Ein feuchtes Grab in Darenwede

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Hagen

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Ein feuchtes Grab in Darenwede



Nachdem Henriette Hobelsam von einem gesunden Mädchen entbunden hatte, war ihr Mann Hendrik nicht mehr zu halten, alle halbe Stunde verließ er seine Werkstatt, betrachtete seine Tochter, fragte, ob er Henriette einen Tee zubereiten sollte und ob sie irgendwelche Wünsche hätte, die von ihr so geschätzte rote Grütze zum Beispiel oder eine beheizbare Decke.

Da Henriette sich nach der Entbindung nur nach Ruhe und Frieden sehnte, bat sie ihren Mann, doch mal wieder zum Kegelschieben zu gehen, er hatte es so lange nicht mehr getan und sie würde die zwei, drei Stunden schon alleine klarkommen, ein gutes Buch lesen oder fernsehen. Das ging auch ohne rote Grütze oder beheizbare Decke. Endlich mal Ruhe, und um sein Töchterchen Jessica brauchte er sich auch keine Sorgen zu machen, sie würde schon aufpassen und Jessica rechtzeitig das Fläschchen geben.

Nun, Hendrik gab seiner Frau einen langen, dicken Kuss, zog seine Jacke an, gab seiner Frau noch einen Kuss und machte sich auf den Weg. Tief vergrub er seine Hände in den Taschen, denn es begann zu nieseln, kaum dass er sein Haus verlassen hatte.

Doch das Kegelschieben fiel an diesem Tag aus, weil das Wetter so schlecht war und aus diesem Grund wahrscheinlich niemand kam, zum Kegelschieben im ‘Gasthaus zum grünen Jäger‘.

Na gut, Hendrik versuchte mit den wenigen Leuten an der Theke ein wenig zu schnacken und so nach zwei, drei Bieren kam der übliche Totpunkt, was das Thekengespräch betraf.

Einer, den sie ‘Kurt von der Tanke‘ nannten, kam mit entzückenden Anekdoten von Hohlraumversiegelungen und Altölentsorgung nicht recht voran bei der – wie sich herausgestellt hatte – durch und durch esoterisierten jungen Dame namens Patrica, die immer nur von Meditation und Reinkarnation erzählte und gerade zuhause auf dem Balkon an einem Sandmandala arbeitete, um damit ihren Beitrag an der Heilung unserer Erde zu leisten.

Noch einer, ein Bürokaufmann und Science-Fiction-Fan, Marcus, war der Ansicht, dass die Raumfahrt im futurologischen Sinn keine Zukunft habe, und dann war da noch einer, der meinte, dass die Zukunft des Automobils und des Motorrades im nabenlosen Rad liegen würde.

Für Hendrik waren dass alles fremde Welten, er dachte an Frau und Tochter, bestellte sich noch ein Bier, weil der Regen draußen zunahm und Patrica der Ansicht war, dass, wenn er es in diesem Leben nicht mehr schaffen würde, das nabenlose Rad zu erfinden, er ja noch im nächsten oder übernächsten Gelegenheit genug dazu hätte.

Kurt sah seine Felle davon schwimmen und meinte, das dass, was ein Mann tun sollte, unbedingt in diesem Leben getan werden müsse, da er noch keinen gesehen habe, der schon mal gelebt hätte, und überhaupt könnte man dann auch mal feststellen, ob früher im August auch immer so schlechtes Wetter gewesen war wie heutzutage.

Marcus meinte daraufhin mit boshaft zuckenden Mundwinkeln, dass seine Katze ihm erzählt hätte, dass sie die Schoßkatze der Cleopatra gewesen sei, und sie daraufhin arbeite, sozusagen karmamäßig, im nächsten Leben ein Tiger zu werden.

„Ah, ja“, Kurt wieder, „deshalb kam mir deine Katze gleich so bekannt vor. Ich habe nämlich in einem vorigen Leben die Pyramiden mit gebaut, und da lief eben diese Katze immer zwischen den Steinen rum. – Uschi, gib doch noch mal ein Bier.“

Für Hendrik war das alles zu hoch und er fragte sich, ob wohl alle Zapferinnen ‘Uschi‘ hießen.

Patricia nickte nachdenklich und behauptete ausgependelt zu haben, dass sie damals am Hofe der Cleopatra dieser immer das Bad aus Eselsmilch zubereitet und auf Temperatur gehalten zu haben.

