Sally Winter
Mitglied
Ein eingespieltes Chaos
Kaum waren die Teller abgeräumt, stand Karin auf.
„Heute schneide ich euch die Haare. Später auf dem Geburtstag sollt ihr ordentlich aussehen.“
Kevin verzog das Gesicht. „Ach, Mama“, maulte er.
Karin seufzte und zog ihn kurz an sich: „Kevin, jetzt hör auf. Nicht schon wieder.“
Aus der Ecke lachte Andreas. „Kevin, du bist echt ein Depp!“
„Ist mir egal, du doch auch“, brummte Kevin.
„Kevin, Andreas, benehmt euch!“, rief Oma aus der Küche.
Bevor es weiter eskalierte, bemerkte Manu: „Du sollst das doch nicht mehr sagen.“
„Ja, sorry halt“, murmelte Andreas, aber sein Blick blieb trotzig.
Kevin zuckte nur mit den Schultern.
Manu wandte sich nun neugierig an Karin: „Mama, schneidest du mir auch die Haare?“
„Nein. Du und Stefan wart erst vor zwei Wochen dran. Jetzt hör bitte auf zu fragen, Manu. Ich habe gerade genug um die Ohren.“
Genervt schaute Karin in die Runde.
Manu ließ den Kopf hängen. „Du bist gemein.“
„Schluss jetzt!“, sagte Karin scharf. Sie sah zu Kevin. „Du zuerst.“
Stefan, der Älteste, rief zu Manu: „Mama ist nicht gemein. Sie hat im Moment nur viel zu tun.“
Kevin trottete zurück, aber im Vorbeigehen schubste er Tobi absichtlich mit der Schulter.
„Hey!“, protestierte Tobi. „Mama, Kevin hat mich geschubst!“
„Kevin!“, rief Karin aus dem Bad.
„War ein Unfall“, log Kevin mit einem unschuldigen Gesicht.
Tobi ballte die Fäuste. „Lügner!“
„Tobi, Kevin, es reicht jetzt!“, sagte ich streng.
Kevin verdrehte die Augen, ließ sich aber aufs Sofa fallen.
„Tobi, du bist jetzt dran“, sagte Kevin mit müder Stimme und deutete Richtung Bad.
Kai, der Jüngste, kletterte auf meinen Schoß.
„Papa, darf ich zu dir kommen?“
„Klar“, sagte ich und nahm ihn auf den Schoß. Er kuschelte sich an mich, roch nach Milch und Schlaf.
„Bekomme ich auch einen Haarschnitt?“, flüsterte er.
Ich lachte leise. „Mama hat dir doch erst letzte Woche die Haare geschnitten. Deine Haare müssen erst wachsen, bevor du wieder dran bist.“
„Aber ich will auch so eine Maschine hören!“
Dann sah er mich ernst an. „Wenn ich groß bin, schneidet mir Mama dann auch die Haare?“
„Wenn du willst“, antwortete ich. „Oder du gehst selbst zum Friseur.“
Kai schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Mama macht das gut. Und danach gibt’s Kakao.“
Aus dem Bad protestierte jetzt Tobi: „Nicht so kurz! Ich sehe sonst aus wie ein Schuljunge!“
„Du bist ein Schuljunge“, sagte Karin trocken.
Kevin setzte sich neben uns und strich sich immer wieder durch die frisch geschnittenen Haare.
„Gar nicht so schlimm, oder?“, fragte ich.
Er zuckte mit den Schultern. „Na ja … war okay. Mama war sogar nett dabei.“
Kai blickte zu ihm auf. „Bekommst du jetzt Kakao?“
„Na klar.“ Kevin grinste. „Aber ich hole mir den selbst.“
Die Badezimmertür wurde aufgerissen. Tobi stand im Türrahmen. Die Haare genau richtig.
„Fertig!“, rief er stolz. „Wo ist mein Kakao?“
Kevin kam gerade mit seinem Becher aus der Küche. „Hol ihn dir selbst. Ich bin nicht dein Diener.“
„Mama!“, rief Tobi. „Kevin ist frech!“
„Kevin!“, ertönte es aus dem Bad.
