Ein Spalt weit

das_Ali

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Ein Spalt weit

In dem schwachen Strahl der Taschenlampe drehten sich Staubgebilde, die von Thomas' vorsichtigen Schritten aufgewirbelt wurden. Auf dem Boden der verlassenen Lagerhalle lagen Nägel und Scherben, im Dreck verborgen und lauernd. Er war sicher nicht der erste, der unerlaubt durchs Fenster gestiegen war. Es roch so, als hätten andere schon hier gepinkelt. Thomas ging einige Schritte weiter, bis es nicht mehr ganz so schlimm stank, hockte sich hin und setzte seinen Eastpak zwischen den Füßen ab.

Thomas fischte seinen Walkman heraus – das einzige Gerät, für das er je sein Taschengeld gespart hatte, denn er hatte einen mit Aufnahmefunktion gebraucht, und der war noch teurer als die normalen. Alles andere, was er im Rucksack hatte, sogar den Rucksack selber, hatte er vom Sperrmüll. Fast alles war kaputt. Aber vieles konnte er flicken – oder zumindest benutzen. Diese Spieluhr zum Beispiel: von dem aufklappbaren Deckel waren nur die winzigen Scharniere übrig geblieben. Offensichtlich hat es früher oben in der Mitte eine Figur gegeben, die sich gedreht hatte. An der Stelle befand sich nur noch ein abgebrochener Stift, an dem die Figur befestigt gewesen war. Dieser Rest des Stifts drehte sich, wenn die Spieluhr lief. Die Melodie klang seltsam, denn zwei Klangzungen des Spielwerks waren auch weg. An diesen Stellen griffen die Zähne der Walze ins Leere – Pausen, in denen die Stille zu lauschen schien.

Zuletzt zog Thomas ein Instrument aus der Tasche, das er bis gestern noch nie gesehen hatte. Er glaubte zumindest, dass es ein Instrument war. Es wirkte wie zwei Blechschüsseln, die zusammengeschweißt worden waren, und in eine davon waren Zungen geschnitten worden, die einen langen und dumpfen glockenartigen Ton von sich gaben, wenn man sie schlug. Und jede klang anders. Das Instrument war an der Kante eingedrückt und etwas eingerissen, daher war der Klang unsauber und etwas surrte bei jedem Schlag leicht, aber Thomas fand das Geräusch cool.

Er legte den Walkman, die Spieluhr und die Zungenschüssel in das Licht der Taschenlampe und kniete sich davor. Er drückte die Aufnahmetaste des Walkman und fast unhörbar begann die Mechanik, das Band der Kassette zu bewegen. Thomas drehte die Spieluhr auf und ließ die Kurbel erst los, nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte. Eine kleine gebrochene Melodie erfüllte die Lagerhalle und hallte kaum merklich wider.

Thomas schlug mit zwei Fingern auf eine Blechzunge. Der Klang hob sich lang und sanft in den Raum und das Echo vibrierte in seinen Ohren. Auch wenn der Ton sich ein wenig mit der Melodie der Spieluhr biss, war Thomas sofort entzückt und lächelte breit.

In langen Abständen schlug er weiter und wechselte die Töne, sein Gehör suchte nach Übereinstimmungen. Schon bald wiederholte er eine fast meditative Melodie, die sich über die unvollständige eigentümliche Tonfolge der Spieluhr legte, und so versank er eingelullt von der Besonderheit des Moments.

Er sah sie nicht kommen und zuckte zurück, als sie weich an seinem Schenkel entlangstrich. Schwarzes Fell huschte zurück in die Dunkelheit, bevor er erkannte, was es war. In seiner Brust hämmerte es und er wollte instinktiv aufspringen und wegrennen, doch vom langen Knien waren seine Beine taub geworden. Er fiel auf die Seite und starrte in die Finsternis, während er versuchte, davon zu kriechen. Ein Paar glühende Augen auf beinahe Bodenhöhe blickten ihn an, und als die Melodie der Spieluhr langsamer wurde und verstummte, klagte eine fast menschliche Stimme entschuldigend: „Miau...“

