Diemanns Versagen

maskeso

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Diemanns Versagen

Die Aufregung war groß. Ein nicht zu lauter und an sich gar nicht mal unangenehmer Summton unterrichtete jeden Arbeiter und jede Arbeiterin der Abteilung B7C4 davon, dass gerade Notfallplan 18c in Aktion getreten war. Ein jeder kannte seine Aufgabe, das Verhalten in Sondersituationen wurde jede Woche stundenlang geübt und wehe dem, der nicht jede einzelne Anweisung in Kapitel 34 seines Arbeitsbuches auswendig konnte. Jedoch ungeachtet dieser hochorganisierten Einzelaktionen erinnerte das Gesamttreiben an das scheinbare Chaos eines Ameisenhaufens. Die einzelnen Arbeiter und Arbeiterinnen rannten die Gänge rauf und runter, jeder in der Absicht, seine Aufgabe mit größtmöglicher Sorgfalt zu erledigen, so gering sie auch scheinen mochte. Die dazu notwendige Konzentration wurde jedoch in nicht geringem Maße gestört durch die überall spürbare und fast schon greifbare Nervosität. Es war dies der erste größere Zwischenfall seit exakt vierhundertachtzehn Tagen und man war sich bewusst, dass damit die Zuverlässigkeit der gesamten Abteilung in Frage gestellt war. Bis jetzt hatte die Fehlerquote immer ein wenig unter der geforderten Höchstzahl gelegen. Deutlich höher zwar als die Fehlertoleranz der aktuellsten Robot-Systeme, aber immer noch konkurrenzfähig. Nun aber war diese kleine Erfolgsgeschichte hinfällig geworden. Der kritische Wert war zum ersten Mal überschritten wurden - diese Zahl, die das Maß aller Dinge darstellte, war nun in schier unerreichbarer Ferne. Ein Klasse-IV Fehler in der Produktionskette war zuvor nie dagewesen und an sich hatte auch niemand wirklich damit gerechnet, jemals den Anweisungen von Notfallplan 18c folgen zu müssen. Viel Schlimmeres konnte eigentlich nicht passieren. Der Schaden war nun aber da und ein jeder war bemüht, ihn in Grenzen zu halten und die Folgen schnellstmöglichst zu beheben.
Inmitten dieses koordinierten Chaos stand ein wenig verloren Diemann, der sein Unglück noch immer nicht fassen konnte. "Diemann, Diemann, Diemann" sagte er sich, "was hast du da nur angestellt?". Wie gerne hätte er doch nun geholfen, sein Missgeschick wieder gutzumachen, wie gerne hätte er die Chance wahrgenommen, Wiedergutmachung zu leisten. Aber die Anweisungen besagten eindeutig, dass der Verursacher eines Fehlers sich tunlichst aus der Folgebekämpfung herauszuhalten hatte. Zuwiderhandlungen wurden mit schweren Disziplinarmaßnahmen belegt. Noch schwereren Maßnahmen, als Diemann so schon aufgrund seines Versagens zu befürchten hatte. Er hasste im Moment den Paragraphen 657b regelrecht, der ihm diese Nichteinmischung auferlegte. Aber was sollte er tun? Psychologen, Statistiker und Spieltheoretiker hatten übereinstimmend und eindeutig belegt, dass ein erneuter Eingriff des Verursachers einer Systemkrise ein zusätzliches kritisches Element darstellen würde. Das war durch groß angelegte Forschungen erwiesen.
So starrte er also umher, sah seine Kollegen und Kolleginnen an, die sich bemühten, ihre eng umschriebenen Verhaltensregeln im Rahmen des Notfallplans 18c zu erfüllen. Fast schon krampfhaft waren sie zugleich darum besorgt, nicht einmal zufällig den Blick in Diemanns Richtung schweifen zu lassen. Jeder und jede ärgerte sich jetzt gewiss über ihn, schämte sich seiner oder verachtete ihn für die Schande, die er über die ganze Abteilung gebracht hatte. Sicher war da auch der Drang, es ihm ins Gesicht zu sagen, ihn zu beschimpfen, um der Wut