Ein Anfang

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george

Mitglied
Ein Anfang

Verzweiflung sucht
Erlaubnis, Verständnis,
die Flucht, einen Ausweg,
ein Wunder.

Fliehend deine Gedanken,
fahrig die Hände, fragend die Augen,
rastlos jede Bewegung,
dein Reden, dein Atmen.

Immer wieder, immer wieder die gleichen Sätze,
immer wieder wirre, immer wieder wirre,
immer wieder klare
Gedanken.

Immer wieder im Kreis, im Kreis, im Kreis.
Immer wieder von vorne, von vorne, von vorne,
dein Fragen, dein Betteln
nach Liebe.

„Ich will heim, nimm mich mit!"
„Ich will heim, nimm mich mit!"

Langsam lernst du, daß ich dich liebe
und dennoch hart bin.
Langsam lernst du, daß ich komme
und dennoch gehe.

Allein.

Meine ganze Liebe in der Umarmung
beim Abschied.
Deine Trauer und Sehnsucht
verbrennt mir mein Herz.
Mein Gewissen drückt wie ein Fels
auf der Brust.

Dennoch, allein.

Weit außer Sicht erst
die feuchten Wangen.
Und glücklich, ein wenig,
durch einen einzigen Satz:

„Ich will nicht mehr sterben,
ich will wieder leben!“


19.6.2003
 
R

Ramona Linke

Gast
Lieber george,

es geht so unbeschreiblich tief
unter die Haut, macht betroffen und
auch ein wenig Angst.
Ja Angst, vor dem, was wir alles nicht
wissen, Dinge welche wir nicht wünschen,
nicht beeinflussen können . . .
auch trösten kann weh tun, schmerzende
Gewissheit jemand leiden zu sehen . . .
es ist aussagekräftig und macht dennoch
betroffen, zwingt zum Nachdenken.
Ich wünsche alles Gute . . .
Herzlich Ramona
 

george

Mitglied
Danke Ramona.

Selten ist es mir so schwer gefallen, einen Text zu schreiben, mir abzuringen. Ich hatte ihn bereits vorgestern reingestellt, dann wieder gelöscht. Gestern habe ich ihn - verändert - wieder reingestellt.

Die beschriebene Grenzsituation ist sehr, sehr schwierig. Entscheidungen zu treffen über das Schicksal einer anderen Person. Das Mitgefühl kämpft ständig mit dem Verstand. Nicht loslassen, Nähe und Liebe schenken und dennoch Distanz wahren - gegen das eigene Gefühl.

Es ist einfacher, Blumen zu beschreiben oder eine glückliche oder unglückliche Liebe. Aber auch das ist Liebe. Und der Protagonist weicht der Situation nicht aus.

Liebe Grüsse
 

silverbird

Mitglied
Lieber George
das ist dein traurigstes Gedicht, das ich jemals von dir zu sehen bekam. Etwas dazu schreiben vermag ich nicht. Zum Glück kannst du deine Gedanken niederschreiben und so deine Seele ein bisschen befreien von der schweren Last. Mindestens einen Schritt habt Ihr jetzt geschafft. Eine Entscheidung getroffen und einen neuen Weg eingeschlagen. Ich wünsch IHM so sehr, dass IHM geholfen wird. Und dir, dass du ein bisschen zur Ruhe kommst. Du bist auch nur ein Mensch, George..........
Liebe Grüsse
Ruth
 

george

Mitglied
Liebe Ruth,

ich versuche, der beschriebenen Situation sprachlich gerecht zu werden.

Nur aus der Stärke heraus ist es möglich, zu helfen. Aber es gibt keine richtigen und einfachen Wege mehr.

Danke für Deinen Kommentar.
Jürgen
 

Vera-Lena

Mitglied
Schmerz

Lieber george,

vom Mitleiden, das einen wirklichen eigenen Schmerz beinhaltet bis zum Mitempfinden, bei dem der eigene Schmerz sich mäßigt, ohne dass sich der Wunsch zu helfen verringert, ist es ein langer Weg, ein langer Lernprozess.
Dein Text macht deutlich, dass es diese Unterschiede gibt und wie schwierig es ist, wenn man anfangs immer wieder zwischen diesen beiden Varianten hin und her taumelt.
Eine sehr eindringliche Schilderung!

Liebe Grüsse Vera-Lena
 

george

Mitglied
Danke, liebe Vera-Lena.

Je mehr man sich einlässt, umso grösser der Schmerz. Dennoch ist Distanz da, muss da sein. Nur so kann man auch klar machen, dass der andere wieder Eigenverantwortung übernehmen muss. Ein sehr schmerzhafter, von viel Liebe begleiteter Lernprozess für beide Seiten.

