Ein Platz für Patrick
„Wie alt ist Patrick noch mal?“, fragte Tobias zum dritten Mal.
„Zwölf“, antwortete Anna geduldig vom Beifahrersitz.
Tobias nickte ernst, als wäre das eine wichtige Information. Neben ihm saß Manuel mit verschränkten Armen und den Kopfhörern um den Hals. Er schaute aus dem Fenster.
Markus warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel.
„Ihr müsst ihm Zeit geben“, sagte er ruhig. „Das wird heute für ihn genauso ungewohnt sein wie für uns.“
„Ich freue mich. Wie damals bei Ben“, murmelte Tobias.
Anna hatte wochenlang Formulare ausgefüllt, Gespräche mit dem Jugendamt geführt und das Zimmer vorbereitet. Was, wenn Patrick das alles gar nicht wollte?
Der Wagen bog auf den Parkplatz ein. Das Neonlicht über dem Eingang flackerte.
Tobias drückte die Nase gegen die Scheibe.
„Ist er da drin?“
„Ja“, sagte Markus und stellte den Motor ab.
Der Flur roch nach Kaffee und Reinigungsmittel.
Eine Betreuerin begrüßte sie freundlich.
„Familie Berger? Schön, dass Sie da sind.“
Anna nickte.
„Und Patrick?“
„Er wartet schon.“
Die Frau deutete den Gang hinunter.
Dort saß ein dünner Junge in einem dunklen Kapuzenpullover. Die Hände hatte er tief in den Taschen vergraben. Neben seinen Füßen stand eine abgenutzte Sporttasche.
Patrick hob den Blick nur kurz.
Seine Augen wanderten über Markus, dann über Anna, Tobias und zuletzt Manuel.
Kein Lächeln. Kein Wort.
Anna trat einen Schritt vor.
„Hallo, Patrick. Ich bin Anna.“
Der Junge nickte kaum merklich.
„Das sind Markus, Manuel und Tobias.“
„Hi!“, platzte es aus Tobias heraus, während er die Hand hob.
Patrick reagierte nicht.
Die Betreuerin räusperte sich.
„Patrick hat seine Sachen schon gepackt.“
Markus blickte auf die kleine Sporttasche.
Langsam stand Patrick auf, zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und griff nach seiner Tasche.
„Können wir dann?“, fragte er.
Patrick blieb einen Moment in der offenen Tür stehen. Feuchte Luft zog kalt in den Flur hinein.
„Ich bleib’ eh nicht lange“, sagte er tonlos, ohne jemanden direkt anzusehen.
Tobias runzelte sofort die Stirn, als hätte jemand etwas Unfaires gesagt. Manuel lehnte schweigend an der Wand.
„Dann bleib halt nicht“, bemerkte Markus.
Patrick warf ihm einen überraschten Blick zu. Für einen kurzen Augenblick wirkte der Junge irritiert.
Markus zog nur seine Jacke enger.
„Aber solange du bei uns bist“, fügte er hinzu, „gibt es Abendessen um halb sieben, und Schuhe werden nicht mitten im Flur liegen gelassen.“
Tobias grinste nur.
Patrick dagegen sagte nichts mehr.
Im Auto setzte sich Patrick ans Fenster und stellte die Tasche zwischen seine Füße.
Im Rückspiegel fing er immer wieder Markus’ Blick auf. Nicht kontrollierend. Eher aufmerksam. Gerade das machte es schlimmer.
„Magst du Fußball?“, fragte Tobias.
Patrick zuckte mit den Schultern.
„Geht so.“
„Videospiele?“
„Manchmal.“
Tobias öffnete schon den Mund für die nächste Frage.
„Tobi“, sagte Manuel. „Lass ihn doch erst mal in Ruhe.“
Tobias lehnte den Kopf gegen die Scheibe.
„Okay.“
Mehr sagte er nicht.
Irgendetwas daran irritierte Patrick mehr als die Fragen.
Als sie schließlich vor dem Haus hielten, wurde Tobias sofort wieder lebendig.
„Da wohnen wir! Hinten ist ein Garten!“
Das Haus wirkte warm gegen das kalte Abendgrau. Licht fiel aus den Fenstern auf den nassen Weg. Irgendwo lief Musik – leise und unaufdringlich.
Anna schloss die Haustür auf.
„Komm erst einmal herein.“
Patrick trat vorsichtig über die Schwelle.
„Zu Hause“, dachte ein Teil von ihm plötzlich.
Der andere Teil warnte sofort: „Gewöhn dich nicht daran.“
„Dein Zimmer ist oben“, sagte Anna freundlich.
Während sie die Treppe hinaufgingen, fiel sein Blick auf die Familienfotos an der Wand. Auf jedem Bild lächelte jemand.
Tobias zeigte auf ein Foto: „Das hier ist Ben.“ Patrick sah kurz hin und ging weiter.
Anna öffnete die Tür.
Das Zimmer war klein, aber hell. Frische Bettwäsche. Ein Regal. Ein Schreibtisch am Fenster. Sogar eine Nachttischlampe mit warmem Licht.
Seine Hand glitt über die Bettdecke.
„Ist okay“, sagte er leise.