„Tobi soll sich seinen Kakao selbst holen, er ist doch kein Baby mehr!“
„Du bist nur neidisch, weil ich besser aussehe als du“, feixte Tobi und lief an Kevin vorbei in die Küche.
Kevin kniff die Augen zusammen.
„Müsst ihr denn immer streiten?“, fragte Stefan, der halb im Flur stand.
Karin kam aus dem Bad zurück. Sie blieb kurz stehen. „Andreas. Jetzt kommst du.“
Andreas tat, als hätte er nichts gehört.
„Andreas.“
„Was denn? Ich hab’ gestern erst die Haare gewaschen!“
„Waschen ist kein Schneiden. Komm jetzt.“
„Ich will aber nicht!“ Andreas’ Stimme überschlug sich fast.
„Immer wenn du schneidest, sieht es aus wie bei einem Rekruten. Die anderen Kinder in der Schule lachen mich aus!“
„Das bildest du dir ein“, sagte Karin kühl. „Du siehst immer gut aus, wenn ich fertig bin.“
„Nein, tut er nicht!“, warf Kevin von der Couch ein.
„Kevin, halt dich da raus!“, fuhr ich dazwischen.
„Ist doch wahr!“, beharrte Kevin.
Andreas nickte zustimmend. „Kevin hat recht. Letztes Mal war es eine Katastrophe. Ich geh’ nicht noch mal da rein.“
Karins Stimme wurde leise – und damit gefährlich. „Ich habe heute schon zwei Kindern die Haare geschnitten. Bitte mach jetzt nicht so ein Theater. Setz dich jetzt einfach hin.“
Andreas schluckte. Er sah zu mir. „Papa, sag du was!“
Ich hob die Hände. „Mama hat recht – sie macht das gut. Und wenn du nicht willst, dass die anderen Kinder lachen, dann hör auf, so ein Theater zu machen.“
Er stöhnte theatralisch, stand aber auf und verschwand im Bad. Hinter ihm fiel die Tür zu.
„Papa“, murmelte Kai schläfrig, „bekomme ich auch Kakao?“
„Ja, du bist der Kleinste. Da darf man solche Wünsche haben.“
Er lächelte, zufrieden mit dieser Antwort, und ließ die Augen zufallen.
Im Bad begann das Summen der Haarschneidemaschine wieder, vermischt mit Andreas’ halblautem Murmeln: „Ich möchte nicht aussehen wie ein Rekrut.“
„Halte still“, sagte Karin energisch.
Oma lachte leise. „Egal wie die Haare liegen – das Wichtigste ist, dass der Kopf darunter in Ordnung ist.“
Während Karin Andreas’ Haare schnitt, schlief Kai tief auf meinem Schoß, den Daumen nahe am Mund.
Ich spürte sein Gewicht auf meinem Arm und dachte, dass solche Augenblicke viel zu schnell vergingen. Die Kinder wurden schneller groß, als einem lieb war.
Sanft streichelte ich ihn über den Rücken, während Oma ein neues Knäuel Wolle abwickelte.
Aus dem Bad erklang Andreas’ Stimme, diesmal leiser und ein wenig beschämt: „Okay, danke. Geht klar. Sogar gut, irgendwie.“
Als Andreas zurückkam, strich er sich prüfend über die Seiten, dann betrachtete er sich im Flurspiegel.
Kevin warf ihm einen Seitenblick zu. „Na also. Und vorher so ein Theater.“
„Halt den Mund, Kevin“, rief Andreas, aber diesmal klang es weniger böse als müde.
„Ich hab’ nur die Wahrheit gesagt“, murmelte Kevin.
„Manchmal ist es besser, den Mund zu halten und freundlich zu sein“, mischte sich Oma ein.
Andreas grinste. „Da hat aber Oma recht. Kevin Klappe zu.“
Karin trat aus dem Bad, die Schere noch in der Hand, und sah mich an. „Willst du auch noch?“
Ich hob leicht eine Augenbraue. „Meinst du, ich komme heute noch dran?“
„Wenn nicht jetzt, dann wieder erst in drei Wochen – dann sieht es aus wie ein zerfledderter Besen.“
„Na gut“, murmelte ich und schob Kai vorsichtig auf das Sofa neben Oma. Er rollte sich zusammen und seufzte zufrieden.
