"Dort" - 2.Teil

Markus Veith

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Er hat recht gehabt. Er hat sehr viel recht gehabt. Und das Schlimme ist, daß er immer noch sehr viel recht hat.
Die ersten Jahre verbrachte ich damit, auf den zerfallenen Stufen vor dem Schulgebäude zu hocken und ziemlich dämlich vor mich hinzustarren. Manchmal legte ich mich auch unter die Weide oder kletterte auf einen ihrer Äste. Ich überlegte, was ich machen sollte. Das kann in der Zwischenzeit lange dauern.
Ich kam zu keiner Lösung. Mit den Chaoten vom Spielplatz wollte ich nicht spielen. Mit dem Typen, der im Morgenmantel beinebaumelnd am Schulhofrand saß, wollte ich nicht reden. Und mit dem Rand wollte ich sowieso nichts mehr zu tun haben. So füllten sich vier Schalen mit Wasser.
Darauf verbrachte ich einige Jahre damit, philosophische Theorien über jenen Brunnen in der Mitte des Schulhofs aufzustellen. Ich kam zu einigen sehr interessanten Erkenntnissen. Ich diskutierte mit mir über die Zahl 25 und stellte fest, daß irgendwie alles auf diesem Schulhof auf die Zahl 25 zurückzuführen war, wenn man nur lange genug darüber nachdachte und die richtigen Rechenwege benutzte.
Ich machte mir tiefgreifende Gedanken über den Ursprung aller Dinge. Wie lange schon, wie lange noch, von wo und warum überhaupt dieses Wasser lief und was wohl passieren würde, wenn der Brunnen mal voll sei?
Diese ganzen Fragen, die man sich nun mal irgendwann stellt und die mir nicht mehr brachten als Kopfschmerzen, warf ich bald alle über einen ziemlich großen Haufen und stellte fest, daß in der Zwischenzeit wieder fünf Schalen gefüllt worden waren.
Eine Weile - ungefähr eineinhalb Schalen - fand ich Gefallen daran, wie mein Freund, der Müllmann, Blätter zu fangen und so lange zu malträtieren, bis sie ihr Sprüchlein kundgaben. Ich warf sie danach allesamt in den verbeulten Papierkorb, der neben dem Treppenaufgang zur Schule sein gelangweiltes Dasein fristete. Als der Hof völlig laubfrei war, versuchte ich, mir mit den Blättern, die noch am Baum waren, etwas Kurzweil zu verschaffen. Doch war der Versuch die einzige Kurzweil. Ich hing mich mit meinem ganzen Gewicht an einzelne Blätter, aber sie ließen sich einfach nicht pflücken.
Ich gab mich bald gegen mich selbst geschlagen und plauderte mal ab und an mit einigen Greisen. Allerdings ging ich ihnen dabei bösartig absichtlich auf die Nerven und dabei recht unfair vor. Ich narrte, um nicht genarrt zu werden. Die Omas und Opas hatten ja offenbar nicht mehr viel an Verstand zu verlieren. Ich half ihnen nur dabei, den letzten Rest noch ein wenig schneller zu vergeuden.
Dem einen knöpfte ich beim geschummelten TicTacToe-Spiel einen Hosenknopf ab.
"Was sagt man denn da?" fragte er, als ich mich schon wortlos umgedreht und mich zum Gehen gewandt hatte.
"Herzliches Beileid?"
Er schüttelte knatschig das grausträhnige Haupt.
"Glückwunsch?"
Kopfschütteln.
"Eine Hand wäscht die andere?"
Er versuchte ein abschätziges Pokerface hinzubekommen, was nur einigermaßen gelang.
"Auf das der dreckige Taler wandere?
Werden Schulden so geringer?"
Ich ging auf das Spielchen ein.
"Dann behalt' ich lieber dreckige Finger."
Das verwirrte ihn sichtlich. Er wurde ziemlich nervös. Stammelte nur noch.
