Drama

muskl

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Drama


Es war wieder passiert, wie so oft. Er war es eingegangen, hatte nach relativ kurzer Zeit ein gutes Gefühl dafür entwickelt und die Situation scheinbar klar gesehen. Das war der Punkt an dem eine Entscheidung fällig, die er aber wieder nicht traf, wie immer. Seltsamerweise passierte es ihn immer und nur in dieser Situation. Danach wachte er immer auf, als wären ihm Schleier vor den Augen entfernt worden und er hatte so etwas wie einen schlimmen Kater nach einer durchzechten Nacht. In großer Verzweiflung schwor er sich dann regelmäßig, beim nächsten mal auf seine Gefühle und Wahrnehmungen zu hören und kein Stück davon abzuweichen. Aber immer wieder kam es zu einem nächsten mal und es begann wieder von vorn. Es war wie sein persönliches Drama, das er immer wiederholte.

Das Wesen persönlicher Dramen war, man konnte sie erst erkennen, sobald sie abgelaufen waren. Verschiedene Situationen ähnelten sich und schienen immer wieder den gleichen Ablauf zu haben. Automatisierung hatte ja durchaus auch positive Seiten, manche Prozesse ließen sich dadurch beschleunigen, ohne über den Prozess nachzudenken. Betrüblich nur, das es diesen Ablauf auch im negativen gab, der natürlich zu den Oft eher unangenehmen Erlebnissen führte. Wie bei allem gehörte auch hier das Negative zum Positiven und umgekehrt, was es aber nicht unbedingt leichter machte.

Gemeinsam hatten sie alle, dass sie wie ein Computerprogramm in die Persönlichkeit implementiert waren. Wenn man es großzügig sehen wollte oder konnte, übergab man die Verantwortung der Programmierung, dem Leben selbst, so das die Erfahrungen automatisch zur Programmierung führten.
Daraus würde sich die Logik entwickeln, alte Erfahrungen werden durch neue abgelöst, also eine neue für eine alte Programmierung. Wenn man irgendwann einmal eine bestimmte schlechte Erfahrung gemacht hatte, würde sie durch eine gute ausgelöscht werden. Vorraussetzung dafür wäre natürlich, eine bessere Erfahrung zu erkennen, sie als richtig wahrzunehmen. Sie dann aufzunehmen und zu speichern, dürfte dann ja eigentlich kein Problem mehr sein. Es wird also immer wieder auf eine bessere Möglichkeit gewartet, um sie dann für sich zu gebrauchen.

Was ist in dem Fall aber mit der alten Programmierung? Sie wird sich ja wohl nicht mitten im Hirn auflösen, Wenn, zu was löst sie sich auf. Es wird ja wohl kein feiner Nebel sein, oder in der anderen Form als Wasser, obwohl man das bei den meisten Menschen leicht vermuten könnte. Auf einem Computer sind gelöschte Dateien auch nur scheinbar gelöscht, sie sind immer noch da, deswegen können sie auch oft wieder hergestellt werden, bloß ein Zugriff kann nicht mehr stattfinden. Also können sich alte Erfahrungen sich nicht zu nichts auflösen, sie spuken immer noch im Hirn herum und warten auf ihre Reaktivierung. Sie dürften sich in dieser Lage ziemlich zurück gestoßen fühlen, also nur auf den Moment zu warten, wenn ihre Erfahrung wieder gebraucht würde. Das wäre dann wohl die zufällige Variante.

Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass die alten Erfahrungen keine neuen zulassen. Sie hängen weitere Erfahrungen einfach an sich an, dabei würden sämtliche Zugriffe erst einmal über sie gehen. Somit würden sie die Kontrolle über den gesamten Prozess haben, was ausgelöst wird, entscheiden sie alleine. Das wäre wohl dann die diktatorische Variante. Allerdings würde es sich dabei nur um eine Erfahrung drehen, aber es gibt ja viele Erfahrungen, damit liegt der Gedanke nahe, dass es sich um mehrere Diktaturen handelt. Übertragen gesehen hätte man einen Hitler, einen Mussolini und einen Stalin nebeneinander. Hitler ist klar, störende alte und neue Erfahrungen werden vernichtet, Mussolini ergibt ein Chaos. Einen Stalin, weil sich manche Erfahrungen sehr geschickt tarnen können, indem sie die neue Erfahrung scheinbar bestimmen lassen. Wenn es allerdings zu gefährlich wird, greift natürlich die alte Erfahrung ein und spult ihr Programm ab. Wahrscheinlich werden die renitenten alten und neuen Erfahrungen dann in eine kalte Gehirnecke deportiert. Vorteile haben damit natürlich die Erfahrungen, die still im Hintergrund arbeiten und sich nicht vordrängen.

