DLV

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DLV

Es war schon kurz nach Acht. Widerwillig, weil ich noch nicht dazu gekommen war, meinen Kaffee bis zum Satz leer zu schlürfen, drehte ich das Schild um, auf dem „Juwelierladen geöffnet“ stand. Als ich ins Innere meiner Höhle zurückschlurfen wollte, klingelte auch schon die Glocke der Eingangstür. Wer wagt es, dachte ich und drehte mich mit einem gefrorenen Lächeln um.
Durch die Tür trat ein älteres Pärchen, beide bestimmt über siebzig. Aus einer Wollmütze in Blassrosa, umrahmt von silbernen Haaren, strahlten mir zwei schrecklich blaue Augen entgegen. Ich blinzelte kurz. In diesem Moment hatte die Frau plötzlich dreißig Jahre jünger gewirkt. Als ich in das Gesicht des Mannes blickte, erlebte ich dasselbe noch Mal – nur diesmal glänzten braune Augen unter einer alten Schlapp-Mütze hervor. „Was kann ich für sie tun?“, flötete ich dem greisen Paar zu. „Eine Halskette für die Enkelin?“ Die Dame kam näher und blickte mit ihren – einfach nicht zu meiner Laune passenden – Augen zu mir auf, griff meinen Arm und lächelte: „Ach wissen Sie, wir wollten ein Paar Trauringe kaufen.“ Mit der anderen Hand fasste sie ihren Begleiter an der Hand und ließ mich verdutzt stehen, während die Beiden zu den zwei dargebotenen Stühlen strebten.

Ich schüttelte unterdessen meine Überraschung ab und bereitete mich seelisch auf die Beratung vor. Ein unschlüssiges Paar war eine Sache, ein unschlüssiges Paar über siebzig eine ganz andere. Bilder von alten Damen an Supermarktkassen drängten sich in meinen Kopf.

„Nun denn, ich habe Ihnen hier eine Auswahl an Ringen bereitgestellt, die alle sehr unterschiedlich sind – dieses Exemplar hier beispielsweise ist handgefertigt, kann aber nachträglich mit einer Gravur versehen werden… Ich nahm weitere Ringe aus ihren Etuis und präsentierte sie dem andächtig lauschenden Paar. Nach einer Weile hielt ich inne und sah sie fragend an.

„Gelbgolden sollte er sein“, meldete sich nun zum ersten Mal der Mann mit leicht zitternder Stimme zu Wort. Ich dachte sofort an meinen Großvater, der mir zu Kinderzeiten abends vorgelesen hatte. „Poliert wäre gut“, fügte die Frau hinzu. Ich hob die Augenbrauen. „Ach ja, und wir dachten uns, fünf Millimeter Dicke würden genügen“, schloss das Abbild meines Großvaters, während er die Mütze vom Kopf nahm.
Ich ließ meinen Blick zwischen den beiden Verliebten hin und her schweifen. Meine Augenbrauen kämpften zwischen verwirrtem Zusammenziehen und überraschtem Heben. Ich schluckte und fragte höflich: „Sie waren schon öfter verheiratet?“ Ein Lächeln entwich der alten Dame. „Ach, für mich ist es die vierte Ehe.“ Sie sah zu ihrem Mann hinüber. „Heinz ist mir sogar um eine Hochzeit voraus!“ „Ich verstehe. Es muss schön sein, noch im hohen Alter eine neue Bindung einzugehen!“

Mein gezwungenes Grinsen fühlte sich heute wirklich wie in Stein gemeißelt an. Wieder lächelte die Frau, als ob ich etwas sehr Dummes gesagt hätte. „Nun ja, wir kennen uns schon etwas länger.“ Wenn sie in der vierten Ehe ist, entzweien sich unsere Begriffe von „etwas länger“ wohl ein wenig, dachte ich. Wortlos kramte ich die passenden Ringe hervor und präsentierte sie dem Paar. „Wollen sie eine Gravur in die Ringe einarbeiten lassen?“
Beide begannen, gleichzeitig zu sprechen: „DLV“. Sie sahen einander an und fassten sich kichernd an den Händen. Langsam konnte ich trotz der frühen Stunde nicht umhin, zu fragen, was es mit der Geschichte der beiden auf sich hatte.
„Wir waren im gleichen Dorf aufgewachsen“, begann Heinz. „Zusammen in der Schule gewesen - aber sie war immer besser als ich“ – wieder ein vielsagender Seitenblick. „Es war die große Liebe“, fuhr die Dame fort. „Immer unter dem Tisch die Hand gehalten. Jeden Tag zusammen nach Hause gelaufen.“ Sie spielte gedankenverloren mit der Hand ihres Partners.
„Ich war damals sechzehn, als wir wegzogen“, fuhr Heinz fort. Ich glaubte, seine Stimme etwas mehr zittern zu hören als sonst. „Wissen Sie, wenn die Arbeit rief, haben selbst meine Träume meinen Vater nicht davon abgehalten, hunderte Kilometer weit wegzuziehen.“

„Ich habe jedem Ehemann gesagt: Hör zu! Wenn ich Heinz nochmals über den Weg laufen sollte – dann bin ich weg vom Fenster!“, unterbrach ihn die Frau mit einer energischen Handbewegung. Sie begannen beide, laut zu lachen und auch auf mein Gesicht stahl sich ein Schmunzeln.

„Ein Wunder, dass Sie sich jetzt noch gefunden haben und nicht in festen Händen lagen!“, rief ich aus. Heinz protestierte jedoch sofort: „Ach was, meine Frau steht da drüben!“ „Und mein Mann gleich daneben!“, fügte seine – neue – Frau an.
Meine Kinnlade klappte nun endgültig zügellos herunter. Meine Augen erfassten die beiden Personen im vorderen Teil des Raumes, die kurz zu mir zurückblickten. Bevor ich vollends die Fassung verlieren konnte, beendete ich das Gespräch so schnell wie möglich und machte einen Termin aus, an dem das Paar die gravierten Ringe abholen konnte. Das Pärchen verabschiedete sich und verließ zusammen mit deren Ehepartnern das Geschäft. Sie tuschelten eifrig, während sie zusammen loswatschelten.

Einige Tage später drehte ich nach Beendigung meines Frühstücks abermals das Schild „Juwelierladen geöffnet“ um. Schon nach wenigen Minuten erschienen die zwei Heiratswütigen mit ihren zwei Begleitern. Nachdem ich die Ringe überreicht hatte, traten den beiden Tränen in die Augen. Sie legten sich gegenseitig die Ringe an und gingen zu viert zusammen. Ich stütze mich am Tisch ab, um nicht zu wanken. Ich hatte schon sehr viele Trauringe verkauft – so viel Treue und Selbstlosigkeit hatte ich aber noch nie gesehen. Die vier gackerten wie junge Hühner abwechselnd wild durcheinander und gratulierten einander. Ich konnte nichts weiter tun, als die Horde kopfschüttelnd aus dem Laden zu führen und zu beglückwünschen. Ich erinnerte mich noch lange an das bezaubernde Paar und ihre Wunschgravur. DLV – Der letzte Versuch - stand in goldenen Buchstaben auf ihren Ringen.

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Die kurze Erzählung basierte auf einer wahren Geschichte, was der Grund für die Platzierung in diesem Forum ist.
 

 
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