Während Karin mir die letzten Strähnen schnitt, hörte ich draußen die Kinder wieder streiten. Leises Gekicher. Jemand rief: „Du hast zu viel Kakao genommen, Kevin!“ Dann das Geräusch eines umfallenden Bechers.
Karin seufzte, ohne den Schnitt zu unterbrechen.
„Ich wische es gleich weg“, bot ich an. „Sobald ich hier wieder wie ein Mensch aussehe.“
Sie lächelte leise: „Du siehst immer wie ein Mensch aus.“
Ich lachte. „Deal.“
Als sie fertig war, klopfte sie mir leicht auf die Schulter. „Und, zufrieden?“
Ich betrachtete mich im Spiegel. Es war nicht viel, aber sauber und ordentlich. „Perfekt“, sagte ich.
Wir traten zurück ins Wohnzimmer, wo Kevin mit einem Küchentuch versuchte, die Kakao-Pfütze zu beseitigen. „Ich hab’ nur ein wenig verschüttet“, verteidigte er sich sofort.
„Man kann euch wirklich keinen Moment alleinlassen“, schimpfte Karin genervt.
Kaum waren die Haare geschnitten und die Kakaoflecken beseitigt, ging es schon weiter. Das Wohnzimmer sah wieder halbwegs bewohnbar aus – zumindest für die nächsten fünf Minuten.
„Wann ist der Geburtstag?“, fragte Kai, jetzt wieder wach, seinen halb vollen Becher in der Hand.
Er saß im Lichtstreifen vor dem Küchenfenster und sah zu Karin hinauf.
„In einer Stunde“, sagte sie. „Also bitte alle: aufräumen, anziehen, und wer noch duschen muss, macht das jetzt. Nicht erst, wenn wir schon nach den Schuhen suchen.“
„Ich war schon!“, rief Manu sofort.
„Ich auch!“, kam es von Tobi.
Karin sah nicht einmal auf. „Du warst höchstens zwei Minuten im Bad.“
„Hat gereicht.“
Manu rief: „Für wen? Den Schmutz zu schützen?“
„Immer noch besser als dein Parfüm.“
„Andreas, du musst auch noch duschen“, sagte Karin.
„Warum?“
„Weil Menschen das normalerweise tun.“
„Ich hab’ erst gestern geduscht.“
„Trotzdem riechst du heute nach gestern.“
„Kevin, du bist als Nächstes dran“, sagte ich und wischte den letzten Kakaofleck vom Tisch.
„Warum immer ich?“, murmelte er, stand aber trotzdem auf.
Stefan war schon seit einer halben Stunde fertig angezogen und half mal hier, mal dort, bevor er wieder im Kinderzimmer verschwand.
Karin war inzwischen im Flur verschwunden und ließ den Blick durch das Haus schweifen. „Zieht bitte etwas Ordentliches an!“
„Aber der Geburtstag ist auf einem Spielplatz!“, rief Tobi.
„Ja, und trotzdem müsst ihr nicht aussehen, als hättet ihr die Nacht in einem Gebüsch verbracht.“
Für einen kurzen Moment wurde es still. Dann ging alles weiter, nur etwas schneller.
„Was ziehst du eigentlich an?“, fragte ich.
„Noch keine Ahnung“, sagte Karin. „Wahrscheinlich das blaue Kleid mit den Knöpfen. Da sieht man Flecken nicht sofort.“
„Klingt nach echter Festtagskleidung.“
Sie grinste. „Mit sechs Kindern lernt man, Prioritäten zu setzen.“
„Du machst das wirklich gut.“
„Warte mit dem Urteil, bis du den Sockenberg im Flur gesehen hast.“
Sie hob die Stimme: „Noch eine halbe Stunde! Wer dann nicht fertig angezogen ist, fährt in der Unterhose mit!“
Irgendwo polterte es sofort, gefolgt von hektischen Schritten.