Die dritte Möglichkeit besteht wohl in der normalen Variante. Sie könnte aus der Übernahme von Erfahrungen bestehen, seien es nun alte oder neue, gute oder schlechte. Man könnte sie damit auch als die "Ich-mach-immer-das-was-andere-machen" -Variante bezeichnen. Eigene Erfahrungen werden damit natürlich auch gemacht, allerdings nur um sie gleich wieder in einem entfernten Winkel des Gehirns zu verbannen. Angewendet werden sie nur alleine im stillen Einsamkeitswinkel, wenn keiner hinschaut.

Vorraussetzung ist die Angst, eigene Erfahrungen könnten eventuell als bindend festgemacht werden, soll heißen, man sollte führen, als erster voran gehen. In diesem Fall wird sich nicht der größten Erfahrung angeschlossen, eher der Erfahrung, die am lautesten schreit und zu der die meisten ja sagen. Die normale Variante beginnt wahrscheinlich schon als Kind, die kleinen Erfahrungen werden von einer sehr großen, dominanten Erfahrung gesprengt. Das allerdings so nachhaltig, dass im Gehirn eine eigene stille Ecke für neue eigene eingerichtet wird, die dann auch immer sofort in die Ecke gehen und auf ihren geheimen Einsatz warten.

Vorraussetzung für alle Varianten ist ein Geheimwort oder eine Sichtweise, wenn es fällt wird die Variante geöffnet und das Drama beginnt. Es gibt gute und schlechte Dramen, gleich sind sie nur durch ihren automatischen Ablauf. Sie ist schwer zu unterbrechen, zum einen muss man sie erst einmal erkennen, zum anderen als etwas wahrnehmen, was sich ständig wiederholt. Es gibt keinen Weg heraus, wenn man es nicht selbst will. Wenn man es will, muss die Programmierung geändert werden, was kaum alleine zu schaffen ist. Dabei wäre es so einfach, man müsste es nur anders machen. Aber alle Verhaltensbefehle kommen von oben und verlangen eine sofortige Reaktion, da bleibt kaum Zeit um darüber nachzudenken. Unter Druck werden Entscheidungen erzwungen, die man mit genügend Zeit nie getroffen hätte. Das Erwachen danach öffnete immer die Augen, ein Drama hat immer Folgen und Konsequenzen.

Sein Drama schien so klar auf der Hand zu liegen, er brauchte es bloß anzufassen und zu ändern. Darin bestand aber die Schwierigkeit, er wusste nicht ob er es anfassen wollte. Vielleicht genoss er ja immer wieder die persönliche Enttäuschung seines Versagens der Situation gegenüber. Vielleicht brauchte er jedes Mal die schlechte Erfahrung, ließ sie aber nicht in eine gute Umwandeln und voraus gehen, mit der er zufriedener leben konnte. Sie wurde wahrscheinlich gleich immer wieder durchgereicht und hinten angehängt, um neben den vielen anderen abgelegten irgendwo im Gehirn zu versauern. Er musste es also nicht anders machen, auch eine neue Erfahrung würde nicht helfen, würde sie doch auch sofort nach hinten durchgereicht werden.

Der Schlüssel lag also in einer alten Erfahrung, die keine neue zuließ. Dafür musste er den Schlüssel finden, damit sie ihn an sich heran ließ, um ihr eine andere Programmierung zu geben. Er wollte und konnte sie nicht vernichten, aber sie vielleicht davon überzeugen, sich hinter den anderen auszuruhen. Sie hatte so lange die ganze Arbeit gemacht, immer wieder das selbe, das war ihr Drama, ein Leben lang vergebliche Arbeit, wie unter einem Zwang. Wie er den Schlüssel zu dieser alten Erfahrung finden konnte, wusste er noch nicht, aber er würde sich Hilfe dabei suchen, er war bestimmt nicht alleine damit.
 

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