Eden Hotel

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Blumenberg

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Eden Hotel

Oberleutnant a. D. Kurt Vogel trat unruhig von einem Bein auf das andere und zog an der Zigarette. Es war eiskalt, typisch für eine Januarnacht in Berlin. Wie so oft in der letzten halben Stunde glitt sein Blick über die prachtvolle Fassade und suchte den Eingang des Eden-Hotels. Früher hatten in seiner berühmten Bar Schriftsteller, Maler und Musiker gesessen, heute war es das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division.

Was trieben die da drinnen noch so lange? Hätten sie nicht längst unterwegs sein sollen? Sicher, der Hauptmann wollte, dass nicht zu viele Leute auf der Straße waren, aber das war nun doch zu viel des Guten. Sich hier die Beine in den Bauch zu stehen bei der Kälte missfiel Vogel. Alles war besprochen, um zehn Uhr waren die Offiziere der Division, angeführt vom Ersten Generalstabsoffizier Waldemar Pabst, nach kurzer Diskussion zu der Entscheidung gelangt, dass nur eine endgültige Lösung diesem Schlamassel ein für alle Mal ein Ende bereiten könne.

Er sah zum Wagen. Janschkow saß auf dem Fahrersitz, bereit auf sein Zeichen hinauszusteigen und den Wagen anzulassen. Der Plan war so einfach wie genial. Selbst wenn es Zweifel geben sollte, wer würde die schon ernst nehmen. Wenn Kommunisten starben, war es angeblich das Freikorps, das behaupteten die roten Parteigänger immer. Es wäre ein Leichtes, das Ganze als Fabel oder als Verleumdung von sich zu weisen, solange es keine stichhaltigen Beweise gab. Die Leute, die ihnen Glauben schenken würden, gehörten ohnehin zur anderen Seite und das Freikorps konnte sich auf die Unterstützung durch diejenigen, die in diesen bewegten Tagen im politischen Berlin etwas zu sagen hatten, verlassen. „Noske weiß Bescheid.“ Hatte Pabst gesagt, nun gut, ein Zivilist und dann noch von dieser Partei, aber seit er ihnen beim Abrechnen mit den Aufständischen freie Hand gelassen hatte, sprachen sie im Korps fast respektvoll von dem Politiker, den die Roten den Blutnoske nannten. Warum sollte er etwas dagegen haben, wenn sie dem roten Gesindel nun endgültig den Rest gaben.

Vogel ging noch einmal im Kopf die Details des Planes durch. Es war kein weiter Weg, den sie zurücklegen mussten, nur weit genug, um aus dem unmittelbaren Umfeld des Hauptquartiers und dem um diese Uhrzeit noch belebten Teil Berlins herauszukommen … Hoffentlich war Souchon dort, wo er sein sollte. Na, es würde schon gut gehen.

Wieder wandte er den Blick und tatsächlich, die Türen des Hotels öffneten sich und spukten den ersten der beiden, begleitet von mehreren Divisionsmitgliedern, aus. Auch auf die große Entfernung konnte Vogel sehen, dass die Wachen den illegalen Häftling, der ihnen heute endlich ins Netz gegangen war, stützen mussten. Der erste Wagen startete brummend seinen Motor und fuhr vor. Augenblicke später waren Häftling und Wachen im Wagen verschwunden, dann rollte er an.

Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. Vogel gab dem Fahrer ein Zeichen, sich bereitzuhalten, und der stieg aus. Als das sich verschluckende Geräusch, mit dem der Wagen ansprang, zu hören war, warf er seine Zigarette auf den Boden und drückte sie mit dem Stiefelabsatz aus. Dann kletterte er in den Wagen und wartete, bis Janschkow neben ihm Platz genommen hatte.
„Halt dich bereit, jetzt sind wir dran“, wies er den Kraftfahrer an. „Wenn sich die Türen öffnen, fährst du direkt vor, damit wir das Verladen schnell über die Bühne kriegen. Soll ja nicht jeder sehen, dass die rote Hure in unseren Wagen steigt.“ Er lachte kurz, um seine Nervosität zu überspielen. Das hier war seine Verantwortung. Er war der Transportleiter der Kolonne und wollte auf keinen Fall, dass Hauptmann Pabst nachher irgendetwas an der Durchführung des Befehls auszusetzen hatte.

„Da!“ Vogel wies auf den nur ein paar Meter entfernten Eingang des Hotels. „Losfahren, Mann! Wird’s bald!“ Der Wagen setzte sich in Bewegung und rollte die paar Meter bis zum Eingang, den er genau in dem Moment erreichte, als die Frau das Hotel verlies. Auch sie sah bereits mitgenommen aus, kein Wunder nach einem mehrere Stunden dauernden und nicht gerade zimperlichen Verhör durch die Garde.

Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich eine Bewegung und fuhr zusammen. Was machte dieser Idiot Runge denn da? Warum verließ der seinen Posten? Ungläubig sah Vogel den Jäger auf die Frau zulaufen, als dieser den Kolben seines Gewehrs hob, schwante ihm bereits Übles und er riss die Tür des noch fahrenden Wagens genau im richtigen Moment auf, um das dumpfe Krachen zu hören, mit dem der hölzerne Kolben den Kopf der Frau traf. Bevor er dazwischengehen konnte, schlug Runge noch ein weiteres Mal zu. Vogel packte grob die Schulter des Jägers und hinderte ihn so daran, noch ein drittes Mal auf den Kopf der zu Boden gesackten Gestalt einzuschlagen.

„Was soll der Unsinn?“, herrschte er den jungen Mann an, den er immer schon für ein bisschen unterbelichtet gehalten hatte. „Bist du verrückt geworden, Runge?“ Der Mann drehte sich um und sah Vogel mit wildem Blick an … „Tod den Kommunisten!“, stieß er hervor, als sei das eine Antwort auf die Frage, die Vogel ihm gestellt hatte. Der riss ihm das Gewehr aus der Hand und gab ihm eine schallende Ohrfeige. „Du bist ja nicht bei Sinnen, Kerl. Du versaust uns noch den ganzen Plan“, schrie Vogel und der junge Mann duckte sich unter dem Schlag und der wütenden Schelte.

„Aber Herr Oberleutnant …“, stammelte Runge. „Wir können so eine doch nicht laufen lassen … Für die kann es doch nur eine Strafe geben.“ Er deutete auf die Frau, die bewusstlos und stark aus einer Wunde am Kopf blutend am Boden lag. „Die rote Hure hat den Tod verdient!“, sagte er mit nun wieder fester Stimme. Oberleutnant Vogel war außer sich. „Doch nicht hier! Wo es die Leuten mitkriegen, du Dummkopf. Wie sieht das denn aus? Wie steht das Korps denn dann da?“, herrschte er Runge an. Schnell winkte er mehrere Gardisten heran, die die immer noch leblose Gestalt packten und auf den Rücksitz hoben. „Das wird ein Nachspiel für dich haben, glaub mir. So einer wie du hat es nicht verdient, im Korps dem Vaterland zu dienen“, gab er dem unter der heftigen Schelte zu einem Häufchen Elend zusammengesunkenen Jäger noch mit auf den Weg, bevor er wieder auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Diesen Idioten würde er sich nachher noch einmal in aller Ausführlichkeit vorknöpfen. Rasch zog er seine Taschenuhr vor. Schon fast eine Stunde über der vereinbarten Zeit. „Los, Janschkow! Wir sind schon viel zu spät“, blaffte er den Fahrer an, der umgehend Gas gab. Der Wagen schoss los. Bei solchen Soldaten grenzte es an ein Wunder, dass das Reich nicht schon längst von den Roten regiert wurde.

Mit heulendem Motor näherte sich das Automobil der Ecke Nürnberger Straße und Kurfürstendamm. Der Fahrer ging vom Gas, um abzubiegen, als plötzlich eine Gestalt auf das Außentrittbrett sprang. Zu früh! Dieser Gedanke fuhr Vogel noch durch den Kopf. Augenblicke später ertönte ein lauter Knall und der überraschte Fahrer brachte den Wagen mit quietschenden Reifen zum Stillstand. Souchon, wegen der Verspätung bereits auf dem Rückweg zum Hauptquartier, hatte den Wagen gesehen und sich entschlossen, dass dieser Ort wohl so gut wie jeder andere sein müsse. Vogel drehte sich um und sah die Frau zusammengesackt auf dem hinteren Sitz liegen, neben ihr die beiden Gardisten, die sie in den Wagen gehoben hatten. Der Körper war schlaff und ein Loch an ihrer Schläfe zeigte, wo der aufgesetzte Schuss ihren Schädel durchdrungen hatte. Mit der war es vorbei, so viel stand fest. Vogel sah aus dem Wagen und schätzte die Distanz. Bestimmt hatte jemand in den umliegenden Häusern oder auf der auch um diese Uhrzeit noch belebten Straße den Knall gehört. Wenigstens war der Offizier geistesgegenwärtig genug gewesen, direkt nach dem Schuss wieder abzuspringen und in einer Seitenstraße zu verschwinden, bevor jemand ihn hatte sehen können. Aber was nun? Der Plan war zunichte gemacht und es würde nicht lange dauern, bis jemand kam, um nachzusehen, was hier gerade passiert war. Vogel wusste, man würde ihm als Transportführer die Schuld geben, sollte man die Leiche hier in seinem Wagen entdecken. Jetzt hieß es handeln - aber wie? Er überlegte fieberhaft. Immer wieder sah er gehetzt aus dem immer noch stillstehenden Wagen. Bestimmt würde der Hauptmann ihm die Schuld geben. Aber was konnte er dafür, dass sich die anderen nicht einmal an die einfachsten Vorgaben hielten. Jetzt, in diesem Augenblick aber war er gefragt, nur er allein konnte das hier noch zum Guten wenden.