Thomas wollte soeben aufatmen und sich für seine Schreckhaftigkeit ausschimpfen, da hörte er noch mehr. Schlurfende unregelmäßige Schritte, schweres schnaubendes Atmen. „Komm, Kätzchen...“ lockte ein kehliges Flüstern, süßlich und faulig. „Komm zu Onkel Wendel. Ich habe Leckerlis, ganz frisch, ja?“

Das Blut schoss endlich durch die Adern seiner eingeschlafenen Beine und es kribbelte verrückt in den Kniekehlen. Instinktiv wollte er sich verstecken, weil er sich ertappt fühlte. Er durfte nicht hier sein. Aber da fiel ihm ein: niemand durfte hier sein. Die Katze nicht und auch nicht dieser Wendel. „Hier“, rief Thomas kleinlaut. „Ihre Katze ist hier.“ Er steckte die Hand zur Taschenlampe und stand unbeholfen auf.

„Wer? Wer bist du?“

Bevor er ihn sah, roch er ihn – sauer und feucht wie alter Keller. Unwillkürlich trat Thomas einen Schritt zurück, hob langsam die Hand, die die Taschenlampe hielt, und beobachtete, wie das zittrige Licht über zerschlissenes Schuhwerk, braunverkrustete Jeans und ein löchriges Ramones-T-Shirt wanderte. Der Mann drehte zischend den Kopf weg, bevor Thomas sein Gesicht erblicken konnte.

„Freches Ding! Runter mit dem Licht!“ Die Katze huschte aufgeschreckt in eine Ecke und beobachtete den Lichtkegel, der sich auf den Boden senkte.

„Tut mir leid“, sagte Thomas scheu. „Ich... wollte nicht... Ich wusste nicht, dass hier jemand ist.“

„Sag! Wer bist du? Was machst du hier?“

Thomas glaubte, das Weiße in Wendels Augen erkennen zu können. Und Zähne. Er schalt sich einen Narren, sich Sachen im Dunkeln einzubilden. „Ich heiße Thomas. Ich wollte nur Musik machen. Ich dachte, es stört niemanden.“

„Es stört. Du störst. Mach es wieder gut. Hilf mir.“

„Was? Wie?“

„Katze fangen. Das Licht. Sie mag es. Halt still.“

Thomas hielt still, obwohl er am liebsten weggelaufen wäre. Der Lichtkegel lag unruhig auf dem staubigen Boden. Er wagte es nicht, laut zu atmen, und unterdrückte die Bewegungen seiner Brust. Die schleppend ein- und ausströmende Atemluft des Mannes erfüllte hingegen die Leere der Finsternis.

Wie in einem absurden Alptraum beobachtete Thomas den Schemen der Katze und das allmählich langsamer werdende Wandern ihres schimmernden Blicks. Nach einer Ewigkeit hielt sie inne und näherte sich tatsächlich dem Licht.

Ohne Vorwarnung stürzte sich Wendel auf die Katze und packte sie am Genick. Ihr empörtes und gleichzeitig panisches Kreischen schmerzte. Thomas wollte auch schreien, aber Wendel kam ihm zuvor: „Geh! Hau ab, sag ich! Sofort! Oder es setzt was!“ Thomas eilte keuchend und mit weichen Knien in die Richtung, wo er das kaputte Fenster vermutete, durch das er eingestiegen war.

Die Katze schrie und zischte und Wendel schimpfte und fluchte. Für Thomas verschwammen in seiner Hast die Laute zu einem Kampfgewirr, ohne dass er genau unterscheiden konnte, was von dem Tier und was von Wendel stammte. Er war dabei, auf zwei zerbrochene Paletten zu steigen und den Fensterrahmen zu erklimmen, als Wendel schmerzhaft aufschrie. Ein dumpfer Schlag, ein fürchterliches Knacken. Stille.

