Ein erster Schritt

Michele.S

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Seit ungefähr zwei Stunden saß er, den Rücken gegen das Kissen gelehnt, die Beine gerade von sich gestreckt, auf dem Bett. Neben ihm lag ein aufgeschlagenes Buch. Er hatte es bereits vier oder fünf Mal gelesen, früher. Das Zimmer lag im Halbdunkeln, der Rollladen war halb heruntergelassen. Seit zwei Wochen, vielleicht schon länger, schien die Sonne ohne Unterbrechung. Er hatte es satt. Er warf das Kissen vom Bett, drehte sich auf den Bauch und drückte seinen Kopf auf die mit grünem Stoff überzogene Matratze. Ein fauliger Geruch ging von ihr aus. Eine Mischung aus altem Schweiß, Urin und nächtlichen Ausdünstungen. Er setzte sich auf den Bettrand und starrte auf den Schrank und das alte Klavier. Sie standen einfach nur da. Mehr nicht. Sie weckten keine Erinnerungen oder Assoziationen.Er stand vom Bett auf und lief in dem kleinen Zimmer auf und ab. Es brauchte etwa vier Sekunden vom einen zum anderen Ende, dann machte er kehrt und ging in die andere Richtung. Hin und her. „Januar, Februar, März, April, die Jahresuhr steht niemals still“, klang es in seinem Kopf. „Wie hieß noch mal dieser Junge in der Grundschule, der immer alle schlagen wollte? Irgendwas mit ‚M‘ … Marvin?“ Er schaute zwei Sekunden lang durch die kleinen Schlitze des Rollladens, drehte sich dann um und lief weiter. „September, Oktober, November, Dezember, und dann …“ Er musste pissen. Im Badezimmer lagen mehrere benutzte Gläser auf dem Waschbecken, eines von ihnen war noch halb voll mit Traubensaft. Auf der Oberfläche hatte sich grünlich-schwarzer Schimmel gebildet. Er stellte sich vor die Toilette und ließ die Hose herunter. Er zögerte. Mit noch heruntergelassener Hose stolperte er zum Waschbecken, und spühlte eines der Gläser mit Leitungswasser aus. Dann nahm er das Glas und pinkelte hinein. Kurz bevor es überlief, stoppte er den Strahl und ließ den Rest in die Toilette. Das Licht im Badezimmer blendete. Er ließ den Rollladen halb hinunter, und trug das Glas zurück in sein Zimmer. Er stellte es auf das Tischchen neben seinem Bett. Der Urin war dunkelgelb. Vielleicht hatte er heute zu wenig getrunken. Er lachte. Er griff nach seinem Buch und begann zu lesen. Nach zwei Minuten merkte er, dass es diesselbe Stelle von vorhin war. Er legte das Buch aufs Bett und betrachtete das Glas auf dem Tischchen. Zwei Stubenfliegen kreisten durchs Zimmer und setzten sich immer wieder auf ihn. Die ganze Zeit dieses Geräusch, als wollten die Fliegen ihn mit Absicht zermürben. Er griff schnell nach dem Glas, führte es an die Lippen und trank es langsam, aber ohne Absetzen leer. Es schmeckte lauwarm und etwas bitter, aber nicht so übel, wie er gedacht hatte. Die Wärme beruhigte ihn ein bisschen. Er nahm das Glas, ging ins Badezimmer und spülte es gründlich ab. Danach trank er etwas Wasser aus der Leitung, um den Nachgeschmack in seinem Mund loszuwerden. Er öffnete den Rollladen, machte das Fenster auf und hielt seinen Kopf nach draußen. Es roch nach frisch gemähtem Gras. Er ließ das Fenster geöffnet und ging die Treppe hinunter in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. „Das war immerhin ein erster Schritt.“, dachte er. Mit dem Kaffee in der Hand lief er vorsichtig ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein.
Jetzt war ein Schlüssel im Haustürschloss zu hören. „Stefan, kannst du mir schnell beim Reintragen helfen? Die Einkäufe sind noch im Wagen“, rief seine Frau.
„Ja, gerne“, antwortete er laut und stand vom Sofa auf.
 



 
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