Ein Drachenimperium der anderen Art

Hans Postor

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In der guten alten Zeit, als das Wünschen noch erlaubt und alles besser war[1], da lebte und schwebte ein Drache mit dem Namen Allianor durch die Welt. Ein Gelehrter hatte das Untier aus sicherer Entfernung beobachtet und mit vollster Überzeugung behauptet, bei einer solchen Flügelspannweite müsse man den Drachen sogar aus dem Weltall erkennen können. Also gab er ihm den Namen All Ianor – in der alten myoshinischen Sprache bedeutet dies „der im All Sichtbare“. Natürlich war das mit dem Weltall völliger Unfug, doch Allianor fühlte sich geschmeichelt und trug den Namen mit Stolz.

Leider sprach ihn kaum ein anderer Drache mit Namen an. Die meisten Drachen wussten nicht einmal, was ein Name war. Sie benutzten höchstens ein bestimmtes Fauchen, mit dem sie einen konkreten Artgenossen meinten, doch die Feinheiten des Altmyoshinischen blieben ihnen verschlossen. Allianor war einer von höchstens einem Dutzend Drachen auf der Welt, die der „Blitz“ durchfahren hatte. In seinem Fall war es in jungen Jahren geschehen, als er einen Zauberer namens Gottfried den Gelben verspeist hatte, während dieser hochkonzentriert ein magisches Ritual mit einer Smaragdkugel, einem sezierten Gehirn und einer Scheibe Käse durchgeführt hatte. Die Magie und der Käse stiegen Allianor zu Kopf, und mit einem Mal begriff er menschliche Konzepte wie Nachnamen, Religionen und Abwasserentsorgungsdurchführungsverordnungen. Er stellte sich Fragen, die ihm nie zuvor in den Sinn gekommen waren: Wozu bin ich hier? Um zu essen, richtig. Aber ich esse, um zu überleben. Und wozu überlebe ich dann?

Allianor beobachtete die Menschen und kam dabei zu einem fehlerhaften Schluss: Die meisten schienen ihr Leben damit zu verbringen, winzige goldene Scheiben zu sammeln. Oft tauschten sie diese zwar wieder gegen Essen oder Zeug ein. Manche aber hatten viele dieser Scheiben angehäuft, mehr, als sie je eintauschen konnten. Also ging es ihnen auch um die Scheiben selbst, oder? Waren sie der Sinn des Lebens? Vielleicht, weil sie so schön funkelten?

Allianor beschloss, es zu versuchen. Er brannte einige entlegene Bauernhäuser nieder. Doch dort war nicht viel zu holen, und die wenigen Scheiben schmolzen bei seinen Überfällen nur allzu leicht dahin. Er musste größer denken. Also flog er in Richtung der altehrwürdigen Hafenstadt, die überall im Kaiserreich unter dem Namen Fußnote bekannt war.
[2] Da waren riesige hölzerne Kräne, dicke runde Lagerhäuser und Hütten aus einfachen Holzbalken. Aber auch schwere Steinbauten, in denen die Scheiben in Massen herumlagen, einfach so, man konnte sich jederzeit bedienen. Das einzige Problem: Sie befanden sich in lästigen dicken Metallschränken, und wenn er diese schmolz, musste er achtgeben, dass er das Gold nicht gleich mitschmolz. Doch schon in der dritten Bank hatte er den Dreh raus. Es war etwas knifflig, die kleinen funkelnden Scheibchen in seinen Klauen davonzutragen. Während Allianor zu seinem einsamen Felsen im Meer flog, plumpste nicht wenig von der Ausbeute in den Ozean. Doch alles in allem war Allianor zufrieden. Er leerte Bank um Bank, Villa um Villa und hinterließ rauchende Ruinen. Wächter beschossen ihn mit Pfeilen, die wirkungslos an seiner Haut abprallten.[3] Doch das gemeine Volk von Fußnote begriff rasch, dass er es nicht auf ihre Hütten, sondern nur die Paläste abgesehen hatte. Einige jubelten ihm aus irgendeinem Grund sogar zu.

Sein Goldhaufen wuchs allmählich. Hatte er den Sinn des Lebens gefunden? Schwer zu sagen. Er musste noch mehr Gold sammeln und dann das Ergebnis evaluieren.



