Durchreise

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Shallow

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Seit Stunden gibt es keinen Gegenverkehr, wir sind allein in dieser Einöde. Eine schnurgerade endlose Straße, deren Asphalt in der Hitze am Horizont flimmert. Die Interstate 80 führt durch Nevada über Winnemucca, wo der Highway kurz vorher einen Knick nach Süden macht. Es gibt eine alte Geschichte über das Städtchen, irgendetwas mit einem Banküberfall zu Western-Zeiten, aber ich bekomme es nicht mehr richtig zusammen; ist sowieso unwichtig. Seitdem hat sich hier wohl nicht viel getan, außer den zahlreichen Casinos auf dem Winnemucca-Boulevard, die meisten jetzt geschlossen. Es ist heiß, auch am Abend kühlt es nicht ab.

Als es dunkel wird, halten wir vor einem Motel mit einer riesigen Leuchtreklame an der Einfahrt. Wir haben die Fahrt schweigend verbracht, der Mann an der Rezeption redet auch nicht. Ich frage ihn nach Einzelzimmern. Er schüttelt den Kopf, zeigt auf das Schild „Double rooms only“, nimmt die Dollar-Scheine und legt einen Schlüssel auf den Tresen. Die Zimmer-Nummer steht auf dem runden Schlüsselanhänger. Es gibt keine weiteren Autos vor den Apartments, wir sind die einzigen Gäste. Ich parke den Wagen ganz rechts an einem Zaun und werfe die Decke auf den Beifahrersitz. In dem kargen Raum funktioniert die Klimaanlage nicht. Über mir schaukelt ein Ventilator geräuschvoll, lässt sich aber nicht regulieren.
Am nächsten Morgen fahren wir weiter. Berge erheben sich in der Ferne, genauso öde wie der Highway. Im Mietwagen stinkt es, knappe vierhundert Meilen nach San Francisco. Über sechs Stunden. Eine lange Zeit, wenn man nicht redet. Nicht reden kann.

Zwischen Winnemucca und Reno kommen wir an einem Auto vorbei. Die Fahrertür weit offen, ein alter Mann kniet neben dem Wagen. Vor ihm liegt ein Hund, bewegungslos, offenbar tot. Ich bremse ab und fahre mit einem knirschenden Geräusch an den Straßenrand. Eine Staubwolke steigt in die windstille Luft. Ich sollte nicht anhalten, tue es trotzdem. Ich muss einfach mal raus, mit jemandem reden, nehme die Sonnenbrille ab und steige aus. Lisa spricht sowieso nicht mehr mit mir. Die Helligkeit blendet, aber ich will nicht mit verspiegelter Brille auf den Mann zugehen. Ich halte eine Hand schützend über die Augen und gehe zu dem Hockenden hinüber, der nicht aufsieht.
„Ihm geht es nicht gut“, sagt er und streichelt den Kopf des Tieres.
Ich kniee mich neben ihn.
„Wie war sein Name?“
„Er heißt Spinner.“
„Ein guter Name“, sage ich.
Der alte Mann nickt und wischt sich mit den Fingern über das nasse Gesicht.
„Er ist schon lange bei mir. Ich habe ihn aufgezogen, wissen Sie? Er war ganz klein, wirklich winzig.“
Der Alte zeigt mit beiden Händen, wie klein der Hund mal gewesen war.
„Tut mir leid“, sage ich, etwas anderes fällt mir nicht ein.
„Meine Frau ist vor vielen Jahren abgehauen. Hat es mit mir nicht ausgehalten. Spinner ist geblieben.“
Eine Weile starren wir schweigend auf das leblose Tier, dann erhebt sich der Mann.
„Würden Sie mir helfen, Spinner ins Auto zu tragen? Ich werde ihn nach Hause bringen.“
Ich nicke. Der Alte legt den Kofferraum mit einer Decke aus, als spiele es eine Rolle. Wir heben den Hund vorsichtig darauf. Er streichelt über das struppige Fell, dann schließt er die Heckklappe und schaut auf meinen Mietwagen.

