Ein Liebeslied

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Walther

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Ein Liebeslied


Das Leben ruft sich Atem zu und sieht,
Was man nicht hören kann; es riecht das Sterben
Und will doch immer weiter leben. Erben
Vermag es nicht, vererben nur. Ein Glied

Der Endloskette, die begann, als aus
Dem Nichts ein Sein entsprang, das sucht
Und niemals finden darf. Es ist verflucht,
Verdammt, sich weiter auszudehnen. Haus

Ist Hütte. Schutz ist Traum. Die Hoffnung Glaube.
Du bist es, Liebste, der ich Atem raube,
Die, die ich höre, ohne sie zu sehen,

Die, die ich rieche, ohne satt zu werden.
Ich werfe sie ins All, Angst und Beschwerden.
Wir werden auch das Sterben überstehen.
 

Mondnein

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Ein ganz ausgezeichnetes Gedicht!
Ich finde es hervorragend, ohne doch mit dem Selbstgefühl des lyrischen Ich es bejahend, bestätigend, mich damit identifizierend übereinzustimmen (obwohl mir selbst langsam die Sonne sinkt). Ich denke an Heideggers Sorgenphilosophie, vermute das Motiv von der "Liebe als Angstbewältigung des in die Einsamkeit des Daseins Geworfenen". Aber ich denke, daß da Ursache und Wirkung verwechselt sind: Der unglücklich Verliebte erlebt die Einsamkeit verstärkt, aber nicht als Daseinsangst und Leere, sondern als schmerzliches Erfülltsein. Er hat nicht zu wenig, sondern zuviel Sinn. Er weiß ganz genau, worum es ihm geht:

[ 4]Daß eine stille Sonne alles wirkt
[ 4]Um die die Welt sich dreht - ich bin dafür
[ 4]Der lebende Beweis: Ich kann das Schöne
[ 4]Das ich so heftig liebe und ersehne
[ 4]– Das Ziel all meiner Wünsche das vor mir
[ 4]Erblüht und öffnend sich vor mir verbirgt –

[ 4]Nur in den Schmerzen finden in dem Frost
[ 4]Der meine Glut durchfeuert. Alles wird
[ 4]Zu Gott der sich entzieht und alles füllt
[ 4]Mit einer edlen Wehmut ohne Trost
[ 4]Der nicht mehr spürt wie er die Seele rührt
[ 4]Und dessen Stille mich läßt ungestillt

Ja, doch, Du hast völlig recht, und auch die These von der Liebe als der Geworfenheit ins Sinnlose, ins Nichts - je mehr ich sie von mir weisen will (und eben noch für falsch gehalten habe), um so richtiger scheint sie mir nun, in einer eigenartigen, seltsamen, gefühlsfarbigen Paradoxie.
 

Walther

Mitglied
lb mondnein,

vielen lieben dank für deinen wie immer äußerst sachkundigen eintrag. ich glaube kaum, daß dir vom wissen her jemand das wasser reichen könnte. es ist erstaunlich, was ich immer wieder aus deinen einträgen lernen kann.

in der tat spielt hier der gegensatz zwischen innen und außen eine etwas andere rolle, als das üblicherweise der fall sein mag. das dialogische des sonetts ist hier als widerspruch zwischen vernunfts- und gefühlswissen ausgeprägt. am ende zählt das innen, so die botschaft. wir wissen, daß sie - wie das meiste, das wir denken und fühlen - in diesem extrem richtig und falsch zugleich ist.

die euphorie der liebe ist eine wunderbare schutzwehr gegen die kalte schöpfung. am ende wird die kälte den sieg davontragen. aber noch, bis zum letztem atemzug, besteht hoffnung.

lg w.
 

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