"Wasch sie dir."
"Leck sie mir."
"Des Talers Wert ... wird ... wird hosengerecht verrechnet."
Ich schüttelte den Kopf.
"Des Talers Wert wird beim Knöpfen verkehrt. Stopft nun Löcher und knechtet." Daraufhin beugte ich mich langsam zu ihm herüber und wisperte ihm schelmisch ins Ohr: "Und das hier bald die Köpfe rollen, das werden wohl auch die Knöpfe wollen." Dabei buffte ich ihm augenzwinkernd in die Seite.
Der Alte sprang mit einem angstvollen Schrei auf und rannte wie blöd über den ganzen Hof. Die Arme hielt er über dem Kopf, als wollte er ihn regelrecht verschnüren.
Klar war das fies. Er tat mir ja auch ein bißchen leid. Aber ich hatte nur diese Möglichkeit. Entweder wurde ich teilnahmslos ein Bekloppter unter Bekloppten oder ich wurde ein halbwegs Verrückter in einem Haufen völlig Abgedrehter. Und solange ich mir selbst einredete, daß ich bei den Leutchen hier gar nicht mehr viel kaputtmachen konnte, ging's. War fast in Ordnung.
Einige beschäftigte ich monatelang mit Schüttelreimen und Zungenbrechern. 'Fischers Fritze' und so, Sie wissen schon.
Aber die wußten es nicht.
Oh, sie waren nicht dumm. Nein, nein. Sie konnten es nur nicht verstehen.
Ich versuchte auch noch einmal, in die Schule zu kommen. Natürlich ohne meine Aufgabe gemacht zu haben. Doch als ich eben die Hand auf die Klinke legen wollte, preschten mir die Bullaugen wieder entgegen. Zähnebleckend knurrte mich dies Wesen geborener Alpträume an:
"Du mußt wirklich verdammt glücklich sein, wenn du dir freiwillig einen solchen Ärger machst."
Durch die Unterredungen mit meinen Spielgefährten war ich richtig in Fahrt: "Glücklich? Ich? Dies zwei zusammen ist schon Hohn.
Undank ist der Welten Lohn,
welcher unbarmherzig löhnt.
Glück? Nein. An Glück hab ich mich nicht gewöhnt."
Da lächelte es hinter dem dicken Glas.
"Ihr seid wie Fliegen auf der Fensterbank
Wie die Spuren vertaner Energie
Fliegt euch allesamt die Nasen blank.
An harter Luft. Ihr Viecher lernt das nie."
"Läßt du mich drum ein?"
Sie zeigte mir eine Reihe ehemaliger Zähne. "Nein."
Damit wandte sie sich mit allem, was zu ihr gehörte um, und unsere Konversation endete hiermit.
* * *

Über diese ganzen Vorgänge grübelte ich die ganzen nächsten Jahre, was wiederum drei Schalen mit Wasser füllte.
Irgendwann fiel mir dann endlich etwas sehr Interessantes auf. Ich hatte es schon vorher beobachtet, jedoch nicht realisiert. Der ganze Schulhof - ist schief.
Zwar nur ganz leicht, aber er hat Schlagseite. Das Wasser schwappt nicht gleichmäßig aus den Schalen, sondern fließt immer nur an einer Seite über die Ränder, nämlich auf der Seite, auf der auch der Knilch im Morgenmantel saß und starrte. Diese Tatsache ließ mich in eine tiefe Grübelei verfallen. Und tatsächlich fruchtete sie.