Er strich noch einmal über den Stoff, als müsste er prüfen, ob er wirklich ihm gehörte.
In der Küche stellte Anna den Topf auf den Tisch, Tobias verteilte Besteck und Markus schenkte Wasser ein.
Patrick blieb einen Moment stehen.
Als müsste er erst herausfinden, wo er sitzen durfte.
„Setz dich ruhig“, sagte Anna freundlich.
Patrick nahm den freien Platz zwischen Tobias und Manuel. Seine Bewegungen wirkten vorsichtig, fast lautlos. Sofort stellte er die Sporttasche neben seinen Stuhl.
Tobias bemerkte es.
„Die kannst du doch oben lassen.“
Patrick hob den Blick.
„Schon okay.“
Dann schwieg er wieder.
Anna begann, Nudeln zu verteilen.
„Wir essen meistens gegen halb sieben“, sagte sie bemüht locker. „Außer, wenn Markus später von der Arbeit kommt.“
„Und morgens“, ergänzte Tobias begeistert, „verschläft Manuel fast immer.“
„Halt die Klappe“, murmelte Manuel.
Zum ersten Mal zuckte etwas in Patricks Gesicht.
„Was magst du eigentlich gerne?“, fragte Anna vorsichtig. „Also beim Essen.“
Patrick starrte auf seinen Teller.
„Pizza mag doch jeder“, sagte Tobias.
„Tobi“, warnte Manuel leise.
Doch Tobias fragte weiter: „Hast du früher Fußball gespielt? Oder …“
„Nein.“
„Okay … vielleicht Playstation?“
„Manchmal.“
Anna versuchte es vorsichtiger.
„Du musst heute nichts erzählen. Wir wollen nur …“
„Leute wollen immer nur reden“, sagte Patrick plötzlich.
Am Tisch wurde es still.
„Im Heim auch“, murmelte er. „Davor die vom Amt und die Lehrer. Immer dieselben Fragen.“
Er hob kurz die Augen.
„Erwachsene schauen, ob man etwas Falsches sagt.“
Er drehte die Gabel zwischen den Fingern.
„Fragen sind Fallen.“
Anna senkte den Blick auf ihren Teller.
„Das tut mir leid“, sagte sie leise.
Markus nahm einen Schluck Wasser.
„Dann fragen wir heute nichts mehr.“
Patrick sah ihn an. Misstrauisch. Fast überrascht.
„Okay“, sagte er leise.
Patrick aß schnell. Er legte die Gabel erst hin, als der Teller leer war. Sein Blick wanderte immer wieder zur Tür.
Markus bemerkte es irgendwann.
„Du musst nicht sitzen bleiben“, sagte er. „Wenn du lieber allein sein willst?“
Patrick hielt mitten in der Bewegung inne.
Er antwortete nicht direkt.
Dann nickte er kaum sichtbar.
„Darf ich hoch?“
„Klar“, sagte Anna schnell.
Patrick stand sofort auf. Er brachte sogar automatisch seinen Teller zur Spüle.
„Gute Nacht“, sagte Tobias.
Patrick zögerte kurz.
„… Nacht.“
Dann verschwand er die Treppe hinauf.
Oben fiel wenig später leise eine Tür ins Schloss.
„Ich glaub’, er mag uns nicht“, bemerkte Tobias.
„Darum geht es nicht“, sagte Markus ruhig. „Er muss sich erst einmal bei uns einleben.“
Oben blieb es still. So still, dass Anna irgendwann unwillkürlich zur Decke sah.
Der Morgen begann mit Regen.
Patrick war schon wach, lange bevor unten in der Küche jemand sprach. Er starrte an die helle Zimmerdecke. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war.
Dann sah er die fremde Lampe auf dem Nachttisch.
Die weißen Vorhänge.
Den Schreibtisch am Fenster.
Er drehte sich zur Seite. Seine Sporttasche stand direkt neben dem Bett. Geschlossen. Bereit.
Nur für den Fall.
Unten polterte etwas.
Dann Tobias’ Stimme.
„Mama! Manuel hat die Milch leer gemacht!“
„Weil normale Menschen frühstücken!“, kam es zurück.
Patrick setzte sich langsam auf.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hörte sich Streit nicht gefährlich an.
Als er in die Küche kam, verstummte Tobias mitten im Satz.
„Oh. Morgen!“
Patrick nickte nur leicht.
Anna stellte ihm vorsichtig eine Tasse hin.
„Kakao oder Tee?“
„Egal.“
„Kakao“, entschied Tobias schnell. „Der Tee hier schmeckt wie nasse Pappe.“
„Du trinkst ihn trotzdem jedes Mal“, sagte Manuel.
Patrick setzte sich ohne Zögern. Die Sporttasche blieb neben seinem Stuhl.
„Glaubst du echt, wir klauen deine Socken?“, fragte Manuel.
Anna warf ihm einen Blick zu.
„Manuel.“
„Ist schon okay“, sagte Patrick, aber seine Schultern blieben angespannt.
Manuel verdrehte die Augen und stand auf.
„Ich muss los.“
Tobias schob Patrick vorsichtig den Brotkorb hin.
„Der ist manchmal einfach so.“
Patrick zuckte mit den Schultern.