Der Landwehrkanal, schoss es ihm in den Kopf. Er war abgelegen genug, dass sich um diese Uhrzeit keine Zeugen mehr dorthin verirrten, die durch Zufall sehen könnten, wie sie die Leiche darin versenkten. Dort würde man dieses rote Weibsbild früher oder später finden. Er würde dem Hauptmann empfehlen, die besprochene Geschichte für das offizielle Kommuniqué dahingehend zu ändern, dass ein aufgebrachter Mob die Gefangene aus dem Wagen gezerrt und verschleppt hätte. Da hätten sie nichts machen können, schließlich wollten sie ja keine aufrechten Bürger verletzen, um eine Vaterlandsverräterin zu schützen. Sicher keine sehr gute Geschichte, aber in der Kürze der Zeit wollte ihm nichts Besseres einfallen.

Er wies Janschkow eilig an loszufahren und nannte ihm den Ort, an dem sie die Leiche entsorgen würden. Gewissensbisse plagten ihn. Wie hatte das nur passieren können? Der Plan war doch so klar gewesen. Die paar Minuten Fahrt kamen Oberleutnant Vogel wie eine Ewigkeit vor, aber endlich erreichten sie ihr Ziel. Kaum hatten sie angehalten, sprang er aus dem Wagen. Er sah sich prüfend um, der Kanal lag verlassen und vom Mondlicht spärlich beleuchtet vor ihm.

„Na los, Männer! Keine Zeit verlieren, rein mit der Bolschewistensau und dann nichts wie weg hier!“ Vogels Herz raste, während er zusah, wie seine Leute das leblose Bündel, das einmal ein Mensch gewesen war, aus dem Wagen hoben. Er atmete auf, als er Augenblicke später das Platschen hörte, mit dem der Körper in das dunkle Wasser eintauchte.

Erst als sie das Hauptquartier nach einem Umweg erreichten, beruhigte sich Kurt Vogels wild schlagendes Herz langsam wieder, auch wenn er ahnte, dass ihm ein Donnerwetter bevorstand, sobald er seinem Vorgesetzten berichtete, was in dieser kalten Januarnacht geschehen war. Aber das konnte er aushalten, immerhin hatte er dem deutschen Reich einen Dienst erwiesen und nur das zählte.

Was Vogel nicht ahnte, war, dass drei Monate vergehen sollten, bis die Leiche Rosa Luxemburgs wieder aus den Fluten auftauchte.
 

Hyazinthe

Mitglied
Lieber Blumenberg!

Du kleidest hier eine historische Begebenheit in eine spannende Geschichte, indem du die Ermordung Rosa Luxemburgs aus der Sicht der leitenden Offiziers des Todeskommandos schilderst.
Offensichtlich hast du gründlich recherchiert und die historischen Orte und Namen korrekt eingeflochten in die Handlung.
Gut gefallen hat mir dabei die unterschwellig deutlich werdende Schilderung der hasserfüllten Einstellung des Oberleutnants gegenüber den Kommunisten und sein eifriges Bemühen, auch ja alles zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten auszuführen.

Einige Vorschläge:
Er sah zum Wagen. Janschkow saß auf dem Fahrersitz, bereit auf sein Zeichen [red]hinauszusteigen[/red] und den Wagen anzulassen.
Ich würde hier[blue] aussteigen [/blue]sagen und vielleicht erwähnen, dass das Auto mit einer Kurbel gestartet werden muss. Das war doch so 1915, oder?

. [red]„Noske weiß Bescheid.“ Hatte Pabst gesagt,[/red] nun gut, ein Zivilist und dann noch von dieser Partei,
Hier würde ich die Zeichen anders setzen: [blue]"Noske weiß Bescheid", hatte Papst gesagt. Nun gut ...[/blue]

Als das [red]sich verschluckende[/red] Geräusch, mit dem der Wagen ansprang,
"Sich verschluckende Geräusch" finde ich unschön; besser vielleicht "das gurgelnde"

Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich eine Bewegung und fuhr zusammen. Was machte dieser Idiot [red]Runge [/red]denn da?

Der Name Runge taucht hier zum ersten Mal auf, deshalb hatte ich Schwierigkeiten, ihn einzuordnen. Vielleicht solltest du ihn vorher schon einmal beiläufig erwähnen?

„Doch nicht hier! Wo es die[red] Leuten[/red] [blue]Leute[/blue] mitkriegen, du Dummkopf. Wie sieht das denn aus?
Souchon, wegen der Verspätung bereits auf dem Rückweg zum Hauptquartier, hatte den Wagen gesehen und sich entschlossen, dass dieser Ort wohl so gut wie jeder andere sein müsse.
Ich glaube, hier solltest du erwähnen, dass Souchon der bestellte Attentäter war. (Nicht jeder deiner Leser hat alle Details des Attentats im Kopf)

Der Plan war zunichte gemacht und es würde nicht lange dauern, bis jemand kam, um nachzusehen, was hier gerade passiert war.
Du lässt offen, was der eigentliche Plan war. Inwiefern unterschied er sich von dem, was tatsächlich passiert ist?

Ich hoffe, du kannst mit meinen Anmerkungen etwas anfangen.

Schönen Sonntag!
Hyazinthe
 

Blumenberg

Mitglied
Liebe Hyazinthe,

zunächst einmal vielen Dank für die ausführlichen und hilfreichen Anmerkungen. Ein paar Dinge werde ich direkt aufnehmen, bei anderen, wie beispielsweise den Namen (Runge und Souchon), will ich noch ein wenig warten ob die Verständnisprobleme häufiger auftreten, da ich hier für etwas mehr am Text ändern und umstellen müsste.

Der eigentliche Plan der nicht angeführt wurde besagte Rosa Luxemburg abseits des Treibens und weit genug entfernt vom Hauptquartier "auf der Flucht" zu erschießen und ihre Leiche dann als unbekannte Kommunistin bei einer städtischen Wache abzugeben. Das war wichtig damit sich einerseits verbreitet das sie tot ist, andererseits das Korps so tun konnte als hätte man nicht gewusst wen man da erschossen hatte. Das dreimonatige Verschwinden der Leiche kann also als ein letztes Scheitern des Plans aufgefasst werden

Ich freue mich, dass der Text, trotz des sicherlich schweren Themas, deiner Ansicht nach Spannung erzeugen konnte. Da die weiteren Abläufe tatsächlich auch so etwas wie einen Politthriller ergeben, denke ich über eine Fortsetzung nach, die die Ereignisse nach der Tat schildern soll.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Eden Hotel

Oberleutnant a. D. Kurt Vogel trat unruhig von einem Bein auf das andere und zog an der Zigarette. Es war eiskalt, typisch für eine Januarnacht in Berlin. Wie so oft in der letzten halben Stunde glitt sein Blick über die prachtvolle Fassade und suchte den Eingang des Eden-Hotels. Früher hatten in seiner berühmten Bar Schriftsteller, Maler und Musiker gesessen, heute war es das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division.

Was trieben die da drinnen noch so lange? Hätten sie nicht längst unterwegs sein sollen? Sicher, der Hauptmann wollte, dass nicht zu viele Leute auf der Straße waren, aber das war nun doch zu viel des Guten. Sich hier die Beine in den Bauch zu stehen bei der Kälte missfiel Vogel. Alles war besprochen, um zehn Uhr waren die Offiziere der Division, angeführt vom Ersten Generalstabsoffizier Waldemar Pabst, nach kurzer Diskussion zu der Entscheidung gelangt, dass nur eine endgültige Lösung diesem Schlamassel ein für alle Mal ein Ende bereiten könne.

Er sah zum Wagen. Janschkow saß auf dem Fahrersitz, bereit auf sein Zeichen auszusteigen und den Wagen anzulassen. Der Plan war so einfach wie genial. Selbst wenn es Zweifel geben sollte, wer würde die schon ernst nehmen. Wenn Kommunisten starben, war es angeblich das Freikorps, das behaupteten die roten Parteigänger immer. Es wäre ein Leichtes, das Ganze als Fabel oder als Verleumdung von sich zu weisen, solange es keine stichhaltigen Beweise gab. Die Leute, die ihnen Glauben schenken würden, gehörten ohnehin zur anderen Seite und das Freikorps konnte sich auf die Unterstützung durch diejenigen, die in diesen bewegten Tagen im politischen Berlin etwas zu sagen hatten, verlassen. „Noske weiß Bescheid.“ Hatte Pabst gesagt, nun gut, ein Zivilist und dann noch von dieser Partei, aber seit er ihnen beim Abrechnen mit den Aufständischen freie Hand gelassen hatte, sprachen sie im Korps fast respektvoll von dem Politiker, den die Roten den Blutnoske nannten. Warum sollte er etwas dagegen haben, wenn sie dem roten Gesindel nun endgültig den Rest gaben.

Vogel ging noch einmal im Kopf die Details des Planes durch. Es war kein weiter Weg, den sie zurücklegen mussten, nur weit genug, um aus dem unmittelbaren Umfeld des Hauptquartiers und dem um diese Uhrzeit noch belebten Teil Berlins herauszukommen … Hoffentlich war Souchon dort, wo er sein sollte. Na, es würde schon gut gehen.

Wieder wandte er den Blick und tatsächlich, die Türen des Hotels öffneten sich und spukten den ersten der beiden, begleitet von mehreren Divisionsmitgliedern, aus. Auch auf die große Entfernung konnte Vogel sehen, dass die Wachen den illegalen Häftling, der ihnen heute endlich ins Netz gegangen war, stützen mussten. Der erste Wagen startete brummend seinen Motor und fuhr vor. Augenblicke später waren Häftling und Wachen im Wagen verschwunden, dann rollte er an.

Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. Vogel gab dem Fahrer ein Zeichen, sich bereitzuhalten, und der stieg aus. Als das sich verschluckende Geräusch, mit dem der Wagen ansprang, zu hören war, warf er seine Zigarette auf den Boden und drückte sie mit dem Stiefelabsatz aus. Dann kletterte er in den Wagen und wartete, bis Janschkow neben ihm Platz genommen hatte.
„Halt dich bereit, jetzt sind wir dran“, wies er den Kraftfahrer an. „Wenn sich die Türen öffnen, fährst du direkt vor, damit wir das Verladen schnell über die Bühne kriegen. Soll ja nicht jeder sehen, dass die rote Hure in unseren Wagen steigt.“ Er lachte kurz, um seine Nervosität zu überspielen. Das hier war seine Verantwortung. Er war der Transportleiter der Kolonne und wollte auf keinen Fall, dass Hauptmann Pabst nachher irgendetwas an der Durchführung des Befehls auszusetzen hatte.

„Da!“ Vogel wies auf den nur ein paar Meter entfernten Eingang des Hotels. „Losfahren, Mann! Wird’s bald!“ Der Wagen setzte sich in Bewegung und rollte die paar Meter bis zum Eingang, den er genau in dem Moment erreichte, als die Frau das Hotel verlies. Auch sie sah bereits mitgenommen aus, kein Wunder nach einem mehrere Stunden dauernden und nicht gerade zimperlichen Verhör durch die Garde.

Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich eine Bewegung und fuhr zusammen. Was machte dieser Idiot Runge denn da? Warum verließ der seinen Posten? Ungläubig sah Vogel den Jäger auf die Frau zulaufen, als dieser den Kolben seines Gewehrs hob, schwante ihm bereits Übles und er riss die Tür des noch fahrenden Wagens genau im richtigen Moment auf, um das dumpfe Krachen zu hören, mit dem der hölzerne Kolben den Kopf der Frau traf. Bevor er dazwischengehen konnte, schlug Runge noch ein weiteres Mal zu. Vogel packte grob die Schulter des Jägers und hinderte ihn so daran, noch ein drittes Mal auf den Kopf der zu Boden gesackten Gestalt einzuschlagen.

„Was soll der Unsinn?“, herrschte er den jungen Mann an, den er immer schon für ein bisschen unterbelichtet gehalten hatte. „Bist du verrückt geworden, Runge?“ Der Mann drehte sich um und sah Vogel mit wildem Blick an … „Tod den Kommunisten!“, stieß er hervor, als sei das eine Antwort auf die Frage, die Vogel ihm gestellt hatte. Der riss ihm das Gewehr aus der Hand und gab ihm eine schallende Ohrfeige. „Du bist ja nicht bei Sinnen, Kerl. Du versaust uns noch den ganzen Plan“, schrie Vogel und der junge Mann duckte sich unter dem Schlag und der wütenden Schelte.

„Aber Herr Oberleutnant …“, stammelte Runge. „Wir können so eine doch nicht laufen lassen … Für die kann es doch nur eine Strafe geben.“ Er deutete auf die Frau, die bewusstlos und stark aus einer Wunde am Kopf blutend am Boden lag. „Die rote Hure hat den Tod verdient!“, sagte er mit nun wieder fester Stimme. Oberleutnant Vogel war außer sich. „Doch nicht hier! Wo es die Leute mitkriegen, du Dummkopf. Wie sieht das denn aus? Wie steht das Korps denn dann da?“, herrschte er Runge an. Schnell winkte er mehrere Gardisten heran, die die immer noch leblose Gestalt packten und auf den Rücksitz hoben. „Das wird ein Nachspiel für dich haben, glaub mir. So einer wie du hat es nicht verdient, im Korps dem Vaterland zu dienen“, gab er dem unter der heftigen Schelte zu einem Häufchen Elend zusammengesunkenen Jäger noch mit auf den Weg, bevor er wieder auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Diesen Idioten würde er sich nachher noch einmal in aller Ausführlichkeit vorknöpfen. Rasch zog er seine Taschenuhr vor. Schon fast eine Stunde über der vereinbarten Zeit. „Los, Janschkow! Wir sind schon viel zu spät“, blaffte er den Fahrer an, der umgehend Gas gab. Der Wagen schoss los. Bei solchen Soldaten grenzte es an ein Wunder, dass das Reich nicht schon längst von den Roten regiert wurde.

Mit heulendem Motor näherte sich das Automobil der Ecke Nürnberger Straße und Kurfürstendamm. Der Fahrer ging vom Gas, um abzubiegen, als plötzlich eine Gestalt auf das Außentrittbrett sprang. Zu früh! Dieser Gedanke fuhr Vogel noch durch den Kopf. Augenblicke später ertönte ein lauter Knall und der überraschte Fahrer brachte den Wagen mit quietschenden Reifen zum Stillstand. Souchon, wegen der Verspätung bereits auf dem Rückweg zum Hauptquartier, hatte den Wagen gesehen und sich entschlossen, dass dieser Ort wohl so gut wie jeder andere sein müsse. Vogel drehte sich um und sah die Frau zusammengesackt auf dem hinteren Sitz liegen, neben ihr die beiden Gardisten, die sie in den Wagen gehoben hatten. Der Körper war schlaff und ein Loch an ihrer Schläfe zeigte, wo der aufgesetzte Schuss ihren Schädel durchdrungen hatte. Mit der war es vorbei, so viel stand fest. Vogel sah aus dem Wagen und schätzte die Distanz. Bestimmt hatte jemand in den umliegenden Häusern oder auf der auch um diese Uhrzeit noch belebten Straße den Knall gehört. Wenigstens war der Offizier geistesgegenwärtig genug gewesen, direkt nach dem Schuss wieder abzuspringen und in einer Seitenstraße zu verschwinden, bevor jemand ihn hatte sehen können. Aber was nun? Der Plan war zunichte gemacht und es würde nicht lange dauern, bis jemand kam, um nachzusehen, was hier gerade passiert war. Vogel wusste, man würde ihm als Transportführer die Schuld geben, sollte man die Leiche hier in seinem Wagen entdecken. Jetzt hieß es handeln - aber wie? Er überlegte fieberhaft. Immer wieder sah er gehetzt aus dem immer noch stillstehenden Wagen. Bestimmt würde der Hauptmann ihm die Schuld geben. Aber was konnte er dafür, dass sich die anderen nicht einmal an die einfachsten Vorgaben hielten. Jetzt, in diesem Augenblick aber war er gefragt, nur er allein konnte das hier noch zum Guten wenden.

Der Landwehrkanal, schoss es ihm in den Kopf. Er war abgelegen genug, dass sich um diese Uhrzeit keine Zeugen mehr dorthin verirrten, die durch Zufall sehen könnten, wie sie die Leiche darin versenkten. Dort würde man dieses rote Weibsbild früher oder später finden. Er würde dem Hauptmann empfehlen, die besprochene Geschichte für das offizielle Kommuniqué dahingehend zu ändern, dass ein aufgebrachter Mob die Gefangene aus dem Wagen gezerrt und verschleppt hätte. Da hätten sie nichts machen können, schließlich wollten sie ja keine aufrechten Bürger verletzen, um eine Vaterlandsverräterin zu schützen. Sicher keine sehr gute Geschichte, aber in der Kürze der Zeit wollte ihm nichts Besseres einfallen.

Er wies Janschkow eilig an loszufahren und nannte ihm den Ort, an dem sie die Leiche entsorgen würden. Gewissensbisse plagten ihn. Wie hatte das nur passieren können? Der Plan war doch so klar gewesen. Die paar Minuten Fahrt kamen Oberleutnant Vogel wie eine Ewigkeit vor, aber endlich erreichten sie ihr Ziel. Kaum hatten sie angehalten, sprang er aus dem Wagen. Er sah sich prüfend um, der Kanal lag verlassen und vom Mondlicht spärlich beleuchtet vor ihm.

„Na los, Männer! Keine Zeit verlieren, rein mit der Bolschewistensau und dann nichts wie weg hier!“ Vogels Herz raste, während er zusah, wie seine Leute das leblose Bündel, das einmal ein Mensch gewesen war, aus dem Wagen hoben. Er atmete auf, als er Augenblicke später das Platschen hörte, mit dem der Körper in das dunkle Wasser eintauchte.

Erst als sie das Hauptquartier nach einem Umweg erreichten, beruhigte sich Kurt Vogels wild schlagendes Herz langsam wieder, auch wenn er ahnte, dass ihm ein Donnerwetter bevorstand, sobald er seinem Vorgesetzten berichtete, was in dieser kalten Januarnacht geschehen war. Aber das konnte er aushalten, immerhin hatte er dem deutschen Reich einen Dienst erwiesen und nur das zählte.

Was Vogel nicht ahnte, war, dass drei Monate vergehen sollten, bis die Leiche Rosa Luxemburgs wieder aus den Fluten auftauchte.
 

Blumenberg

Mitglied
Vielen Dank für die Bewertungen und den Kommentar! Das hilft mir mein Schreiben ein wenig einzuordnen.
Ich freue mich auf weitere Meinungen, Vorschläge und Ideen zum Text.

Beste Grüße

Blumenberg
 
Hi Blumenberg,

ich habe deine Geschichte interessiert gelesen, auch weil ich wenig darüber wusste. Deshalb kann ich auch nicht beurteilen, ob es sich nun um eine fiktive oder eine historische Kurzgeschichte handelt?

Jedenfalls ist sie insich Stimmig und Nachvollziehbar, auch spannend. Deshalb habe ich sie gerne gelesen. Dennoch habe ich Kritikpunkte.

Den stumpfsinnigen Ruge hättest du m.E. noch etwas mehr ausarbeiten können, ihm etwas mehr Charakter verleihen. Schließlich war er derjenige, welche das ganze Vorhaben gefährdete. Hier wäre für mich noch mehr Potential vorhanden, zwischen den strategen, taktikern und den ... wie soll ich sagen ... wutbürgern (?) zu unterscheiden, welche ja eher trieborientiert handeln.

