Zeit durch. Wir wollten helfen und der Gedanke etwas gutes zu tun, beflügelte mich. Gerne hätten wir ihr auch anders geholfen, aber jedes mal, wenn wir mit ihr reden wollten, fing sie an zu toben und tat sich weh. Sie schüttelte dann meistens heftig mit dem Kopf, schrie, als wäre ihr Mund ab geklebt und riss sich ihre Haare raus. Die Polizei wollten wir nicht rufen und niemand sonst interessierte sich für sie. Meine Mutter und ich brachten die Kraft auf, das Ganze noch eine Weile zu ertragen. Aus irgendeinem Grund wollte die Witwe ausgerechnet nachts bei uns sein und mir graute es beim Gedanken an die nächsten Nächte, vielleicht sogar die nächsten Wochen.

So vergingen noch zwei Monate ohne Aussicht auf Besserung. Im Gegenteil - es wurde noch schlimmer. Die Witwe änderte ihr Verhalten und verschwand des nachts nicht mehr in meinem Schrank. Erst fing es damit an, dass sie sich vor dem Schrank auf den Boden setzte. Sie wimmerte lauter und kratzte von außen an meiner Schranktür, so, dass ich sie dabei beobachten konnte. Nein - ich musste sie jetzt dabei beobachten. Dann rückte sie von Nacht zu Nacht näher an mein Bett, wurde lauter und ließ das Kratzen sein. Stattdessen atmete sie jetzt unregelmäßig, als würde sie keine Luft mehr bekommen. Dabei beobachtete sie mich. Ich sah ihre Silhouette im Dunkeln und hätte jede Nacht schreien können, aber ich hielt mich zurück, bis sie des Morgens wieder mein Zimmer verließ. Ihr zuliebe, denn ich wollte unbedingt helfen. Ich wollte so sehr helfen, dass ich mich mit dem lächerlichen Gedanken angefreundet hatte, dass es einfach so bald vorbei sein würde.

Mittlerweile schlief ich gar nicht mehr und versuchte es auch nicht mehr. Die Albträume, die ich kriegen würde, würden wohl nur noch schlimmeren Schaden verursachen. Ich musste weg. In den letzten Nächten war sie so nah an mich herangerückt, dass sie fast auf mir saß und auf mich herabblickte. Es wirkte so, als wolle sie mich fressen. Ich konnte es nicht mehr ertragen, also zog ich aus. Meine Mutter wollte nicht mitkommen, da sie ihr Haus über alles liebte. Mein Gewissen biss mich, weil ich meine Mutter alleine in diesem Haus zurückließ, aber ich musste auch an mich denken.

Als ich ausgezogen war, gewann mein Leben nach und nach wieder an Normalität. Die neue Schule, die ich fortan besuchte, gefiel mir sehr gut und endlich konnte ich wieder schlafen. Dass mir ruhiger Schlaf so sehr fehlen konnte, hätte ich nie gedacht. Meine Mutter und ich standen miteinander in Briefkontakt und ich war unvorstellbar erleichtert als ich hörte, dass die Witwe nachts nicht mehr auftauchte. Auf dem Weg zu meinem Schreibtisch überkam mich ein Lächeln. So sorglos hatte ich mich seit Monaten nicht mehr gefühlt. Am Schreibtisch angekommen, nahm ich meinen Stift in die Hand und setzte mich. Da ich lange nicht zur Schule gegangen war, hatte ich einiges nachzuholen. Ich wollte fürchterlich weinen, als mir klar wurde, wie gut ich mittlerweile dieses laute Klopfen und unnachgiebige Kratzen an meinem Fenster ignorieren konnte.
 

ahorn

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Hallo Marcus8897
Jeder neue Text ist eine Bereicherung. In der deutschen Sprache kennst du dich aus, bis auf ein paar Kleinigkeiten alles dudenkonform.

Ein paar aufmunternde Worte reiche ich dir rüber.

Der 16. November war ein trister, grauer und früh-winterlicher Tag.
Dieser dein erster Satz ermutigt mich, deinen Text zu verlassen.
Standardsatz 7/4H-33!
Allein den Leser sofort mit einem Datum zu erschlagen, löst keine Euphorie aus. Zur Krönung ist es ein trister, grauer, früh-winterlicher Tag. Reicht denn nicht trist oder grau, musst du gleich dick auftragen. Nebenbei – betrachte deinen Kalender. Haste! Wann beginnt der Winter?
Es war einer dieser Tage, an denen es schwer fällt schwerfällt aufzustehen und die Energie aufzubringen, sich anzuziehen.
Standardsatz 7/4K-12!
Warum es schwerfällt? Ich für meine Teile finde diese Tage klasse.
Fazit: Weg mit dem Satz.

mein Blick war auf mein Fenster gerichtet und ich sah die Dächer der Häuser aus meiner Nachbarschaft.
Standardsatz 12/4P-96!
Mein Blick gerichtet. Bitte Nein! Okay! Eine Info bekommt der Leser. Er wohnt oben. Leider übertreibst du gleich wieder mit ‚Häuser aus der Nachbarschaft‘. Was den sonst. Den Eiffelturm!
Alternative:
Ich drehte mich um und betrachtete durch die Fensterscheibe die Dächer der Nachbarhäuser.

