Eimer voller Mondschein

Ashhak

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Eimer voller Mondschein

Sie hatte tatsächlich einen Ort gefunden, der um diese Zeit noch warm war! Die Zeiger über den beiden Terracotta-Gänsen an der Eingangstür standen beide schon fast im Zenit, das Wäldchen hinter dem Haus schwieg schwarz. Und sie hatte sich auf ihrem Fleckchen Wärme der Länge nach ausgestreckt und genoss das wohlige Gefühl, das ihren Körper durchzog. Aus der offenen Autotür klangen gebrochene Gitarrenakkorde. Immer wenn der Fremde seinen alten Cadillac in der Hofeinfahrt vor dem Eingang abstellte, ließ er das Radio laufen. Offenbar fand er das romantisch. Wie immer hatte sie sich gleich auf die Motorhaube gelegt und war mit sich zufrieden. Sie interessierte sich nicht für das Geklimper des einzigen musiktreibenden Literaturnobelpreisträgers, nicht für die fortgeschrittene Uhrzeit und nicht dafür, dass Maya wieder einmal nackt unter dem Vordach stand. Manchmal genügt es im Leben, wenn man es warm hat.

Minush streckte ihre Pfoten aus und schloss die Augen. Ihre Ohren jedoch bewegten sich wie Suchscheinwerfer, drehten sich mal nach außen, mal nach vorne, nahmen jede Nuance an Welt wahr, die sie umgab. Ein Käuzchen im nahen Dickicht erregte durch seinen Ruf ihre Aufmerksamkeit, doch das aufkommende Gefühl von Schwere verdrängte jeden Gedanken an eine Suche. Geräusche wie das Surren der kleinen Lampe unter dem Vordach oder das Rauschen des nahen Highways entlockten ihr schon längst keine Reaktion mehr. Hin und wieder hörte sie den Fremden säuseln: "Ich mag dein Lächeln… Fingerspitzen… deine Hüften bewegst… mich ansiehst.“ Man konnte das mit dem Klang des Autoradios verwechseln, zumindest inhaltlich. Solange er solche Dinge lispelte, solange er sich mit Maya beschäftigte, hatte sie es warm. Doch sie wusste, dass der Fremde schon bald zu seinem Auto zurückkommen würde. Dann würde er fluchen, sie unsanft unterm Bauch packen und ins Gras setzen, denn der Fremde blieb nie lange und er hasste es, wenn Minush ihm das Verdeck verkratzte. Als alleinstehende Katze hatte man es heutzutage eben nicht leicht.

Maya hatte ihren Kopf auf der Schulter des Fremden abgelegt und sich dicht an ihn geschmiegt, seine Hand hielt sie in ihrer ausgestreckten Linken, ihre Rechte ruhte auf seinem Rücken. Eine seltsame Pose war das, fand Minush, fast als würden die beiden tanzen, aber so als wäre Maya der Mann und der Fremde die Frau. Nun, es war eine fabelhafte Nacht für einen Mondtanz mit den Sternen hoch oben, die in den Augen funkelten. Eine fantastische Nacht für eine Liebschaft unter dem Schutz des Oktoberhimmels. Minush mochte die Menschen und ihre Eigenarten, sie bellten nicht und sie bissen nicht, sie nahmen die Dinge locker und sie nahmen die Dinge leicht. Jeder tanzte im Mondlicht. Der Fremde kam zweimal die Woche vorbei, immer um dieselbe Stunde. Den Tag erkannte man daran wie Maya sich benahm, wie zerstreut sie den Abend über war und wie sorgsam sie die Kinder ins Bett brachte. Seit sie allein war, verhielt sie sich oft seltsam, außer an eben diesen Tagen. Wenn die Zeiger im Zenit standen, war es ganz ruhig im Haus und dunkel, bis auf die kleine Lampe unterm Vordach und den dünnen Faden aus Licht zwischen den zugezogenen Vorhängen im Erdgeschoss. Sobald Maya den Cadillac gehört hatte, ging sie nach draußen. Auch Minush lockte das Geräusch des Wagens an. Beide wussten, dass ein bisschen Wärme auf sie wartete.

Der Fremde kam meist ohne Umstände zur Sache, ließ die Tür des Autos offen und das Radio an, ging auf Maya zu, küsste sie und streifte ihr das Nachtgewand von den Schultern, als wollte er sagen: „Kann ich einfach einen weiteren Mondtanz mit dir haben, meine Liebe?“ Und dann tanzten sie, und die Magie der Nacht schien zu flüstern und zu verstummen und das weiche Mondlicht schien zu strahlen, wenn Maya errötete. Minush schien es oft, als hätte Maya Eimer voller Mondschein in den Händen. ‚Du hast gerade so viel Liebe, wie ich aushalten kann‘, schienen die Augen des Fremden dann zu sagen, ‚jedes Mal, wenn ich dich berühre erbebst du innerlich und dann weiß ich wie sehr es dich nach mir verlangt, sodass du es nicht verstecken kannst.‘ In Wirklichkeit aber ertönte nur das Radio, die beiden sprachen kein Wort. Als sie immer bizarrere Figuren zu tanzen begannen, war Minush längst eingedöst. Sie verstand die Menschen nicht, aber immerhin fühlte sich nun jeder warm und froh. Das war so ein schöner und unbefangener Anblick, jeder tanzte im Mondlicht. Die Wärme hatten ihren ganzen Körper eingehüllt wie eine Wolke. Wie lange musste man eigentlich fahren, damit ein Motor so ein wohliges Ambiente erzeugte? Zwanzig Meilen? Oder dreißig?

Sie erwachte immer erst wieder, als der Fremde zum Auto zurückkam, fluchte, sie unsanft unterm Bauch packte und ins Gras setzte. Dann stieg er ins Auto, kramte herum und drückte Maya etwas Papier in die Hand. Mit einem Mal war es sehr kalt geworden. Noch immer schepperte das Autoradio. Das Leben ist traurig, es ist ein Fehlschlag und alles, was du tun kannst, ist das, was du tun musst. Du tust, was du sollst und das machst du gut. Als der Fremde schließlich wegfuhr, schlich Minush ins Wäldchen, denn irgendwo war sicherlich noch ein Käuzchen zu finden. Sie bekam nie mit wie Maya weinte.
 
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