Karin verschwand im Schlafzimmer. Ich wusste, dass sie diese wenigen Minuten für sich wahrscheinlich nötiger hatte als jeder von uns.
Ich nutzte die Zeit und ging ins Kinderzimmer. „Brauchst du Hilfe?“, fragte ich Kevin.
„Nein.“
Kurze Pause.
„Vielleicht beim obersten Knopf.“
Ich half ihm, und für einen Augenblick standen wir einfach schweigend da.
„Papa?“
„Hm?“
„Meinst du, Lukas freut sich über sein Geschenk?“
Ich überlegte kurz. „Er freut sich ganz bestimmt, weil er sich genau das gewünscht hat.“
Kevin grinste. Das reichte ihm.
Nach und nach versammelten sich alle im Flur: Tobi, geschniegelt wie selten, Manu stolz in einem Kleid, Andreas zumindest halbwegs ordentlich, Kai ausgeschlafen und gut gelaunt.
Dann kam Karin. Das blaue Kleid, die Haare hochgesteckt. Für einen Moment fragte ich mich, wann sie das eigentlich geschafft hatte. In einer Hand ihre Tasche, in der anderen eine Packung Feuchttücher – aus Erfahrung.
„Wow“, sagte Kevin leise.
„Mama, du siehst schön aus“, fügte Manu hinzu.
Karin lächelte. „Danke. Seid ihr alle bereit?“
Ein vielstimmiges „Ja!“ antwortete ihr.
Stefan brachte Kai die Schuhe und wartete geduldig, während der Kleine konzentriert versuchte, die Schleifen zu binden.
„Soll ich helfen?“
Kai schüttelte den Kopf. „Ich kann das, Mama hat mir gezeigt, wie das geht.“
„Wo ist eigentlich das Geschenk?“, fragte Karin plötzlich.
Stille.
Karin schloss kurz die Augen.
„Bitte sagt mir, dass jemand das Geschenk eingepackt hat.“
Stefan rief: „Mama, ich dachte, du machst das.“
„Warum sollte ich das machen?“
„Weil du gesagt hast, du kümmerst dich darum.“
„Nein. Ich habe gesagt, ich besorge es.“
Ich sah in die Runde. Sechs Kinder, Schuhe an, Jacken bereit. Alles fertig.
Karin atmete tief durch. „Gut. Gehen wir halt ohne Geschenk und erklären dem Geburtstagskind, dass wir es in einer Stunde nachbringen.“
Kevin verschränkte die Arme vor der Brust und rief: „Ohne Geschenk komme ich nicht mit, das ist voll peinlich.“
„Kevin, veranstalte hier keinen Zwergenaufstand“, sagte ich. „Das Geschenk liegt verpackt im Büro auf dem Schreibtisch. Hol es bitte.“
Für einen Moment sahen mich alle an.
„Du hast es eingepackt?“, fragte Karin.
„Gestern Abend.“
„Allein?“, fragte Karin.
„Das war der einfachere Teil. Schwieriger war es, einen Ort zu finden, an dem es niemand sucht.“
Stefan grinste. „Deshalb hast du mich aus dem Büro geschickt.“
Kevin war schon unterwegs und kam kurz darauf mit dem Geschenk zurück. Sorgfältig eingepackt, mit einer Schleife obendrauf.
Karin lachte und schüttelte den Kopf. „Gut, dass wenigstens einer von uns gestern noch denken konnte. Manchmal frage ich mich wirklich, wie wir ohne dich zurechtkommen würden.“
„Gar nicht“, sagte Andreas sofort.
Die Kinder lachten, Karin ebenfalls, und plötzlich drängten alle gleichzeitig zur Tür.
„Mama“, fragte Kai, „kommt Oma auch mit?“
„Nein, Oma hütet das Haus“, erklärte Karin.
Das Geschenk war da. Die Schuhe waren an den richtigen Füßen.
„Haben wir jetzt wirklich alles?“, fragte Stefan und wischte dabei Kai einen Fleck vom Pullover.
„Ja“, sagte Karin.