„Kenn’ ich.“
Manuel blieb an der Küchentür kurz stehen.
„Seit gestern redest du nur noch von ihm.“
„Weil er neu ist.“
„Und ich?“
Tobias sah ihn irritiert an. „Was ist mit dir?“
Manuel schwieg.
„Nichts.“
Tobias sah wieder zu Patrick. „Hast du Geschwister?“
Anna wollte schon eingreifen, doch Patrick antwortete überraschend selbst.
„Nein.“
Seit dem Frühstück war Patrick nicht mehr heruntergekommen. Tobias zögerte kurz, dann schnappte er sich seine Spielkonsole und lief die Treppe hinauf.
Die Tür war nur angelehnt.
Patrick saß auf dem Boden und betrachtete ein zerknittertes Foto. Als Tobias hereinkam, wollte er es gerade wieder in die Tasche stecken. Dann hielt er inne und streckte es ihm hin.
„Meine Mutter“, erklärte er.
„Wo ist sie jetzt?“, fragte Tobias.
Patrick zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht.“
Tobias nickte langsam.
„Ich wollte nur fragen, ob du … also … vielleicht Mario Kart?“
Patrick musterte ihn.
„Ich bin schlecht.“
„Perfekt“, grinste Tobias. „Dann gewinn’ ich endlich mal.“
Das war das erste Mal, dass Patrick wirklich lächelte. Gemeinsam gingen sie nach unten.
Eine Stunde später saßen sie unten im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Tobias kommentierte jede Kurve viel zu laut, Patrick beschwerte sich trocken über „unfaire Bedingungen“. Aus der Küche hörte Patrick kurz Annas Lachen.
Dann ging die Haustür auf.
Manuel.
Er blieb im Flur stehen, als er Patrick lachen hörte.
Nur ein kurzes, überraschtes Auflachen.
Es verschwand sofort wieder, als Patrick ihn bemerkte.
Patrick legte den Controller hin.
„Ich kann auch gehen.“
„Hab’ ich nicht gesagt.“
„Musstest du nicht.“
Tobias blickte zwischen ihnen hin und her.
„Könnt ihr einmal normal …“
„Du hältst dich da raus“, sagte Manuel scharf.
„Seit er da ist, redest du nur noch von ihm.“
Patrick stand auf.
„Ist okay.“
Er griff nach seiner Tasche.
Das Abendessen verlief angespannt.
Tobias redete kaum. Patrick stocherte nur im Essen herum.
Manuel ebenfalls.
Dann sagte Manuel plötzlich:
„Wie lange willst du eigentlich diesmal bleiben?“
Anna legte sofort die Gabel hin.
„Manuel.“
Doch jetzt war es zu spät.
Patrick hob langsam den Blick.
„Was soll das heißen?“
Manuel lachte kurz, ohne Humor.
„Na ja. Du hast doch selbst gesagt, dass du nicht lange bleibst.“
„Manuel, Schluss jetzt. Es reicht!“, rief Markus laut.
Aber Manuel war längst wütend.
„Nein, ehrlich mal. Alle tun hier so, als wären wir plötzlich die perfekte Familie.“
„Ich hab’ nie …“
„Doch!“, schnitt Manuel ihm das Wort ab.
Patrick erstarrte.
Tobias sah erschrocken zu Manuel.
„Das stimmt doch gar nicht.“
„Doch, das stimmt!“
Patrick schob plötzlich den Stuhl zurück.
Zu schnell. Zu laut.
„Ich geh’ einfach.“
Anna stand sofort auf.
„Patrick …“
„Lass gut sein.“
Seine Stimme war flach geworden.
Er griff nach seiner Tasche, die direkt neben ihm stand, und zog sich mit hektischen Bewegungen die Schuhe an.
„Patrick.“
Markus’ Stimme war schärfer, als er beabsichtigt hatte. Er zwang sich, langsamer zu atmen.
Keine Antwort.
Die Haustür ging auf.
Kalte Abendluft drang herein.
Markus folgte ihm.
Draußen spiegelten sich die Straßenlaternen auf dem nassen Asphalt.
Patrick blieb am Gartentor stehen. Die Tasche hielt er fest umklammert.
„Patrick, jetzt komm erst einmal wieder herein.“
„Warum? Ich hab’ gewusst, dass das passiert.“
Markus wusste nicht, was er sagen sollte. Also sagte er zunächst gar nichts.
Er stellte sich neben Patrick.
Nicht zu nah.
„Irgendwann reicht irgendwas Kleines und dann war es das.“
Seine Stimme klang rau.
Markus nickte langsam.
„Kann sein.“
Patrick sah ihn überrascht an.
„Streit gibt es immer mal wieder in Familien“, sagte Markus.
„Ich gehöre nicht zu eurer Familie.“
„Bisher nicht, stimmt.“
Patrick schluckte.
„Und wenn Manuel recht hat?“
Markus atmete langsam aus.
„Dann klären wir das.“
Patrick blickte zur offenen Haustür zurück. Warmes Licht fiel hinaus in den Regen.
Drinnen stand Tobias im Flur.
Unsicher. Besorgt.
Weiter hinten Manuel. Blass und schweigend.
Die Haustür fiel erst Minuten später wieder ins Schloss.