Eines Tages hockte er auf seinem grauen Felsen und betrachtete zufrieden, wie sich die Mittagssonne in einer Goldmünze spiegelte. Da bemerkte er ein Boot, das sich mit vorsichtigen Ruderschlägen näherte. Nanu? Er hob den Kopf. Die Männer sahen nicht aus wie Drachentöter. Sie waren dicker und schwitzten sogar noch stärker als die Helden unter ihren Rüstungen, das konnte er bis hier oben riechen. Er zog seine Nüstern zusammen. Experimentierten die Menschen nun etwa mit olfaktorischer Kriegsführung? Ach, sie waren schon putzig, die kleinen Viecher…

Betont unbeeindruckt beobachtete er, wie die drei Männer an Land stolperten. Der eine wedelte ungeduldig mit der Hand, woraufhin der kräftigste der drei einen Sack aus dem Boot hievte und so weit von sich fortschleuderte, wie er konnte.

Also nicht sehr weit.

Der Sack blieb an einer Felsspitze hängen und zerplatzte. Es blitzte golden auf. Allianor konnte nicht verhindern, dass sich sein Kopf aufrichtete und seine gespaltene Zunge zum Vorschein kam. Die Männer schraken zurück. Doch der dickste in der Mitte holte tief Luft und richtete sich auf. Er trug eine blaue Weste mit silbergesäumten Rändern. War er der Anführer? Basierte die Hierarchie der Menschen womöglich auf Gewicht?

„Seid gegrüßt, edler Herr, ähm, Allanor!“

„Allianor!“, korrigierte der Drache scharf. Also wirklich, es war doch die Spezies dieses Mannes, die diesen Namen erfunden hatte! Das war doch kaum hundert Jahre her!

„Verzeihung, Herr Allianor. Wir sind hier, um Euch ein Geschenk zu überbringen und ein Angebot zu unterbreiten.“

Allianor schmunzelte. „Das Geschenk sehe ich. Danke dafür. Und ich nehme an, das Angebot besteht in einem Dreigängemenü?“ Gierig reckte er den Kopf. Die Menschen rochen nicht allzu gut, aber sie würden sicher sehr satt machen.

„Äääh, nicht ganz, werter Drache, obwohl es sich sicher arrangieren ließe, dass man Euch ein paar Schafe und Rinder hier herausbringt. Ihr strebt nach Gold, nicht wahr?“

Allianor nickte. Wollte der Mann nur Zeit schinden? Es war lange, lange her, seit Allianor ein derart langes Gespräch geführt hatte, das weder Flehen noch Schmerzensschreie enthielt.

„Warum?“, fragte der Anführer.

Der Drache zögerte. „Warum strebst du danach?“, konterte er.

„Ähm… damit ich mir keine Sorgen um meine Altersvorsorge machen muss, und damit es meine Kinder und Enkel einmal besser haben. Und Ihr?“

„Dasselbe“, antwortete Allianor lapidar.

Den Menschen schien diese Antwort zu irritieren, und er blickte sich um, ob vielleicht irgendwo geschuppte Enkelkinder hinter einem Felsblock hervorlugten.

„Nun, wie auch immer, mein Name ist Trevor Marthassohn, stellvertretender Obersekretär der Handelsliga der Stadt, deren Name umstritten ist. Das hier sind Henri Berthassohn, stellvertretender Sprecher der Liga der Bankiers, und Gregor Elisabethssohn, stellvertretender Alterspräsident der Freiwilligen Feuerwehr. Wir wurden autorisiert, um mit Euch zu verhandeln.“

„Ich frage mich, warum sie nur ihre Stellvertreter schicken. Haben sie etwa Angst, ihren echten Anführern könnte etwas zustoßen?“ Es gelang dem Drachen verblüffend gut, in gespieltem Erstaunen eine stachlige Augenbraue zu heben.

Trevor Marthasohn überging diese Frage. „Wir haben ein Angebot, das für beide Seiten einträglicher sein dürfte. Ihr wollt Gold, wir geben euch Gold.“

„Ich bin durchaus in der Lage, mir mein Gold selbst zu besorgen.“

„Das wissen wir, Herr Allianor. Doch wie euch vielleicht bereits aufgefallen ist, fällt dabei ziemlich viel Geld aus euren Klauen ins Meer. Das ist dann unwiederbringlich verloren, für euch und für uns. Unsere Münzprägereien kommen kaum noch hinterher, und das ganze Kaiserreich ist wütend auf uns, weil die Zwerge wegen unserer hohen Verluste den Goldpreis angehoben haben. Deshalb unser Vorschlag: Die Gilden und Ligen legen zusammen und senden euch jeden Monat eine Summe, die etwas über dem liegt, was ihr normalerweise erbeutet – das, was ihr im Flug verliert oder versehentlich schmelzt, nicht mitgerechnet.

