Duell

Bo-ehd

Mitglied
Es war der Nebel. Eine grauenhaft dunkle, fast schwarze Suppe hatte sich wie ein Teppich über die Landstraße gelegt. Hendrik hätte schwören können, dass irgendwo jemand etwas abgefackelt hat. Im schlimmsten Fall ein paar Autoreifen. Aber der Nebel war frei von Ruß, jedenfalls auf der Windschutzscheibe. Er war sauber - und bedrohlich. Wie ein Omen, das Unglück verheißt.
Hendrik fuhr hinein in dieses unheimliche Dunkel und wusste nach wenigen Minuten, dass er besser hätte sofort umkehren sollen. Aber jetzt war es zu spät. Er musste durch und fuhr Schritttempo, weil die Straße vor ihm mit jedem Meter zu enden schien. Anzuhalten, die Warnblinkanlage einzuschalten und zu warten – das war seine einzige Option, obwohl es ihm widerstrebte, denn Hendrik hatte sich mit einem Freund zur Schatzsuche treffen wollen.
Ihm war, als würden die feinen Wassertröpfchen etwas Unheilvolles in sich tragen, und er spürte es bis auf den Grund seiner Seele. Zuerst ergriff ihn Angst, pure Angst, weil er diese Düsternis nicht einordnen konnte. Dann kam die Ungewissheit, die ihn zittern ließ, und schließlich folgten panische Hitzewellen mit Schweißausbrüchen.
Hendrik konnte nicht erkennen, in welche Richtung der Nebel zog, und es drängte ihn, etwas zu unternehmen. Also startete er den Motor, ließ ihn aufbrüllen, um seinen Mut zu unterstreichen, und fuhr los. Wieder im Schritttempo. Nach einigen Minuten entdeckte er eine Einfahrt in einen Feldweg, den er kannte. Er verlief ziemlich steil und endete in den Bergen. Das konnte seine Rettung sein; irgendwann würde er eine ausreichende Höhe erreicht haben, um die schwarze Masse unter sich zu lassen. Das geschah tatsächlich nach nur zehnminütiger Fahrt. Er hielt an, stieg aus und wollte sich, jetzt, da er sich in Sicherheit wähnte, das bedrohliche Naturschauspiel von oben genauer betrachten, aber er sah - nichts. Die schwarzen Schwaden waren einfach nicht mehr da. Und das machte ihm genauso Angst wie zuvor, als sie ihn auf der Landstraße gefangen gehalten hatten.
Zum Glück beruhigte Hendrik sich schnell und dachte nicht mehr intensiv darüber nach, ob er einer Täuschung erlegen war oder ein unbekanntes Naturereignis nicht begriff. Es war kurz nach acht, die Sonne meldete sich am Horizont, und er ließ sich auf einem ebenen Stein am Fuß einer steilen, zerklüfteten Felswand nieder. Da überkamen ihn plötzlich Zweifel. War er einer Halluzination erlegen? Fand dieser eklige Nebel nur in seinem Kopf statt? Er erschrak über sich selbst, lehnte sich an die Felswand und versuchte, mit ruhigen tiefen Atemzügen seinen Puls herunterzubringen.
Die Zeit verstrich, und als die Sonne fast über ihm stand, schickte er sich an, seine Fahrt zu seinem Freund fortzusetzen. Da entdeckte er in einer Ritze der Felswand ein Spinnennetz, das ihn sofort in seinen Bann schlug. Ein sauber konstruiertes Spinnennetz, das war etwas, das er verstand und schon tausend Mal gesehen hatte. Nein, doch nicht! Dieses Netz war größer, etwa anderthalb Meter hoch, und die Fäden, so schien ihm, waren deutlich dicker als alles, was er bisher gesehen hatte.