Insgesamt erscheinen mir die Charaktere sehr farblos. Es liest sich wie Bericht, der gut geschrieben wurde, aber den Konflikt konnte ich nicht nachvollziehen. Auch erfahre ich zuwenig über deinen Protagonisten. Warum ist der Protagonist so geworden, wie er ist? Was treibt ihn an? Der blanke Hass? Worauf begründet er sein Weltbild? So konnte ich mich nicht mit ihm identifizieren, ihn nicht verstehen.

Fazit: Gut, spannend und authentisch beschrieben, aber mir fehlt die Geschichte und mir fehlen greifbare Charaktere in deinem Text.

„Das wird ein Nachspiel für dich haben, glaub mir. So einer wie du hat es nicht verdient, im Korps dem Vaterland zu dienen“,
Ich denke das 'Korps' könntest du streichen, das hört sich gekünstelt an. Vielleicht so: Du hast es nicht verdient, dem Vaterland mit uns zu dienen.'

Was Vogel nicht ahnte, war, dass drei Monate vergehen sollten, bis die Leiche Rosa Luxemburgs wieder aus den Fluten auftauchte.
Das Ende fand ich sehr gelungen.


Beste Grüße und ich hoffe, du kannst etwas mit meinen siebenhundert Pesos anfangen,

Sonne
 

steyrer

Mitglied
Hm … der Beitrag ist routiniert geschrieben und die allwissende Erzählperspektive passend gewählt. Es wäre allerdings auch recht mutig, diesen Anführer als Icherzähler auftreten zu lassen.

Eine Frage: Überträgst du hier das System des filmischen Doku-Dramas auf die Literatur?

Grüße
steyrer
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Blumenberg,

es ist immer schwierig, eine historische Begebenheit in eine Kurzgeschichte zu kleiden. Inwiefern hast Du fiktive Elemente hinzugefügt und inwiefern entspricht sie den genauen Tatsachen? Das ist für mich unklar. Aus der Sicht des Opfers fände ich die Geschichte reizvoller.

Mich stört sonst nur der Satz

das leblose Bündel, das einmal ein Mensch gewesen war,
Das "Bündel" ist immer noch ein Mensch, nur jetzt ein lebloser.

VG,
DS
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Steyrer, Hallo Doc,

ich erlaube mir eure beiden Kommentare zu meinem Text gebündelt zu beantworten, da beide m. E. in die selbe Richtung gehen.

a) Zur Perspektive: Steyrer du hast sicherlich damit recht, wenn du einwendest, dass ein Ich-Erzähler vermutlich die Geschichte auch aus der Innenansicht der Person noch etwas spannender gemacht hätte, ich habe das auch überlegt gehabt. Allerdings handelt es sich bei Vogel um eine konkrete historische Person und nicht um eine fiktive Gestalt aus meiner Feder, daher schien es mir nicht redlich aus der Ich-Perspektive zu schreiben.
Auch über Rosa Luxemburg als Protagonistin habe ich nachgedacht, allerdings ergab sich dabei das Problem, dass Luxemburg nach den Kolbenschlägen bereits so schwere Kopfverletzungen erlitten hatte, dass sie das Bewusstsein nicht wiedererlangt hat bis sie erschossen wurde. Da das Thema der Geschichte die ich erzählen wollte, jedoch nicht die (illegale) Verhaftung und das Verhör ist, sondern die stümperhafte Ausführung eines eilig geschmiedeten Mordkomplotts zum vermeindlichen Wohle des Vaterlandes, habe ich mich für den den Befehl ausführenden Offizier als Protagonisten entschieden. Die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts (der erste Gefangene) kommt mir dabei wie eine Art Kristalisationspunkt von Geschichte vor, einerseits zeigt sich hier welche Büchse der Pandorra von der regierenden SPD mit dem Einsatz der Freikorps zur Niederschagung des Spartakusaufstandes geöffnet worden ist. Andererseits zeigt sich hier die Verselbstständgung dieses Prozesses, in dem sich die Offziere nach der Verhaftung der beiden bewusst entschließen sich über jegliche geltende rechtliche Norm hinwegzusetzen und damit zwei der Grundlagen des Staates, das Gewaltmonopol und die Judikative, auszuhebeln. Mir kam es darauf an die Verrohung von Politik im Umkreis des Spartakusaufstandes zu schildern, die jede Rechtsstaatlichkeit fahren lässt, indem der Schutz des "bedrohten" Vaterlandes von nationalistischen Schlägertruppen in die eigenen Hände genommen wurde (hups, welch unerwartete Parallele zu heute tut sich da auf!?).

b) Zur Historizität: Die Rahmenhandlung der Geschichte, die handelnden Personen und der zeitliche sowie materiale Ablauf des Ereignisses entsprechen den historischen Tatsachen, so weit sie trotz der wenigen Belege rekonstruierbar waren. Die Motive der handelnden Personen und die Dialoge sind fiktiv, ich habe mich aber bemüht beides an belegte Aussagen zurückzubinden. So hat etwa einer der im folgenden Prozess befragten Offiziere ausgesagt, er habe den Gefreiten Runge immer für etwas verblödet gehalten. Diese Worte habe ich dann im Rahmen künstlerischer Freiheit meinem Protagonisten im Selbstgespräch in den Mund gelegt. Dabei richten sich die Gedanken des Protagonisten ausschließlich auf die ordnungsgemäße Durchführung des empfangenen Befehls, dieser gilt seine ganze Sorge, was ihn als einen qualifiziert, der im Sinne Hannah Arendts zu dumm zum denken ist.

Ich hoffe meine Antwort kann euch so weit zufrieden stellen.

Beste Grüße

Blumenberg
 

steyrer

Mitglied
Hallo Blumenberg,

ich neige dazu, mich knapp auszudrücken, manchmal vielleicht zu knapp. Mit meiner Bemerkung über die Erzählperspektive wollte ich eigentlich nur sagen, dass eine Ich-Perspektive (wie in „Der stille Tod“) in diesem Fall problematisch gewesen wäre. Immerhin hättest du deinen Lesern damit den Anführer eines Mordkommandos als Identifikationsfigur präsentiert und das wäre ein Risiko gewesen, also etwas das Mut erfordert. Nicht nur wegen der zu erwartenden Ablehnung, sondern viel mehr einer unerwarteten Zustimmung. Unser Herrgott hat einen großen Tiergarten, sagt man.

Kurz: Ich halte die gewählte Erzählperspektive für richtig und habe daran nichts zu mäkeln.

Was meine Frage zu den filmischen Dokudramen betrifft, so werte ich deine Antwort der Einfachheit halber als „Ja“, auch wenn du dich vielleicht auf anderes beziehst. Eine solche Mischform aus Belletristik und Sachliteratur passt dann allerdings in keine der Schubladen hier und provoziert Missverständnisse.

Abschließend: Was in deinem Text, meiner Meinung nach, wirklich glaubhaft vermittelt wird, ist die Feindschaft zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten.

Schöne Grüße
steyrer
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo schwarze sonne,

zunächst einmal vielen Dank für die ausführliche Kommentierung meines Textes. Deine Kritik kann ich zu einem gewissen Teil nachvollziehen und ich habe ein wenig damit gerechnet.

Ich habe mich nach einigem überlegen für eine relativ offene Form und eher implizite Charakterzeichnung entschieden, da eine mir eine genaue Charakterzeichnung angesichts des Formates Kurzgeschichte zu üppig schien. Daneben habe ich mit dem Fokus des Protagonisten auf den besprochenen Plan und sein gelingen, einen Aspekt herausgegriffen, betont und in den Mittelpunkt des Handeln des Protagonisten gestellt. Der Leser muss sich ansonsten gewissermaßen aus verstreuten Hinweisen den weiteren Charakter Vogel zusammenreimen. Als Beispiel: Der Protagonist ist Oberleutnant a.D. also Veteran des ersten Weltkrieges, als Mitglied des Freikorps mag der Leser vermuten, dass Vogel nicht so wirklich im Frieden zurechtkam oder im Militär seine Heimat gefunden hat, vielleicht gehörte er vor dem Eintritt zu den vielen Arbeits- und Beschäftigungslosen der damaligen Zeit? Der Stolz auf die wichtige Aufgabe und das sklavische Festhalten und Umsetzen des besprochenen Planes sind weitere Hinweise, auch die völlig fehlende Auseinandersetzung des Protagonisten damit, was der Plan eigentlich beinhaltet (den Mord an einer wehrlosen Person) ist Absicht, er tritt als Antikommunist, aber mit platten Worthülsen auf wie "Die rote Hure", die aber beim genauerem Hinsehen eben nicht mehr sind als das sind, usw.
Was den Gefreiten Runge angeht freue ich mich, dass du das von Vogel unterschiedene Handlungsmotiv erkannt hast,du hast aber recht damit, dass diese Unterscheidung noch deutlicher herausgestellt werden kann, in dem man Runge detailierter zeichnet.

Was die erzählte Geschichte betrifft ist sie lediglich ein minimaler Ausschnitt aus einer wesentlich größeren Ereignisfolge die ich herausgegriffen habe. Sie fängt plötzlich an und endet plötzlich, wobei ich es dem Leser überlassen möchte, bei Interesse den gewählten Ausschnitt wieder in ein größeres Ganzes einzubinden in dem er mehr über die damalige Zeit liest oder es eben bleiben lässt. Das scheint mir einer der Vorteile einer historischen Vorlage zu sein, den ich auch nutzen wollte.