Der Typ mit dem nabenlosen Rad meinte, dass er das nabenlose Rad jawohl schon früher, in einem vorigen Leben erfunden hätte, wenn es sowas geben würde wie Reinkarnation, und Marcus fragte, ob sie denn nach dem Bade der Cleo immer genau so viel Eselsmilch abgelassen, wie hineingegeben hatte. Möglich, dass Cleo ein,- oder zweimal Stuhlgang ausgelassen hatte, das würde ihn schon interessieren, schließlich wären die reichen Leute nur nach außen hin kultiviert, das würde sich auch nicht ändern, in diesem Leben nicht und auch nicht in vergangenen …

Glücklicherweise brauchte Patricia nicht zu antworten, denn es kam ein nasser Mann rein und fluchte fürchterlich über das Sauwetter und man könnte sich ja den Tod holen.

Patricia horchte auf und meinte daraufhin, dass ihm der Regen oder Wasser schlechthin nichts ausmachen würde wenn er in einem seiner vorigen Leben schon mal U-Boot gefahren wäre oder zumindest auf einer Galeere gearbeitet hätte.

„Häh?“ fragte der nasse Mann, setzte sich ein Stück weg neben das Geldspielgerät, schmiss einen Euro ein, bestellte sich einen Grog und machte ein verständnisloses Gesicht.

Schon war der nächste Totpunkt da und es wurde etwas stiller im Gastraum des ‘Grünen Jägers‘, Hendrik konnte sogar, ohne direkt hinzuhören, mitkriegen, wie sich ein paar Grufties einen Tisch weiter gegenseitig zu einer Fete auf dem Friedhof einluden – „Bei dem dicken Efeu an der Mauerecke, wo du so leicht rüber kannst, und dann drittes Grab links, wo der Engel drauf ist.“

Patricia bekam plötzlich Angst um ihr Mandala auf dem Balkon, und sie erwog ernsthaft, es, solange der Regen anhielt, mit einer Plane abzudecken. Leider besaß sie keine Plane, Marcus hatte auch gerade keine dabei, Kurt nur eine alte Luftmatratze zuhause und der Typ mit dem nabenlosen Rad schlug eine Motorhaube vor, aber nicht die seines Autos.

Hendrik hatte sein Auto auch nicht mit und begann abzuwägen, nach Hause zu gehen solange des draußen noch nicht wie aus Eimern schüttete, seiner Frau rote Grütze zu machen, seine Tochter zu betrachten oder abzuwarten und bei der Gelegenheit noch ein paar Biere zu sich zu nehmen, bis der Regen von selber aufhören würde. Eventuell könnte er ja noch die Sache mit der Telepathie erwähnen, denn davon hatte er schon mal was gehört, um sich an dem Kneipengespräch zu beteiligen.

„Das ist doof mit dem Regen draußen“, sagte Patricia plötzlich, „man sollte echt sofort nach Hause gehen, oder etwas warten, bis der Regen aufhört. – Merkwürdig, ich habe plötzlich Appetit auf rote Grütze.“

„Wir können die Abkürzung über den Friedhof nehmen“, sagte Kurt und sah ihr dabei auf den Busen, „ich glaube, ich habe noch ein Paket rote Grütze zuhause.“

„Och nö“, meinte Patricia, „ich hab so Angst auf Friedhöfen.“

„Ich auch“, sagte Marcus, „da sind immer so viele Gräber, manche sogar offen.“

Patricia versuchte sofort, Marcus‘ absolut unmännlichen Angstgefühle nach neuesten, tiefenpsychologischen Gesichtspunkten zu bearbeiten, indem sie vorschlug, zunächst eine kleine Grube auszuheben, sich hineinzulegen und dann die Grube langsam zu vertiefen.

Da der Regen draußen aufhörte und sich der Vollmond plötzlich von seiner schönsten Seite zeigte, zahlte Hendrik seine Biere und schickte sich an, nach Hause zu gehen. Als er seine Jacke anzog, vernahm er noch, wie einer von einem Nachtmahr erzählte, einem Mann, den sie beigesetzt hatten, obwohl er noch nicht ganz tot war.

