Ein großes Raunen

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HerbertH

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Ein großes Raunen

Ein großes Raunen geht durch unser Land:
[ 4]An Grenzen wird nun wieder kontrolliert.
[ 4]Ob das mit Menschenrechten kollidiert?
Der Ausweg ist der einz'ge, den man fand?
Sehr laut bejubelt das der rechte Rand.
[ 4]Das läuft ja fast schon wie geschmiert:
[ 4]Was Feuer zaubert, was die Angst gebiert ...
Doch and're fürchten sich vor solcher Schand'!
[ 4]Als Faustpfand müssen Alte, Kinder dienen:
Sie sollen doch in and're Länder gehen!
[ 4]Sie abzuschrecken zieht man finstr'e Mienen.
Zu leicht verdrängt man ihre Not, ihr Flehen.
[ 4]Vergesst Waggons nicht, die auf unsern Schienen
Zu Henkern rollten: Nie darf's mehr geschehen.
 

HerbertH

Mitglied
Ein großes Raunen

Ein großes Raunen geht durch unser Land:
[ 4]An Grenzen wird nun wieder kontrolliert.
[ 4]Ob das mit Menschenrechten kollidiert?
Der Ausweg ist der einz'ge, den man fand?
Sehr laut bejubelt das der rechte Rand.
[ 4]Das läuft ja fast schon wie geschmiert:
[ 4]Was Feuer zaubert, was die Angst gebiert ...
Doch and're fürchten sich vor solcher Schand'!
[ 4]Als Faustpfand müssen Alte, Kinder dienen:
Sie sollen doch in and're Länder gehen!
[ 4]Sie abzuschrecken zieht man finst're Mienen.
Zu leicht verdrängt man ihre Not, ihr Flehen.
[ 4]Vergesst Waggons nicht, die auf unsern Schienen
Zu Henkern rollten: Nie darf's mehr geschehen.
 

wüstenrose

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Hallo Herbert,

dein Gedicht bewegt mich. In erster Linie geht es nicht darum, plakative Aussagen zu tätigen und Urteile zu treffen, die Welt in Schwarz und Weiß einzuteilen, sondern: Es beschreitet eher den Weg der Nachdenklichkeit.
Insbesondere der Schluss, wenn ich die Zeilen mal ein bisschen sacken lasse, bringt mich als Leser aus dem Tritt und ins Schlingern. Ich fühle mich ertappt: Fernsehbilder, Züge rollen an, als Fahrtziel wird ein gelobtes Land ausgegeben, die Streckenführung wird geändert, innere Bilder von Zügen, die dann an einer ganz eigenen, berüchtigten Rampe zu halten kommen - - - ich wische die Irritation beiseite und öffne mein Feierabendbier ...

In Zeile 6, so mein Eindruck, fehlt ein Wort. Ein Übertragungsfehler?

Kannst du die Verwendung des Begriffs "Faustpfand" im vorliegenden Zusammenhang erklären? Menschen werden verpfändet, versetzt (versetzt im Sinne von: sein letztes Handwerkszeug versetzen)? Wer ist Pfänder, wer Pfandnehmer?
An dieser Stelle ist mir nicht ganz klar, was du ausdrücken möchtest.

lg wüstenrose
 

HerbertH

Mitglied
Ein großes Raunen

Ein großes Raunen geht durch unser Land:
[ 4]An Grenzen wird nun wieder kontrolliert.
[ 4]Ob das mit Menschenrechten kollidiert?
Der Ausweg ist der einz'ge, den man fand?
Sehr laut bejubelt das der rechte Rand.
[ 4]Das läuft ja fast von selbst schon wie geschmiert:
[ 4]Was Feuer zaubert, was die Angst gebiert ...
Doch and're fürchten sich vor solcher Schand'!
[ 4]Als Faustpfand müssen Alte, Kinder dienen:
Sie sollen doch in and're Länder gehen!
[ 4]Sie abzuschrecken zieht man finst're Mienen.
Zu leicht verdrängt man ihre Not, ihr Flehen.
[ 4]Vergesst Waggons nicht, die auf unsern Schienen
Zu Henkern rollten: Nie darf's mehr geschehen.
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Wüstenrose,

danke für den aufschlussreichen Kommentar.
Den Fehler in Z6 habe ich verbessert, das Metrum ist jetzt korrekt.

Durch die Fragen soll das Gedicht zum Nachdenken anregen.

Faustpfand bezieht sich auf die Grenzschliessung. "Wir machen die Grenzen nur wieder auf, wenn sich die anderen EU-Staaten solidarisch zeigen und einen fairen Teil der Flüchtlinge aufnehmen." - das klang in einigen Diskussionsbeiträgen und Fernsehkommentaren für mich durch.

Das Ende benutzt die Metapher der Züge, um an unsere Geschichte zu erinnern und um zu warnen, vor allem die, die sich von falschen Parolen anstecken ließen und zum Teil immer noch lassen ...

Liebe Grüße

Herbert
 

Vera-Lena

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Lieber Herbert,

Dein Text gefällt auch mir, weil er nicht einseitig ist, sondern sowohl Hilfe und Unterstützung als auch die Verunsicherung mancher Menschen in Deutschland anspricht.

Man könnte noch ein Stück weitergehen und beschreiben, wie schwierig es für die Kommunen ist in solcher Eile, Unterkünfte bereit zu stellen, egal ob die Politik etwas verschlafen hatte oder nicht, wir befinden uns jetzt in einer Situation, die schwierig ist. Gute Ideen und jede Form der Hilfeleistung von jedermann sind jetzt angesagt.

Liebe Grüße
Vera-Lena
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Wüstenrose,

ich danke für die Frage! Hat sie mir doch klargemacht, dass 14 Zeilen fast zu knapp sind. Ehrlich gesagt hatte ich daran gedacht, aus dem Sonett einen Kranz zu machen - dazu hat aber leider die Zeit gefehlt, bisher. Im Sonettenkranz hätte man die einzelnen, angerissenen Punkte besser erklären können.

Kommt Zeit, kommt Kranz? Mal sehen

Liebe Grüße

Herbert
 

HerbertH

Mitglied
Liebe Vera-Lena,

Du sprichst zu Recht an, dass es zu diesem Thema noch viel zu sagen gibt. Natürlich müssen die Probleme gelöst werden, die durch die vielen Flüchtlinge entstehen - aber wozu sagt man uns nach, wir könnten organisieren, wenn wir hier versagen?

Wie ich eben schon schrieb, geistert der Gedanke an einen Sonettenkranz noch durch mein Hirn.

Ob ich die Zeit finde? Ob sich "Ein großes Raunen" als Meistersonett dafür eignet?

Mit einem Kranz könnte man mehr ins Einzelne gehen, angerissene Themen eher verbinden, und dann im Meistersonett wuchtig am Schluss neu verknüpfen.

Liebe Grüße

Herbert
 

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