Doyle on Instagram

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„Doyle, sagtest du?“
„Genau. Doyle wie Doyle. Mit D.“
„Der Typ macht mich krank.“
„Uns alle.“
„Ja, gut, meinetwegen. Aber ich war die einzige von uns, die mit ihm im Bett war.“
„Scheiße, das wusste ich nicht! Kein Gedanke.“
„Was eindeutig für dich spricht.“
„Dass ich mir das never hätte vorstellen können, spricht wohl eher für dich, Süße.“

Irgendetwas, was wir wissen sollten über Doyle? Das Wichtigste: Sein Körper ist nicht definiert. Ist das ein Statement oder ein Zeichen von Schwäche, Trägheit, Antriebslosigkeit? Als Sarah ihn in diesem Club auf der Tanzfläche mit nacktem Oberkörper - mit nacktem Oberkörper! - sah, war sie hin und weg und in einen Gefühlszustand versetzt, von dem sie nicht einmal geahnt hatte, dass er überhaupt existiert. Jungenkörper müssen nicht hart sein, es gibt sie auch in weich. Zartes Dahinschmelzen. Schwer erträglich der Gedanke, das, was sie da sah, nicht anzufassen (was, und das wusste sie natürlich, zum Glück kein großes Problem darstellen würde). Doyle kam ihr tollkühn vor, a rebel without a cause. Oder vielleicht hatte er doch einen.

„Ich glaube einfach, dass wir etwas Besseres verdient haben als irgendwelche Jungs, denen der Gedanke gefällt, sich gemeinsam mit uns auf Instagram abbilden zu lassen. Die die Hälfte ihrer Zeit damit verbringen, ins Fitnessstudio zu rennen - deswegen.“
„Ich muss lachen.“
„Ja, sehe ich. Steht dir.“
„Also was jetzt?“
„Was? Das: Ich dachte einfach, wer einen solchen Oberkörper hat - freiwillig! Mit 19! -, der kann einfach kein schlechter Mensch sein, Sab.“
„Kann nicht sein, dass er Dir wirklich gefallen hat. Das ist zu weird.“
„Doch, hat er. Aber, klar: D wie Doyle ist niemand, mit dem ich mich auf Instagram zeigen würde.“
„Mit dem du aber ins Bett gehen würdest. Beziehungsweise gegangen bist.“
„Komm, wir wissen beide, dass das nicht halb so schlimm ist.“
 

juliawa

Mitglied
Hallo Jürgen Hoffmann

Der Text hat eine interessante Thematik, aber ich finde, da hättest du mehr draus machen können.

Zum ersten Abschnitt: Finde ich verwirrend. Wann wechseln die Sprecher? Sind es zwei oder drei Leute? Oder noch mehr?
Warum "macht der Typ sie krank" ? Nur weil er keinen definierten Oberkörper hat? Der Text impliziert, dass das für einen 19-jährigen absolut ungewöhnlich ist. Das ist nicht richtig. Noch nie waren so viele junge Leute übergewichtig.
Noch eine Kleinigkeit: was soll das mit dem "Doyle mit D"? wie soll man ihn sonst schreiben? Die Aussprache lässt hier doch keinen Zweifel zu.

Zum Rest des Textes: Man will als Leser mehr über Doyle erfahren. Jetzt weiß ich nur, dass er keinen definierten Oberkörper hat und irgendwie rebellisch wirkt.

Zum letzten Abschnitt: Finde ich unglaubwürdig. Die Protagonistin ist entschieden gegen dieses oberflächliche Posieren auf Instagram, schläft aus diesem Grund mit einem Jungen, der für sie das genaue Gegenteil verkörpert und beharrt dann darauf, sie würde sich niemals mit ihm auf Instagram zeigen lassen?


Ich verstehe natürlich, was du mit dem Text ausdrücken wolltest. Der Schönheitswahn der jungen Generation nimmt immer extremere Züge an. Fast jeder, den ich kenne, geht in ein Fitneßstudio (was nicht heißt, dass alle von ihnen definierte Körper haben). In der Generation meiner Eltern ging so gut wie niemand in ein Fitneßstudio. Wenn ich mir alte Fotos aus den 80er Jahren anschaue, habe ich das Gefühl, die Mädchen heute benutzen deutlich mehr Make-up . Auch die Jungs heute scheinen sich mehr Gedanken über ihr Aussehen zu machen als vor 40 Jahren.