Allianors Maul klappte auf, und Flämmchen der Verblüffung flackerten darin. Meinte der Mann das ernst?

„Ihr gebt es mir… freiwillig? Warum? Was ist mit eurer, äh, Altersumsorge?“

„Oh, die wird ebenfalls davon profitieren, wenn die Prägereien nicht mehr am Limit arbeiten, der Goldpreis stabil bleibt, wir nicht regelmäßig unsere Häuser neu aufbauen müssen und die monatlichen Ausgaben an Euch fest einplanen können.“

In Allianors Kopf kreisten die Gedanken. Anscheinend war das mit dem Gold doch komplizierter, als er gedacht hatte. Es kam nicht nur darauf an, wie viel man hatte, sondern auch, wie präzise man vorhersagen konnte, wie viel man haben würde? Konnte er von diesem Herrn Marthassohn etwas lernen? Oder wollte er ihn nur hereinlegen?

„Also gut“, hörte sich Allianor sagen. „Versuchen wir es. Aber wenn das ein Trick ist, dann ist dein Haus als nächstes fällig.“ Er konnte diese Vereinbarung schließlich jederzeit kündigen. Was wollten sie tun, ihn verklagen? Das dürfte schwierig werden, wenn jedes Gericht der Stadt ein Aschehaufen war.

Trevor Marthassohn neigte den Kopf. „Natürlich, Herr Allianor. Betrachten Sie diesen Sack als Rate für den aktuellen Monat. Das bedeutet, die nächste Zahlung wird dann schon in elf Tagen erfolgen.“ Gewiss würde sie das. Und wenn nicht, würde er eben in elf Tagen nach Fußnote zurückkehren und ordentlich auf den Putz hauen. Er hatte nichts zu verlieren und sie alles, dachte der Drache, während er dem Segelboot nachblickte, und allmählich begriff er, dass genau aus diesem Grund der Plan der Männer äußerst clever war.



Nicht jeder in Fußnote war dieser Meinung. Sie hatten Trevor Marthassohns Plan zugestimmt, aber nur, weil er völlig lächerlich war und jemand mit solchen Ideen keine Zukunft in der Handelsliga hatte – da konnte sich seine Zukunft ebenso gut im Bauch eines Drachen abspielen.

Doch der Verrückte hatte wider Erwarten Erfolg gehabt. Nun musste er alle Gilden und Ligen der Stadt überzeugen, dass sie einem Ungeheuer auf einem Felsen im Meer einen nicht unbeträchtlichen Vertrauensvorschuss geben sollten. Viele protestierten gegen diese Verschwendung und meinten, was sei denn mit den Armen und Kranken und Waisenkindern, auch wenn sie für diese bislang keine einzige Münze ausgegeben hatten. Zwar hätte Marthassohn auch die zweite Rate noch aus eigenen Mitteln vorstrecken können, doch er fand nicht, dass sich die Stadt daran gewöhnen sollte, dass er allein für ihre Sicherheit aufkam.

Dass es während der elf Tage keinen einzigen Drachenangriff gab, war zwar ein gewichtiges Argument für Marthassohns Sache. Doch es bedeutete auch, dass ihm am letzten Tag nur sehr wenig Zeit blieb, um das Gold zusammenzukratzen und damit ins Meer hinauszufahren.

„Es tut mir furchtbar leid, Herr Allianor. Wir haben alles versucht und fast alle überzeugt. Doch die Gilde der Juweliere und die Gilde der Hauslehrer haben sich geweigert zu zahlen.“ Er legte ihm einen Sack vor die Füße, der dennoch nicht unbeträchtlich gefüllt war. „Ich bin sicher, bis zum nächsten Monat schaffen wir es, auch sie mit ins Boot zu holen.“

Allianor nickte. „Ganz bestimmt schaffen wir das.“

Am nächsten Tag kam es zu zwei äußerst präzisen, geradezu chirurgischen Luftschlägen auf Fußnote.
[4] Der erste Luftschlag brachte Allianor eine nicht unbeträchtliche Menge Gold und Diamanten, der zweite hingegen nichts als Kreide. Die Lehrer und Juweliere tobten und beschimpften Marthassohn, er habe sich mit dem Drachen zum Angriff auf sie verschworen. Doch letztlich konnten auch sie nicht leugnen, dass der Drache die Vereinbarung offenkundig verstand. Und sich folglich an sie halten würde. Und es folglich das Sinnvollste war, sich ihr zähneknirschend anzuschließen. Sie handelten heraus, dass, wenn der Drache ihre Häuser jemals auch nur anniesen sollte, er augenblicklich alle Schäden aus eigener Klaue zu ersetzen hatte.