„Auf der Durchreise nach Kalifornien?“
Er zieht eine zerknitterte Zigarettenschachtel aus der Hosentasche, klopft daran herum und bietet mir eine Zigarette an. Seine Hände und Fingernägel sind schmutzig. Ich nehme eine der krummen Filterlosen und streiche sie glatt. Er gibt mir Feuer, hält eine Hand schützend um die Flamme, obwohl es völlig windstill ist.
„San Francisco“, sage ich.
„Sind alle auf Durchreise hier. Jeder will nach Kalifornien, als wäre da irgendwas besser. San Francisco gibt es gar nicht, das ist nur eine Scheiß-Kulisse, glauben Sie mir! Hier in der Wüste gibt´s Steine und Staub, nicht schön, aber wenigstens echt. Bleiben Sie länger dort?“
„Nein, haben wir nicht vor“, sage ich.
Der Typ ist ziemlich redselig.
„Wir? Also zu zweit, ja? Sie haben einen leichten Akzent, Sie sind nicht von hier, oder? Und jetzt fliegen Sie mit Ihrer Frau nach Hause, weg aus diesem Dreck, stimmt´s?“
Ich schüttele den Kopf.
Der Alte fragt nach Dingen, die ihn nichts angehen. Ich ziehe an der Zigarette. Der Mann hat schmutzige Hosen an, sein T-Shirt ist durchgeschwitzt, er stinkt. Er blickt wieder zu meinem Mietwagen. Lisas Kopf lehnt gegen das Seitenfenster, man kann es schemenhaft erkennen.
„Ihre Frau ist wohl ganz ermattet von der Einöde hier? Oder von Ihnen?“
Er lacht heiser, hustet und spuckt auf den Boden, redet aber weiter.
„Verstehen Sie sich gut? Mit meiner Frau gab´s jeden verfickten einzelnen Tag Streit. Drei Jahre waren wir zusammen, vielleicht vier. Die hat sogar mit Tassen nach mir geschmissen, können Sie sich das vorstellen?“
„Nein“, sage ich.

Der Himmel ist immer in demselben verdammten Blau, wolkenlos, endlos, nur die Sonne brettert unerbittlich, als wollte sie verhindern, dass sich irgendetwas verstecken kann in der Gluthitze. Ich habe keine Ahnung, warum ich hier noch stehe, aber bei Lisa im Auto ist es nicht besser.
„Heutzutage trennen sich die jungen Menschen immer sofort. Ein Streit, zack, vorbei. Und wissen Sie was? Vielleicht ist es richtig so. Soll man sich drei, vier Jahre mit Tassen bewerfen lassen?“
Ich antworte nicht, denke an die Zeit an der Ostküste mit Lisa und unserer Tochter. Erst ein paar Tage her und doch ein anderes Leben. Die Kleine war gerade vier geworden, wir waren am Strand. Das Meer hatte Wellen, aber nicht übermäßig. Es war heiß und ich wollte mit Anna ins Wasser. Lisa war dagegen. Ich ging trotzdem. Anna bekam Panik, vielleicht wegen der Kälte des Atlantiks, strampelte auf meinem Arm. Die nächste Welle riss uns um, dann war sie weg.
Ich wollte sterben danach. Lisa stand am Strand, hatte alles gesehen. Schrie, rannte ins Wasser, fiel in Ohnmacht. Ich trug sie an Land, wenigstens sie. Auf mich losgegangen ist sie erst später. Mit einem Messer in der Hand. Lisa, die keiner Fliege etwas zuleide tun kann! Aber ich will nicht daran denken.