Liebe Grüsse
 
K

kaffeehausintellektuelle

Gast
das ist einfach unheimlich gut. unheimlich und gut. und atmet in jeder zeile. mehr gibts dazu eigentlich nicht zu sagen.

die k.
 
S

Stoffel

Gast
sehr schön george,

aber ...
ich empfinde nichts poetisches daran.
Ich reihe mich nicht ein in den Lobreden...
es klingt mir nicht..beherzt genug..zu banal..und wenn das "Deine" Handhabung sein sollte..die du beschreibst...
dann empfinde ich dich als hart, uneinfühlsam....und dann solltest du gehen, wohin der Pfeffer wächst.
Und wünschte, das DU nicht der Mann wärst, mit dem ich zusammen war.egal nun ob mann oder frau)

He..nur meine Meinung, mein Empfinden.
Ok?

lG
Stoffel
 

george

Mitglied
Liebe Stoffel,

danke für Deine Meinungsäusserung. Es mag sein, dass Du nichts Poetisches dran findest. Das ist halt Geschmackssache.

Ja, da muss ich wohl dorthin gehen, wo der Pfeffer wächst.

Genauso wie ein Arzt nicht dadurch hilft, indem er sich selbst die Hand bricht, wenn er einen Bruch schient, kannst Du einem psychisch kranken Menschen nicht dadurch helfen, dass Du selbst depressiv wirst. Und ob es banal ist, mit einem Menschen wochenlang zu reden, um einen Selbstmord zu verhindern, stelle ich in Zweifel. Und ob es dann banal ist, nach Wochen dann die letzten Sätze zu hören auch.

Ob es Dir nun gefällt oder nicht.
Es ist ganz einfach in der Medizin: Wer heilt, hat Recht. Punkt. Den Rest kannst Du getrost vergessen.

Mehr habe ich dazu nicht zu sagen, und ich werde dazu auch nicht mehr sagen.

Gruss
 
S

Stoffel

Gast
george,

ich hab auch verstanden um was es geht..
und so was aber auch..war ich in ähnlicher Situation hier.
Darum ärgert es mich wohl auch ein wenig, wie Du es abfasst.

Ok, alles Einstellungssache.
Von mir bekommst kein Applaus.
Wenn dann eher der..ders geschafft hat.

Salut
Susanne
 
K

kaffeehausintellektuelle

Gast
liebe stoffel

da wir dieses gedicht offensichtlich so anders erleben (was schon ok ist), hätte ich gern gewusst, was daran dich so stört. ich fand es derartig eindringlich und voller gefühl, voller widersprüche, voller ambivalenzen, und gerade deshalb so gut.

was ist für dich daran nicht beherzt genug? was banal?
und ich finde die handhabung von george großartig. weil es viel schwieriger ist, jemanden loszulassen, ihn auf eigenen beinen stehen zu lassen, ihn trotzdem zu lieben, wie er ist und ihm seine arbeit nicht abzunehmen. und es kam ja gut raus, wie es ihm dabei das herz zerreißt. weil es viel einfacher, aber auch viel uneffektiver wäre, zu sagen: pack zusammen, ich nehm dich mit. das hilft nur für den augenblick. nicht für die zukunft.
was daran ist hart und uneinfühlsam? ein bisschen hab ich das gefühl, du hast gar nix verstanden. und ein bisschen hab ich das gefühl, dass ich mit diesem gefühl nicht alleine bin.

die k.
 
V

vetiver

Gast
lieber george,

es gibt leider nicht so viele hochwertige gedichte hier in der lupe. aber dein gedicht ist nicht nur gut geschrieben, sondern geht wirklich unter die haut. die immer-wieder- und im-kreis-strophen gefallen mir besonders. und der schluss ist gleichzeitig traurig und ermutigend. ja, und außerdem find ich das sehr mutig von dir, dieses gedicht, weil es da um ernste und ehrliche gefühle geht.


liebe kaffeehausintellektuelle,

ich bin gern mit dir einer meinung. aber mir wär irgendwie lieber, du hättest stoffel diese fragen nicht gestellt. das braucht hier nämlich grad nicht diskutiert zu werden.


liebe stoffel,

bitte sei so lieb und schreib in diesem thread ausnahmsweise mal nicht weiter, auch wenn die kaffeehausintellektuelle dich dazu auffordert. wir haben alle gelesen, dass dir das gedicht nicht gefällt, und was du von georges gedanken hältst. ich finde halt nur, dass es hier um eine sehr ernste sache geht, und zwar in erster linie für george. deswegen wär es schön, wenn die diskussion an dieser stelle nicht ausufern würde. vielen dank, falls du das beherzigen könntest.


vetiver
 

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