„Gut“, sagte ich zufrieden. „Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.“
Kaum waren die Teller abgeräumt, stand Karin auf.
„Heute schneide ich euch die Haare. Später auf dem Geburtstag sollt ihr ordentlich aussehen.“
Kevin verzog das Gesicht. „Ach, Mama“, maulte er.
Karin seufzte und zog ihn kurz an sich: „Kevin, jetzt hör auf. Nicht schon wieder.“
Aus der Ecke lachte Andreas. „Kevin, du bist echt ein Depp!“
„Ist mir egal, du doch auch“, brummte Kevin.
„Kevin, Andreas, benehmt euch!“, rief Oma aus der Küche.
Bevor es weiter eskalierte, bemerkte Manu: „Du sollst das doch nicht mehr sagen.“
„Ja, sorry halt“, murmelte Andreas, aber sein Blick blieb trotzig.
Kevin zuckte nur mit den Schultern.
Manu wandte sich nun neugierig an Karin: „Mama, schneidest du mir auch die Haare?“
„Nein. Du und Stefan wart erst vor zwei Wochen dran. Jetzt hör bitte auf zu fragen, Manu. Ich habe gerade genug um die Ohren.“
Genervt schaute Karin in die Runde.
Manu ließ den Kopf hängen. „Du bist gemein.“
„Schluss jetzt!“, sagte Karin scharf. Sie sah zu Kevin. „Du zuerst.“
Stefan, der Älteste, rief zu Manu: „Mama ist nicht gemein. Sie hat im Moment nur viel zu tun.“
Kevin trottete zurück, aber im Vorbeigehen schubste er Tobi absichtlich mit der Schulter.
„Hey!“, protestierte Tobi. „Mama, Kevin hat mich geschubst!“
„Kevin!“, rief Karin aus dem Bad.
„War ein Unfall“, log Kevin mit einem unschuldigen Gesicht.
Tobi ballte die Fäuste. „Lügner!“
„Tobi, Kevin, es reicht jetzt!“, sagte ich streng.
Kevin verdrehte die Augen, ließ sich aber aufs Sofa fallen.
„Tobi, du bist jetzt dran“, sagte Kevin mit müder Stimme und deutete Richtung Bad.
Kai, der Jüngste, kletterte auf meinen Schoß.
„Papa, darf ich zu dir kommen?“
„Klar“, sagte ich und nahm ihn auf den Schoß. Er kuschelte sich an mich, roch nach Milch und Schlaf.
„Bekomme ich auch einen Haarschnitt?“, flüsterte er.
Ich lachte leise. „Mama hat dir doch erst letzte Woche die Haare geschnitten. Deine Haare müssen erst wachsen, bevor du wieder dran bist.“
„Aber ich will auch so eine Maschine hören!“
Dann sah er mich ernst an. „Wenn ich groß bin, schneidet mir Mama dann auch die Haare?“
„Wenn du willst“, antwortete ich. „Oder du gehst selbst zum Friseur.“
Kai schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Mama macht das gut. Und danach gibt’s Kakao.“
Aus dem Bad protestierte jetzt Tobi: „Nicht so kurz! Ich sehe sonst aus wie ein Schuljunge!“
„Du bist ein Schuljunge“, sagte Karin trocken.
Kevin setzte sich neben uns und strich sich immer wieder durch die frisch geschnittenen Haare.
„Gar nicht so schlimm, oder?“, fragte ich.
Er zuckte mit den Schultern. „Na ja … war okay. Mama war sogar nett dabei.“
Kai blickte zu ihm auf. „Bekommst du jetzt Kakao?“
„Na klar.“ Kevin grinste. „Aber ich hole mir den selbst.“
Die Badezimmertür wurde aufgerissen. Tobi stand im Türrahmen. Die Haare genau richtig.
„Fertig!“, rief er stolz. „Wo ist mein Kakao?“
Kevin kam gerade mit seinem Becher aus der Küche. „Hol ihn dir selbst. Ich bin nicht dein Diener.“
„Mama!“, rief Tobi. „Kevin ist frech!“
„Kevin!“, ertönte es aus dem Bad.