Ich kam auf eine phänomenale Idee. Denn gesetzt den Fall, dieser Schulplatz ist wirklich das, wonach er aussieht, nämlich nur ein herausgerissenes Stück von irgend etwas, dann dürfte er ja nicht allzu dick sein, nicht wahr? Und, gesetzt den Fall, es ist so, wie man aus der Rede des Müllmanns schließen konnte, nämlich daß die Zeit, die man für die Aufgabe hat, mit dem Wasser herabläuft, der Brunnen de fakto eine Art Sanduhr ist ... Und geht man dann davon aus, daß die Zeit um ist, wenn der Brunnen voll ist ... Dann könnte ich doch vielleicht die Zeit, die ich zum Lösen meiner Aufgabe brauchte, verlängern, indem ich ein Loch in den Boden bei dem Brunnen grub. Und zwar genau an der Stelle, an der das Wasser überschwappen mußte, da die Ebene ja schief ist, so daß das Wasser, nachdem es die letzte Schale gefüllt hat, ungehindert weiterfließen kann.
Also machte ich mich an die Arbeit. Zuallererst zertrümmerte ich einen der eh schon abgefallenen Fensterläden, um den Sparren als Werkzeug zu benutzen. Dann bestimmte ich die genaue Stelle am Brunnenrand, an der das Wasser überschwappen mußte und begann dort zu graben.
Ich war etwa eine halbe Stunde am Werk, als plötzlich der Boden unter mir bebte und das bisher entstandene Loch zu rieseln begann.
Alles bebte. Unter mir schien alles einzustürzen. Die Alten auf dem Spielplatz kreischten in heller Panik und liefen auseinander und zusammen und suchten sich völlig blödsinnige Verstecke. Der eine hatte vor, sich im Sandkasten einzubuddeln. Eine Oma verbarg sich und ihr verzerrtes Gesicht so gut es eben ging unter einem Förmchen. Ich selbst klammerte mich voller Entsetzen an den Stein des Brunnenrandes.
"Was machen sie denn da?! Lassen sie das!" scholl hinter mir eine Stimme, von der ich lange nichts gehört hatte. Ich schaute hinter mich und sah, wie meine erste Bekanntschaft, der Spinner im Morgenmantel, mit wutrotem Kopf auf mich zukam. Je näher er mir und dem Brunnen kam, um so stärker wurde das Beben.
Doch, nein, es war kein Beben. Es war ein Heben. Etwas hob das gesamte Plateau an meiner Seite an. Hinter mir knarrte die Schule aus allen altersschwachen Fugen um Hilfe. Steine und Staub rauschten ihr entgegen.
"Sie! Sie sollen sagen, was sie da tun!" schrie mir der Kerl zornig entgegen und blieb auf der Hälfte der Strecke stehen. Sofort stoppte das Bewegen und die Schulplatzinsel verharrte in der Neigung, in der sie gerade wankte. In meinem Magen spürte ich noch ein erhebliches Pendeln, doch konnte dies auch der plötzliche Schreck verursacht haben.
"Ich ... ich ... wollte nur ... ", stotterte ich und wußte mit einem Male keine Antwort mehr.
"WAS WOLLTEN SIE?!" brüllte der Typ im Morgenmantel. Doch auf einmal wurde er ruhiger. Aber ich sah, wie er die Kiefer zusammenpreßte und wie seine Nasenflügel zornig bebten. Nie habe ich eine solche Wut in jemandes Gesicht gesehen.
"Sie sind wie alle anderen, nicht wahr? Oh, ich habe mich so in ihnen getäuscht. Ja, das weiß ich jetzt. Schade. Das ist sehr schade. Ich hatte gedacht, sie seien anders. Besser. Zumindest besser als die anderen da." Bei diesen Worten zeigte er zu den bibbernden Alten herüber. Einer von ihnen hatte eben seinen Kopf, den er im Sand verbuddelt hatte, wieder hervorgeholt. Doch als er bemerkte, daß man auf ihn zeigte, war sein graues Haupt in Sekundenschnelle wieder mit Sand bedeckt.