ein wenig freien Lauf zu lassen. Vielen hätte dies Erleichterung gebracht. Aber Paragraph 79f des Verhaltenskodex untersagte dies und selbst verächtliche Blicke waren verboten, um den Betriebsfrieden nicht noch zusätzlich in Gefahr zu bringen. Denn eine Duldung solcher Verhaltensweisen hätte nach Ansicht renommierter Experten auf Dauer eine massive Beeinträchtigung der Arbeitsmoral zur Folge und solche Unsicherheitsfaktoren mussten eliminiert werden, wenn die Planzahlen erreicht und vor allem die vorgegebene Fehlerquote unterboten werden sollte. Diese Gebote durchzusetzen war eines der Aufgabengebiete, für die jene zahlreichen Kameras installiert waren, die absolut jeden Winkel der Abteilung B7C4 ausleuchteten. Wenn am Abend alle die Firma verlassen hatten und der Notfallplan 18c wieder ausser Kraft gesetzt worden war, würde eine Sondergruppe der Firma sämtliche Bänder einer intensiven Betrachtung unterziehen. Anstelle des halben Dutzends junger Damen, die für die Überwachung - korrekter Protokollierung - der Abteilung B7C4 zuständig waren, würden sich ausgesuchte Experten dieses besonderen Vorfalls annehmen. Man würde das Verhalten jedes Einzelnen analysieren, die Übereinstimmung mit den Regeln des Notfallplans überprüfen und abschließend eine Bewertung für das Krisenverhalten der Abteilung abgeben. Eine gute Bewertung konnte hier Wunder wirken und war Voraussetzung dafür, dass die Abteilung trotz eines solch schweren Zwischenfalls in dieser Besetzung weiterbestehen konnte. Natürlich würde es eine zusätzliche Untersuchung geben und Diemann graute es schon vor den stundenlangen Befragungen - Interviews - von denen man sich mit einem Schaudern erzählte. Laut Geschäftsleitung ging es darum, weitere Informationen zu erhalten, um den künftigen Produktionsablauf optimieren zu können. Aber ein jeder wusste, dass diese Sitzungen in hellen Räumen voller optimistischer Farben nur eine beabsichtigte Tortur waren. Welche Informationen sollten sie auch noch bekommen, die sie noch nicht hatten?
Diemann, der immer noch wie angewurzelt an seinem Arbeitsplatz stand und leer in die Gegend starrte, überlegte kurz. Von diesem Vorfall und der Krisenbewältigung würden später allein an Videoaufnahmen mehrere hundert Stunden zum Abruf bereitstehen. Hinzu kamen Audioaufnahmen in allen Frequenzbereichen, Statusberichte der Maschinen, schriftliche Zusammenfassungen des Vorfalls von allen 38 Beschäftigten der Abteilung B7C4, ein ausführlicher Bericht von mindestens achttausend Wörtern von Diemann, drei weitere von Diemanns direkten Platznachbarn. Hinzu kamen die Temperaturstatistik, die Werte für Luftdruck und -feuchtigkeit, die medizinischen Werte, Rahmenberichte, und so weiter und so weiter. Wozu brauchten sie da noch Diemanns persönliche Aussage? Es gab so schon genug Material um die Untersuchungskommission auf mindestens vier Monate zu beschäftigen..
Eine andere Frage aber nagte stärker an Diemanns Selbstbewusstsein: Warum hatte das ausgerechnet ihm passieren müssen? Ausgerechnet ihm, der seine Arbeit immer so korrekt erledigt hatte? Er hielt stets Sauberkeit an seinem Arbeitsplatz und sein Protokollbuch war gewiss das am ordentlichsten Geführte der Abteilung. Es war nicht so, dass man bisher zu ihm heraufgeschaut hatte, aber Diemann war sich sicher, dass man ihn zumindest respektiert hatte. Damit war es nun vorbei. Niemand würde es sich anmerken lassen, über ihn tuscheln oder mit dem Finger auf ihn zeigen, das verbot allein schon Paragraph 79f, aber von jetzt an trug er einen Makel, den er nie wieder würde ablegen können.