Warum ist das so? Klar, soziale Medien wie Facebook und Instagram, die dazu ermuntern, sich mit anderen zu vergleichen, spielen sicher eine Rolle.
Ein anderer Grund ist meiner Meinung nach die sexuelle Liberalisierung seit 1968. (Die natürlich auch ihre guten Seiten hat!)
Um einen Vergleich mit der Marktwirtschaft zu ziehen: Ein unregulierter Partnermarkt (die weggefallene Regulierung ist die Monogamie und die strikte Sexualmoral, die vor den 60er Jahren noch herrschten) erzeugt einen gewaltigen Konkurrenzdruck mit sehr ungleichen Ergebnissen, genau wie eine unregulierte Marktwirtschaft einen hohen Konkurrenzdruck um wirtschaftliche Ressourcen erzeugt.
Kennst du Michel Houellebecq? der hat genau das in einem seiner Bücher aufgegriffen. Man kann von ihm halten, was man will, aber langweilig sind seine Bücher nicht.

So, jetzt bin ich vielleicht etwas abgeschweift. Ich freue mich, mehr von dir zu lesen. Dann ruhig auch etwas längere Texte, die dem Thema besser gerecht werden

Liebe Grüße
juliawa
 
Oh, Houellebecq gehört zu meinen absoluten Säulenheiligen. Im Grunde ist mein kleiner Text so etwas wie ein Mini-Mini-Mini-Kommentar zu "Ausweitung der Kampfzone".
Viel an dem Text in inkonsistent, meine Antwort darauf ist die dümmste, die man als Autor darauf geben kann: "Das soll ja auch so sein." Will sagen: Deine Kritik ist klug und vollkommen berechtigt. Aber so etwas wie "Doyle wie Doyle" ist nur Sound genauso wie "Rebel without a cause" nur Pop ist. Wenn es schief geht, klingt so etwas bemüht und lächerlich, wenn es gut geht, hat es eine Wahrheit. Zum echten Inhalt, den es in dem Text ja auch noch gibt: Stimmt, es gibt immer mehr Dicke, aber es gibt einen anderen Blick auf (auch dicke) Körper, eben wegen: Social Media. Und, letzter Punkt: Die Pointe des Textes besteht darin, dass sie mit ihm schläft, obwohl sie sich niemals auf Instagram mit ihm zeigen würde. Und ganz zum Schluss: Solche Leser wie Dich kann man sich echt nur wünschen. Ganz herzlichen Dank für Deinen klugen Kommentar (dem ich - Marktwirtschaft und Houellebecq - in vielen Punkten ausdrücklich zustimme).
 

juliawa

Mitglied
Oh, Houellebecq gehört zu meinen absoluten Säulenheiligen. Im Grunde ist mein kleiner Text so etwas wie ein Mini-Mini-Mini-Kommentar zu "Ausweitung der Kampfzone".
Viel an dem Text in inkonsistent, meine Antwort darauf ist die dümmste, die man als Autor darauf geben kann: "Das soll ja auch so sein." Will sagen: Deine Kritik ist klug und vollkommen berechtigt. Aber so etwas wie "Doyle wie Doyle" ist nur Sound genauso wie "Rebel without a cause" nur Pop ist. ).
Krass, genau auf "Ausweitung der Kampfzone" hab ich mit meinem Kommentar angespielt. (Ist meiner Meinung nach ein deutlich besseres Buch als das bekanntere Unterwerfung )
Achso, ich glaube ich verstehe jetzt "Doyle wie Doyle", das war wohl eher so als Spruch gemeint und kein tatsächliches Bemühen, den Namen zu buchstabieren (sorry, da stand ich auf dem Schlauch)


Stimmt, es gibt immer mehr Dicke, aber es gibt einen anderen Blick auf (auch dicke) Körper, eben wegen: Social Media.
Ja, das stimmt natürlich