„Ich muss los, Mister“, sage ich, werfe die Zigarette auf den Asphalt und trete sie aus. Die Sonne blendet, die Brille im Auto zu lassen, war keine gute Idee. Anzuhalten war keine gute Idee. Amerika war keine gute Idee.
Als ich mich umdrehe, hält er meinen Arm fest.
„Danke für Ihre Hilfe, ich weiß das zu schätzen! Wollen Sie einen Rat von mir? Wenn ihre Frau mit Sachen nach Ihnen wirft oder auf Sie losgeht, dann ist es an der Zeit zu sagen: Verpiss dich, Baby! Bei meiner Frau hätte ich das sagen sollen, die ist dann ja selber abgehauen, aber wissen Sie was? Ich bin richtig froh, dass die Schlampe weg ist. Bei Ihnen ist es noch anders, schätze ich, oder?“
Der Typ hört einfach nicht auf, ich schüttele die Hand ab. Was redet der da, was weiß der schon und was geht es ihn an? Er ist mir so nahe, dass ich seinen Atem riechen kann. Er stinkt nach Alkohol. Sein Mund ist leicht geöffnet, braune Zähne sind zu sehen, vorne fehlt einer. Er hebt seinen Arm, will mich wieder anfassen, irgendwas faseln, dazu kommt es nicht mehr.
Ich haue ihm die Faust ins Gesicht, er taumelt, bleibt aber stehen. Beim zweiten Schlag knackt etwas in seinem Gesicht, Blut läuft aus der Nase, er sackt auf die Knie. Ich weiß nicht warum, aber es tut gut, jemanden zu prügeln. Mit der Hand fährt er sich über das Gesicht und blickt ungläubig auf das Blut, versucht sich aufzurappeln. Ich trete zu, mit voller Wucht, es gibt ein widerliches Geräusch, als er mit dem Hinterkopf auf den Asphalt knallt. Jetzt ist er endlich ruhig. Ich wollte nur helfen, nur einmal aus dem Wagen raus, weg von ihr, Luft holen, an etwas anderes denken.

Ich wische den Schweiß von der Stirn, drehe mich um und gehe zurück. Meine rechte Hand schmerzt, ich greife mit links nach der Fahrertür, als ich den Knall höre. Dann noch einen. Etwas durchschlägt die Heckscheibe. Ich sehe den Alten neben seinem Auto herumfuchteln, er hält eine Waffe in der Hand. Wieder schießt er, ich ducke mich hinter das Auto. Der Mann brüllt unverständliches Zeug und torkelt in meine Richtung, stolpert und stürzt. Die Waffe fällt auf den Boden, liegt zwei Meter vor ihm. Ich sprinte los. Seine Hand greift nach dem Revolver, ich trete drauf. Sein Schmerzensschrei klingt wie das Jaulen eines Hundes. Es gibt ein knirschendes Geräusch, als ich mit beiden Füßen auf seinen Kopf springe. Er bäumt sich auf, die Arme zucken kurz, dann ist keine Bewegung mehr da. Eine Blutlache bildet sich um seinen zerschmetterten Kopf. Der steht nicht wieder auf. Mein Hemd klebt an der Haut, keuchend ziehe ich die Leiche des Mannes hinter sein Auto. Die Pistole nehme ich mit.

In der Heckscheibe sind zwei Löcher. Kleine Risse haben sich im Glas gebildet, aber es ist nicht vollständig zersplittert. Ich steige ein, atme tief durch und starte den Motor. Ob er Lisa getroffen hat? Es wäre mir zuwider, aber ich werde nicht nachsehen, sie ist seit drei Tagen tot. Ein Unfall, ich habe nur versucht, das Messer abzuwehren, mit dem sie auf mich losgegangen ist. Mein Leben ist ein einziger Unfall. Ich denke, der alte Sack hat sie verfehlt.
Zu Beginn der Reise hatte ich ihr von San Francisco vorgeschwärmt und versprochen, sie durch die Stadt zu führen. Sie hatte sich darauf gefreut wie ein Kind. Es sollte das Highlight in den USA werden. Ich werde ihr alles zeigen.
 
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Ubertas

Mitglied
Lieber Shallow,
das Lesen der "Durchreise" hat mir große Freude bereitet. Ich finde deine Kurzgeschichte großartig!
Ich werde sie gleich noch einmal lesen :) .
Liebe Grüße,
ubertas
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo shallow,
die Brutalität kommt so alltäglich, fast banal herüber, dass ich sie nicht ins Fiktionale verdrängen konnte. So entsetzlich realistisch, dass mich das Grauen packte. Sehr gut erzählt.
Anders
 



 
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