„Tobi soll sich seinen Kakao selbst holen, er ist doch kein Baby mehr!“
„Du bist nur neidisch, weil ich besser aussehe als du“, feixte Tobi und lief an Kevin vorbei in die Küche.
Kevin kniff die Augen zusammen.
„Müsst ihr denn immer streiten?“, fragte Stefan, der halb im Flur stand.
Karin kam aus dem Bad zurück. Sie blieb kurz stehen. „Andreas. Jetzt kommst du.“
Andreas tat, als hätte er nichts gehört.
„Andreas.“
„Was denn? Ich hab’ gestern erst die Haare gewaschen!“
„Waschen ist kein Schneiden. Komm jetzt.“
„Ich will aber nicht!“ Andreas’ Stimme überschlug sich fast.
„Immer wenn du schneidest, sieht es aus wie bei einem Rekruten. Die anderen Kinder in der Schule lachen mich aus!“
„Das bildest du dir ein“, sagte Karin kühl. „Du siehst immer gut aus, wenn ich fertig bin.“
„Nein, tut er nicht!“, warf Kevin von der Couch ein.
„Kevin, halt dich da raus!“, fuhr ich dazwischen.
„Ist doch wahr!“, beharrte Kevin.
Andreas nickte zustimmend. „Kevin hat recht. Letztes Mal war es eine Katastrophe. Ich geh’ nicht noch mal da rein.“
Karins Stimme wurde leise – und damit gefährlich. „Ich habe heute schon zwei Kindern die Haare geschnitten. Bitte mach jetzt nicht so ein Theater. Setz dich jetzt einfach hin.“
Andreas schluckte. Er sah zu mir. „Papa, sag du was!“
Ich hob die Hände. „Mama hat recht – sie macht das gut. Und wenn du nicht willst, dass die anderen Kinder lachen, dann hör auf, so ein Theater zu machen.“
Er stöhnte theatralisch, stand aber auf und verschwand im Bad. Hinter ihm fiel die Tür zu.
„Papa“, murmelte Kai schläfrig, „bekomme ich auch Kakao?“
„Ja, du bist der Kleinste. Da darf man solche Wünsche haben.“
Er lächelte, zufrieden mit dieser Antwort, und ließ die Augen zufallen.
Im Bad begann das Summen der Haarschneidemaschine wieder, vermischt mit Andreas’ halblautem Murmeln: „Ich möchte nicht aussehen wie ein Rekrut.“
„Halte still“, sagte Karin energisch.
Oma lachte leise. „Egal wie die Haare liegen – das Wichtigste ist, dass der Kopf darunter in Ordnung ist.“
Während Karin Andreas’ Haare schnitt, schlief Kai tief auf meinem Schoß, den Daumen nahe am Mund.
Ich spürte sein Gewicht auf meinem Arm und dachte, dass solche Augenblicke viel zu schnell vergingen. Die Kinder wurden schneller groß, als einem lieb war.
Sanft streichelte ich ihn über den Rücken, während Oma ein neues Knäuel Wolle abwickelte.
Aus dem Bad erklang Andreas’ Stimme, diesmal leiser und ein wenig beschämt: „Okay, danke. Geht klar. Sogar gut, irgendwie.“
Als Andreas zurückkam, strich er sich prüfend über die Seiten, dann betrachtete er sich im Flurspiegel.
Kevin warf ihm einen Seitenblick zu. „Na also. Und vorher so ein Theater.“
„Halt den Mund, Kevin“, rief Andreas, aber diesmal klang es weniger böse als müde.
„Ich hab’ nur die Wahrheit gesagt“, murmelte Kevin.
„Manchmal ist es besser, den Mund zu halten und freundlich zu sein“, mischte sich Oma ein.
Andreas grinste. „Da hat aber Oma recht. Kevin Klappe zu.“
Karin trat aus dem Bad, die Schere noch in der Hand, und sah mich an. „Willst du auch noch?“
Ich hob leicht eine Augenbraue. „Meinst du, ich komme heute noch dran?“
„Wenn nicht jetzt, dann wieder erst in drei Wochen – dann sieht es aus wie ein zerfledderter Besen.“
„Na gut“, murmelte ich und schob Kai vorsichtig auf das Sofa neben Oma. Er rollte sich zusammen und seufzte zufrieden.