"Sie waren mutig. Das hatte ich ihnen angesehen. Gleich zu Anfang so weit in die Tiefe zu schauen, hat sich in der Zwischenzeit noch niemand getraut. Aber letztendlich sind sie auch nicht anders als diese anderen feigen Kreaturen, die ihre Antworten suchen und finden, dann aufgeben und sich selbst Schönwetter vorgaukeln. Auch sie versuchen diese Alternativen. Oh, aber ja, die sind ja so einfach. Wenn ein Problem ansteht, muß man nur dafür sorgen, daß es weiterhin ansteht. Zusammen mit den anderen übrigen Problemen, die dort schon in der Reihe stehen und warten. Und wenn es dann immer mehr und mehr werden, dann knarren zwar die Türen und deren Stützbalken unter dem Gewicht der wartenden Lasten, aber was soll's denn? Alternativen sind die Übersetzungen für 'bequeme Umwege'. Warum also nicht nutzen?"
Er tat ein paar Schritte nach vorne und ich klammerte mich fester, denn das Plateau neigte sich wieder um einige Meter.
"DU VERSUCHST, DIE ZEIT ZU ÜBERLISTEN!!" brüllte er zu mir herüber und tippte sich dabei mit Wucht den Zeigefinger gegen die Stirn. "Muß man denn erst dumm sein, um zu begreifen, daß es auch anders geht? Mußt du erst dumm sein?! Aber ja, aber ja, Schnelligkeit ist ja gut, Eile ist ja günstig und schön und ein Loch kann auch jeder buddeln, durch das dann das Wasser rinnen darf.
Steter Tropfen höhlt den Stein. Auch Wasser muß reifen. Schon mal davon gehört?"
Seine Frage forderte eine Antwort. Doch ich war nicht fähig, auch nur einen Ton herauszubringen.
Da wandte er sich wieder dem Rand zu. Wieder bebte es, doch sank nun das Plateau wieder der Waagerechten zu. Kurz vor dem Rand drehte sich der Mann mit dem Morgenmantel noch einmal zu mir um.
"Du wirst das lassen! Hörst du! Ich werde das nicht zulassen! Hast du verstanden?!!" Ich nickte schnell.
Damit setzte er sich wieder an die Kante. Allerdings ein paar Meter weiter links von seinem vorherigen Platz.
Und plötzlich war wieder alles beim Alten. Es wankte alles nur noch ein wenig, pendelte sich aus und war still.
Ich brauchte eine Weile, um mich von diesem Ereignis zu erholen. Dann schließlich wagte ich es und bewegte mich. Zuerst nur die Augen, dann auch mal einen Muskel.
Doch fand ich einiges verändert. Nicht nur, das der Herr im Morgenmantel nun woanders saß, auch die Stelle, an der das Wasser nun über die Kanten der Schalen schwappte, war etwas weiter nach rechts verschoben. Genau in die Richtung, in die sich auch der Sitzplatz des Herrn im Morgenmantel verlegt hatte. Das konnte doch kein Zufall sein.
Mir offenbarte sich plötzlich ein eigenartiges Bild von dieser Welt:
Dieser Schulplatz schwebte nicht. Dieser Schulplatz stand nirgends drauf und er flog auch nicht einfach so.
Der Morgenmantelmann ... war ein Gewicht.
Dieses Beben, wenn er aufstand, wenn er sich zur Mitte hin bewegte. Das Anheben auf dieser und das Senken auf der anderen Seite des Brunnens, wo sich schließlich die Schule befand ...
Die Trauerweide war ein Gegengewicht. - Und zwar für den Spielplatz.
Der Morgenmantelmann war auch ein Gegengewicht. Und zwar für die Schule. Doch war er irgendwie schwerer als die Schule.
Und der Brunnen war die genaue Mitte. In der Zwischenzeit war er die Mitte.
Aber demnach war dieser fadendünne Strahl nicht nur Wasser.
Und das Wasser war auch nicht nur die vergehende Zeit.
An diesem fadendünnen Strahl Wasser ... hing alles.

