Ein Satan von Hund

- ab 10 Jahre -

Wie sie ihn riefen, weiß ich nicht mehr. Mir wäre Satan eingefallen. Sie – das war ein älteres Ehepaar, unsere nächsten Nachbarn. Auch sie wohnten in einem allein stehenden Haus über dem Fluss. Unseres stand in einem Wäldchen noch weiter oben, ihres in Wiesen auf halber Höhe, fünfhundert Meter von uns.

Ich war zwölf oder dreizehn, glaube ich. Alle vierzehn Tage schickte meine Mutter mich mit frischen Hühnereiern hinunter. Im Austausch brachte ich einige Flaschen Sprudel und Limonade mit, sie hatten einen Getränkeverkauf. In größeren Abständen legte ich ihnen auch das „Wasserbuch“ zur Abrechnung vor. Ihre Leitung zweigte von unserer ab und die Wasserwerke kassierten nur bei uns. Am Schluss der jeweiligen Verrechnung fiel immer ein kleines Trinkgeld für mich ab.

Die paar Groschen waren mein Lohn der Angst. Die Mutprobe begann, wenn ich die Pforte im Maschendrahtzaun öffnete. Ich durchquerte ihren Garten rasch und so leise wie möglich. Klingelte an der Tür. In diesem Moment entschied sich, ob ich aufatmen konnte. Das war der Fall, wenn Satan im Keller zu bellen und zu toben begann. Blieb es dagegen still, war ich in großer Gefahr und stellte mich sogleich auf den folgenden Kampf ein.

Satan war ein schwarzer Schäferhund, groß, schlank und von gestrecktem Wuchs, dabei sehr beweglich. Er war von äußerster Tücke. Lief er frei herum und kam einer in seine Nähe, begann er sofort, ihn anzufallen. Dabei bellte er nie. Er sprang sein Objekt lautlos an und zwar immer von hinten, nie von vorn. Dem Opfer blieb nichts übrig, als sich wie ein Brummkreisel zu drehen, den Hund nicht aus den Augen zu lassen und ihn möglichst einzuschüchtern. Und zu hoffen, dass Hilfe kam.

Gewöhnlich rechnete man mit mir und der Hund war im Keller. Doch zwei- oder dreimal im Jahr lief er frei herum und sprang auf mein Klingeln um eine Hausecke auf mich zu – und dann begann unser Tänzchen im Windfang. Es ist immer gut gegangen. Die Frau des Hauses öffnete nach zwanzig, dreißig Sekunden, packte Satan und brachte ihn weg. Nicht auszudenken, die Haustür wäre einmal verschlossen geblieben.

Ein paar Mal kam es sogar vor, dass Satan mir auf unserem Privatweg ins Dorf auflauerte. Da war ich ihm eher gewachsen, konnte ihm leichter ausweichen. Er versuchte unablässig, mich von hinten anzuspringen. Ich drehte mich im Weitergehen immer wieder rasch um, ich drohte ihm rückwärts gehend mit einem Stock oder Schirm. So zog ich ihn bis zu den ersten Häusern hinter mir her. Hier endete sein Revier, daher trollte er sich und lief nach Hause.
 

ThomasQu

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Servus Arno,

ich vermute mal, eine Wasserspritzpistole mit großem Tank wirkt in so einem Fall Wunder. (-:
Diese Geschichte ist, wie all deine anderen auch, handwerklich gut geschrieben, aber außer einem ratlosen "Aha" bleibt dem Leser am Schluss nicht viel.
Vielleicht fällt dir ja noch eine lustige Pointe dazu ein, (z.B. Wasserspritzpistole).

Grüße, Th.
 
Thomas, ich bedanke mich für deine Meinungsäußerung. Konkret decken sich unsere Auffassungen, wie man eine solche Geschichte enden lassen könnte, eben nicht. Du plädierst für eine erfundene Pointe, die der Leselust einen letzten Kick geben könnte. Ich halte mich lieber an den realen Ablauf, der den Leser - auch den kindlichen, jugendlichen - durchaus nicht "ratlos" zurücklassen muss. So wie beschrieben zeigt sich ja, dass und wie man sich in einer derart brenzligen Situation behaupten kann. Und darum ging's mir.