„Der treibt sich jetzt auf Friedhöfen rum und murkst Menschen ab, weil die ihm zu Lebzeiten übel mitgespielt haben.“

Hendrik interessierte das alles gar nicht mehr, er freute sich auf Frau und Tochter, schritt gar munter fürbass und als er an der Stelle mit dem dicken Efeu vorbei kam, den die Grufties zum Überwinden der Friedhofsmauer benutzten, wenn sie sich an den Gräbern ihrer Ahnen zum geselligen Beisammensein trafen, erinnerte er sich der Abkürzung, die dieser Weg darstellte und da er seiner Frau rote Grütze machen wollte, begab er sich auch zu dem Efeu und überwand die Friedhofsmauer.

Das war gar nicht so einfach, denn er hatte Bier getrunken. Seit langem schon hatte er keinen Alkohol zu sich genommen, kein Bedürfnis danach gehabt, weil es Wichtigeres in seinem Leben gab; - Frau und Tochter!

Vor Hendrik tat sich das klassische Ambiente einer Gruselstory auf: Fledermäuse umgaukelten die dezent aus dem Bodennebel ragenden Grabsteine und ein Käuzchen legte sein schauriges „Schuuuuhuuu“ in die Dunkelheit der Nacht.

Aber Hendrik hatte keinen Blick dafür, ihn drückte die Blase, und als er den Weg verließ um sich zu erleichtern, verlor er plötzlich jeglichen Halt unter den Füßen und fiel.

Er fiel ganz schön tief und schlug in einer lehmigen Pfütze auf.

Zunächst fluchte er ausgiebig und überprüfte dann seine Gliedmaße – sie waren noch alle funktionstüchtig – und beabsichtigte wieder aufzusteigen um nach Hause zu gehen.

Aber nichts dergleichen, er kam noch nicht mal mit ausgestreckten Armen an die Grasnarbe über ihm.

‚Scheiße‘, dachte er, ‚das ist echt ein Alptraum, in ein frisches Grab fallen und es ist keiner da, der mir raushilft. Dabei wollte ich doch nur abkürzen und meiner Frau rote Grütze machen‘.

Hendrik untersuchte die feuchten, glatten, lehmigen Wände des Grabes sorgfältig, aber da war nirgends auch nur der Ansatz eines Absatzes, den er als Stufe hätte gebrauchen können und die alte Wurzel oder die obligate Schaufel, die die Totengräber immer in Gruselstories zurücklassen, war auch nicht da. Nur der Mond tat das, was er in Gruselstories an dieser Stelle immer tut: Er verzog sich hinter einer Wolke und es wurde dunkel im Grab.

‚Na‘, dachte Hendrik, ‚das kann ja eine nasse Nacht werden‘, und kauerte sich in eine nicht ganz so feuchte Ecke.

Er hatte noch nicht lange gekauert, da fiel noch jemand ins Grab. Er kam einfach von oben herunter und blieb an der gleichen Stelle liegen, an der Hendrik auch aufgeschlagen war.

‚Fein‘, dachte er, ‚da kann man ja eine Räuberleiter machen‘, und stand langsam auf.

„Hallo“, sagte er, „entschuldigen sie, können wir nicht …“

Die Gestalt sprang ruckartig auf, stieß ein lautes Kreischen aus, sauste die Wand hoch und war verschwunden.

Hendrik begriff das alles nicht und ging sich die feuchte Lehmwand noch einmal anschauen, an der Stelle, an der die Gestalt hochgesaust war. Sicher hätte er etwas übersehen woran man hochklettern konnte; - aber das war nichts, absolut nichts, nur glatter feuchter Lehm.

Hendrik wollte sich gerade wieder hinkauern, da tat es hinter ihm einen Schlag und dann folgte ein Schmerzlaut.

Hendrik drehte sich langsam um und sah eine sich langsam aufrichtende Gestalt am Boden des Grabes.

„Bitte erschrecken sie nicht“, sagte er leise, „ich bin hier auch nur aus Versehen …“

Die Gestalt stieß einen spitzen Schrei aus und war ruckartig raus aus dem Grab.

Hendrik versuchte erneut aus dem Grab zu kommen, sogar mit den paar Schritten Anlauf, die in dem Grab möglich waren, aber nichts gelang ihm, außer einigen kräftigen Niesern der sich ankündigenden Erkältung.