*

In der Mitte hatte sich eine ungewöhnlich große Fliege verfangen. Ihrem Äußeren nach zu urteilen eine Mischung aus Schmeißfliege und Rosenkäfer. Metallisch leuchtend, irisierend, mit starken Flügeln und einem massigen schwarzen Leib. So etwas war ihm noch nie unter die Augen gekommen. Wie konnte eine Fliege nur so groß werden? Handelte es sich etwa um eine invasive Art? Eine Mutation? Oder gar eine Kreuzung?
Es reizte Hendrik zu beobachten, was mit diesem Brummer geschehen würde. Er kniete sich unmittelbar vor das Netz, denn er wollte sehen, wie eine normale Spinne mit einem solchen Brocken fertig wurde. Es dauerte nicht lange, bis das unheilverkündende Muster aus seidenen Fäden zu vibrieren begann. Kurz darauf erschien sie, größer als alles, was er in seiner heimischen Umgebung bisher gesehen hatte, und ihm verschlug es die Sprache. Sie näherte sich dem hilflosen Opfer, hielt inne und beobachtete jede seiner Bewegungen. Doch statt panisch zu zappeln, verhielt sich das gefangene Insekt ganz ruhig, beobachtete seinerseits das auf ihn zukommende Unheil, und wartete. Minutenlang. Dieses Nichtstun, das Abwarten, Beäugen und Taktieren empfand er als höchst spannend. Die Fliege tat es ihr gleich, verriet sich dann doch durch einen hektischen Flügelschlag.
Vielleicht rechnete die Spinne damit, dass sich das Opfer selbst befreien und fliehen könnte, und griff unverzüglich an. Ruhig, überlegt, auf jede Reaktion der Fliege gefasst, setzte sie ihre acht Beine in Bewegung und glitt auf ihrer seidenen Bahn der Fliege entgegen. Aber zwei, drei Zentimeter vom Opfer entfernt verharrte sie erneut und schien sich für den Kampf aufzuplustern. Sie richtete sich auf, und ihre seelenlosen Augen funkelten wie stumpfe Diamanten, während sie sich umdrehte, ihren Hinterleib auf das Opfer richtete und ihm dabei gefährlich nahe kam. Ein Strahl ihrer klebrigen Fäden würde genügen, um der Fliege auch noch das letzte Quäntchen Bewegungsfähig zu nehmen. Sie könnte dann ihr Opfer genüsslich verspeisen. Hendrik gönnte ihr die Mahlzeit. Spinnen sind ja für den Menschen nützliche Tiere, dachte er. Aber noch war es nicht soweit.
Kurz vor dem entscheidenden Strahl ging die Fliege zu einem Gegenangriff über, ließ aus ihrem Maul einen langen Dorn wie ein Rapier hervorschnellen und stach zu. Er bohrte sich in die Weichteile ihres Gegners und lähmte ihn innerhalb weniger Sekunden. So lagen sie beide erstarrt kaum einen Daumen breit gegenüber und warteten auf ihren Tod. Die Spinne, seit Äonen ein angepasster Jäger, hatte ihren Bezwinger direkt an der Haustür gefunden.

