Ein Auftakt

rudigee

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Der Abend trug bereits den Atem einer warmen Sommernacht, und die Sterne wanderten beobachtend am Firmament. Die wachen Augen des schwarzen Hirsches spiegelten ihren Tanz.

Weit entfernt fuhr ein elegantes Gefährt einen schmalen Bergpfad hinauf, eine der teuersten Kutschen, eigens für diesen Anlass angeschafft. Manche sagten, das Oberhaupt der Familie Rast sei zerfressen vom Drang, das Erbe des Leuchtturms hinter sich zu lassen. Der alte Lobrand trug einen dichten, gepflegten Bart und das Haar geschoren, was ihm die Würde des Alters verlieh und ihn doch jugendlich erscheinen ließ. Er war angespannt, und doch lag in seinen Augen jenes kindliche Funkeln alter Männer, die ihre Söhne als Mittel gebrauchen, um endlich ihre ganz eigenen und leidenschaftlich herbeigesehnten Jugendträume zu erfüllen.

Aurel war nun der junge Herr, der den großen Traum des Vaters zu vollenden hatte. Diese Pflicht spürte er als trockene Last in seiner Brust, gleich einem Fremdkörper, der allen Raum einnahm und das eigene Herz weichen ließ. Die stickige Luft, das Wackeln der Kutsche, die zu enge Hofkleidung, die prüfenden Blicke des Vaters. Wäre er in jenem Moment seinem inneren Ruf gefolgt, er hätte sich am tiefsten Punkt in ganz Mipthan hinuntergestürzt – hätte das Loch ihn nur tief genug verborgen. Sein schlimmster Abend stand ihm bevor. Denn er hatte die Ehre, das Glück, den Segen, Marianne von Berreneck zu treffen – Erbin des mächtigsten Hauses seiner Heimat, seine zukünftige Ehefrau.

„Du bist etwas blass", sagte der Vater trocken. „Dann scheinst du es wenigstens ernst zu nehmen."

„So still warst du selten, geliebter Bruder. Du hast Sorge, man könnte sogar meinen: Du hast Angst!" Marius zupfte an seinen geliebten Lederhandschuhen.

Aurel ignorierte die Bemerkungen mit einem finsteren Blick und lehnte sich gegen das Fenster. Der Weg wurde steiler, die Kutsche rumpelte immer heftiger. In der Ferne sah er seine Stadt. Tausend kleine Lichter und dahinter das klare, ruhige Schwarz. Schober war nicht nur die wichtigste Hafenstadt des Reiches, sie war zweifelsfrei die schönste. Und die gefährlichste.

Die Wunden an seinem Rücken brannten immer noch fürchterlich. Er hatte es gerade so geschafft, die Ereignisse der vergangenen Nacht zu verbergen, sich nichts anmerken zu lassen. Die Medizin, die diese Luise hastig zusammengebraut hatte, diese besserwisserische Landuel, verdunkelte eher seinen Geist als den Schmerz seiner Wunden.

„Jedenfalls redest du nur, wenn du angesprochen wirst, vergiss das nicht. Viele der freundlichen Gesichter, die uns heute gratulieren werden, würden uns am liebsten im Schlaf erdolchen lassen. Vergesst das beide nicht: Viele dieser edleren Herren empfinden unseren Erfolg als tiefe Schmach, als etwas wider die Natur der heiligen Ordnung. Die Schweine vom Hofrat hassen uns. Keine Fehler, von keinem von euch."

„Er wird es versauen", sagte Marius und lachte.
 



 
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