Nicht laut.
Nur vorsichtig.
Patrick stand im Flur, die Sporttasche in der Hand. Seine Schuhe hinterließen nasse Abdrücke auf den Fliesen.
Niemand sagte etwas.
Tobias war der Erste, der sich bewegte.
„Ich hab’ dein Rennen übrigens fast gewonnen“, murmelte er und hob unsicher den Controller hoch.
Patrick starrte ihn einen Moment an.
Dann stellte er die Tasche langsam ab.
Nicht oben.
Nicht neben der Tür.
Einfach nur auf den Boden.
Markus bemerkte es sofort, sagte aber nichts.
„Wir setzen uns jetzt hin“, entschied er ruhig.
Manuel verzog leicht das Gesicht.
„Papa …“
„Jetzt.“
Dieser Ton ließ keinen Widerspruch zu.
Wenig später saßen alle im Wohnzimmer. Tobias wirkte, als würde er gleich platzen vor Nervosität.
Patrick saß am Rand des Sessels.
Bereit aufzustehen, falls es schlimm wurde.
Markus lehnte sich nach vorn, legte die Hände auf die Knie und sah Patrick an.
„Du musst nicht gehen, nur weil es Streit gab.“
Sein Blick ging direkt zu Manuel.
Der hielt stand.
Ein paar Sekunden lang.
„Ich hab’ ihn nicht herausgeworfen.“
„Aber du wolltest, dass er sich so fühlt.“
„Das stimmt doch gar nicht.“
„Du hast gesehen, wie angespannt er die ganze Zeit ist, dass er mit gepackter Tasche am Tisch sitzt.“
Manuel verschränkte die Arme.
„Seit er da ist, ist alles anders.“
„Natürlich ist es anders“, sagte Anna leise. „Das war doch klar.“
„Nein, ihr versteht das nicht!“
Zum ersten Mal klang Manuel nicht genervt.
Sondern verletzt.
Er sah kurz zu Patrick.
Dann sofort wieder weg.
„Früher war hier einfach … normal.“
Patrick verlagerte das Gewicht nach vorn.
Doch Markus kam ihm zuvor.
„Und deswegen behandelst du ihn wie einen Eindringling?“
„Nein!“
„Wie dann?“
Manuel presste die Lippen zusammen.
Dann platzte es plötzlich aus ihm heraus:
„Ich will nur nicht, dass Tobias am Ende wieder traurig ist!“
Alle sahen ihn überrascht an.
Sogar Patrick.
Manuel fuhr sich hektisch durch die Haare.
„Der hängt sich sofort an Leute ran. Und wenn die dann verschwinden, tut er so, als wär alles okay. Ist es aber nicht.“
Tobias runzelte die Stirn.
„Wovon redest du überhaupt?“
„Von Ben.“
Tobias’ Gesicht veränderte sich.
Niemand sagte etwas.
Ben war ihr erstes Pflegekind gewesen. Nach drei Monaten war er zu seiner Mutter zurückgekehrt.
Manuel atmete schwer aus.
„Also ja. Vielleicht war ich unfair. Aber wenigstens tue ich nicht so, als wäre alles automatisch super.“
Das Wohnzimmer wurde still.
Patrick sah zu Manuel.
Der hatte den Blick gesenkt und rieb mit dem Daumen immer wieder über dieselbe Stelle auf dem Tisch.
Patrick blickte auf seine Hände.
„Die meisten gehen ohnehin.“
„Vielleicht liegt es ja an mir.“ Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht bin ich einfach schwierig.“
„Bist du nicht“, sagte Tobias sofort.
Er rutschte einfach vom Sofa herunter und setzte sich neben Patrick auf den Teppich.
Ganz selbstverständlich.
„Du bist gar nicht schwierig“, sagte er ernst.
Patrick sah ihn an.
Tobias grinste vorsichtig.
„Manuel ist schwierig.“
Manuel schwieg.
Zum ersten Mal entstand ein kleines, vorsichtiges Lächeln im Raum.
Nicht groß. Aber echt.
Später am Abend saßen sie noch immer zusammen.
Anna zog die Beine unter sich aufs Sofa.
Markus sah sie fragend an.
„Ich weiß gerade, offen gesagt, nicht, was ich sagen soll.“
Dann wandte er sich an Patrick.
„Du musst dich hier für nichts rechtfertigen.“
Anna überlegte kurz.
„Wir sollten miteinander reden“, sagte Anna.
„Auch wenn etwas nervt. Oder Angst macht. Oder wehtut.“
Tobias hob sofort die Hand.
„Darf man dann auch sagen, wenn Manuel wieder meine Schokolade klaut?“
„Ich klaue sie nicht. Ich rette sie vor dir.“
„Siehst du?“, sagte Anna. „Genau so was.“
Patrick hörte nur zu.
Dann fragte er vorsichtig: „Und wenn jemand nichts sagen will?“
Anna sah ihn ruhig an.
„Dann muss er nicht. Aber er darf.“
Darf. Das war neu.
Später in dieser Nacht blieb Patricks Sporttasche zum ersten Mal oben in seinem Zimmer.
Als er das Licht löschte, stand sie noch immer dort.
Nicht gepackt.
Nicht bereit.