* * *

Langsam und vorsichtig, so als ob jeder Schritt meinen Durchbruch bedeuten würde, bewegte ich mich vorwärts auf den Rand und auf den Mann zu. Ich hatte keinerlei Lust, diesen Schwindel von einst noch einmal zu erleben. Das hatte mir gereicht. Aber trotzdem mußte ich endlich zu diesem eigentümlichen Typen mit dem Morgenmantel und den seit Jahren nassen Haaren. Ich brauchte mehrere Tage, um bis auf die Nähe von sieben, acht Meter an ihn heranzukommen, als er plötzlich, ohne sich zu mir umzudrehen, sagte:
"Sie brauchen sich nicht so anzuschleichen. Setzen sie sich hier zu mir hin und gut ist."
"ES TUT MIR LEID!" schrie ich ihm zu.
"Was tut ihnen leid?"
"Das mit dem Loch. Ich wußte das alles nicht. - Daß man das nicht darf, meine ich."
"Schon gut. Nun setzen sie sich schon hier hin." Dabei klopfte er mit der flachen Hand auf den Boden rechts neben sich.
"Ich ... ich traue mich nicht", gestand ich.
Da drehte er sich zu mir um und lächelte mich an.
"So kommen sie schon. Glauben sie mir. So schlimm ist es immer nur auf den ersten Blick."
"Wenn sie meinen", murmelte ich und tat, wie mir geheißen war.
Er hatte recht. Ganz so schlimm war es gar nicht mehr, wenn man es erst einmal kannte. So saßen wir dort und starrten eine lange Zeit in das bunte Schillern. Einen Tag. Zwei Tage. Und hinter uns füllte sich die fünfzehnte Schale.
"Warum sind Sie schwerer als die Schule?" fragte ich irgendwann.
"Weil ich schwerer zu verstehen bin als die Schule", antwortete er.
"Schwerer oder schwieriger?" fragte ich.
"Ob das eine oder das andere. In beiden Fällen belastet dich etwas, oder?"
Wie auch immer ich eine ganze weitere Schale lang darüber nachdachte, ich wußte dem nichts entgegenzusetzen. Irgendwann fragte er mich dann:
"Hast du deine Aufgabe gemacht?"
"Ich habe nicht viel auf", sagte ich.
"War das eine Antwort?"
"Es ... ist sehr ... schwierig."
"Vielleicht kann ich dir ja helfen."
Insgeheim hatte ich auf ein solches Angebot gehofft.
"Was sagt im Regenland ein Fuchs unterm Baum?" nannte ich ihm die Frage.
Er zog die Augenbrauen in die Stirn.
"Das ist tatsächlich schwierig", sagte er und ich ließ resigniert die Schultern hängen.
"Ich werde wohl niemals hier fort können."
"Ich habe nicht gesagt, daß es unmöglich ist, diese Aufgabe zu lösen, Dummkopf. Hast du dir überhaupt mal über die Lösung Gedanken gemacht?"
Erst jetzt bemerkte ich, daß ich mir, seit mir die Frage gestellt wurde, immer nur darüber Gedanken gemacht habe, wie ich vielleicht die Antwort umgehen könnte. Dabei habe ich mich eigentlich nie richtig um die Lösung gekümmert. Ertappt schüttelte ich den Kopf.
"Was sagt im Regenland ein Fuchs unterm Baum?" wiederholte der Herr im Morgenmantel. Es war das erste von ungefähr einem Dutzend Male während der nächsten Jahre, daß er sich diese Frage murmelnd wiederholte. Er sprach die Worte stets so langsam und mit einer solcher Konzentration, als buchstabiere er sie. Das Wasser schwappte über die zwanzigste Schale und ich entdeckte an meinem Nebenmann ein paar nasse, graue Haare.
Dann plötzlich sagte er:
"Was ist der Fuchs für ein Tier?"
Ich wußte erst gar nicht was er meinte.
"Ein Säugetier", antwortete ich und zählte die Einzelheiten auf, die ich in meinem Gedächtnis unter dem Schlagwort 'Fuchs' fand. "Er ist Fleischfresser ... hat ein rotes ..."