Während Karin mir die letzten Strähnen schnitt, hörte ich draußen die Kinder wieder streiten. Leises Gekicher. Jemand rief: „Du hast zu viel Kakao genommen, Kevin!“ Dann das Geräusch eines umfallenden Bechers.
Karin seufzte, ohne den Schnitt zu unterbrechen.
„Ich wische es gleich weg“, bot ich an. „Sobald ich hier wieder wie ein Mensch aussehe.“
Sie lächelte leise: „Du siehst immer wie ein Mensch aus.“
Ich lachte. „Deal.“
Als sie fertig war, klopfte sie mir leicht auf die Schulter. „Und, zufrieden?“
Ich betrachtete mich im Spiegel. Es war nicht viel, aber sauber und ordentlich. „Perfekt“, sagte ich.
Wir traten zurück ins Wohnzimmer, wo Kevin mit einem Küchentuch versuchte, die Kakao-Pfütze zu beseitigen. „Ich hab’ nur ein wenig verschüttet“, verteidigte er sich sofort.
„Man kann euch wirklich keinen Moment alleinlassen“, schimpfte Karin genervt.
Kaum waren die Haare geschnitten und die Kakaoflecken beseitigt, ging es schon weiter. Das Wohnzimmer sah wieder halbwegs bewohnbar aus – zumindest für die nächsten fünf Minuten.
„Wann ist der Geburtstag?“, fragte Kai, jetzt wieder wach, seinen halb vollen Becher in der Hand.
Er saß im Lichtstreifen vor dem Küchenfenster und sah zu Karin hinauf.
„In einer Stunde“, sagte sie. „Also bitte alle: aufräumen, anziehen, und wer noch duschen muss, macht das jetzt. Nicht erst, wenn wir schon nach den Schuhen suchen.“
„Ich war schon!“, rief Manu sofort.
„Ich auch!“, kam es von Tobi.
Karin sah nicht einmal auf. „Du warst höchstens zwei Minuten im Bad.“
„Hat gereicht.“
Manu rief: „Für wen? Den Schmutz zu schützen?“
„Immer noch besser als dein Parfüm.“
„Andreas, du musst auch noch duschen“, sagte Karin.
„Warum?“
„Weil Menschen das normalerweise tun.“
„Ich hab’ erst gestern geduscht.“
„Trotzdem riechst du heute nach gestern.“
„Kevin, du bist als Nächstes dran“, sagte ich und wischte den letzten Kakaofleck vom Tisch.
„Warum immer ich?“, murmelte er, stand aber trotzdem auf.
Stefan war schon seit einer halben Stunde fertig angezogen und half mal hier, mal dort, bevor er wieder im Kinderzimmer verschwand.
Karin war inzwischen im Flur verschwunden und ließ den Blick durch das Haus schweifen. „Zieht bitte etwas Ordentliches an!“
„Aber der Geburtstag ist auf einem Spielplatz!“, rief Tobi.
„Ja, und trotzdem müsst ihr nicht aussehen, als hättet ihr die Nacht in einem Gebüsch verbracht.“
Für einen kurzen Moment wurde es still. Dann ging alles weiter, nur etwas schneller.
„Was ziehst du eigentlich an?“, fragte ich.
„Noch keine Ahnung“, sagte Karin. „Wahrscheinlich das blaue Kleid mit den Knöpfen. Da sieht man Flecken nicht sofort.“
„Klingt nach echter Festtagskleidung.“
Sie grinste. „Mit sechs Kindern lernt man, Prioritäten zu setzen.“
„Du machst das wirklich gut.“
„Warte mit dem Urteil, bis du den Sockenberg im Flur gesehen hast.“
Sie hob die Stimme: „Noch eine halbe Stunde! Wer dann nicht fertig angezogen ist, fährt in der Unterhose mit!“
Irgendwo polterte es sofort, gefolgt von hektischen Schritten.
