Ein Mädchen flieht

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L'étranger

Mitglied
Sie flieht
über kahle Felder,
vorbei an den reglosen Körpern,
hinein in die Wälder,
und weiter, nur weiter,
nur fort von den Soldaten,
fort von den düsteren Orten,
wo sie die kleinen "Nazischlampen" nahmen.

Das Schweigen wird sie nie vergessen,
und die leeren Augen der Mutter,
als sie losließ und ging.

Und manchmal huscht eine dunkle Gestalt
nachts übers kahle Feld.
 
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Bellador

Mitglied
Hallo Lé,

die Form ist interessant, wirkt auf mich in der ersten Strophe steigend, ich laufe sozusagen mit, immer schneller.
Hier verstehe ich die Stelle nicht:
"wo sie die kleinen Nazischlampen nahmen."

Die zweite Strophe wirkt dann wie ein bremsen, die Zeilen werden immer kürzer. Es ist erstmal geschafft, das Mädchen muss nicht mehr fliehen, aber das tragische Ereignis prägt weiter, wird nie vergessen. Tragischer Abschied von ihr Mutter...so kurz aber doch so kraftvoll beschrieben. Bin tief berührt und beeindruckt.

Die letzte zwei Zeilen vertiefen es weiter und lassen freien Raum zur Interpretation.
Und manchmal huscht eine dunkle Gestalt
nachts übers kahle Feld.

Für wen? Für das Mädchen oder/und auch für das lyrische Ich (ich meine damit dich, als Dichter) oder noch für andere im Umfeld des Mädchens? In welcher Beziehung stehst du mit dem "Mädchen" von damals? Inwieweit und wen noch prägt weiter das tragische Ereignis?

Sehr gerne gelesen und mitgefühlt.

Liebe Grüße
Bella
 
Zuletzt bearbeitet:
G

Gelöschtes Mitglied 21884

Gast
Ich lese die Rettung der Mutter dadurch, dass das Mädchen/die Tochter sich von ihr losreißt, als 'Nazischlampe' zu fliehen versucht, um Schaden an der Mutter im rachesüchtigen befreiten Frankreich abzuwenden.
Das Mädchen/die Tochter weiß sich dem Tode nah ... er ist die dunkle Gestalt im kahlen Feld. Aber ist sie nicht auch die suchende Mutter?


Béla
 

L'étranger

Mitglied
Liebe Bella,

ich freue mich sehr, dass du so aufmerksam und offen gelesen hast. Mir ist bewusst, das ist schwerer Stoff, in spärlichem lyrischen Gewand.

Der Anlass für die Flucht, die ich hier beschreibe, waren die Massenvergewaltigungen an Mädchen und Frauen in den Besatzungsgebieten und "bis dahin" deutschbesiedelten Gebieten des Ostens (hier im heutigen Polen) . Das Mädchen hier floh (17-jährig und unbegleitet) vor dieser Bedrohung. Die Mutter und die Geschwister blieben.

Mein Eindruck ist, diese Geschehnisse wirken bis heute nach - und vielleicht huscht auch ein Teil vom LI über die kahlen Felder ...

Grüße von Lé.
 

revilo

Mitglied
Sie flieht
über kahle Felder,
vorbei an den reglosen Körpern,
hinein in die Wälder,
und weiter, nur weiter,
nur fort von den Soldaten,
fort von den düsteren Orten,
wo sie die kleinen "Nazischlampen" nahmen.

Das Schweigen wird sie nie vergessen,
und die leeren Augen der Mutter,
als sie losließ und ging.

Und manchmal huscht eine dunkle Gestalt
nachts übers kahle Feld.

solche Gedichte sind wichtig....meine mittlerweile verstorbene Tante wurde auf der Flucht als junge Frau mehrfach vergewaltigt......während dieses barbarischen Aktes dachte sie nur daran, die Hände ihrer Söhne, die sich an sie klammerten nicht los zulassen, weil ansonsten befürchtet, sie in dem Chaos zu verlieren.......
 