Jahre gingen ins Land. Das Geld floss auf die Insel, Allianors Goldhaufen wuchs schneller als je zuvor, und ab und zu kam Trevor vorbei, um mit Allianor zu plaudern und ihm ein frisches Schaf vorbeizubringen. Er schwitzte inzwischen längst nicht mehr so stark.

Eines Tages kam ein Phönix zu dem Schluss, dass er mit der Schere zwischen Arm und Reich in Fußnote generell unzufrieden war. Für seinen politischen Protest wählte er ein möglichst drastisches Mittel: Die Selbstverbrennung. Er riss ein Streichholz an und stürzte sich damit kopfüber in ein riesiges Fass voll Brennöl. Zumindest vermutet man, dass es so oder ähnlich abgelaufen sein muss, denn keiner der Zeugen überlebte. Abgesehen vom Phönix, der zwar aus der Asche auferstand, jedoch erschrocken feststellen musste, dass weder seine Beine noch seine Flügel funktionierten. Anscheinend wirkten bei Explosionen gewisser Größe selbst die Wiederauferstehungskräfte von Phönixen nur noch eingeschränkt.

Wie dem auch sei, da die Ereignisse durch all den Rauch undurchsichtig blieben, gab es einige Fußnoter, die Allianor beschuldigten, er habe erneut die Stadt angegriffen. Ein Lehrer, dessen Fenster der Explosion zum Opfer gefallen waren, verklagte Allianor auf Ersatz aller Schäden – und verlor in allen Instanzen. Und das, ohne dass Allianor besagte Instanzen niederbrennen musste. Dennoch breitete sich Gegrummel in der Stadt aus. Die neue Generation erinnerte sich nur noch vage an die Zeit der regelmäßigen Drachenangriffe und überlegte, wie blöd ihre Eltern und Großeltern eigentlich gewesen waren, dass sie irgendeinem wilden, unberechenbaren Biest im Meer eine regelmäßige Geldsumme versprochen hatten.



„Tja, Alli, nun diskutieren sogar die Bankiers darüber, ob sie aus der Vereinbarung austreten sollen. Dabei sind sie doch sozusagen deine Kernkundschaft. Bedauerlicherweise hat es noch einen weiteren ungeklärten Brand gegeben. Für gewöhnlich kein Problem, aber bei der Stimmung gerade…“ Trevor Marthassohn, deutlich gealtert und zum Vorsitzenden der Handelsliga aufgestiegen, blätterte durch einige Dokumente auf seinem Tisch. Ein rauer Windstoß entriss dem Stapel ein Blatt und wehte es quer über die Terrasse. Verflucht seien die Drachen mit ihren unempfindlichen Schuppen! Ein Mensch hätte auf diesen zugigen Felsen schon längst einen vernünftigen Windschutz gebaut, doch Alli bevorzugte die offene Bauweise.

Eine Klaue näherte sich ihm. Auf ihr befand sich ein aufgespießtes Dokument.

„Danke.“

„Wenn Sie austreten, erinnere ich sie einfach daran, was dann mit ihren Häusern geschieht. Vielleicht muss ich ihre Erinnerung einfach einmal pro Generation auffrischen. Ihr Menschen werdet leider so schnell alt und vergesslich.“

Trevor Marthassohn kratzte sich am Kopf. Hin und wieder vergaß er, wie klein und unbedeutend ihre Leben doch alle aus Allianors Blickwinkel waren. Wie konnte er dem Drachen am besten ausreden, die Stadt niederzubrennen?