Einfach nur da.
„Wie alt ist Patrick noch mal?“, fragte Tobias zum dritten Mal.
„Zwölf“, antwortete Anna geduldig vom Beifahrersitz.
Tobias nickte ernst, als wäre das eine wichtige Information. Neben ihm saß Manuel mit verschränkten Armen und den Kopfhörern um den Hals. Er schaute aus dem Fenster.
Markus warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel.
„Ihr müsst ihm Zeit geben“, sagte er ruhig. „Das wird heute für ihn genauso ungewohnt sein wie für uns.“
„Ich freue mich. Wie damals bei Ben“, murmelte Tobias.
Anna hatte wochenlang Formulare ausgefüllt, Gespräche mit dem Jugendamt geführt und das Zimmer vorbereitet. Was, wenn Patrick das alles gar nicht wollte?
Der Wagen bog auf den Parkplatz ein. Das Neonlicht über dem Eingang flackerte.
Tobias drückte die Nase gegen die Scheibe.
„Ist er da drin?“
„Ja“, sagte Markus und stellte den Motor ab.
Der Flur roch nach Kaffee und Reinigungsmittel.
Eine Betreuerin begrüßte sie freundlich.
„Familie Berger? Schön, dass Sie da sind.“
Anna nickte.
„Und Patrick?“
„Er wartet schon.“
Die Frau deutete den Gang hinunter.
Dort saß ein dünner Junge in einem dunklen Kapuzenpullover. Die Hände hatte er tief in den Taschen vergraben. Neben seinen Füßen stand eine abgenutzte Sporttasche.
Patrick hob den Blick nur kurz.
Seine Augen wanderten über Markus, dann über Anna, Tobias und zuletzt Manuel.
Kein Lächeln. Kein Wort.
Anna trat einen Schritt vor.
„Hallo, Patrick. Ich bin Anna.“
Der Junge nickte kaum merklich.
„Das sind Markus, Manuel und Tobias.“
„Hi!“, platzte es aus Tobias heraus, während er die Hand hob.
Patrick reagierte nicht.
Die Betreuerin räusperte sich.
„Patrick hat seine Sachen schon gepackt.“
Markus blickte auf die kleine Sporttasche.
Langsam stand Patrick auf, zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und griff nach seiner Tasche.
„Können wir dann?“, fragte er.
Patrick blieb einen Moment in der offenen Tür stehen. Feuchte Luft zog kalt in den Flur hinein.
„Ich bleib’ eh nicht lange“, sagte er tonlos, ohne jemanden direkt anzusehen.
Tobias runzelte sofort die Stirn, als hätte jemand etwas Unfaires gesagt. Manuel lehnte schweigend an der Wand.
„Dann bleib halt nicht“, bemerkte Markus.
Patrick warf ihm einen überraschten Blick zu. Für einen kurzen Augenblick wirkte der Junge irritiert.
Markus zog nur seine Jacke enger.
„Aber solange du bei uns bist“, fügte er hinzu, „gibt es Abendessen um halb sieben, und Schuhe werden nicht mitten im Flur liegen gelassen.“
Tobias grinste nur.
Patrick dagegen sagte nichts mehr.
Im Auto setzte sich Patrick ans Fenster und stellte die Tasche zwischen seine Füße.
Im Rückspiegel fing er immer wieder Markus’ Blick auf. Nicht kontrollierend. Eher aufmerksam. Gerade das machte es schlimmer.
„Magst du Fußball?“, fragte Tobias.
Patrick zuckte mit den Schultern.
„Geht so.“
„Videospiele?“
„Manchmal.“
Tobias öffnete schon den Mund für die nächste Frage.
„Tobi“, sagte Manuel. „Lass ihn doch erst mal in Ruhe.“
Tobias lehnte den Kopf gegen die Scheibe.
„Okay.“
Mehr sagte er nicht.
Irgendetwas daran irritierte Patrick mehr als die Fragen.
Als sie schließlich vor dem Haus hielten, wurde Tobias sofort wieder lebendig.
„Da wohnen wir! Hinten ist ein Garten!“
Das Haus wirkte warm gegen das kalte Abendgrau. Licht fiel aus den Fenstern auf den nassen Weg. Irgendwo lief Musik – leise und unaufdringlich.
Anna schloss die Haustür auf.
„Komm erst einmal herein.“
Patrick trat vorsichtig über die Schwelle.
„Zu Hause“, dachte ein Teil von ihm plötzlich.
Der andere Teil warnte sofort: „Gewöhn dich nicht daran.“
„Dein Zimmer ist oben“, sagte Anna freundlich.
Während sie die Treppe hinaufgingen, fiel sein Blick auf die Familienfotos an der Wand. Auf jedem Bild lächelte jemand.
Tobias zeigte auf ein Foto: „Das hier ist Ben.“ Patrick sah kurz hin und ging weiter.
Anna öffnete die Tür.
Das Zimmer war klein, aber hell. Frische Bettwäsche. Ein Regal. Ein Schreibtisch am Fenster. Sogar eine Nachttischlampe mit warmem Licht.
Seine Hand glitt über die Bettdecke.
„Ist okay“, sagte er leise.
Er strich noch einmal über den Stoff, als müsste er prüfen, ob er wirklich ihm gehörte.