"Ich bin am Ende!" dachte er sich. Hoffentlich war der Fehler wenigstens noch zu beheben. Eine auch nur teilweise Neubesetzung der Abteilung wegen seines Versagens würde für Diemann unerträglich sein. Um eine Umstrukturierung des Prozesses selbst würde man natürlich kaum herumkommen können, einige würde den ein oder anderen neuen Handgriff lernen müssen, Umschulungen würden sicher nötig werden, aber so lange man personell keine Änderung vornehmen würde, war alles noch im auszuhaltenden Bereich. Natürlich wäre es äußerst bequem für ihn, wenn man Diemann selbst versetzen würde, zu einer entfernten Abteilung, in der niemand von seinem Versagen wusste. Aber das würde ja der anerkannten Theorie zuwiderlaufen, nach der ein Mitarbeiter nach einem schweren Fehler mit erhöhter Effizienz arbeitet um sich zu bewähren.
Diemann schüttelte sich. Das war sicherlich der schlimmste Tag seines Lebens. Ängstlich aber gleichzeitig ein wenig fasziniert wandte er sich dem Geschehen um ihn herum zu, in das er nicht eingreifen durfte. Er beobachtete zunächst die grüne Gruppe, die den eigentlichen Auftrag der Fehlersuche hatte und hektisch herumlief. Dann konzentrierte er sich auf die kleinste, die blaue Gruppe, zu der normaler weise auch er gehören würde und die gerade damit beschäftigt war, den anderen Abteilungen von den Schwierigkeiten zu berichten und den Produktionsprozess nach einem lange einstudierten Schema verlagerte, damit sich der Fehler möglichst wenig auf das Gesamtergebnis auswirken konnte. Dann war da noch die gelbe Gruppe, hochkonzentriert bei der genauen Erstellung der Rahmenberichte zum Zwecke der späteren Untersuchung. Eine langweilige Aufgabe, wie Diemann dachte. Gerade als er sich den kaum spannenderen Tätigkeiten der violetten Gruppe widmen wollte, hörte er einen Aufschrei, der ihn hochschrecken ließ.
Der Schrei kam von Karl aus der grünen Gruppe und es würde sicher ein kleines Nachspiel für ihn geben, da er nicht den korrekten Kommunikationsweg eingehalten hatte. Aber sein ungestümes Verhalten hatte einen gewichtigen Grund, auch wenn der Strafkatalog wenig Rücksicht auf gewichtige Gründe nahm. Denn in seiner Hand hielt er - fast unscheinbar aber doch so bedeutsam - einen Keruswürfel, der zweifelsohne das Corpus Delicti darstellen musste. Zwar konnte Diemann es auf die Entfernung von rund zwanzig Metern eigentlich auf keinen Fall erkennen, aber er war sich sicher, zumindest erahnen zu können, dass in einem der acht Löcher tatsächlich eine C63-Schraube steckte anstelle des vorgesehenen Modells B39. C63 war nicht abgerundet und so etwas konnte bei einem Kinderspielzeug fatale Folgen habe.
Die Selbstzweifel traten nun stärker in den Vordergrund, jetzt wo die Ungewissheit weg und sein Versagen endgültig bewiesen worden war. Immer hatte er seine Aufgabe sorgfältig erfüllt gehabt, immer zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten gearbeitet. Wie hatte es nur passieren können, dass ihm am Ende eine B39 statt einer C63 übriggeblieben war? Fast war er sich sicher, dass es geschehen sein musste, als er einmal verstohlen die Brünette am Sortierband betrachtete, deren Namen zu erfragen er sich nie getraut hatte. Aber jetzt war es für so etwas sowieso zu spät. Wer wollte schon einen Versager? Jeden Tag seit drei Jahren immer die gleichen Handbewegungen, vier Monate Einarbeitung - da durfte so etwas einfach nicht passieren. Dafür hatte niemand Verständnis. Diemann senkte den Kopf.
 