Resigniert hockte er sich wieder in eine Ecke und hoffte, dass es bald Tag werden würde. Er mochte so an die zehn Sekunden gehofft haben, da ging es wieder los, diesmal fielen gleich zwei ins Grab.

Hendrik blieb erst mal ganz still sitzen und wartete, bis sich die beiden bekrabbelt hatten, aber dann musste er doch kurz niesen und sich dabei bewegen.

Es erfolgten zwei Schreie, der eine spitz, der andere kreischend, die beiden Gestalten flitzten die Grabwände hoch und waren weg.

‚Wenn du erst mal im Grabe bist‘, philosophierte Hendrik, ‚kannst du machen was du willst, es ist alles verkehrt‘.

Er kauerte sich also wieder in eine Ecke, wartete auf den Nächsten, der ins Grab fallen würde und nahm sich vor, das nächste Mal ganz vorsichtig zu sein.

Nachdem er wieder eine ganze Weile gekauert hatte, drang ein seltsamer, monotoner Gesang zu ihm hinunter in die Grabesstille. Auf und abschwellender Gesang ertönte vom Rand des Grabes, einige Kerzen, getragen von schwarzen Gestalten, warfen flackerndes Licht zu Hendrik in die Tiefe, und dann kam händeweise schwere, schwarze Erde herunter.

„Hallo“, rief Hendrik herauf, „ist da jemand, der mich hört?“

„Da ist ja einer drin, ey“, rief jemand.

„Geil!“, jemand anders.

„Schon tot?“, fragte ein dritter.

„Sieht nicht so aus!“

„Schade eigentlich. – Was machst du denn da unten?“

„Kann mir mal jemand raushelfen?“ fragte Hendrik möglichst cool, „es ist saukalt hier unten.“

Es waren die Grufties aus dem ‘Grünen Jäger‘, die Hendrik raushalfen, aus dem feuchten Grab, und sie waren total enttäuscht, dass er kein Untoter oder Nachtmahr oder was auch immer war, er musste allerdings versprechen, ihnen bei nächster, sich bietender Gelegenheit einen auszugeben, bevor sie ihn ziehen ließen, ja, sie drohten sogar an, ihn wieder runter zuschmeißen, in das feuchte Grab …

Zuhause angekommen betrachtete Hendrik zunächst seine schlafende Tochter, und auf Henriette Frage nach seinem desolaten Aussehen, sagte er nur, dass er hingefallen sei, bei dieser Dunkelheit, und nun wollte er zunächst ein heißes Bad nehmen und seiner Frau eine rote Grütze machen.

Henriette hatte diesmal nichts dagegen …



Epilog


Als Hendrik nächste Woche wieder zum Kegelschieben ging, trotz seines leichten Schnupfens, saßen sie alle wieder im Gastraum.

Markus hatte eine verstauchte Hand, der Typ mit dem nabenlosen Rad einen verstauchten Fuß, Kurt sämtliche Fingernägel abgerissen und Patricia einen Verband um den Ellenbogen sowie eine total neue Theorie; - nämlich die, dass sich die Seelen Verstorbener an die Stelle zurückbegeben, an der sie ihren Gastkörper verlassen haben, um daselbst ihr Unwesen zu treiben.

Alle glaubten plötzlich an Reinkarnation und dass irgendwas dran sein müsse, an der Rückkehr der Seelen.

Sie wunderten sich, dass Hendrik einen ausgab und dabei ganz fürchterlich grinste, und dann erschienen die Kegelbrüder um ihn auf die Kegelbahn abzuholen, aber vorher wollten sie noch einen trinken.

Hendrik hoffte, dass die Grufties nicht unangemeldet reinkommen würden, denn das würde teuer werden …
 

Hagen

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Liebe SilberneDelfine,
danke für's Lob, es ging mir runter wie ein guter Whisky.

Wir lesen uns!
Herzlichst
Yours Hagen


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Es ist für mich ebenso leicht, zu glauben, dass das Weltall sich selber geschaffen hat, als dass ein Schöpfer des Weltalls sich selber schuf, nein vielleicht sogar leichter, denn das Weltall existiert in sichtbarer Form und schafft sich selbst im Fortschreiten ständig neu, während ein Schöpfer dieses Weltalls eine Hypothese ist.

(George Bernhard Shaw, irischer Dramatiker u. Nobelpreisträger, 1856-1950)
 

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