„Gut möglich, dass das funktioniert. Es könnte aber auch gewaltig nach hinten losgehen.“

„Wie meinst du das, Trev?“

„Nun ja… wenn zu viele auf einen Schlag austreten, dann musst du zu viele Häuser auf einmal niederbrennen. Das letzte Mal hat es funktioniert, weil du nur zwei Gebäude zerstört hast. Das war viel weniger als vorher und hat allen deine Botschaft eingebläut. Aber wenn du die halbe Stadt niederbrennst, dann kann sich die Stimmung ganz schnell gegen dich drehen. Dann tritt die andere Hälfte ebenfalls aus und rottet sich zusammen, um dich vom Felsen zu vertreiben.“

„Sollen sie doch kommen. Mir können sie gar nichts.“

„Aber sie bringen kein Gold und Essen mit.“

„Du hast mir doch letztes Mal erklärt, mein Gold sei ohnehin immer weniger wert. Wegen der Impflation.“

„Und außerdem… wir mögen kurzlebig sein, aber dafür leben wir auch schneller als du. In Myoshinaja arbeiten sie angeblich an einer neuen Waffe, eine Art Riesenarmbrust. Der Tag könnte schneller kommen, als du denkst, an dem etwas erfunden wird, das dich doch noch verwunden kann.“

Alli wollte es verbergen, doch Trevor erkannte, dass der Drache von dieser Aussage beunruhigt war. Trevor betrachtete Allianor, wie er in seinem offenen Palast hockte, sich gelegentlich zur Seite drehte und mit rasiermesserscharfen Zähnen gekräuselte Fleischstreifen von der Kuh säbelte, die dort an einem senkrechten Spieß in der Ecke briet. Der Drache ging seltener auf die Jagd als früher, denn bei seinem Vermögen konnte er sich liefern lassen, was immer er wollte. Auf seinen neuen Luxus verzichten und zum Leben als Räuber und Gejagter zurückkehren? Nein, das würde er nicht wollen. Aber wie, wie konnte er den Drachen und die Gilden zum Bleiben bewegen? Wenn doch nur der blöde Phönix einfach den Schaden ersetzt hätte… wenn doch nur irgendjemand…

Versehentlich sprach Trevor seine Gedanken laut aus. „Und wenn wir einfach den Schaden ersetzen, den der Phönix verursacht hat? Dann hätte niemand mehr einen Grund zum Schimpfen.“

„Aber ich war das nicht!“, protestierte der Drache wie ein fünfjähriges Kind, wenn das Honigglas leer ist und ihm ausnahmsweise einmal kein Honig am Mund klebt.

„Natürlich, aber… was wäre, wenn wir einfach garantieren, dass wir bei jedem Brand eine feste Summe bezahlen, falls die Feuerwehr keinen anderen Schuldigen ermitteln kann?“

„Warum sollten wir das tun?“

„Weil… wir im Gegenzug eine höhere monatliche Rate bekommen. Wir handeln die ganze Vereinbarung neu aus. Und die Gilden verpflichten sich für mindestens zehn weitere Jahre, den Vertrag einzuhalten.“ Er zog ein Blatt Papier zu sich heran und notierte etwas.

„So kurz? Dann haben wir dasselbe Problem doch gleich wieder.“

„Dann eben 20 Jahre.“

„Aber wenn ich für jeden dämlichen explodierenden Phönix bezahle, ist mein Goldhaufen doch ganz schnell weg!“

„Nicht unbedingt.“ Trevors Feder flog über das Papier und jonglierte mit Zahlen. „Wir müssen die Summen nur so berechnen, dass mehr reinkommt als rausgeht.“

„Viel mehr!“

„Ganz meine Meinung“, bestätigte Trevor und rechnete. „Und wir müssen natürlich gute Leute bei der Feuerwehr haben, die herausfinden, wenn jemand sein Haus selbst in Brand gesteckt hat.“

An so etwas hatte der Drache gar nicht gedacht. „So etwas würdet ihr tun? Für Geld?“

„Alles für die Altersvorsorge. Und die Enkel natürlich.“



Trevor hatte erwartet, dass es lange dauern würde, bis die Gilden der neuen Vereinbarung zustimmten. Doch verblüffenderweise ging es
einfacher als beim letzten Mal. Anscheinend glaubten die Gilden, sie würden ihn und Alli übers Ohr hauen.

Was danach geschah, hatte nicht einmal Trevor vorhergesehen. Menschen
baten darum, in die Vereinbarung aufgenommen zu werden. Handwerker und Bauern von gewissem Wohlstand, die Allianor nie zuvor angegriffen hatte, machten sich plötzlich Sorgen, dass ihr Herdfeuer auf ihr Haus übergreifen könnte, und wollten auf Nummer sichergehen. Und das nicht nur in Fußnote: Auch ein Getreidehändler aus Irrhaven hatte gefragt, ob auch er einen solchen Vertrag mit Allianor schließen könne.