Hallo Steyrer

an diese Konsequenz der Ich-Persektive habe ich selbst gar nicht gedacht...eine gruselige Vorstellung.
Was deine Anmerkung zur Mischform angeht hast du recht, dies kann in der Tat Missverständnisse provozieren (siehe auch Doc Schneiders Anmerkung). Das Gute ist, dass das Forum es gestattet diese Auszuräumen in dem man als Autor mehr über die Anteile von Fiktion und Sachgenauigkeit und die Intention des Geschriebenen preisgibt. Ich hoffe ich habe die Missverständnisse in diesem und dem vorherigen Kommentar ausräumen können.

Beste Grüße

Blumenberg

Beste Grüße
 

Blumenberg

Mitglied
Eden Hotel

Oberleutnant a. D. Kurt Vogel trat unruhig von einem Bein auf das andere und zog an der Zigarette. Es war eiskalt, typisch für eine Januarnacht in Berlin. Wie so oft in der letzten halben Stunde glitt sein Blick über die prachtvolle Fassade und suchte den Eingang des Eden-Hotels. Früher hatten in seiner berühmten Bar Schriftsteller, Maler und Musiker gesessen, heute war es das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division.

Was trieben die da drinnen noch so lange? Hätten sie nicht längst unterwegs sein sollen? Sicher, der Hauptmann wollte, dass nicht zu viele Leute auf der Straße waren, aber das war nun doch zu viel des Guten. Sich hier die Beine in den Bauch zu stehen bei der Kälte wie ein einfacher Soldat missfiel Vogel. Alles war besprochen, um zehn Uhr waren die Offiziere der Division, angeführt vom Ersten Generalstabsoffizier Waldemar Pabst, nach kurzer Diskussion zu der Entscheidung gelangt, dass nur eine endgültige Lösung diesem Schlamassel ein für alle Mal ein Ende bereiten könne.

Er sah zum Wagen. Janschkow saß auf dem Fahrersitz, bereit auf sein Zeichen auszusteigen und den Wagen anzulassen. Der Plan war so einfach wie genial. Selbst wenn es Zweifel geben sollte, wer würde die schon ernst nehmen. Wenn Kommunisten starben, war es angeblich das Freikorps, das behaupteten die roten Parteigänger immer. Es wäre ein Leichtes, das Ganze als Fabel oder als Verleumdung von sich zu weisen, solange es keine stichhaltigen Beweise gab. Die Leute, die ihnen Glauben schenken würden, gehörten ohnehin zur anderen Seite und das Freikorps konnte sich auf die Unterstützung durch diejenigen, die in diesen bewegten Tagen im politischen Berlin etwas zu sagen hatten, verlassen. „Noske weiß Bescheid.“ Hatte Pabst gesagt, nun gut, ein Zivilist und dann noch von dieser Partei, aber seit er ihnen beim Abrechnen mit den Aufständischen freie Hand gelassen hatte, sprachen sie im Korps fast respektvoll von dem Politiker, den die Roten den Blutnoske nannten. Warum sollte er etwas dagegen haben, wenn sie dem roten Gesindel nun endgültig den Rest gaben.

Vogel ging noch einmal im Kopf die Details des Planes durch. Es war kein weiter Weg, den sie zurücklegen mussten, nur weit genug, um aus dem unmittelbaren Umfeld des Hauptquartiers und dem um diese Uhrzeit noch belebten Teil Berlins herauszukommen … Hoffentlich war Souchon dort, wo er sein sollte. Na, es würde schon gut gehen.

Wieder wandte er den Blick und tatsächlich, die Türen des Hotels öffneten sich und spukten den ersten der beiden, begleitet von mehreren Divisionsmitgliedern, aus. Auch auf die große Entfernung konnte Vogel sehen, dass die Wachen den illegalen Häftling, der ihnen heute endlich ins Netz gegangen war, stützen mussten. Der erste Wagen startete brummend seinen Motor und fuhr vor. Augenblicke später waren Häftling und Wachen im Wagen verschwunden, dann rollte er an.

Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. Vogel gab dem Fahrer ein Zeichen, sich bereitzuhalten, und der stieg aus. Als das sich verschluckende Geräusch, mit dem der Wagen ansprang, zu hören war, warf er seine Zigarette auf den Boden und drückte sie mit dem Stiefelabsatz aus. Dann kletterte er in den Wagen und wartete, bis Janschkow neben ihm Platz genommen hatte.
„Halt dich bereit, jetzt sind wir dran“, wies er den Kraftfahrer an. „Wenn sich die Türen öffnen, fährst du direkt vor, damit wir das Verladen schnell über die Bühne kriegen. Soll ja nicht jeder sehen, dass die rote Hure in unseren Wagen steigt.“ Er lachte kurz, um seine Nervosität zu überspielen. Das hier war seine Verantwortung. Er war der Transportleiter der Kolonne und wollte auf keinen Fall, dass Hauptmann Pabst nachher irgendetwas an der Durchführung des Befehls auszusetzen hatte.

„Da!“ Vogel wies auf den nur ein paar Meter entfernten Eingang des Hotels. „Losfahren, Mann! Wird’s bald!“ Der Wagen setzte sich in Bewegung und rollte die paar Meter bis zum Eingang, den er genau in dem Moment erreichte, als die Frau das Hotel verlies. Auch sie sah bereits mitgenommen aus, kein Wunder nach einem mehrere Stunden dauernden und nicht gerade zimperlichen Verhör durch die Garde.

Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich eine Bewegung und fuhr zusammen. Was machte dieser Idiot Runge denn da? Warum verließ der seinen Posten? Ungläubig sah Vogel den Jäger auf die Frau zulaufen, als dieser den Kolben seines Gewehrs hob, schwante ihm bereits Übles und er riss die Tür des noch fahrenden Wagens genau im richtigen Moment auf, um das dumpfe Krachen zu hören, mit dem der hölzerne Kolben den Kopf der Frau traf. Bevor er dazwischengehen konnte, schlug Runge noch ein weiteres Mal zu. Vogel packte grob die Schulter des Jägers und hinderte ihn so daran, noch ein drittes Mal auf den Kopf der zu Boden gesackten Gestalt einzuschlagen.

„Was soll der Unsinn?“, herrschte er den jungen Mann an, den er immer schon für ein bisschen unterbelichtet gehalten hatte. „Bist du verrückt geworden, Runge?“ Der Mann drehte sich um und sah Vogel mit wildem Blick an … „Tod den Kommunisten!“, stieß er hervor, als sei das eine Antwort auf die Frage, die Vogel ihm gestellt hatte. Der riss ihm das Gewehr aus der Hand und gab ihm eine schallende Ohrfeige. „Du bist ja nicht bei Sinnen, Kerl. Du versaust uns noch den ganzen Plan“, schrie Vogel und der junge Mann duckte sich unter dem Schlag und der wütenden Schelte.

„Aber Herr Oberleutnant …“, stammelte Runge. „Wir können so eine doch nicht laufen lassen … Für die kann es doch nur eine Strafe geben.“ Er deutete auf die Frau, die bewusstlos und stark aus einer Wunde am Kopf blutend am Boden lag. „Die rote Hure hat den Tod verdient!“, sagte er mit nun wieder fester Stimme. Oberleutnant Vogel war außer sich. „Doch nicht hier! Wo es die Leute mitkriegen, du Dummkopf. Wie sieht das denn aus? Wie steht das Korps denn dann da?“, herrschte er Runge an. Schnell winkte er mehrere Gardisten heran, die die immer noch leblose Gestalt packten und auf den Rücksitz hoben. „Das wird ein Nachspiel für dich haben, glaub mir. So einer wie du hat es nicht verdient, im Korps dem Vaterland zu dienen“, gab er dem unter der heftigen Schelte zu einem Häufchen Elend zusammengesunkenen Jäger noch mit auf den Weg, bevor er wieder auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Diesen Idioten würde er sich nachher noch einmal in aller Ausführlichkeit vorknöpfen. Rasch zog er seine Taschenuhr vor. Schon fast eine Stunde über der vereinbarten Zeit. „Los, Janschkow! Wir sind schon viel zu spät“, blaffte er den Fahrer an, der umgehend Gas gab. Der Wagen schoss los. Bei solchen Soldaten grenzte es an ein Wunder, dass das Reich nicht schon längst von den Roten regiert wurde.

Mit heulendem Motor näherte sich das Automobil der Ecke Nürnberger Straße und Kurfürstendamm. Der Fahrer ging vom Gas, um abzubiegen, als plötzlich eine Gestalt auf das Außentrittbrett sprang. Zu früh! Dieser Gedanke fuhr Vogel noch durch den Kopf. Augenblicke später ertönte ein lauter Knall und der überraschte Fahrer brachte den Wagen mit quietschenden Reifen zum Stillstand. Souchon, wegen der Verspätung bereits auf dem Rückweg zum Hauptquartier, hatte den Wagen gesehen und sich entschlossen, dass dieser Ort wohl so gut wie jeder andere sein müsse. Vogel drehte sich um und sah die Frau zusammengesackt auf dem hinteren Sitz liegen, neben ihr die beiden Gardisten, die sie in den Wagen gehoben hatten. Der Körper war schlaff und ein Loch an ihrer Schläfe zeigte, wo der aufgesetzte Schuss ihren Schädel durchdrungen hatte. Mit der war es vorbei, so viel stand fest. Vogel sah aus dem Wagen und schätzte die Distanz. Bestimmt hatte jemand in den umliegenden Häusern oder auf der auch um diese Uhrzeit noch belebten Straße den Knall gehört. Wenigstens war der Offizier geistesgegenwärtig genug gewesen, direkt nach dem Schuss wieder abzuspringen und in einer Seitenstraße zu verschwinden, bevor jemand ihn hatte sehen können. Aber was nun? Der Plan war zunichte gemacht und es würde nicht lange dauern, bis jemand kam, um nachzusehen, was hier gerade passiert war. Vogel wusste, man würde ihm als Transportführer die Schuld geben, sollte man die Leiche hier in seinem Wagen entdecken. Jetzt hieß es handeln - aber wie? Er überlegte fieberhaft. Immer wieder sah er gehetzt aus dem immer noch stillstehenden Wagen. Bestimmt würde der Hauptmann ihm die Schuld geben. Aber was konnte er dafür, dass sich die anderen nicht einmal an die einfachsten Vorgaben hielten. Jetzt, in diesem Augenblick aber war er gefragt, nur er allein konnte das hier noch zum Guten wenden.