Und, letzter Punkt: Die Pointe des Textes besteht darin, dass sie mit ihm schläft, obwohl sie sich niemals auf Instagram mit ihm zeigen würde.
Hmm, ok. Weiß nicht, ob ich das glaubwürdig finde.
Und ganz zum Schluss: Solche Leser wie Dich kann man sich echt nur wünschen. Ganz herzlichen Dank für Deinen klugen Kommentar
Da werd ich ja ganz rot. :) Gern geschehen! Du hast ja auch unter meinen Texten oft detaillierte Kommentare gelassen.

Man liest sich
juliawa
 
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DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Jürgen Hoffmann,

als Kurzgeschichte ist der Text ein bisschen dünn, deswegen verschiebe ich ihn die Kurzprosa.

Ansonsten ist das Ganze etwas verwirrend und man muss höllisch aufpassen, wer denn nun spricht. Das Thema Schönheitswahn hast Du zwar gut aufs Korn genommen, aber es sind zu viele Fragezeichen dabei.

Irgendetwas, was wir wissen sollten über Doyle? Das Wichtigste: Sein Körper ist nicht definiert.
Doch, der Leser möchte durchaus etwas über Doyle wissen. Nicht nur, dass sein Körper undefiniert ist, was auch immer das heißen mag.


Doyle kam ihr tollkühn vor, a rebel without a cause.
Jetzt sieht man Doyle als kleinen (oder großen) Bruder von James Dean vor sich .... der irgendwie aus der Art geschlagen ist, also figurmäßig ....


Ich dachte einfach, wer einen solchen Oberkörper hat - freiwillig! Mit 19! -, der kann einfach kein schlechter Mensch sein, Sab.“
Warum kann er kein schlechter Mensch - wie und wer auch immer das definiert - sein?


D wie Doyle ist niemand, mit dem ich mich auf Instagram zeigen würde.“

Das ist der beste Satz, weil entlarvend.

Viele Grüße

DS
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Jürgen,

vordergründig eine Reduzierung auf Äußerlichkeiten, aber ist es das wirklich?
Für mich ist der "rebel without a cause" eigentlich die Frau, die mit Doyle geschlafen hat.
Sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße
Manfred
 

juliawa

Mitglied
Das passt dann aber nicht zum Schluss des Textes. Die Protagonistin, also die Freundin von Doyle, handelt zu widersprüchlich.

„Ich glaube einfach, dass wir etwas Besseres verdient haben als irgendwelche Jungs, denen der Gedanke gefällt, sich gemeinsam mit uns auf Instagram abbilden zu lassen. Die die Hälfte ihrer Zeit damit verbringen, ins Fitnessstudio zu rennen - deswegen.“
Und dann will sie sich nicht mit ihm auf Instagram zeigen lassen? Wenn sie das ganze Instagram-Getue so sehr hasst, wieso nimmt sie dann daran Teil?
 
Hi Juliawa, die Geschichte ist einfach nicht so "psychologisch". Einerseits verachtet Sarah diese Bachelor-Typen ("wir verdienen etwas Besseres"), andererseits ist sie natürlich selbst Teil dieser Instagram-Generation und spielt nach deren Regeln. Mit Doyle zu schlafen ist irgendwie krass und somehow "subversiv". Aber, und das ist die Pointe: mit ihm schlafen, okay - aber sich mit jemanden wie Doyle auf Instagram zu zeigen, das ginge ihr dann doch zu weit. Das wäre zu intim. Und allgemein: für mich sind die drei Personen des Textes keine Individuen, die es zu verstehen gilt, sondern Stellvertreter. Sich den Social-Media-Regeln zu unterwerfen, bedeutet ja nicht, dass man sie nicht gleichzeitig teilweise verachten kann. Ähnliches kennt ja auch meine Babyboomer-Generation: Wir haben uns komplett und aus Überzeugung dem Leistungsgedanken verschrieben, und doch gibt es da auch noch dieses andere Gefühl: Hass auf den Kapitalismus.
 
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