Egberts neue Kurzgeschichte

Egbert

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Eines abends saß ich auf dem Schoße meines Großvaters, als er ein Buch herausholte und mir vorlas: Es war einmal ein kleiner Junge, der besuchte seinen Großvater. Der Großvater aber holte einen alten Brief aus einem Kästchen und begann, dem Jungen vorzulesen: Lieber Leser, dies ist meine Geschichte, die mit einem Brief anfängt, den ich vor Jahren von einem Freund bekommen habe. Der Freund schrieb mir: Lieber Freund, ich sitze hier gerade im Gefängnis von Bangalore und es ist ganz schön heiß. Gerade wollte ich mich umbringen, als ich eine kleine Geschichte an der Wand fand, die irgendein Gefangener mal geschrieben haben muß. Sie geht so:
Unbekannter, wenn Du diese Zeilen liest, werde ich nicht mehr leben. Meine Seele werde ich auf dem Schafott ausgehaucht haben unter den schrecklichen Händen eines schmutzigen Schergen und auch er mag nun, da Du diese Zeilen liest, schon in der Hölle leiden. Doch an seinen Händen klebt Blut, er muß zu recht die Qualen erdulden, die auf ihn warten. Mir aber wird das Leben geraubt, weil mein Geist wie eine Taube über die finsteren Abgründe unserer Zeit hinwegflog, doch wurde sie wie Huhn gefangen und eingesperrt. Dunkelheit ist nun um mich. Gestank und Angst sind meine ständigen Begleiter. Tag und Nacht sitze ich hier und spüre, wie Wasser und Brot mein schwindendes Leben verhöhnen, wie Krankheit mir den Leib zerfrisst. Ich kann schon kaum mehr stehen, und liege hier auf faulem Stroh. Kein Fenster gibt es, das mir den Himmel zeigt, und wenn ich ihn denn wiedersehen, so doch nur, um Abschied zu nehmen, er wird Zeuge sein meines Todes und so freue ich mich nicht auf unser Wiedersehen. Hier liege ich, und als ich vor wenigen Tagen wie tot auf dem Stroh lag, da ward ich von einer Ratte gebissen. Sie glaubte wohl, ich sei schon tot, doch ich bekam sie am Schwanze zu fassen und schlug sie gegen die Wand. Nun war sie es, die tot war. Doch da, aus ihrem Munde fiel ein Säcklein mit einer kleinen grünen Schnur. Eine Feder fiel heraus, mit einem Zettelchen daran. Ich las: "Fremder, hilf mir, denn ich bin in Not." Darunter ein name und ein Ort. Ich verstaute das Säcklein….

An dieser Stelle hört die Geschichte auf, mein Bester, die hier an der Wand steht. Nun, das Gefängnis muß ja mal recht übel gewesen sein, doch heute, nun, ich will nicht klagen. Dies schrieb der Freund dem Freund, der den Brief einpackte wie der Großvater aus dem Buch, aus dem mein Großvater mir vorlas, seinem Enkel erzählte. Mein Großvater schloß das Buch, blickte mich an, dann stand er auf und wir gingen gemeinsam auf den Dachboden. Dort, unter den Ziegeln, ein muffiger, dunkler Gang, ganz hinten, in einem Haufen Lumpen, Holzwolle und Papieres, war ein Nest, ein weiches, warmes Rattennest. Mein Großvater griff hinein und als er seine Hand herausnahm, klebten Federn daran. Mein Großvater gab sie mir und sagte: "Gib acht, wenn die Rattenmutter singt, nimm die Federn, und mach sie sauber. So, nun komm, und laß uns noch einen Schlummertrunk nehmen." Wir stiegen hinab und tranken noch einen Neuen Wein, Dann gingen wir ins Bett. Mein Großvater wurde nie wieder gesehen.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
eh,

so geht das nich! was passiert, wenn die federn saubergemacht werden? wie geht das märchen weiter? weiter erzählen, weiter erzählen! fordernd guckt
 

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