Der Landwehrkanal, schoss es ihm in den Kopf. Er war abgelegen genug, dass sich um diese Uhrzeit keine Zeugen mehr dorthin verirrten, die durch Zufall sehen könnten, wie sie die Leiche darin versenkten. Dort würde man dieses rote Weibsbild früher oder später finden. Er würde dem Hauptmann empfehlen, die besprochene Geschichte für das offizielle Kommuniqué dahingehend zu ändern, dass ein aufgebrachter Mob die Gefangene aus dem Wagen gezerrt und verschleppt hätte. Da hätten sie nichts machen können, schließlich wollten sie ja keine aufrechten Bürger verletzen, um eine Vaterlandsverräterin zu schützen. Sicher keine sehr gute Geschichte, aber in der Kürze der Zeit wollte ihm nichts Besseres einfallen.

Er wies Janschkow eilig an loszufahren und nannte ihm den Ort, an dem sie die Leiche entsorgen würden. Gewissensbisse plagten ihn. Wie hatte das nur passieren können? Der Plan war doch so klar gewesen. Die paar Minuten Fahrt kamen Oberleutnant Vogel wie eine Ewigkeit vor, aber endlich erreichten sie ihr Ziel. Kaum hatten sie angehalten, sprang er aus dem Wagen. Er sah sich prüfend um, der Kanal lag verlassen und vom Mondlicht spärlich beleuchtet vor ihm.

„Na los, Männer! Keine Zeit verlieren, rein mit der Bolschewistensau und dann nichts wie weg hier!“ Vogels Herz raste, während er zusah, wie seine Leute das leblose Bündel, das einmal ein Mensch gewesen war, aus dem Wagen hoben. Er atmete auf, als er Augenblicke später das Platschen hörte, mit dem der Körper in das dunkle Wasser eintauchte.

Erst als sie das Hauptquartier nach einem Umweg erreichten, beruhigte sich Kurt Vogels wild schlagendes Herz langsam wieder, auch wenn er ahnte, dass ihm ein Donnerwetter bevorstand, sobald er seinem Vorgesetzten berichtete, was in dieser kalten Januarnacht geschehen war. Aber das konnte er aushalten, immerhin hatte er dem deutschen Reich einen Dienst erwiesen und nur das zählte.

Was Vogel nicht ahnte, war, dass drei Monate vergehen sollten, bis die Leiche Rosa Luxemburgs wieder aus den Fluten auftauchte.
 
Lieber Blumenberg,
jedes Mal, wenn ich Ihre Texte lese, freue ich mich, dass es Ihnen wahrscheinlich gelingt, Leser unterschiedlicher Gemütsverfassung mit einer Materie bekannt zu machen, die eine eigene Urteilsbildung verlangt. Die Kommentierungen empfinde ich auch als konstruktiv und anregend. die Hinweise auf die wenig ausgeprägten menschlichen Charaktere und die politische Wunde der Geschichte als hilfreich. Für Ihre weiteren Projekte wünsche ich optimalen Erfolg, Hoffentlich stellt sich meine Fußnote nicht in den Weg.

Frei assoziierend, kann ich mich nicht direkt auf ihre Erzählform, jedoch auf ihre konzeptionellen Überlegungen beziehen. Ja, das politische Verbrechen im Eden ist ein bedeutender Kristallisationspunkt von Geschichte. Ja, er hat mit Verrohung und bewusstem Verstoß gegen den demokratischen Rechtsstaat zu tun. Allerdings wissen wir erst viel zu spät in der nötigen Klarheit, dass die Weimarer Republik, zur Zeit des Mordes noch im Embryonalzustand, bereits von Kräften der alten Militärdiktatur und solchen einer potenziellen Demokratie umkämpft war. Letztere ‚sozialisierten‘ sich im Treibhausklima einer fortschrittlich sich gebenden Diktatur, die den Deckmantel eines guten Gewissens über ihre imperialistischen Ziele legte. Das wollten die Ermordeten nicht kommentarlos hinnehmen.

Die tragende Rolle der völkischen Propagandamaschine und die Methoden von Vernichtung und Zerstörung im ‚1.WK‘ üben mit demagogischer Wucht ihre Wirkung bis in unsere Tage aus. Der revolutionäre Elan, den der Spartakusbund ( mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht) dagegen zu entwickeln versuchte, war hoffnungslos unterlegen – seit November waren sie nie wirklich frei, dafür ständig auf der Flucht und der übelsten Pogromhetze ausgesetzt. Da Luxemburg und Liebknecht ihre politische Aufgabe illusionslos anpackten, darf sich vielleicht Mitleid an ihrem traurigen Schicksal gegenüber Fragen heute lebender Generationen relativieren.

Welche Erbschaften unter veränderten Entwicklungsbedingungen der Demokratie beschäftigen uns immer noch? Als eingefleischtem Reformisten gilt mir in der Folge gescheiterter Revolutionen nüchterne Analyse, die auch ermüdend und langweilig sein mag, mehr als bloß modisch revolutionäre Phraseologie. Auch wenn damals der ‚Bluthund‘ tatsächlich Noske war, wofür logische Indizien existieren, ist die Reduzierung der Schuldfrage bezüglich des politischen Verbrechens als ein von Natur aus existierender Zwist zwischen ‚den Roten‘ fehlerhaft und sachlich unzutreffend. Erfahrungsgemäß wird daran gearbeitet, auch mit einer Verbesserung der bürgerlichen Freiheitsidee, die Rosa Luxemburg vorschlug: Dass Freiheit im Kern vor allem auch die Freiheit des Andersdenkenden im Rahmen der geschichtlich wachsenden Menschenrechte ist. Der erste Satz im Grundrechtskatalog unserer Verfassung verstört allerdings immer noch die knüppelharte Religion des gesunden Menschenverstands.

Der Umgang mit unsrer nationalen Identität belastet uns falsch und unangemessen, denn wir pflegen immer noch blind die Gewohnheit, als hätten die Völkischen oder gar die Nazis jemals tatsächlich die Nation freier Bürger im Auge gehabt. Ich setze dabei voraus, dass die dogmatisch verquasten Ideologien von ‚Sozialismus‘ und ‚Kommunismus‘ ähnlich menschenfeindliche Wirkungen hatten und haben, wie sie von dem Verbrechen auf der ‚rechten‘ Seite des politischen Spektrums ausgingen. Dabei vermag ich die schlechte Gewohnheit der umstandslosen Gleichsetzung von ‚rechtsextremistisch‘ mit ‚linksextremistisch‘ nicht hinzunehmen.

Es kann durchaus lohnen, sich genauer mit den inneren Zusammenhängen der terroristischen Farcen von RAF und NSU zu befassen und deren äußere Bewältigung zu beachten. War der Anstreicher Bachmann im April 1968 auf dem Kurfürstendamm funktionell und vom Typ her eine Variante des Soldaten Runge, als er Rudi Dutschke in den Kopf schoss? Einige Faktoren fehlten damals noch, und man musste nicht mehr lange warten, bis die RAF auf den Plan trat und in die politisch-geschichtliche Falle tappte. Dies der Meinhof begreiflich zu machen, war leider niemand in der Lage. Übrigens – ich erfahre gerade, dass sich in Ffm. endlich eine Gruppe von Wissenschaftlern zur Erforschung des NSU zusammenrauft. Die Aufarbeitung des ‚stillen Todes‘ im Horizont der Hilfsbedürftigkeit älterer Menschen ist Ihnen gewiss bekannt. Freundlich grüßend Herbert Schmelz
 

Blumenberg

Mitglied
Lieber Herbert Schmelz,

zunächst einmal vielen Dank für Ihre lobenden Worte. Es freut mich, dass die Intention des Autors bei den wenigen Texten die ich bisher hier eingestellt habe nicht auf taube Ohren stößt.

Ihre "Fußnote" stört dies in keiner Weise, im Gegenteil finde ich das Literatur genau das tun sollte, nänmlich zu Fußnoten und damit auch zu einem Diskurs anzuregen. Dabei geht es neben der formalen Seite meines Erachtens immer auch um die inhaltliche. Hier scheint mir ein Forum, dass dieses zumindest in einem gewissen Umfang (es soll ja hauptsächlich um Textarbeit gehen) zulässt, ein wunderbarer Ort zu sein. Aber nun zu Ihren Assoziationen...

In der Tat zeigt sich aus der Retrospektive ein umfangreicheres Bild, als es den Zeitgenossen zur Verfügung stand und sie haben Recht, dass die folgende Entwicklung nicht vorauszuahnen gewesen ist. So ist der Kristallisationspunkt, als den ich dieses Ereignis begriffen habe, nur aus der Rückschau über das reine Erahnen heraus festzusetzen.
Das Embrionalstadium von Ereignissen (Auch im "Stillen Tod" geht es ja um ein solches) scheint mir dabei besonders interessant, da es sich noch durch eine Offenheit des Diskurses auszeichnet, der anschließend oft gewaltsam verengt wird. So bedeutet beispielsweise der Tod Rosa Luxemburges über ihre Bedetung als "Aushängeschild der Roten" hinaus auch eine gewichtige Verengung im innersozialistischen Diskurs, hatte Leuxemburg doch bezüglich des Spartakusaufstandes (den sie ablehnte)aber auch in der Frage der Ausformung eines kommunistischen Staates (hier vor allem in der Auseinandersetzung und Opposition zu Lenin), eine wesentliche Gegenstimme gebildet. So erlischt hier eine pazifistische Stimme, die, aber das ist meine persönliche Meinung, wohl auch in strenger Opposition zu dem sich entwickelnden sowjetischen Terror gestanden hätte.