"Ach was, vergiß das!" schnauzte der Mann dazwischen. "Ich will nicht wissen, woran man einen Fuchs erkennt. Wenn ich einen Fuchs sehe, weiß ich, daß es ein Fuchs ist. Ich möchte von dir wissen, wie ein Fuchs ist. Was weißt du über ihn?"
"Er ist ... Einzelgänger ... glaube ich", formulierte ich vorsichtig, denn ich brauchte einige Zeit, um in meinem Gedächtnis etwas Brauchbares zu finden.
"Glaubst du es oder weißt du es?"
"Ich weiß es nicht genau. Ich glaube es. Ich kenne kein Bild von Füchsen im Rudel."
"Das ist gut", sagte er lächelnd. Das verwirrte mich etwas. "Wenn du etwas nur glaubst, aber nicht weißt, dann hast du ein eigenes Bild von einem Fuchs. Verstehst du? Es ist dann nicht wichtig, ob dein Bild von einem Fuchs auch wirklich so wirklich ist. Weiter, Junge, du bist auf dem richtigen Weg."
Mein Verstand verstand das nicht. Doch gestand ich es nicht.
"Der Fuchs ... der Fuchs ..." Da traf mich der Geistesblitz: "... ist schlau."
Der Mann schaute mich listig von der Seite an.
"Glaubst du das oder weißt du es?"
"Es paßt zu ihm, finde ich."
"Definiere mir 'schlau' ", forderte er mich auf. Ich dachte nicht weiter darüber nach und tat es einfach.
"Schlau ... klug, pfiffig, clever, gerissen, listig, ... na, schlau eben."
"Was meinst du: Weiß der Fuchs, daß er schlau ist und wie schlau er ist?"
"Kann ich mir nicht vorstellen. Und selbst, wenn er es wüßte, wäre er zu schlau, es zuzugeben."
"Gut", sagte er begeistert und gab sich damit zufrieden. Daraufhin versank er erneut in jahrelanges Schweigen, in dem er vom konzentrierten Nachdenken sichtlich alterte. Falten gruben sich in sein Gesicht. Seine stets nachdenklich gerunzelte Stirn verdrängte den Haaransatz. Die einundzwanzigste Schale füllte sich. Und auch die zweiundzwanzigste und eine halbe dreiundzwanzigste. Ich gestehe, ich wurde langsam ungeduldig und besorgt.
Ganz plötzlich und ohne Vorwarnung beendete der Greis sein Schweigen.
"Was ist das Regenland eigentlich?"
"Weiß nicht", gestand ich. "Das Amazonasgebiet vielleicht."
"Nein", schüttelte er den Kopf. "Das Amazonasgebiet hat in der Zwischenzeit zu viel verloren. Gibt es da überhaupt Füchse?"
"Es gibt dort Regen. Viel Regen."
"Ja, genau. Und deshalb nennt man das Gebiet Regenwald. - Und nicht Regenland. Es gibt keine Veranlassung zu denken, mit 'Regenland' sei das Gebiet um den Amazonas gemeint."
Ich mußte ihm rechtgeben. "Ich hatte nur frei assoziiert", versuchte ich mich zu rechtfertigen.
"Ja, das ist ja auch gut", gab der Herr neben mir zu.
Ein Weidenblatt wehte vorbei. Der Mann im Morgenmantel schnappte es sich mit flinken Fingern und zerdrückte es.
"Der erste Eindruck ist nicht immer gleich der richtige."
Ich war überrascht, doch schob ich es auf den Zufall, daß das Weidenblattsprüchlein so paßte.
"Ich fange anders an. Mal ganz ab von der Frage, wo es denn wohl sein könnte: Wie sieht es denn aus in einem Regenland? Was glaubst du?"
"Es regnet viel. Sehr viel. O ja, es wird wahrscheinlich beherrscht vom Regen. Sonst hieße es ja nicht Regenland."