Andrea

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5 von 10 Punkten

Deine Geschichte gefällt mir zwar, ist aber durch die ganzen Zahlen/Buchstabenkombinationen etwas schwer zu lesen. Sprachlich ist sie mir ein wenig zu bieder, gerade am Anfang ähneln sich die Sätze doch sehr..

Insgesamt frage ich mich, ob sie nicht besser ins Satireforum gepaßt hätte...? Denn den Großteil an Spaß holt deine Geschichte (paradoxerweise für den Beginn meiner Kritik) durch die ganzen Regeln und Vorschriften, die so plemplem wirken, daß sie eigentlich nur ein krankhafter Bürokrat ernstnehmen könnte - hast du etwa Beamten in der Familie? ;)

Gruß
 

maskeso

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Danke für die Kritik

Satire? Ich habe selbst lange überlegt und war mir am Ende auch nicht sicher. Eigentlich sollte es nämlich gar nicht so satirisch werden, aber es kam wie es kam. Dass die Sprache schwach ist, mag sein, ich habe dies nämlich eines Nachts zwischen ein und drei in einem Fluss geschrieben. Anderseits sollte die Sprache aber mit ihren unzähligen Bezeichnungen und ihrer Schwerfälligkeit zur Geschichte passen, die eben nicht so satirisch sein sollte. Das scheint mir nun gründlich misslungen. So sollte zum Beispiel ganz wichtig sein, dass diese ganzen Regeln und Verordnungen dazu dienen, krampfhaft und um jeden Preis den Menschen als Arbeitswerkzeug konkurrenzfähig zur Technik zu halten. Kam scheinbar auch nicht so rüber.
Das nächste Mal sollte ich vielleicht mehr Sorgfalt walten lassen. Danke für die Kritik.
 

micl

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Mag sein, daß der Erzählung am Ende etwas die Luft aus geht, da der Hinweis auf den menschlichen Faktor, der durch die Brünette heraus gehoben werden soll, nicht nötig ist, und weil die Schilderung der ewig sich widerholenden Bewegung nur das beim Namen nennt, was man durch die an sich hervoragende Beschreibung des technischen, roboterhaften schon ahnt.
Ansonsten fiel mir auf, daß trotz aller Regelungen nicht klar ist, wie weiter mit dem D. verfahren wird, obwohl er sich seiner Schuld bereits bewußt ist ("Ich bin am Ende...).
Dafür ist aber ´n fetter Satz dabei ( Der Schrei kam...), der mich hat schmunzeln lassen.
Satirisch fand ich den Text bis auf die eine Ausnahme nicht unbedingt, der Hinweis auf die Bezeichnungen der Regelungen ist nur teilweise passend, weil sie einfach dort hinein gehören.
 

maskeso

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Erstmal Danke für die Kritik

Kurz zum Inhalt: Diemann wäre verloren gewesen, wenn der Fehler nicht gefunden worden wäre. Die Entdeckung rettet sozusagen einfach seinen Arbeitsplatz, sein Ruf jedoch ist ruiniert. Aber es ist hier wirklich etwas unausgegoren, da hatte ich selbst nicht viel nachgedacht.
Mein größter Fehler war wohl, dass ich am Anfang einen ganzen Epos vor den Augen hatte und eine ganze Welt auf zwei Seiten unterbringen wollte. Das Persönliche am Schluss war mir zum Beispiel einfach am Schluss eingefallen und schon stand es drin, obwohl es in der Tat kaum reingehört.
Danke für die Hinweise - solche Kritiken lese ich, ehrlich gesagt, gerne.
 

maskeso

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0 Chance

Das Internet ist mir Verlag genug. Transparent, durchschaubar und unkommerziell ist es der dubiosen, grauen Welt "da draußen" meilenweit überlegen. Wer immer meinen Krempel lesen will, kann das hier tun. Wer nicht will, wird das auch nicht in einer "Anthologie" tun. Meine Grenzen sind definiert, meine Ziele gesteckt und meine Prinzipien klar. Keine Chance für Verlage und solche, die es gerne wären.
 

 
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