Ich gebe Ihnen recht damit, dass sich sicherlich zwischen NSU und RAF als terroristischen Gruppen Struktelemente finden lassen die einander ähnlich sind. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung des NSU Terrors bildet meines Erachtens die Grundlage für eine vergleichende Analyse und ist daher in der Tat begrüßenswert.

Mit freundlichen Grüßen

PS: Ich muss mich in aller Form entschuldigen, dass ich Ihnen auf ihren Kommentar zu meinem Essay, bisher die Antwort schuldig geblieben bin. Ich habe Ihren Beitrag bedauerlicherweise eben erst wahrgenommen. Ich werde dies möglichst bald nacholen.
 

Robin Varcoe

Mitglied
Sehr spannend - vom Anfang an.
Der Verdacht, dass die Geschichte sich um R. L. handelte, kam mir relativ früh in den Sinn -ich hätte sie nicht mit Namen am Ende erwähnt.
Meine Meinung nach - da es (historisch) offenbar ist, von wem die Rede ist, schwächt diese Nennung von R.L. die Endung.
Aber die Geschichte gefällt mir.
Robin
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Robin,

es freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat.

Ich kann deine Anmerkung zum Ende der Geschichte nachvollziehen. Die Nennung des Namens bzw. den gesamten letzten Satz hatte ich in der Tat in der ersten Fassung noch weggelassen. Ich habe mich aber nach mehreren Nachfragen aus meinem Bekanntenkreis für eine Auflösung entschieden, da ich glaube, dass die Geschichte mit beidem funktioniert. Hier war mir dann ein Entgegenkommen gegenüber dem Leser doch wichtiger.

Beste Grüße

Blumenberg
 

CPMan

Mitglied
Lieber Blumenberg,

endlich habe ich es geschafft, deine Geschichte zu lesen. Nun möchte ich dir gerne eine Rückmeldung geben.

Zunächst zwei sprachliche Aspekte:

Wieder wandte er den Blick und tatsächlich, die Türen des Hotels öffneten sich und spukten den ersten der beiden, begleitet von mehreren Divisionsmitgliedern, aus.
spuckten

Der Wagen setzte sich in Bewegung und rollte die paar Meter bis zum Eingang, den er genau in dem Moment erreichte, als die Frau das Hotel verlies.
verließ

Du hast ein historisches Thema gewählt, dass spannend aber auch sehr komplex ist. Du konzentrierst dich auf eine Szene (Der Mord an Rosa Luxemburg). Um den Text zu verstehen, benötigt man historische Vorkenntnisse, die ich mir (man sich) ergooglen muss. Denn Namen wie Souchon und Noske sind mir nicht geläufig (Noske habe ich schon mal gehört, und ich konnte ihn im politischen Bereich verorten, aber bei Zeit und Thema war ich mir unsicher).

Wenn der Text also auch unbedarfte, dem Thema fremde Leser ansprechen soll, dann muss er mehr (erzählend) informieren. Das benötigt aber weitaus mehr Text als deine Geschichte hat. Du müsstest also weiter ausholen, andernfalls bleibt es nur die Geschichte irgendeines Mordes, dessen politische Tragweite man nicht begreift.

Das ist m.E. auch die Crux des Textes. Als historisch informierender Text (wie Zweigs 'Marie Antoinette' z.B.) ist er nicht informativ genug und auch bei mehr Text muss man überlegen, wie man informieren aber auch spannend unterhalten will. Dein Text ist ein wenig zu informativ, und eher wenig unterhaltend, finde ich. Zu viel TELL, und nicht genug SHOW.

Ein konstruktiver Vorschlag wäre, statt einer zwei Erzählperspektiven zu wählen, in denen die Geschichte vll einmal aus der Sicht Rosa Luxemburgs und zum zweiten aus der Sicht des OL Vogel geschildert wird (RLs Erlebnis dann eben nur bis zum Schlag mit dem Gewehrkolben. Das hätte auch den Vorteil, dass der name Rosa Luxemburgs früher fällt und so der Leser den Text historisch besser verorten kann.

Die größte Schweirigeit bei Texten dieser Art ist die Kunst, Information unterhaltend und in der richtigen Dosis zu verabreichen. Handlungen, Szenen müssen mit Info unterfüttert werden, die den historischen Kontext kurz und bündig aber auch intressant aufbereiten. Dein Text schafft das in einzelnen Szenen, auch die Handlung wird in einzelnen Szenen spannend dargestellt, aber insgesamt ist der Text zu informativ, hat zu wenige direkte Rede und Dialoge und für mich daher strak überarbeitungsbedürftig.

Liebe Grüße,

CPMan
 
Lieber Blumenberg,
Was die Erzählform betrifft, enthält die Anmerkung von CPMan wahrscheinlich einige richtige Beobachtungen … Inwieweit EDEN HOTEL eine irgendwie erweiterte Erzählform verträgt, wäre evtl. Probe aufs Exempel.
Ich nehme an, dass sie im Sinne historischer Wahrheit rekonstruieren wollen in Form fiktiver Elemente einer spannenden, von ihnen erzählten Geschichte. Aus der Lektüre ergeben sich dafür aus meiner Sicht einige Stichworte: Widersprüche des Mordplans; Subjektiv gefärbte Einstellungen zur Legalität; beispielhaftes Interagieren der politisch bestimmten Antipoden und ihrer Charaktere; Konkretisierung von Charaktermerkmalen – autoritär/demokratisch; Momente von Lust, Erleichterung, Depression …(Saufgelage, Zeugen im EDEN, Militärgericht/reguläre Strafjustiz).
Bitte um Entschuldigung, war jetzt eine Idee, keinesfalls ‚Arbeitsbeschaffung‘.
Freundlicher Gruß Herbert Schmelz
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo CPMan,

zunächst einmal vielen Dank für die intensive Beschäftigung mit meinem Text und die wirklich hilfreichen Anmerkungen. Eine hier eingestellte Geschichte ist ja nichts Monolitisches was weitgehend unverändert die Jahrtausende (im Internet wohl eher Tage) überstehen soll. Von daher werde ich die Geschichte, wenn ich ein wenig Zeit finde noch einmal überarbeiten.

Was die Vorkenntnisse, die für ein Verständnis der Geschichte notwendig sind, betrift, ist dieser Punkt in mehreren Rezensionen aufgetaucht und ich muss ihn daher ernst nehmen. Hier ist mir Rückmeldung von außerhalb immer willkommen, da man, selbst im Thema, manchmal dazu neigt manche Voraussetzungen für offensichtlich zu halten, obwohl sie das gar nicht sind.

Mit der Komplexität des Themas gebe ich dir recht. Ich habe versucht das ganze in eine Kurzform zu bringen, die einerseits spannend andererseits informativ ist. Wenn dabei das Pendel zu sehr in eine Richtung ausschlägt, sollte das korrigiert werden.


Hallo Herbert Schmelz,

im Gegenteil, Danke für die Anmerkung. Ich stimme sowohl dir als auch CPMan zu, dass das Thema eine ganze Reihe von Erweiterungsmöglichkeiten bietet. Ich will versuchen, diese bei einer Überarbeitung zu nutzen. Mal sehen, ob mir das überzeugend gelingt.

Beste Grüße und vielen Dank für die Mühen!

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Eden Hotel

Oberleutnant a. D. Kurt Vogel trat unruhig von einem Bein auf das andere und zog an der Zigarette. Es war eiskalt, typisch für eine Januarnacht in Berlin. Wie so oft in der letzten halben Stunde glitt sein Blick über die prachtvolle Fassade und suchte den Eingang des Eden-Hotels. Früher hatten in seiner berühmten Bar Schriftsteller, Maler und Musiker gesessen, heute war es das Hauptquartier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division.

Was trieben die da drinnen noch so lange? Hätten sie nicht längst unterwegs sein sollen? Sicher, der Hauptmann wollte, dass nicht zu viele Leute auf der Straße waren, aber das war nun doch zu viel des Guten. Sich hier die Beine in den Bauch zu stehen bei der Kälte wie ein einfacher Soldat missfiel Vogel. Alles war besprochen, um zehn Uhr waren die Offiziere der Division, angeführt vom Ersten Generalstabsoffizier Waldemar Pabst, nach kurzer Diskussion zu der Entscheidung gelangt, dass nur eine endgültige Lösung diesem Schlamassel ein für alle Mal ein Ende bereiten könne.

Er sah zum Wagen. Janschkow saß auf dem Fahrersitz, bereit auf sein Zeichen auszusteigen und den Wagen anzulassen. Der Plan war so einfach wie genial. Selbst wenn es Zweifel geben sollte, wer würde die schon ernst nehmen. Wenn Kommunisten starben, war es angeblich das Freikorps, das behaupteten die roten Parteigänger immer. Es wäre ein Leichtes, das Ganze als Fabel oder als Verleumdung von sich zu weisen, solange es keine stichhaltigen Beweise gab. Die Leute, die ihnen Glauben schenken würden, gehörten ohnehin zur anderen Seite und das Freikorps konnte sich auf die Unterstützung durch diejenigen, die in diesen bewegten Tagen im politischen Berlin etwas zu sagen hatten, verlassen. „Noske weiß Bescheid.“ Hatte Pabst gesagt, nun gut, ein Zivilist und dann noch von dieser Partei, aber seit er ihnen beim Abrechnen mit den Aufständischen freie Hand gelassen hatte, sprachen sie im Korps fast respektvoll von dem Politiker, den die Roten den Blutnoske nannten. Warum sollte er etwas dagegen haben, wenn sie dem roten Gesindel nun endgültig den Rest gaben.