In der Küche stellte Anna den Topf auf den Tisch, Tobias verteilte Besteck und Markus schenkte Wasser ein.
Patrick blieb einen Moment stehen.
Als müsste er erst herausfinden, wo er sitzen durfte.
„Setz dich ruhig“, sagte Anna freundlich.
Patrick nahm den freien Platz zwischen Tobias und Manuel. Seine Bewegungen wirkten vorsichtig, fast lautlos. Sofort stellte er die Sporttasche neben seinen Stuhl.
Tobias bemerkte es.
„Die kannst du doch oben lassen.“
Patrick hob den Blick.
„Schon okay.“
Dann schwieg er wieder.
Anna begann, Nudeln zu verteilen.
„Wir essen meistens gegen halb sieben“, sagte sie bemüht locker. „Außer, wenn Markus später von der Arbeit kommt.“
„Und morgens“, ergänzte Tobias begeistert, „verschläft Manuel fast immer.“
„Halt die Klappe“, murmelte Manuel.
Zum ersten Mal zuckte etwas in Patricks Gesicht.
„Was magst du eigentlich gerne?“, fragte Anna vorsichtig. „Also beim Essen.“
Patrick starrte auf seinen Teller.
„Pizza mag doch jeder“, sagte Tobias.
„Tobi“, warnte Manuel leise.
Doch Tobias fragte weiter: „Hast du früher Fußball gespielt? Oder …“
„Nein.“
„Okay … vielleicht Playstation?“
„Manchmal.“
Anna versuchte es vorsichtiger.
„Du musst heute nichts erzählen. Wir wollen nur …“
„Leute wollen immer nur reden“, sagte Patrick plötzlich.
Am Tisch wurde es still.
„Im Heim auch“, murmelte er. „Davor die vom Amt und die Lehrer. Immer dieselben Fragen.“
Er hob kurz die Augen.
„Erwachsene schauen, ob man etwas Falsches sagt.“
Er drehte die Gabel zwischen den Fingern.
„Fragen sind Fallen.“
Anna senkte den Blick auf ihren Teller.
„Das tut mir leid“, sagte sie leise.
Markus nahm einen Schluck Wasser.
„Dann fragen wir heute nichts mehr.“
Patrick sah ihn an. Misstrauisch. Fast überrascht.
„Okay“, sagte er leise.
Patrick aß schnell. Er legte die Gabel erst hin, als der Teller leer war. Sein Blick wanderte immer wieder zur Tür.
Markus bemerkte es irgendwann.
„Du musst nicht sitzen bleiben“, sagte er. „Wenn du lieber allein sein willst?“
Patrick hielt mitten in der Bewegung inne.
Er antwortete nicht direkt.
Dann nickte er kaum sichtbar.
„Darf ich hoch?“
„Klar“, sagte Anna schnell.
Patrick stand sofort auf. Er brachte sogar automatisch seinen Teller zur Spüle.
„Gute Nacht“, sagte Tobias.
Patrick zögerte kurz.
„… Nacht.“
Dann verschwand er die Treppe hinauf.
Oben fiel wenig später leise eine Tür ins Schloss.
„Ich glaub’, er mag uns nicht“, bemerkte Tobias.
„Darum geht es nicht“, sagte Markus ruhig. „Er muss sich erst einmal bei uns einleben.“
Oben blieb es still. So still, dass Anna irgendwann unwillkürlich zur Decke sah.
Der Morgen begann mit Regen.
Patrick war schon wach, lange bevor unten in der Küche jemand sprach. Er starrte an die helle Zimmerdecke. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war.
Dann sah er die fremde Lampe auf dem Nachttisch.
Die weißen Vorhänge.
Den Schreibtisch am Fenster.
Er drehte sich zur Seite. Seine Sporttasche stand direkt neben dem Bett. Geschlossen. Bereit.
Nur für den Fall.
Unten polterte etwas.
Dann Tobias’ Stimme.
„Mama! Manuel hat die Milch leer gemacht!“
„Weil normale Menschen frühstücken!“, kam es zurück.
Patrick setzte sich langsam auf.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hörte sich Streit nicht gefährlich an.
Als er in die Küche kam, verstummte Tobias mitten im Satz.
„Oh. Morgen!“
Patrick nickte nur leicht.
Anna stellte ihm vorsichtig eine Tasse hin.
„Kakao oder Tee?“
„Egal.“
„Kakao“, entschied Tobias schnell. „Der Tee hier schmeckt wie nasse Pappe.“
„Du trinkst ihn trotzdem jedes Mal“, sagte Manuel.
Patrick setzte sich ohne Zögern. Die Sporttasche blieb neben seinem Stuhl.
„Glaubst du echt, wir klauen deine Socken?“, fragte Manuel.
Anna warf ihm einen Blick zu.
„Manuel.“
„Ist schon okay“, sagte Patrick, aber seine Schultern blieben angespannt.
Manuel verdrehte die Augen und stand auf.
„Ich muss los.“
Tobias schob Patrick vorsichtig den Brotkorb hin.
„Der ist manchmal einfach so.“
Patrick zuckte mit den Schultern.
„Kenn’ ich.“
Manuel blieb an der Küchentür kurz stehen.
