Dosissteigerung

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juliawa

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Im Fernsehen und im Kino sehen wir Schauspieler, die auf Grund ihres "Charismas", ihres "gewissen Etwas" oder schlicht ihres Aussehens ausgewählt wurden, um möglichst viele Leute vor die Kinoleinwände oder den Fernsehbildschirm zu locken.
Auf Instagram lassen sich ganz ungewöhnlich schöne Menschen in besonders reizvollen Posen und mit verführerischen Gesichtsausdrücken ablichten.

Der Leser soll kurz für sich selbst den für ihn schönsten bzw. reizvollsten oder interessantesten Menschen aussuchen, den er nicht persönlich, sondern nur via einer dieser Medien (Fernsehen, Kino, Internet) kennt.
Dann soll er sich bemühen, so zu tun, als hätte er diesen Menschen vergessen. Als hätte er ihn noch nie gesehen.
Jetzt stellt euch vor, diese Person würde euch morgen in der Bahn zufällig gegenüber sitzen. Wie würdet ihr reagieren? Welches Gefühl hättet ihr dabei?

Ich glaube, vor 500 Jahren hatten die Menschen Erlebnisse von ähnlicher Qualität wie die hypothetische Bahnbegegnung deutlich häufiger, als wir sie heute erleben dürfen. Damit meine ich natürlich nicht, die Menschen des 16. Jahrhunders wären ihren Lieblingsschauspielern häufiger im Bus begegnet.
Aber sie sind wahrscheinlich häufiger auf Menschen gestoßen, die sie für besonders schön oder reizvoll hielten.

Stellt euch einen Bauernjungen im Mittelalter vor, der sein isoliertes, ärmliches Dorf noch kaum je verlassen hat. Jeden Tag sieht er die gleichen Gesichter. Da besucht eines Tages ein Mädchen aus der Stadt das Dorf.
Sie müsste wohl gar nicht besonders attraktiv sein. Allein schon die Tatsache, dass der Junge ein neues Gesicht sieht (noch dazu eines, mit dem er nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit über ein paar Ecken verwandt ist) würde wahrscheinlich dazu führen, dass er sich in sie verlieben wird, und die Begegnung sein Leben lang in Erinnerung behält.
Denn Schönheit, aber auch alle anderen subjektiven Empfindungen, sind relative Größen. Man nimmt sie nur im Vergleich zu weniger schönen Dingen war.
Im Mittelalter verfielen die Leute vor bunten Kirchenfenstern in regelrechte Ekstase.
Der Grund für diese scheinbar übertriebene Reaktion ist einfach, dass das Leben im Mittelalter nicht viel Schönes zu bieten hatte. Ärmliche Lehmhütten, zwischen denen Straßen aus Dreck verliefen. Über Allem der Geruch von Exkrementen.
So betrachtet ist die Entzückung dieser Leute über ein Stück buntes Glas keine Überraschung.

Heute würden die meisten an diesen schlichten Kirchenfenstern wohl achselzuckend vorrübergehen und wahrscheinlich etwas Ähnliches sagen, wie "Hab schon besseres gesehen" Und Recht hätten sie damit!

"Hab schon besseres gesehen", ist ein Satz, den wir in unseren Zeiten auf fast alles und jeden anwenden können. Denn wenn Empfindungen wie Schönheit relativ sind, dann werden durch die ständige Bombardierung durch schöne Menschen in Fernsehen, Werbung, Instagram, etc. alle anderen Menschen (euch und mich eingeschlossen) im Bewusstsein der anderen und in unserem eigenen, immer hässlicher und reizloser.

Dieser Effekt beschränkt sich natürlich nicht auf physische Schönheit. Er gilt z.B auch für Fähigkeiten. Egal, wie gut du etwas kannst, auf youtube gibt es ein fünfjähriges asiatischen Kind das es besser kann

Durch den unendlichen Pool an Gesichtern und Erfahrungen, der uns digital zur Verfügung steht, durch die immer größer werdende Transparenz und Vergleichbarkeit mit anderen, scheint unser eigenes Alltagsleben zu verblassen.

Eine Dosissteigerung, um dieselbe Wirkung zu erzielen; das gilt nicht nur beim Thema Drogen. Nach diesem Grundsatz funktioniert das Motivationssystem in unserem Gehirn. Alles, was uns Freude bereitet, muss in seiner Intensitität mit der Zeit erhöht werden, ansonsten beginnen wir, uns zu langweilen.

Das unendliche Angebot an Pornographie im Internet macht schließlich auch unseren Sex und alles, was damit zusammenhängt (vermutlich eine der größten Motivationsquellen der meisten Menschen) immer langweiliger. Denn: "Hab schon besseres gesehen"
 

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