*

Der Kampf hatte Hendrik auf eine Art fasziniert. Ja, die Natur veranstaltet solche Aufführungen Tag und Nacht. 24/7 würde man heute sagen. Wesen töten Wesen, um zu überleben. Darwin hat es wunderbar zusammengefasst.
Hendrik erhob sich, und obwohl er den Felsen, an dessen Fuß er stand, schon tausend Mal aus der Ferne gesehen hatte, war er neugierig genug, ein paar Schritte an dem zerklüfteten Sandstein entlang zu gehen. Vielleicht gab es ja irgendetwas zu entdecken.
Eine Viertelstunde reichte, um eine sonderbare Formation auszumachen: eine Spalte, mehr eine Falte, die gut zehn Meter in die Höhe ragte und den Fels fast einen Meter tief einschnitt. Unten, knapp über Bodenhöhe und kaum wahrnehmbar, befand sich eine Öffnung. Es war der Eingang zu einer Höhle, wie er schnell herausfand. Er leuchtete mit seinem Handy hinein und erkannte einen Hohlraum.
Hendrik wusste nicht, warum er sich für diese Höhle interessierte. Irgendetwas trieb ihn, und da sie für ihn unbetretenes Land war, zögerte er nicht, sein Metallsuchgerät aus dem Kofferraum zu nehmen und durch den Eingang zu kriechen. Der Innenraum war gut drei Meter hoch, so dass er sich aufrecht darin bewegen konnte. Er leuchtete die Wände ab in der Hoffnung, etwas Historisches zu finden. Im besten Fall eine Malerei oder die Spuren einer Bearbeitung. Aber er entdeckte nichts. Deshalb begann er, den Boden mit seinem Detektor abzusuchen. Ebenfalls vergebens.
Da es in der kleinen Höhle stark muffig roch, entschied er, diesen unwirtlichen Ort zu verlassen. Er wandte sich dem Lichtstrahl zu, der durch den Eingang drang und erschrak. Da war er wieder, der schwarze Nebel. Kleine Schwaden passierten den Eingang, und mittendrin hockte eine Spinne von der Größe eines erwachsenen Schäferhundes. Sie hob den Kopf, und Hendrik lief ein Schauer über den Rücken. Zwei riesige türkisfarbene Augen starrten ihn an, ihre Haare am Kopf stellten sich auf und ließen das Untier im Gegenlicht noch mächtiger erscheinen. Ganz langsam bewegte sie sich auf ihn zu, behielt aber den Höhleneingang im Rücken, um im Falle seiner Flucht schnell reagieren zu können.
Hendrik überkam Todesangst. Wie sollte er sich gegen dieses Ungeheuer wehren? Gleich würde sich eine uralte Tragödie abspielen, und er wartete schon im Angesicht des Todes auf sein unausweichliches Ende. Doch die Spinne zögerte. Sie schien Zweifel zu haben, vielleicht deshalb, weil sie es noch nie mit einem so großen Opfer zu tun gehabt hatte. Die Passivität ihres Gegenüber überraschte sie vielleicht, obwohl ihr sein Angstschweiß gewiss nicht entging.
Er war schon längst zu einer Säule erstarrt und versuchte, einen Ausweg zu finden, aber solange die Spinne den Ausgang blockierte, würde jeder Fluchtversuch scheitern. Da war er sich sicher. Deshalb musste er versuchen, sie wegzulocken. Aber wie sollte er das anstellen? Er könnte sich auf den Boden legen und völlige Hilfslosigkeit oder Aufgabe signalisieren. Aber kam er dann schnell genug hoch, um zum Ausgang zu flüchten? Spinnen können sehr flink sein, das wusste er, und deshalb verwarf er diese Idee.
Plötzlich tat sich etwas. Die Spinne schnellte an der Wand über dem Ausgang hoch, verblieb dort für einen winzigen Augenblick und kehrte zurück. Sie schien jetzt nervös zu sein, öffnete und schloss ihr grauenvolles Maul und drohte mit zwei Mandibeln, die die Form einer riesigen Beißzange hatten. Sie öffneten und schlossen sich rhythmisch, als würde sie sich endgültig auf den Zugriff vorbereiten. Doch das Untier griff nicht an; es wartete.
Hendrik konnte sich ihr Verhalten nicht erklären, bis er nach oben schaute und feststellte, dass ein riesiges Netz, das den ganzen Raum einzunehmen schien, sich langsam zu Boden senkte. Er musste ihm entkommen, aber da gab es keine Möglichkeit. Das Netz kam immer näher und legte sich schließlich über ihn. Geistesgegenwärtig wich er dem Faden aus, der sich über Schulter und Kopf legen wollte. Als das Netz zu liegen kam, stand er mitten in einem dieser Vierecke, die das Netz ausmachten. Aber bewegen konnte er sich trotzdem nicht. Eine Berührung, und seine Beine würden an den klebrigen Fäden haften.
Die Fäden waren elastisch, zäh und der Aufwand dafür war viel zu groß. Deshalb erschien es ihm sinnlos, so viele mit seinem Taschenmesser durchtrennen zu wollen, dass er fliehen konnte. Er kramte in seiner Weste nach dem Feuerzeug und versuchte, einen Faden zu verbrennen in der Hoffnung, vielleicht das ganze Netz in Flammen setzen zu können. Aber der angezündete Faden erlosch alsbald. Stück für Stück verbrennen? Wie sollte das mit dem wenigen Gas funktionierten? Das war aussichtlos. Er hatte nicht einmal ein Stück Papier bei sich, um eine größere Flamme oder Rauch zu ermöglichen.
Die Spinne näherte sich, zögerte aber, ihren Angriff zu beginnen. Sie demonstrierte Zurückhaltung, Vorsicht, Abwägung und ein taktisches Planen. Sie schien geradezu besonnen vorzugehen, um einen Fehler beim Schlagen der ungewöhnlichen Beute zu vermeiden, und beließ es zunächst beim Zeigen ihrer Waffen.
Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, in der sie sich gegenseitig beäugten, und Hendrik hatte immer noch keine Möglichkeit gefunden, wie ihrer bevorstehenden Attacke zu entkommen sei. Offensichtlich wusste die Spinne nicht, wie wehrlos er war.