„Seit gestern redest du nur noch von ihm.“
„Weil er neu ist.“
„Und ich?“
Tobias sah ihn irritiert an. „Was ist mit dir?“
Manuel schwieg.
„Nichts.“
Tobias sah wieder zu Patrick. „Hast du Geschwister?“
Anna wollte schon eingreifen, doch Patrick antwortete überraschend selbst.
„Nein.“
Seit dem Frühstück war Patrick nicht mehr heruntergekommen. Tobias zögerte kurz, dann schnappte er sich seine Spielkonsole und lief die Treppe hinauf.
Die Tür war nur angelehnt.
Patrick saß auf dem Boden und betrachtete ein zerknittertes Foto. Als Tobias hereinkam, wollte er es gerade wieder in die Tasche stecken. Dann hielt er inne und streckte es ihm hin.
„Meine Mutter“, erklärte er.
„Wo ist sie jetzt?“, fragte Tobias.
Patrick zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht.“
Tobias nickte langsam.
„Ich wollte nur fragen, ob du … also … vielleicht Mario Kart?“
Patrick musterte ihn.
„Ich bin schlecht.“
„Perfekt“, grinste Tobias. „Dann gewinn’ ich endlich mal.“
Das war das erste Mal, dass Patrick wirklich lächelte. Gemeinsam gingen sie nach unten.
Eine Stunde später saßen sie unten im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Tobias kommentierte jede Kurve viel zu laut, Patrick beschwerte sich trocken über „unfaire Bedingungen“. Aus der Küche hörte Patrick kurz Annas Lachen.
Dann ging die Haustür auf.
Manuel.
Er blieb im Flur stehen, als er Patrick lachen hörte.
Nur ein kurzes, überraschtes Auflachen.
Es verschwand sofort wieder, als Patrick ihn bemerkte.
Patrick legte den Controller hin.
„Ich kann auch gehen.“
„Hab’ ich nicht gesagt.“
„Musstest du nicht.“
Tobias blickte zwischen ihnen hin und her.
„Könnt ihr einmal normal …“
„Du hältst dich da raus“, sagte Manuel scharf.
„Seit er da ist, redest du nur noch von ihm.“
Patrick stand auf.
„Ist okay.“
Er griff nach seiner Tasche.
Das Abendessen verlief angespannt.
Tobias redete kaum. Patrick stocherte nur im Essen herum.
Manuel ebenfalls.
Dann sagte Manuel plötzlich:
„Wie lange willst du eigentlich diesmal bleiben?“
Anna legte sofort die Gabel hin.
„Manuel.“
Doch jetzt war es zu spät.
Patrick hob langsam den Blick.
„Was soll das heißen?“
Manuel lachte kurz, ohne Humor.
„Na ja. Du hast doch selbst gesagt, dass du nicht lange bleibst.“
„Manuel, Schluss jetzt. Es reicht!“, rief Markus laut.
Aber Manuel war längst wütend.
„Nein, ehrlich mal. Alle tun hier so, als wären wir plötzlich die perfekte Familie.“
„Ich hab’ nie …“
„Doch!“, schnitt Manuel ihm das Wort ab.
Patrick erstarrte.
Tobias sah erschrocken zu Manuel.
„Das stimmt doch gar nicht.“
„Doch, das stimmt!“
Patrick schob plötzlich den Stuhl zurück.
Zu schnell. Zu laut.
„Ich geh’ einfach.“
Anna stand sofort auf.
„Patrick …“
„Lass gut sein.“
Seine Stimme war flach geworden.
Er griff nach seiner Tasche, die direkt neben ihm stand, und zog sich mit hektischen Bewegungen die Schuhe an.
„Patrick.“
Markus’ Stimme war schärfer, als er beabsichtigt hatte. Er zwang sich, langsamer zu atmen.
Keine Antwort.
Die Haustür ging auf.
Kalte Abendluft drang herein.
Markus folgte ihm.
Draußen spiegelten sich die Straßenlaternen auf dem nassen Asphalt.
Patrick blieb am Gartentor stehen. Die Tasche hielt er fest umklammert.
„Patrick, jetzt komm erst einmal wieder herein.“
„Warum? Ich hab’ gewusst, dass das passiert.“
Markus wusste nicht, was er sagen sollte. Also sagte er zunächst gar nichts.
Er stellte sich neben Patrick.
Nicht zu nah.
„Irgendwann reicht irgendwas Kleines und dann war es das.“
Seine Stimme klang rau.
Markus nickte langsam.
„Kann sein.“
Patrick sah ihn überrascht an.
„Streit gibt es immer mal wieder in Familien“, sagte Markus.
„Ich gehöre nicht zu eurer Familie.“
„Bisher nicht, stimmt.“
Patrick schluckte.
„Und wenn Manuel recht hat?“
Markus atmete langsam aus.
„Dann klären wir das.“
Patrick blickte zur offenen Haustür zurück. Warmes Licht fiel hinaus in den Regen.
Drinnen stand Tobias im Flur.
Unsicher. Besorgt.
Weiter hinten Manuel. Blass und schweigend.
Die Haustür fiel erst Minuten später wieder ins Schloss.
Nicht laut.