"Ja, genau. Also?"
"Es wird dort wohl sehr viel wachsen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Viele Pflanzen. Viel Grün. Saftiges Grün."
"Hohe Pflanzen? Bäume?"
"Ja, doch. Obwohl - in Großbritannien und Irland regnet es ja auch viel, aber dort sind nicht sehr viele Bäume..."
"Hey!" unterbrach er mich und rammte mir sanft den Ellbogen gegen die Rippen. "Genau das ist doch der Trick, verstehst du nicht? Es ist überhaupt nicht wichtig, wo sich das Regenland eigentlich befindet, sondern wie das Regenland ist. Und zwar dort oben - bei dir - ist." Dabei tippte er mir mit dem Finger gegen die Stirn. "Da spielen klimatische Verhältnisse oder sonstige Einflüsse keinerlei Rolle. In deinem Regenland herrscht der Regen, denn sonst hieße es ja nicht Regenland. Also? Wie sieht dein Regenland aus? Hat es Bäume?"
"Oja", sagte ich. "Sehr viele und sehr hohe Bäume. Eigentlich ist es ein Wald, der alles mit seinen großen, dunklen Blättern bedeckt."
Er zog eine krause Miene, die mich zusammenzucken ließ, weil ich für einen Augenblick glaubte, ich sei ihm in eine Falle gelaufen.
"Wofür, glaubst du, sind diese großen, dunklen Blätter?"
"Na, um den Waldboden und die niedrigeren Pflanzen vor dem vielen Wasser und natürlich auch vor der Sonne zu schützen."
"Welcher Sonne? Mein Junge, ich spüre, du rutscht schon wieder durch Klimazonen, die dir andere Welten vorgeben. Du bist nicht am Amazonas, nicht am Äquator und auch nicht in Irland oder sonst wo.
Hör zu. Ich sage es dir noch einmal: Du bist in einem Regenland. Allein das ist dir vorgegeben. Und trotz dem ist es nun dein Regenland. Es ist deine Aufgabe. Du bist in deinem Regenland und in dem herrscht der Regen. Und es hat deine Logik.
Nun denke nach. Denke noch einmal gründlich nach. Nimm dir Zeit, noch hast du sie. Schließe die Augen dabei. Ja, los, mach deine Augen zu. Nimm dir die Zeit und denke nach, wie es in deinem Regenland aussieht. Stelle es dir vor. Ich möchte, daß du jedes einzelne Blatt dieses Waldes vor Augen hast."
Ich hatte die Augen geschlossen und stellte mir das Regenland vor. Mein Regenland. Es glich zunächst dem Bild, das ich von ihm hatte. Viel Grün, Sonne und so. Doch merkte ich, daß tatsächlich irgend etwas nicht stimmte. Nicht stimmen konnte. Es war in einer unrealistischen Art unlogisch. Und so veränderte es sich langsam.
Riesige Baumstämme, dick wie Säulen, dicht an dicht, machten den Durchgang eng und ein weiträumiges Sehen unmöglich. Mannshohe Sträucher und Büsche füllten den verbleibenden Untergrund aus. Der Waldboden dazwischen war hüfthoch vom Wasser überschwemmt. Nur einige Erhöhungen, die dem Wasser entsteigen konnten, waren wie ein Teppich mit saftigem, gelbgrünen Gras überdeckt, das vor Nässe schmatzte.
Die Luft roch frisch und feucht. Aber auch kalt. Die Sträucher, die groß gewachsen und kräftig waren, trugen keine Blüten und keine Beeren. Die Blätter waren groß und gelb, da sie alles, was sie brauchten, in Mengen bekamen.
- Außer Sonne.