„Bei Doktor Erikassohn ist das Hinterhaus abgebrannt.“ Trevor las den neuen Schadensfall vor. „Angeblich ist seine Ofentür nachts einfach so aufgegangen.“

Allianor zischte missmutig, wie immer, wenn jemand tatsächlich Gold aus seinem geliebten Haufen haben wollte.

„Bestimmt war der Ofen schon alt und kaputt. Er ist selbst schuld, wenn er solchen Schrott benutzt.“

„Gute Idee“, nickte Trevor. „Ich schicke einen Gesellen vorbei, der kann nachschauen, ob irgendwo Rostflecken sind.“

Allianor wälzte sich zur Seite und säbelte einen neuen Streifen Fleisch von seiner Kuh. Er war in letzter Zeit deutlich in die Breite gewachsen und hatte den Felsen schon seit einem Jahr nicht verlassen.

„War das alles?“

„Fast. Hier ist noch eine seltsame Anfrage von einer Schneidermeisterin Thomasssohn. Sie wohnt unten an den Kais und will wissen, ob man mit dir auch einen Vertrag über Wasserschäden abschließen kann.“

„Wasserschäden? Ich kann doch nur Feuer speien.“

„Aber du könntest dich am Hafen mit voller Wucht ins Wasser fallen lassen. Die Welle würde bestimmt so einigen Schaden verursachen.“
Besonders bei deinem neuen Gewicht, dachte Trevor. Die Frage ist nur: Kannst du überhaupt noch so weit fliegen?

„Warum sollte ich das tun?“

„Das ist doch nicht der Punkt.“, winkte Trevor ab. „Die Frage ist: Machen wir damit mehr Gewinn?“

„Vermutlich schon, oder?“, grübelte Allianor. „Es gibt nicht viele Sturmfluten in dieser Gegend.“

„Da hast du recht. Also machen wir es?“

„Aber dann könnten wir ja ebensogut Verträge über ganz andere Schäden abschließen, die ich gar nicht verursachen kann, zum Beispiel… Blitzschläge oder so was.“

Trevor nickte begierig. Blitzschläge. Ausnahmsweise dachte der Drache einmal weiter als er, und ihm gefiel, wie er dachte. „Was spricht dagegen? In Fußnote gilt immer noch die Vertragsfreiheit.“

„Wenn man es so sieht.“, überlegte Allianor. „Dann haben wir hier etwas Erstaunliches erfunden, nicht wahr?“

In der Tat, das hatten sie.

Und wenn sie nicht gestorben sind, versichern sie noch heute.



Magdalena Dietmarstochter überflog den Text.

„Wirklich?“, fragte sie mit erhobenen Brauen.

„Es ist mal was anderes. Ehrlich, selbstironisch, ein bisschen provokant und es basiert auf historischen Fakten“, entgegnete ihre Sekretärin Theresa Heinztochter.

Magdalena seufzte, drehte sich zum Fenster und blickte weit über die Docks hinaus, ins neblige Stufenmeer, in dem sich irgendwo der sagenumwobene Drachenfels verbarg. Der Allianoria gehörte das größte Gebäude von ganz Fußnote, und die Aussicht war das drittbeste an diesem Job. Gleich nach dem Geld und den vielen Leuten zum Herumkommandieren.

„Ich habe dich gebeten, etwas Nettes für unser Jubiläum zu schreiben. Wir sind der größte Versicherer im gesamten Fünften Stufenimperium[5], und dir fällt nichts Besseres ein, als lang und breit auszuwalzen, warum unser Geschäft eigentlich auf Schutzgelderpressung basiert?“ Nicht auszudenken, was los wäre, wenn dieser Text der Presse in die Hände fallen sollte, ausgerechnet kurz vor der Eröffnung der neuen Zweigstelle in Kaliburg!

„Wenigstens bringt es Aufmerksamkeit.“

„Schlechte Aufmerksamkeit!“

„Zero der Zyniker hat gesagt: Jede Aufmerksamkeit ist gute Aufmerksamkeit.“

„So was sagen die Leute nur, bis in der Zeitung steht, dass sie ihre Kinder geschlagen haben.“

Magdalena wandte sich um und griff kopfschüttelnd erneut nach dem Papier. Gab es wenigstens Teile, die sie verwenden konnte?