Ich denke, die Differenz, die hier zwischen uns beiden aufscheint, ist nicht untypisch für Erwartungen und Enttäuschungen eines Teils des LL-Lesepublikums, auch eines Teils der Autoren hier. Tut mit leid, ich meinerseits schreibe nicht, um äußerliche Effekte zu erzielen, sondern um gegebene Strukturen zu erfassen, aufzuzeigen und nachzubilden, und zwar mit Hilfe einer möglichst exakten Sprache.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

ThomasQu

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Mag ja sein, Arno, ich will dir auch gar nicht zu nahe treten. Deine Ansprüche und dein Kunstsinn in allen Ehren, aber meinst du nicht, dass das ein bisschen eindimensional gedacht ist?
Wäre es nicht reizvoller, speziell in dieser Geschichte, den realen Ablauf zu neunzig Prozent wiederzugeben und die restlichen zehn Prozent mit etwas Phantasie anzureichern?
Vielleicht hättest du deine Ansprüche, die du an dich selber stellst, dann trotzdem erfüllt und zusätzlich dem Leser eine Freude gemacht. Nur mal so als Idee …

Noch eine kleine Verständnisfrage:
Wenn du dich mit dem Rücken an den Windfang oder an die Hauswand lehnst, bist du doch auf der sicheren Seite, oder?

Grüße, Th.
 
Lieber Thomas, grundsätzlich ist ja gegen 10% Phantasiezugabe gar nichts einzuwenden. Allerdings würde ich dann schon gern erfahren, wie eine solche im konkreten Fall aussehen könnte. Die Idee mit der Wasserpistole finde ich nicht sehr überzeugend. Wer führt sie schon auf einem längeren Weg mit, wenn er nur ausnahmsweise mit einem derartigen Angriff rechnen muss? Hunde dieses Kalibers werden gewöhnlich von ihren Haltern gut verwahrt und es gelingt ihnen vielleicht zwei-, dreimal im Jahr, das umzäunte Grundstück allein zu verlassen. Das Mittel der Wahl ist tatsächlich ein Stock oder ein langer Schirm. Nicht spektakulär, aber für Kinder vielleicht gut zu wissen.

Die Hauswand bot einen relativen, zeitweiligen Schutz. Dieser Typ Schäferhund gibt so leicht keine Ruhe und greift irgendwann auch seitlich an. In den Statistiken über Hundebissverletzungen ist die Rasse ja sehr weit vorn.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

ThomasQu

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Servus Arno,

wenn du mich nach Ideen fragst, die werden dir wahrscheinlich alle nicht gefallen, denn die tendieren ins Komische.
Mein erster Gedanke wäre, den Ich-Erzähler zwei Stunden auf einem Baum ausharren zu lassen, bis Hilfe kommt. (Vielleicht könnte er den Hund von oben mit Äpfeln bewerfen).
Oder ein von Silvester übriggebliebener Kanonenschlag, den er auf solchen Wegen einsteckt.
Einen Schirm hat man auch nicht immer dabei und einen passenden Stock am Wegesrand findet man gerade dann nicht, wenn die Not am größten ist.
Eventuell könntest du den Protagonisten bei der Abwehr des Hundes einmal stolpern lassen. Wie das dann ausgeht? Da gibt es alle Möglichkeiten.
Ich bin eben der Ansicht, dass dein Text einen so blutleeren Schluss nicht verdient hat, irgendeine Idee wird sich doch ausarbeiten und entwickeln lassen können, realer Ablauf hin oder her.
Nach meiner Meinung sollten reale Abläufe bestenfalls Ideenlieferanten, bzw. nur Grundlagen für Geschichten sein. Den Rest muss dann die Phantasie richten. Jedenfalls habe ich das so in der Lupe gelernt.

Grüße, Thomas
 

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