Nur vorsichtig.
Patrick stand im Flur, die Sporttasche in der Hand. Seine Schuhe hinterließen nasse Abdrücke auf den Fliesen.
Niemand sagte etwas.
Tobias war der Erste, der sich bewegte.
„Ich hab’ dein Rennen übrigens fast gewonnen“, murmelte er und hob unsicher den Controller hoch.
Patrick starrte ihn einen Moment an.
Dann stellte er die Tasche langsam ab.
Nicht oben.
Nicht neben der Tür.
Einfach nur auf den Boden.
Markus bemerkte es sofort, sagte aber nichts.
„Wir setzen uns jetzt hin“, entschied er ruhig.
Manuel verzog leicht das Gesicht.
„Papa …“
„Jetzt.“
Dieser Ton ließ keinen Widerspruch zu.
Wenig später saßen alle im Wohnzimmer. Tobias wirkte, als würde er gleich platzen vor Nervosität.
Patrick saß am Rand des Sessels.
Bereit aufzustehen, falls es schlimm wurde.
Markus lehnte sich nach vorn, legte die Hände auf die Knie und sah Patrick an.
„Du musst nicht gehen, nur weil es Streit gab.“
Sein Blick ging direkt zu Manuel.
Der hielt stand.
Ein paar Sekunden lang.
„Ich hab’ ihn nicht herausgeworfen.“
„Aber du wolltest, dass er sich so fühlt.“
„Das stimmt doch gar nicht.“
„Du hast gesehen, wie angespannt er die ganze Zeit ist, dass er mit gepackter Tasche am Tisch sitzt.“
Manuel verschränkte die Arme.
„Seit er da ist, ist alles anders.“
„Natürlich ist es anders“, sagte Anna leise. „Das war doch klar.“
„Nein, ihr versteht das nicht!“
Zum ersten Mal klang Manuel nicht genervt.
Sondern verletzt.
Er sah kurz zu Patrick.
Dann sofort wieder weg.
„Früher war hier einfach … normal.“
Patrick verlagerte das Gewicht nach vorn.
Doch Markus kam ihm zuvor.
„Und deswegen behandelst du ihn wie einen Eindringling?“
„Nein!“
„Wie dann?“
Manuel presste die Lippen zusammen.
Dann platzte es plötzlich aus ihm heraus:
„Ich will nur nicht, dass Tobias am Ende wieder traurig ist!“
Alle sahen ihn überrascht an.
Sogar Patrick.
Manuel fuhr sich hektisch durch die Haare.
„Der hängt sich sofort an Leute ran. Und wenn die dann verschwinden, tut er so, als wär alles okay. Ist es aber nicht.“
Tobias runzelte die Stirn.
„Wovon redest du überhaupt?“
„Von Ben.“
Tobias’ Gesicht veränderte sich.
Niemand sagte etwas.
Ben war ihr erstes Pflegekind gewesen. Nach drei Monaten war er zu seiner Mutter zurückgekehrt.
Manuel atmete schwer aus.
„Also ja. Vielleicht war ich unfair. Aber wenigstens tue ich nicht so, als wäre alles automatisch super.“
Das Wohnzimmer wurde still.
Patrick sah zu Manuel.
Der hatte den Blick gesenkt und rieb mit dem Daumen immer wieder über dieselbe Stelle auf dem Tisch.
Patrick blickte auf seine Hände.
„Die meisten gehen ohnehin.“
„Vielleicht liegt es ja an mir.“ Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht bin ich einfach schwierig.“
„Bist du nicht“, sagte Tobias sofort.
Er rutschte einfach vom Sofa herunter und setzte sich neben Patrick auf den Teppich.
Ganz selbstverständlich.
„Du bist gar nicht schwierig“, sagte er ernst.
Patrick sah ihn an.
Tobias grinste vorsichtig.
„Manuel ist schwierig.“
Manuel schwieg.
Zum ersten Mal entstand ein kleines, vorsichtiges Lächeln im Raum.
Nicht groß. Aber echt.
Später am Abend saßen sie noch immer zusammen.
Anna zog die Beine unter sich aufs Sofa.
Markus sah sie fragend an.
„Ich weiß gerade, offen gesagt, nicht, was ich sagen soll.“
Dann wandte er sich an Patrick.
„Du musst dich hier für nichts rechtfertigen.“
Anna überlegte kurz.
„Wir sollten miteinander reden“, sagte Anna.
„Auch wenn etwas nervt. Oder Angst macht. Oder wehtut.“
Tobias hob sofort die Hand.
„Darf man dann auch sagen, wenn Manuel wieder meine Schokolade klaut?“
„Ich klaue sie nicht. Ich rette sie vor dir.“
„Siehst du?“, sagte Anna. „Genau so was.“
Patrick hörte nur zu.
Dann fragte er vorsichtig: „Und wenn jemand nichts sagen will?“
Anna sah ihn ruhig an.
„Dann muss er nicht. Aber er darf.“
Darf. Das war neu.
Später in dieser Nacht blieb Patricks Sporttasche zum ersten Mal oben in seinem Zimmer.
Als er das Licht löschte, stand sie noch immer dort.
Nicht gepackt.
Nicht bereit.
Einfach nur da.