*

Die Spinne griff nun an, bewegte sich sehr langsam, aber unaufhaltsam auf ihn zu, ihre Fänge bereit zum tödlichen Griff. Hendrik tat das Einzige, was ihm blieb: Er richtete sein Metallsuchgerät auf den Kopf seines Gegner und drückte den Knopf für den Start. Die elektromagnetische Wellen trafen die Region zwischen ihren Augen und beeindruckten ihre Sinne offensichtlich. Sie blieb stehen, schüttelte sich, bäumte sich für einen Lidschlag auf und rührte sich dann nicht. Hendrik erkannte die Wirkung und ließ die Wellen weiterhin auf genau die Stelle auftreffen, die die Spinne offensichtlich zum Abbruch ihrer Attacke gezwungen hatte.
Als die Wellen schwächer wurden, weil die Batterie sich leerte, machte Hendrik eine Beobachtung, die Hoffnung in ihm weckte: Die Spinne war bewegungslos geworden. Ihre Mandibeln blieben starr, die Beine waren steif und zu keinem Schritt mehr fähig, ja, der ganze Körper verharrte wie in Hypnose. Hendrik schloss daraus, dass die elektromagnetischen Wellen die Lähmung des gesamten motorischen Systems bewirkt hatten.
„Du Mistvieh, jetzt hast du’s. Wagst dich, mich herauszufordern. Jetzt hast du bekommen, was du verdienst!“ Hendrik schrie, dass ihm die Lungen schmerzten. „Und jetzt nichts wie raus hier!“
Der Sieg über das Ungetüm und dem Tod entkommen zu sein, machten ihn euphorisch. Übermütig machte er sich daran, sich zum Ausgang der Höhle zu bewegen. Er versuchte es wieder mit dem Feuerzeug, zog sein Hemd aus, um es anzuzünden. Aber er schaffte damit nur einen halben Meter. Er hoffte erneut, einen Weg mit dem Messer schneiden zu können, doch die Klinge wurde nach dem Durchtrennen von nur zwei Fäden des Netzes stumpf.
Trotzdem wurde er nicht müde, weiterhin zu schneiden, zu brennen, zu zerreißen und über die Fäden zu klettern. Es dauerte Stunden, aber er kam kaum voran, und völlig erschöpft ließ er sich auf den Boden fallen, um auszuruhen. Als er am anderen Morgen aufwachte, stellte er mit Entsetzen fest, dass er sich im Schlaf um zwei weitere Fäden gewickelt hatte. Ihm war bewusst, was das bedeutete.
Jetzt konnte er nur noch hoffen, gesucht zu werden.
 



 
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