Dunkle Tanke

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M.B.Senna

Mitglied
Oh nein.
Die Tanknadel zeigt praktisch null. Ich würde mich nicht als ängstlich betrachten, aber nachts alleine zu tanken bereitete mir schon immer ein mulmiges Gefühl.
Hilft aber nichts, wenn ich ankommen will, muss ich wohl.
Die grelle Laterne flackert, und als ich bei der Tanksäule halte, sehe ich eine alte Dame durchs Fenster winken.
Sofort erinnert sie mich ein wenig an meine Oma und ich fühle mich gleich nicht mehr so unwohl.
Auch wenn ich das Rascheln und Knistern hinter den Büschen nicht ganz ignorieren kann, ist doch mein Tank schnell voll und ich gehe zur alten Frau zahlen.
Zu meiner Überraschung wartet sie schon mit einem Stück Kuchen und einem Kaffee auf mich.
“Ich freue mich, dass du da bist! Lass es dir schmecken.” Sie lächelt mich freundlich an. Ich möchte nichts, oder doch? Irgendetwas an dieser Alten, hat mich gefangen.
“Trink den Kaffee, du hast noch einen weiten Weg vor dir.” Sie zwinkert mir zu.
“Okay, danke!” Ich stelle mich zu ihr an den Tisch. Sie mustert mich, doch es stört mich nicht. Als ich den ersten kleinen Schluck nehme, breitet sich eine angenehme Wärme in mir aus. Zufrieden grinst sie mich an.
“Alles okay bei dir?” Immer noch ohne mit der Wimper zu zucken, mustern mich ihre großen Augen.
“Alles gut. Ich bin nur auf den Weg in den Urlaub.” Wie viel möchte man einer Fremden schon erzählen? Oder erzähle ich gerade ihr alles, weil ich sie sowieso nie wieder sehe?
“Runterkommen und abschalten. Vielleicht neu starten? Das hört sich nach einen guten Plan an.” Sie schiebt mir den Kuchen rüber, dieses Mal muss ich nicht erst überlegen ob ich ihn annehme.
“Ja zu viele Gedanken. Zu viele Sorgen. Ich muss weg, ich brauche Frieden!” Eine Träne macht sich selbständig und rollt mir die Wange hinunter.
“Es gibt vieles im Leben, dass unsere Aufmerksamkeit fordert, obwohl es oft nicht so wichtig ist, wie wir im ersten Moment denken!” Ihr Worte lassen keinen Zweifel über, gewiss hat sie recht.
“Aber woher weiß ich, was wichtig ist und was nicht?” Ich kann ihr nicht in die Augen sehen. Warum vertraue ich einer Fremden mehr an als meinen Freunden? Warum kann ich mit ihr so leicht reden?
“Wenn es etwas ist, dass dich schon lange beschäftigt, dann ist es wichtig. Wenn du dir ein Leben ohne jemanden nicht vorstellen kannst, dann ist er wichtig. Wenn du alles dafür aufgeben würdest, dann ist es wichtig.” Mein Kuchen ist leer, aber meine Seele voll. Voll Bewunderung für diese Frau.
“Aber-aber warum muss nur immer alles so schwer sein?” Ich bin mir nicht sicher welche Antwort ich erhoffe, aber ich warte gespannt.
“Weil es im Leben immer schwarz und weiß geben muss. Regen und Sonne. Licht und Schatten. Glück und Unglück wenn du es so nennen willst. Das Leben wäre nicht lebenswert wenn wir immer nur auf Wolke sieben schweben würden. Wir würden nicht mehr an uns arbeiten, würden für nichts mehr kämpfen und schlimmer noch für nichts mehr brennen. Dieses Gefühl, etwas geschafft zu haben. Für das wir lange gearbeitet haben. Dafür leben wir.” Ich schlucke nicht den Kuchen sondern meine Tränen hinab.
“Aber wenn es nichts mehr gibt wofür es sich zu leben lohnt? Keine Familie? Keine Freunde? Kein Partner?” Ich kann es nicht mehr länger zurückhalten. Diese fremde Frau bringt alle begrabenen Gefühle an die Oberfläche.
“Du hast das Wichtigste vergessen. Du sollst leben, weil du es wert bist. Nicht jemand anderes. Du ganz alleine!” Immer noch lächelt mich die Alte an. Als ob das Gespräch das wir gerade führen ganz normal wäre für sie. Ich bin mir nicht sicher, was ich darauf antworten soll. Bekomme aber auch nicht die Chance dafür. Plötzlich durchzuckt ein Stromschlag meine Brust.
Das Nächste an das ich mich erinnern kann, ist weiße Krankenhauswand.
Scheiße, ich habe es wieder nicht geschafft.
Oder Gott sei Dank?
Bin ich es wirklich wert zu leben?
 



 
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