Nirgends waren Blumen zu sehen. Es war dunkel hier und ich fühlte mich naß und unbehaglich. Ich schaute nach oben. Die mächtigen Baumsäulen, deren Rindenmäntel rissig und völlig ast- und grünlos waren, trugen erst ganz weit oben ein dunkelgrünes Blätterdach. Dicke Tropfen fielen mir von dort oben entgegen, weil dieses Dach aus lichtem Laub das Regenwasser nicht mehr aufhalten konnte. Ewiger Regen mußte ja schließlich irgendwo hin. Zwischen den großen, dunklen Blättern, die sich unter der Dauerberieselung bogen, sah ich das triste, verregnete Grau des Regenlandhimmels. Die dicken, zusammengesammelten Tropfen rasten mir in der Tiefe entgegen wie kleine fallende Bomben. --
Ich blinzelte. Ich schluckte. Ich sah den Herrn im Morgenmantel an.
"Es regnet", sagte ich fassungslos. "In meinem Regenland regnet es auch unter den Bäumen. Wenn es ständig regnet, bringt es nicht viel, sich unterzustellen." Ich mußte weinen. Ich wußte nicht genau warum, aber ich fand die Tatsache des ständigen Unterstellens und dessen Nutzlosigkeit so entsetzlich traurig, daß ich einfach das Bedürfnis verspürte zu weinen. Also weinte ich einfach. Ich lehnte mich an die feuchte Morgenmantelschulter des Greises und ließ meinen Tränen freien Lauf.
"Das ist gut", sprach der alte Mann sanft und strich über meinen Kopf. "Das ist sehr gut, mein kleiner Fuchs."
Erschrocken rückte ich zurück und starrte den Alten an. Mit einem Male japste ich wie nach einem Marathonlauf und in meinem Kopf wirbelte ein Sandsturm mit großem Getöse auf. Meine Ohren begannen zu rauschen. Es war, als habe sich in meiner ganzen Zeit, die ich bereits hier war, eine dicke Staubschicht über all meine Gehirnzellen gelegt. Und ganz plötzlich war dieser Staub von einem mächtigen Atem weggeblasen worden. Millionen Staubpartikel stoben hinter meinen Augen umher und ich entdeckte nun schemenhaft, was ich vorher nie bemerkt hatte, weil es unter dem Staub gewachsen war. Milchglasklar lag es vor mir. Doch konnte ich es noch nicht deutlich sehen. Und es bereitete mir arge Mühe zu verhindern, daß der herabrieselnde Staub wieder alles unter sich verbarg.
Ich habe keine Ahnung, wie lange es dauerte, bis ich wieder einiger Worte fähig war. Ein schallendes Geräusch, als würde Wasser in eine sehr, sehr große metallene Schale gegossen, weckte mich aus meiner Starre.
"Wer bist du?" ächzte ich.
"Ich bin ich. Das sagte ich dir."
"Du kannst nicht ich sein. Ich bin ich schon. Warum sagst du mir nicht, wer du bist?"
"Ich habe dich nicht gebeten, mich darüber auszufragen."
"Aber warum? Was ist das für ein Geheimnis um dich? Du bringst mich zu meiner Welt und verweigerst mir dann den Weg zu deiner. Was soll das?"
Ein leiser Windhauch ließ wieder ein Weidenblatt vorüberwehen. Der Mann schnappte es sich, ohne hinzuschauen und ohne weiter auf meine Frage einzugehen.
"Takt ist nicht Metronomensache",
knurrte das Blatt, als es zerdrückt wurde und meine weiteren Fragen erschrocken verstummen ließ.
"Du brauchst mich nun nicht mehr", sagte der Greis im Morgenmantel. Er zog die Beine hoch und ließ sich auf die linke Seite sinken. Einige Minuten später vernahm ich leises, grunzendes Schnarchen, das mir tiefen Schlaf versicherte Doch es garantierte mir auch, unverzüglich wieder zu erwachen, wenn ich den Versuch des Lochgrabens noch einmal in Erwägung ziehen sollte.
Dies, so weit ...
Fortsetzung -> "Dort" - 3.Teil
 

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