Oscarchen

Mitglied
Hallo Lé,

dein Beitrag hat mich sehr berührt. Wie Oliver kannte ich auch eine Dame, 2005 verstorben, von der wir sehr spät erfahren haben, wie sie mit 3 Kindern vor den Russen floh, vergewaltigt wurde und die Kinder geschlagen wurden. Wir haben dann alle nach ihren Erzählungen um die Wette geweint.
Du hast mir diesen Moment nochmal in Erinnerung gerufen. Sehr eindringlich beschrieben. Ja, es waren schlimme Zeiten.
Und heute?....werden Mitmenschen ösig und grob, wenn man ein Satzzeichen vergisst.
Ich möchte mich hier für das Verhalten dieser bedauernswerten Person entschuldigen. Oliver ist ja auch schon sehr treffend darauf eingegangen.

Ich wünsche euch allen einen geruhsamen Sonntag

Liebe Grüße

Oscarchen
 

revilo

Mitglied
Sehr gerne. Das Gedicht hat auf mich ungeheuer inspirierend gewirkt. Das Bild meiner Tante kam auf, wie sie über ihre furchtbaren Kriegserlebnisse berichtete. Was ich hier geschrieben habe, habe ich allerdings nur aus 2. Hand. Meine Mutter erzählte mir das einmal. Infolge des Krieges wuchs eine völlig traumatisierte Generation an, die meist nicht in der Lage war, die furchtbaren Geschehnisse zu reflektieren. Ich weiß wovon ich rede, bin ich doch Sohn eine schwer traumatisierten Vaters, der mit 17 in den Krieg ziehen musste. Meine Mutter hat mir neulich von ihren Erinnerungen der Pogromnacht erzählt; sie war damals noch ein Kind. Sie erzählte mir, dass bis dato vermeintlich biedere und rechtschaffenen Bürger das Wäschegeschäft einer jüdischen Familie verwüsteten und Tischdecken aus den Fenstern warfen, um danach auf ihn herum zu trampeln und sie zu verbrennen. Ich danke dir für dieses Gedicht. Herzliche Grüße von Oliver
 

revilo

Mitglied
Noch eine Überlegung: Der Kriegsgeneration wirft man immer wieder vor, über die Erlebnisse nicht geredet zu haben. Meine Mutter erzählte mir einmal, sie habe in der Nachkriegszeit, in der alle darben mussten, nichts mehr davon wissen wollen. Sie wollte einfach nur leben. Das ist für mich mehr als verständlich. Auf einmal gab es wieder gute Literatur zu kaufen. In den Kinos wurden Filme gezeigt; die Theater öffneten wieder ihre Türen. Ich kann es der Generation nicht verdenken, dass sie diese Zeit verdrängt haben. Ihnen diese Sprachlosigkeit vorzuwerfen, halte ich mittlerweile für arrogant, weil diejenigen, die diese Vorwürfe aussprachen, sich nicht einmal im Ansatz in die Situation derer, die den Krieg mitmachen mussten, hineinversetzen konnten. Damit will ich natürlich nichts relativieren oder beschönigen. Auf jeden Fall gibt dein Gedicht genügend Anlass, über diese Zeit nachzudenken.Für die traumatisierten Menschen gab es damals keinerlei Hilfe. Sie hatten auch überhaupt keine Zeit, da sie ihr Überleben sichern mussten. Mein Vater hatte z.B. in den fünfziger Jahren 2 Jobs gleichzeitig, um seine Familie ernähren zu können. Da blieb für Nachdenken nicht viel Zeit.
 

L'étranger

Mitglied
Lieber Oliver,

auf mich wirkt es versöhnend, wenn ich mich mit unserer Familengeschichte auseinandersetze, und Versöhnung scheint immer wieder notwendig, denn es weht ein kalter Wind durch unsere (meine) familiären Beziehungen.

Allerdings scheint es mir auch oft so, dass es nicht unbedingt die Geschichten sind, die erzählt werden und wurden, die die stärksten Nachwirkungen haben, sondern mehr so etwas wie ein böser, liebloser Geist, der mitgeatmet und mitgelebt wird, ohne dass man ihn genau benennen und erzählen kann. Erzählen kann ich nur, was ich begreifen kann ;-).

Gruß Lé.
 

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