Karin verschwand im Schlafzimmer. Ich wusste, dass sie diese wenigen Minuten für sich wahrscheinlich nötiger hatte als jeder von uns.
Ich nutzte die Zeit und ging ins Kinderzimmer. „Brauchst du Hilfe?“, fragte ich Kevin.
„Nein.“
Kurze Pause.
„Vielleicht beim obersten Knopf.“
Ich half ihm, und für einen Augenblick standen wir einfach schweigend da.
„Papa?“
„Hm?“
„Meinst du, Lukas freut sich über sein Geschenk?“
Ich überlegte kurz. „Er freut sich ganz bestimmt, weil er sich genau das gewünscht hat.“
Kevin grinste. Das reichte ihm.
Nach und nach versammelten sich alle im Flur: Tobi, geschniegelt wie selten, Manu stolz in einem Kleid, Andreas zumindest halbwegs ordentlich, Kai ausgeschlafen und gut gelaunt.
Dann kam Karin. Das blaue Kleid, die Haare hochgesteckt. Für einen Moment fragte ich mich, wann sie das eigentlich geschafft hatte. In einer Hand ihre Tasche, in der anderen eine Packung Feuchttücher – aus Erfahrung.
„Wow“, sagte Kevin leise.
„Mama, du siehst schön aus“, fügte Manu hinzu.
Karin lächelte. „Danke. Seid ihr alle bereit?“
Ein vielstimmiges „Ja!“ antwortete ihr.
Stefan brachte Kai die Schuhe und wartete geduldig, während der Kleine konzentriert versuchte, die Schleifen zu binden.
„Soll ich helfen?“
Kai schüttelte den Kopf. „Ich kann das, Mama hat mir gezeigt, wie das geht.“
„Wo ist eigentlich das Geschenk?“, fragte Karin plötzlich.
Stille.
Karin schloss kurz die Augen.
„Bitte sagt mir, dass jemand das Geschenk eingepackt hat.“
Stefan rief: „Mama, ich dachte, du machst das.“
„Warum sollte ich das machen?“
„Weil du gesagt hast, du kümmerst dich darum.“
„Nein. Ich habe gesagt, ich besorge es.“
Ich sah in die Runde. Sechs Kinder, Schuhe an, Jacken bereit. Alles fertig.
Karin atmete tief durch. „Gut. Gehen wir halt ohne Geschenk und erklären dem Geburtstagskind, dass wir es in einer Stunde nachbringen.“
Kevin verschränkte die Arme vor der Brust und rief: „Ohne Geschenk komme ich nicht mit, das ist voll peinlich.“
„Kevin, veranstalte hier keinen Zwergenaufstand“, sagte ich. „Das Geschenk liegt verpackt im Büro auf dem Schreibtisch. Hol es bitte.“
Für einen Moment sahen mich alle an.
„Du hast es eingepackt?“, fragte Karin.
„Gestern Abend.“
„Allein?“, fragte Karin.
„Das war der einfachere Teil. Schwieriger war es, einen Ort zu finden, an dem es niemand sucht.“
Stefan grinste. „Deshalb hast du mich aus dem Büro geschickt.“
Kevin war schon unterwegs und kam kurz darauf mit dem Geschenk zurück. Sorgfältig eingepackt, mit einer Schleife obendrauf.
Karin lachte und schüttelte den Kopf. „Gut, dass wenigstens einer von uns gestern noch denken konnte. Manchmal frage ich mich wirklich, wie wir ohne dich zurechtkommen würden.“
„Gar nicht“, sagte Andreas sofort.
Die Kinder lachten, Karin ebenfalls, und plötzlich drängten alle gleichzeitig zur Tür.
„Mama“, fragte Kai, „kommt Oma auch mit?“
„Nein, Oma hütet das Haus“, erklärte Karin.
Das Geschenk war da. Die Schuhe waren an den richtigen Füßen.
„Haben wir jetzt wirklich alles?“, fragte Stefan und wischte dabei Kai einen Fleck vom Pullover.
„Ja“, sagte Karin.
„Gut“, sagte ich zufrieden. „Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.“