Rechts neben dem Fenster stand mein Kleiderschrank, an den ich mich gleich begeben würde, um meine Klamotten heraus zu suchen.
I
Standardsatz 2/5L-01!
Konjunktiv-Alarm!
Erstens! Soweit ich weiterlese, ist er wurscht, wo sein Schrank steht.
Zweitens! Hat der Satz an dieser Stelle nichts zu suchen. Nicht denken, sondern handeln.

Ich konnte mich einfach nicht aufraffen.
Doppelung! Diese Aussage kennt der Leser! Er ist im Bilde.
Nebenbei ‚einfach‘ ist in diesem Zusammenhang Umgangssprache oder hast du dich irgendwann in deinem Leben kompliziert aufgerafft.

Ein träger Sack, nichts anderes war ich an diesem Morgen. So war es leider jeden Morgen in den letzten Wochen.
Widerspruch! Entweder diesen oder jeden Morgen.
Alternative:
Wie an jedem Morgen in den letzten Wochen war ich ein träger Sack.

Wenn ich nicht gerade zur Schule musste ging, lag ich immer bis mittags im Bett.
Die Jahreszeit schlug einfach auf mein Gemüt.
Weg mit dem Satz. Unlogisch! Widerspricht dem vorherigen Satz. Bleibt er liegen wegen der Jahreszeit oder weil er nicht zur Schule muss. Es sei den es ist immer Winter? Dann gibt es aber keine Jahreszeiten.

Ich musste aufstehen, also daher beschloss ich Musik an zu machen, um mir den nötigen Ruck zu geben.
Warum? War ein Schultag? Wie Musik? Wo kommt diese heraus? Oder muss er aufstehen, um Musik anzumachen?
Fragen über Fragen.

Es funktionierte und ich war, wie jeden Morgen, überrascht von mir selbst.
Geile Selbsterkenntnis erst recht, wenn es jeden Morgen klappt. Auch wenn er zur Schule geht und im Sommer ;).
Ich ging runter in die Küche und dort bereute ich auch schon wieder aufgestanden zu sein.
Auch schon? Ebenso längst???? Blähwortkonstrukt ohne Sinn, erst Recht mit der Kombination mit ‚wieder‘.
Alternativen:
Ich ging runter in die Küche und bereute meinen Entschluss aufzustehen.
Ich ging runter in die Küche und bereute mein Aufstehen.
Ich ging runter in die Küche und bereute das Aufstehen.

Damit haben wir den ersten Absatz gemeistert. Mein Fazit: Weg mit dem Ding. Eine Geschichte mit dem Aufstehen oder einer Ankunft zu beginnen ist abgedroschen und langweilig. Lasse den Quatsch und beginn gleich in der Küche. Solltest du Information aus dem ersten Abschnitt benötigen, dann flechte diese später ein.

Meine Mutter saß am Küchentisch und sagte mir mit Tränen in den Augen, dass unser Nachbar, ein Freund aus den Kindheitstagen meiner Mutter, verstorben sei.
Der Satz fängt prägnant an: Meine Mutter saß am Küchentisch – gut.
Dann benutzt du die Indirekte Rede, wenn man in der ersten Person schreib, das einzig logische – top.
Aber wie schafft es die Mutter, mit Tränen zu reden, hat sie keinen Mund. Außerdem ist der Satz unnötig lang. Drei wären schöner. :)
Meine Mutter saß am Küchentisch und Tränen rannen über ihre Wangen. Sie schluchzte, dass unser Nachbar verstorben sei. Er war ein Freund aus Kindheitstagen von ihr.

Und so geht es weiter, jedenfalls wie ich es gelesen habe.



Mein Tipp:
Du schreibst gut. Deine Story ist womöglich gut. Die Sätze zu lang und meist gleich lang. Bring Abwechslung hinein.
Streiche den ersten Absatz, schmeiß den Leser direkt ins Geschehen.
Überlege dir, ob es nicht sinnhafter ist, in der dritten Person zu schreiben – Spiel mit wörtlicher Rede und Perspektivwechsel. Eine Geschichte in der ersten Person sauber zu schreiben ist alles andere als trivial.
Beende einen Gedankengang mit einem Zeilenumbruch. Der Leser dankt es dir.

Rann ans Werk. Die Feder gespitzt und das Papier geglättet, denn gute Geschichten brauch das Land.

Gruß Ahorn
PS.: Wenn ich mich durchgewühlt habe, schreibe ich dir, wie der Plot mit gefällt.
 

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