Ein Abend mit Hermann

Es war ein normaler Donnerstagabend. Ich saß zu Hause, hatte zu Abend gegessen und wollte einen Roman beginnen, vorzugsweise einen Kriminalroman. Der erste Satz war mir leicht aus der Feder bzw. aus den Tasten geflossen, als es an der Tür klingelte.
Immer diese Störungen, dachte ich, ging zur Tür und spähte durch den Spion. Draußen stand Hermann, in unserem Bekanntenkreis hinter vorgehaltener Hand „Hermann the visitor“ genannt, da er sich gerne selbst einlud. Ich machte eine unwirsche Bewegung mit dem Fuß und stieß den Schirmständer in der Diele um, der mit einem lauten „Klatsch“ zu Boden fiel.
„Verflucht!“, schimpfte ich vor mich hin.
„Melanie! Bist du da? Ist was passiert?“, rief Hermann durch die Tür. Ich resignierte und öffnete sie ihm. „Nichts ist passiert“, sagte ich. „Ich habe nur den Schirmständer umgeworfen“. Ich bückte mich und hob ihn wieder auf. „Ich wollte gerade arbeiten, Hermann.“
„Ja, ich habe gehört, du willst dich an einem Kriminalroman versuchen. Ich wollte dir ein paar
Tipps geben.“
„Wie nett von dir. Komm rein.“ Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Schnurstracks marschierte er ins Wohnzimmer und steuerte den Tisch an, auf dem mein aufgeklappter Laptop stand. Er beugte sich darüber und las den ersten Satz. „Dein Kommissar hat einen deutschen Namen“, stellte er fest.
„Richtig.“
„Ich würde einen Belgier aus ihm machen.“
„Warum?“
„Kennst du nicht Agatha Christies Hercule Poirot? Das ist auch ein Belgier.“
„Weiß ich. Spielt aber für meinen Roman keine Rolle.“
„Ich hoffe, du hast nicht vor, in Klischees zu verfallen?“
„Welche Klischees?“
„Nun ja … der Kommissar hat irgend etwas ausgefressen, wurde deswegen vom Dienst suspendiert, er stolpert aber über einen Mord und zieht sein eigenes Ding durch. Natürlich ist er trockener Alkoholiker, er kämpft ab und zu mit einem Rückfall, hängt immer noch an seiner letzten Beziehung, die nichts mehr von ihm wissen will und hat möglicherweise noch eine Mutter oder einen Vater im Pflegeheim. Dann kann man seitenlang über seine Probleme anstatt über die Lösung des Falls schwafeln. Ich hoffe, du hast nicht vor, ein solch plumpes Werk zu verfassen?“
„Natürlich nicht“, sagte ich und verwarf meine Idee eines Kommissars, der vom Dienst suspendiert und trockener Alkoholiker war, außerdem ständig nachts seine letzte Freundin anrief und sich einsam fühlte. Hermann hatte Recht, solche Kommissare gab es in der Kriminalliteratur zuhauf. „Du kennst mich doch, Hermann.“
Hermann nickte zufrieden. „Das hätte ich dir auch nie zugetraut, Melanie.“
„Und jetzt?“
„Lass mich mal sehen. Darf ich?“ Er setzte sich an den Laptop und fing an zu tippen. Ich setzte mich daneben und schaute zu.

„Über was schreibst du denn?“, wagte ich nach fünfzehn Minuten zu fragen.
„Ich habe da eine Idee“, sagte er. „Ein Mann hilft einer Freundin, die mit ihrem Manuskript nicht weiterkommt. Er schreibt ihr eine Rohfassung eines Kriminalromans.“
„Und von was handelt der Kriminalroman?“
„Das müssen die beiden noch ausdiskutieren. Was meinst du?“
„Vielleicht ist der Kommissar in eine andere Stadt versetzt worden“, schlug ich vor.
„Aber nicht vom Dienst suspendiert.“
„Natürlich nicht. Und es ist auch nicht seine Schuld. Es war einfach eine Stelle frei, von der seine Vorgesetzten glauben, dass sie für ihn wie geschaffen ist.“
Hermann nickte zustimmend und tippte ein paar Sätze.
„Darf ich jetzt vielleicht mal weitermachen?“, fragte ich.
„Später, meine Liebe. Ich habe doch gesagt, der Mann schreibt für seine Freundin die Rohfassung.“
„Okay.“ Ich überlegte. „Dann schreib, dass er zufällig im selben Haus landet, in das seine letzte Freundin gezogen ist. Das weiß er selbstverständlich vorher nicht.“
„Das ist gut“, antwortete Hermann. „Auf eine solche Idee kommt man nicht so leicht.“
Ich lächelte stolz. „Eine letzte Beziehung ist immer gut. Man muss nicht umständlich etwas erklären. Die beiden kennen sich ja schon.“
„Richtig. Und was für ein Mord passiert?“
„Er stolpert beim Einzug über eine Leiche. Die ist in einen Teppich gerollt. Deswegen hat sie keiner gesehen, und sie wurde mit in die Wohnung getragen.“
Hermann runzelte die Stirn. „Ist so eine Leiche nicht ziemlich schwer?“
„Ich glaube schon. Sie sind doch auch ziemlich starr, nicht wahr?“
„Wenn die Totenstarre einsetzt, ja. Aber die hält ja nicht ewig. 24 bis 48 Stunden, glaube ich.“
„Stimmt. Darf ich jetzt wieder an meinen Laptop?“
„Sei nicht so ungeduldig, ich bin noch lange nicht fertig.“

Nach zwei Stunden hatte sich die Szenerie nicht verändert. Hermann schrieb an meinem Laptop. Ab und zu warf ich etwas ein. Ich muss gestehen, dass ich anfing, mich etwas über Hermann zu ärgern.
„Ich bin fertig“, sagte er just in dem Moment, als ich den Satz „Ich möchte, dass du jetzt gehst, Hermann“ lautlos zu üben begann. Man wirft schließlich nicht gerne einen Gast aus dem Haus.
„Schön“, sagte ich erleichtert. „Wieviel Seiten sind es geworden?“
„Drei“, sagte er.
„Nur? Du hast doch fast drei Stunden geschrieben.“
„Ich musste soviel wieder streichen, du weißt doch, wie das ist. Ich habe es auch an mich selbst per E-Mail geschickt.“
„Wozu?“
„Zur Sicherheit.“ Er drückte auf dem Laptop eine Taste. „Siehst du - einmal falsch draufgekommen, und alles ist weg. Zum Glück habe ich es in meinem Postfach.“ Er stand auf.
„Gut gemacht. Ich bringe dich noch zur Tür.“

Endlich war er weg. Ich schaute auf mein jungfräuliches Word-Dokument. Mit „Rückgängig machen“ ließ sich nichts mehr erzeugen. Auch gut. Was brauchte ich eine Geschichte, die Hermann geschrieben hatte. Ich hatte selber Ideen. Z. B. über einen Kommissar, der strafversetzt wurde, über einen Mord stolpert und sein eigenes Ding durchzieht, ohne jemand zu fragen. Vielleicht hat er auch mit Alkoholsucht und Einsamkeit zu kämpfen.
Vergnügt fing ich an zu tippen.
 



 
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