„Es basiert alles auf Sachen, die der Drache in seinen letzten Jahren gesagt hat“, verteidigte sich Theresa. Allianor der Versicherer war vor fast 400 Jahren gestorben. Dem Bericht des Leichenbeschauers zufolge waren sein Herz und Magen selbst für einen Drachen viel zu groß gewesen. Anscheinend hatten die Menschen doch eine Waffe gefunden, die seine undurchdringlichen Schuppen durchdringen konnte: Fett. „Nur für die Lücken habe ich ein bisschen Fantasie gebraucht.“

„Und irgendwie hast du es geschafft, es damit noch schlimmer zu machen!“ Wie hatte Magdalena nur glauben können, es sei eine gute Idee, ihre Nichte einzustellen? Theresa war nicht dumm, aber ihr fehlte der angemessene Respekt vor ihren Vorgesetzten.

„Komm schon, Allianor ist buchstäblich unser Symbol. Unser Siegel zeigt einen Drachenkopf! Denken die Leute da ernsthaft, der Gründer der Allianoria war ein friedfertiger, altruistischer Vegetarier?“

„Nein! Sie denken Boah, cool, Drache! und sonst grübeln sie nicht weiter drüber nach. Und so soll es bitteschön auch bleiben!“

„Ist ja gut, ich hab verstanden“, murmelte Theresa Heinztochter, und wirkte fast so geknickt wie der zerknüllte Text in der Hand ihrer Chefin.

Magdalena ging auf und ab. „Die Idee ist ja nicht schlecht, über die Ursprünge der Allianoria zu schreiben. Aber wir müssen das anders angehen. Emotionaler. Am Anfang ist der Drache wild und stark, aber auch sehr einsam. Erst, als er Freundschaft mit dem einfachen Menschenjungen Trevor schließt, lernt er Menschlichkeit und dass, äh, man Probleme auch friedlich lösen kann oder irgendwie so was…“

„Und der arme kleine Drache ist traurig, weil alle Angst vor ihm haben und er durch sein Niesen manchmal aus Versehen Sachen anzündet“, spann Theresa den Faden weiter. „Bis Trevor die Idee hat, dass er einfach allen Geld bezahlt, die wegen seiner Nieser Schaden erleiden? Und dann muss niemand mehr Angst vor ihm haben?“

„Exakt!“ Magdalena klatschte in die Hände. Das Mädchen war also doch zu etwas gut. „Jetzt hast du’s!“

„Das ist Geschichtsfälschung.“

„Freut mich, dass du deine Aufgabe verstanden hast. An die Arbeit!“


[1]Einmal abgesehen von der Hygiene, dem Stand der Medizin, der Kindersterblichkeit, der Nahrungsmittelversorgung, der technischen Ausstattung, den Ratten, der Verbrechensrate, der mangelhaften sozialen Fürsorge, dem Analphabetismus, der moralischen Verklemmtheit und dass, wer all dies offen ansprach, seinen Lebensabend allzu oft als faulender Kopf auf einem Spieß über dem Stadttor verbrachte.
[2]Über den richtigen Namen dieser Stadt und seine Schreibweise gab es in der Vergangenheit zahllose blutige Konflikte. Der mühsam ausgehandelte Kompromiss besagt, dass die Stadt fortan auf Karten mit * gekennzeichnet wird und eine Fußnote darauf hinweist, dass der Name der Stadt eben eine höchst umstrittene Angelegenheit ist. Dadurch bürgerte sich umgangssprachlich der Spottname „Fußnote“ ein, der jedoch in der Stadt unter Androhung der Todesstrafe nicht verwendet werden darf.
[3]Allianor hatte außergewöhnlich gute Gene und deshalb am gesamten Körper nicht eine einzige verwundbare Stelle. Wirklich nicht.
[4]So präzise, wie die nunsnanischen Kriegszauberer mit ihren Feuerbällen stets zu sein behaupten.
[5] Die unüberschaubaren Angebote der Allianoria bieten Versicherungsschutz gegen Feuer-, Wasser-, Blitz-, Hieb-, Stich-, Gift-, physischen, psychischen, gleißenden oder nekrotischen Schaden. Neuerdings sogar gegen psionischen Schaden, was auch immer das sein soll. Den kreativen Köpfen in der Abteilung für Einfallsreiche Zusatzverträge gehen die Ideen nie aus.
 



 
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