Ein Heine-Gedicht

anemone

Mitglied
mich beschäftigt im Moment dieser Text von Heinrich Heine(1797-1856) für damalige Verhältnisse recht fortschrittlich. Im Rückblick?

Ein neues Lied, ein bessres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Heinrich Heine
 

Haget

Mitglied
MoinMoin Anemone,
Heine hatte einen etwas anderen Wortschatz und er sah wohl auch vorrangig (nur?) "seine" etwas kleinere Welt, also nicht hungernde-dürstende Kinder/Menschen in Afrika usw. - Fernsehen gab es noch nicht!
Daran gemessen halte ich seine Aussage für durchaus auch in die heutige Zeit passend. Etwa das Gegenteil von:

Wer nicht arbeitet soll jedenfalls gut essen,
da ja der Himmel winkt, ruhig das Heute vergessen.​
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Lieber Hans-Georg, ich verstehe Deine Antwort nicht völlig, obwohl ich glaube, einigermaßen.

Das Gedicht ist herausgezogen aus
dem Werk "Deutschland, ein Wintermärchen"

Der Text ist zu finden im Gutenbergprojekt:

http://gutenberg.spiegel.de/heine/wintmrch/wintmr01.htm

Du schreibst:


"Daran gemessen halte ich seine Aussage für durchaus auch in die heutige Zeit passend. Etwa das Gegenteil von:

Wer nicht arbeitet soll jedenfalls gut essen,
da ja der Himmel winkt, ruhig das Heute vergessen."

Ich versuche es zu übersetzen:

Wer arbeitet, soll auch essen,
und wir sollten nicht den Himmel sehen, sondern das Heute.

Wenn es so gemeint ist, sind wir etwa einer Meinung.

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Bitte aber unbedingt beachten, dass das Gedicht aus einem größeren Zusammenhang gerissen wurde.

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Heute hat es auch volle Gültigkeit, insbesondere in Bezug auf Afrika, denke ich zumindest. Wobei es natürlich (auch schon damals) eine satirisch-ironische Vereinfachung ist.

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Viele Grüße von Bernd
 

Haget

Mitglied
MoinMoin Bernd,
ich kenne (kannte) den Zusammenhang, aber Anemone wollte ja nur DIESEN Text zur Diskussion stellen.
Deine "Übersetzung" ist korrekt.
Heine sagte - schön aber nicht ganz mit heutigen Worten - wir sollten uns nicht auf das angeblich Schöne im Jenseits verlassen, sondern heute leben und genießen. Dabei aber uns dieses "leben" auch selbst durch Fleiß verdienen. Letzteres passt nicht zu z. B. Afrika, wo viele arbeitswillige Menschen nicht satt werden. Ansonsten ist sein Text absolut auch aus heutiger Sicht zeitlos.

von 99 ist mein dazu passender Spruch:
Wer nur lebt, um im Himmel Engel zu werden,
verschwendet sein wahres Dasein auf Erden.​

Bei Heine lese ich ein ungeschriebenes Wort mit:
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
[red]Aber[/red] verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.​
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Liebe Anemone, lieber Hans-Georg,

für mich steckt auch "verdienen können, Werte schaffen können (dürfen)" mit drin, und damit meine ich nicht das Geld, sondern, sagen wir die "Zuckererbsen", bildhaft gesprochen.
Damit ist es nur eine geringfügig andere Interpretation.

Vielleicht steckt auch beides in dem Gedicht.

Um die Frage von Anemone noch mal zu beantworten:

Der Text erscheint mir auch heute fortschrittlich.

Viele Grüße von Bernd
 

anemone

Mitglied
lieber Haget, lieber Bernd,

schön dass ihr euch mit mir Gedanken über den Text gemacht habt, Ich glaube nicht, dass man dabei gleich an die hungernden Kinder in Afrika denken muss. Die Zeit, in der Heine lebte, war geprägt von schwerer körperlicher Arbeit bei den meisten Menschen. Dieses Gedicht wird vielen Leuten wie ein Traum vorgekommen sein, den zu verwirklichen sie kaum imstande waren, im Gegensatz zu heute.
 

Haget

Mitglied
MoinMoin Anemone,
Du hast etwas missverstanden!
Ich schrieb ja, dass Heine natürlich nur an "seine" Welt denken konnte.
Wenn ich ihm bzw. seinem Gedicht auch für das Heute Recht gebe (kurz: Faule sollen nicht essen was Fleißige schufen), so muss ich doch einschränkend sagen, dass es auf der "heutigen Welt" (durch die Medien wissen wir mehr auch über die Ferne) gemünzt nicht absolut passt. Es gibt nun mal genügend Leute, die gerne nicht untätig wären und dann gut essen möchten. So wie es auch - wie damals? - genug faule Bäuche gibt, die auf Kosten Fleißiger leben (möchten).
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Liebe Anemone,

ich denke auch, und stimme Dir zu, dass das Gedicht heute Gültigkeit hat.

Die Einwände von Haget (sofern es Einwände sind) verstehe ich leider trotzdem ich mir einen Knoten in den Kopf geflochten habe, nicht ganz. Vielleicht lese ich sie aber auch falsch, das geht bei Texten sehr schnell, die im Netz stehen. Ein Wort im Kopf anders betont, und der ganze Satz kippt.
Heute müssen wir nicht mehr hungern, aber auch zu Heines Zeiten mussten die meisten nicht immer hungern, von einigen Perioden abgesehen. Die meisten Menschen arbeiteten auch auf dem Lande. Klar: Es gab Hungersnöte. Das aber ist heute doch nicht anders. Klar: Die meisten waren sehr arm.
Und die Zuckererbsen - die stehen, glaube ich, nicht für Brot allein, denn, wie es so schön heißt: Der Mensch lebt nicht von Brot allein.
Viele von uns haben jetzt das erreicht, was Heine meinte. Viele aber - selbst in Deutschland - noch nicht.


Viele Grüße von Bernd
 

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