Vogel ging noch einmal im Kopf die Details des Planes durch. Es war kein weiter Weg, den sie zurücklegen mussten, nur weit genug, um aus dem unmittelbaren Umfeld des Hauptquartiers und dem um diese Uhrzeit noch belebten Teil Berlins herauszukommen … Hoffentlich war Souchon dort, wo er sein sollte. Na, es würde schon gut gehen.

Wieder wandte er den Blick und tatsächlich, die Türen des Hotels öffneten sich und spukten den ersten der beiden, begleitet von mehreren Divisionsmitgliedern, aus. Auch auf die große Entfernung konnte Vogel sehen, dass die Wachen den illegalen Häftling, der ihnen heute endlich ins Netz gegangen war, stützen mussten. Der erste Wagen startete brummend seinen Motor und fuhr vor. Augenblicke später waren Häftling und Wachen im Wagen verschwunden, dann rollte er an.

Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. Vogel gab dem Fahrer ein Zeichen, sich bereitzuhalten, und der stieg aus. Als das sich verschluckende Geräusch, mit dem der Wagen ansprang, zu hören war, warf er seine Zigarette auf den Boden und drückte sie mit dem Stiefelabsatz aus. Dann kletterte er in den Wagen und wartete, bis Janschkow neben ihm Platz genommen hatte.
„Halt dich bereit, jetzt sind wir dran“, wies er den Kraftfahrer an. „Wenn sich die Türen öffnen, fährst du direkt vor, damit wir das Verladen schnell über die Bühne kriegen. Soll ja nicht jeder sehen, dass die rote Hure in unseren Wagen steigt.“ Er lachte kurz, um seine Nervosität zu überspielen. Das hier war seine Verantwortung. Er war der Transportleiter der Kolonne und wollte auf keinen Fall, dass Hauptmann Pabst nachher irgendetwas an der Durchführung des Befehls auszusetzen hatte.

„Da!“ Vogel wies auf den nur ein paar Meter entfernten Eingang des Hotels. „Losfahren, Mann! Wird’s bald!“ Der Wagen setzte sich in Bewegung und rollte die paar Meter bis zum Eingang, den er genau in dem Moment erreichte, als die Frau das Hotel verließ. Auch sie sah bereits mitgenommen aus, kein Wunder nach einem mehrere Stunden dauernden und nicht gerade zimperlichen Verhör durch die Garde.

Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich eine Bewegung und fuhr zusammen. Was machte dieser Idiot Runge denn da? Warum verließ der seinen Posten? Ungläubig sah Vogel den Jäger auf die Frau zulaufen, als dieser den Kolben seines Gewehrs hob, schwante ihm bereits Übles und er riss die Tür des noch fahrenden Wagens genau im richtigen Moment auf, um das dumpfe Krachen zu hören, mit dem der hölzerne Kolben den Kopf der Frau traf. Bevor er dazwischengehen konnte, schlug Runge noch ein weiteres Mal zu. Vogel packte grob die Schulter des Jägers und hinderte ihn so daran, noch ein drittes Mal auf den Kopf der zu Boden gesackten Gestalt einzuschlagen.

„Was soll der Unsinn?“, herrschte er den jungen Mann an, den er immer schon für ein bisschen unterbelichtet gehalten hatte. „Bist du verrückt geworden, Runge?“ Der Mann drehte sich um und sah Vogel mit wildem Blick an … „Tod den Kommunisten!“, stieß er hervor, als sei das eine Antwort auf die Frage, die Vogel ihm gestellt hatte. Der riss ihm das Gewehr aus der Hand und gab ihm eine schallende Ohrfeige. „Du bist ja nicht bei Sinnen, Kerl. Du versaust uns noch den ganzen Plan“, schrie Vogel und der junge Mann duckte sich unter dem Schlag und der wütenden Schelte.

„Aber Herr Oberleutnant …“, stammelte Runge. „Wir können so eine doch nicht laufen lassen … Für die kann es doch nur eine Strafe geben.“ Er deutete auf die Frau, die bewusstlos und stark aus einer Wunde am Kopf blutend am Boden lag. „Die rote Hure hat den Tod verdient!“, sagte er mit nun wieder fester Stimme. Oberleutnant Vogel war außer sich. „Doch nicht hier! Wo es die Leute mitkriegen, du Dummkopf. Wie sieht das denn aus? Wie steht das Korps denn dann da?“, herrschte er Runge an. Schnell winkte er mehrere Gardisten heran, die die immer noch leblose Gestalt packten und auf den Rücksitz hoben. „Das wird ein Nachspiel für dich haben, glaub mir. So einer wie du hat es nicht verdient, im Korps dem Vaterland zu dienen“, gab er dem unter der heftigen Schelte zu einem Häufchen Elend zusammengesunkenen Jäger noch mit auf den Weg, bevor er wieder auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Diesen Idioten würde er sich nachher noch einmal in aller Ausführlichkeit vorknöpfen. Rasch zog er seine Taschenuhr vor. Schon fast eine Stunde über der vereinbarten Zeit. „Los, Janschkow! Wir sind schon viel zu spät“, blaffte er den Fahrer an, der umgehend Gas gab. Der Wagen schoss los. Bei solchen Soldaten grenzte es an ein Wunder, dass das Reich nicht schon längst von den Roten regiert wurde.

Mit heulendem Motor näherte sich das Automobil der Ecke Nürnberger Straße und Kurfürstendamm. Der Fahrer ging vom Gas, um abzubiegen, als plötzlich eine Gestalt auf das Außentrittbrett sprang. Zu früh! Dieser Gedanke fuhr Vogel noch durch den Kopf. Augenblicke später ertönte ein lauter Knall und der überraschte Fahrer brachte den Wagen mit quietschenden Reifen zum Stillstand. Souchon, wegen der Verspätung bereits auf dem Rückweg zum Hauptquartier, hatte den Wagen gesehen und sich entschlossen, dass dieser Ort wohl so gut wie jeder andere sein müsse. Vogel drehte sich um und sah die Frau zusammengesackt auf dem hinteren Sitz liegen, neben ihr die beiden Gardisten, die sie in den Wagen gehoben hatten. Der Körper war schlaff und ein Loch an ihrer Schläfe zeigte, wo der aufgesetzte Schuss ihren Schädel durchdrungen hatte. Mit der war es vorbei, so viel stand fest. Vogel sah aus dem Wagen und schätzte die Distanz. Bestimmt hatte jemand in den umliegenden Häusern oder auf der auch um diese Uhrzeit noch belebten Straße den Knall gehört. Wenigstens war der Offizier geistesgegenwärtig genug gewesen, direkt nach dem Schuss wieder abzuspringen und in einer Seitenstraße zu verschwinden, bevor jemand ihn hatte sehen können. Aber was nun? Der Plan war zunichte gemacht und es würde nicht lange dauern, bis jemand kam, um nachzusehen, was hier gerade passiert war. Vogel wusste, man würde ihm als Transportführer die Schuld geben, sollte man die Leiche hier in seinem Wagen entdecken. Jetzt hieß es handeln - aber wie? Er überlegte fieberhaft. Immer wieder sah er gehetzt aus dem immer noch stillstehenden Wagen. Bestimmt würde der Hauptmann ihm die Schuld geben. Aber was konnte er dafür, dass sich die anderen nicht einmal an die einfachsten Vorgaben hielten. Jetzt, in diesem Augenblick aber war er gefragt, nur er allein konnte das hier noch zum Guten wenden.

Der Landwehrkanal, schoss es ihm in den Kopf. Er war abgelegen genug, dass sich um diese Uhrzeit keine Zeugen mehr dorthin verirrten, die durch Zufall sehen könnten, wie sie die Leiche darin versenkten. Dort würde man dieses rote Weibsbild früher oder später finden. Er würde dem Hauptmann empfehlen, die besprochene Geschichte für das offizielle Kommuniqué dahingehend zu ändern, dass ein aufgebrachter Mob die Gefangene aus dem Wagen gezerrt und verschleppt hätte. Da hätten sie nichts machen können, schließlich wollten sie ja keine aufrechten Bürger verletzen, um eine Vaterlandsverräterin zu schützen. Sicher keine sehr gute Geschichte, aber in der Kürze der Zeit wollte ihm nichts Besseres einfallen.

Er wies Janschkow eilig an loszufahren und nannte ihm den Ort, an dem sie die Leiche entsorgen würden. Gewissensbisse plagten ihn. Wie hatte das nur passieren können? Der Plan war doch so klar gewesen. Die paar Minuten Fahrt kamen Oberleutnant Vogel wie eine Ewigkeit vor, aber endlich erreichten sie ihr Ziel. Kaum hatten sie angehalten, sprang er aus dem Wagen. Er sah sich prüfend um, der Kanal lag verlassen und vom Mondlicht spärlich beleuchtet vor ihm.

„Na los, Männer! Keine Zeit verlieren, rein mit der Bolschewistensau und dann nichts wie weg hier!“ Vogels Herz raste, während er zusah, wie seine Leute das leblose Bündel, das einmal ein Mensch gewesen war, aus dem Wagen hoben. Er atmete auf, als er Augenblicke später das Platschen hörte, mit dem der Körper in das dunkle Wasser eintauchte.

Erst als sie das Hauptquartier nach einem Umweg erreichten, beruhigte sich Kurt Vogels wild schlagendes Herz langsam wieder, auch wenn er ahnte, dass ihm ein Donnerwetter bevorstand, sobald er seinem Vorgesetzten berichtete, was in dieser kalten Januarnacht geschehen war. Aber das konnte er aushalten, immerhin hatte er dem deutschen Reich einen Dienst erwiesen und nur das zählte.

Was Vogel nicht ahnte, war, dass drei Monate vergehen sollten, bis die Leiche Rosa Luxemburgs wieder aus den Fluten auftauchte.
 

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