Ein Wimmern sickerte aus der Dunkelheit, verzweifelt und zornig zugleich. Wendels Stimme wurde in Wellen lauter und endete in einem einzigen wehklagenden Laut, der mehr von einem Tier als von einem Menschen stammen mochte.

Thomas verharrte, die Hände seitlich am Fensterrahmen und einen Fuß bereits auf der Fensterbank. Ein Kloß wuchs hart in seinem Hals, das Kinn sank auf die Brust und er schloss für einen Moment hoffnungslos die tränenden Augen. Sein Walkman. Seine Instrumente. Sie lagen noch da. Irgendwo in der Schwärze.

Thomas konnte ihn hören. Stoff auf Stoff, Luft durch Nase und Mund, wie unter einem bleiernen Gewicht. Unruhig und rastlos. Suchend, lauernd. Thomas setzte mit einem schier bewegungslosen Schritt einen Fuß hinab. Seine Sohle traf ein Hindernis. Etwas bohrte sich durch den Sportschuh brennend und tief in seinen Fuß. In dem unmöglichen Kampf, keinen Ton von sich zu geben, hob er den Fuß wieder an, und während der rostige Nagel nun nass aus dem Schuh glitt, liefen ihm Rotz und Wasser über das Gesicht.

Er konnte sich nicht einbilden, dass er als ein geräuschloser Schatten schlich. Das Humpeln, das Schlucken, das Schluchzen, das gleich dort unter seiner Kehle kauerte. Und dennoch bemühte er sich um Stille, als er sich blind dem Ort näherte, wo seine Sachen lagen. Er kam mit dem Fuß gegen die Spieluhr, deren Walze von dem Stoß eine letzte winzige Drehung vollführte und über eine Klangzunge kratze: „ping...“

Er hielt den Atem an, kurz davor endlich alle aufgestauten Schreie und Tränen loszulassen, und in diesem zu Eis erstarrten Augenblick hörte er seinen Namen. Die Wände warfen die letzte Silbe zurück, bis sie sich überlagerte, summierte und zu einem Schlangenwispern verschmolz: „Thomasss?“

Thomas fiel auf die Knie und erlaubte sich endlich, zu verzweifeln. Er weinte leise, aber zu laut für seine eigenen Ohren. Unkontrolliert suchten seine Hände nach seinen Habseligkeiten und schoben sie in den Rucksack. Zwei graue leuchtende Pupillen schauten auf ihn hinab. Er schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete Wendel ins Gesicht. Zwischen Dreck und verfilzten Haaren stach sein Blick weiß und hungrig hervor. Aus frischen tiefen Kratzern lief ihm Blut von der Stirn ins linke Auge, was Wendel aber nicht zu stören schien. Thomas keuchte, als Wendel ihn packte. Thomas wollte schreien, aber die Angst nahm ihm jede Luft.

Wendel zerrte ihn hoch und mit sich. Thomas ächzte unter Schmerzen, als er unfreiwillig den verletzten Fuß aufsetzte, und endlich schrie er, als er im tanzenden Licht der Taschenlampe die Katze liegen sah. Mit grotesk durchgeknicktem Rückrat.

„Sch... Thomasss, sch... keine Angst.“ Thomas wimmerte. Wendel klang eifrig und aufgeregt, aber nicht beruhigend. „Katze tot. Sei Katze, ja? Hilf mir. Sei Katze, sei Augen, sei Tür, ja?“

„Was? Was soll ich?“ Thomas erkannte seine eigene Stimme nicht. Dünn, brüchig. „Augen? Tür?

„Sei Tür, mein Lieber. Mach auf. Die Katze wollte nicht – aber du wirst es tun, ja? Ich brauche es. Ich brauche dich, Thomasss.“

Thomas wollte es nicht, dennoch tat er es. Er hoffte. Wendel brauchte ihn. Für irgendwas. Thomas gab ein erleichtertes Geräusch von sich. Weder ein Lachen, noch ein Stöhnen. Vielleicht etwas, was Katzen von sich geben würden.

Sie waren nicht mehr in der großen Halle; ohne es zu merken, war Thomas mit Wendel in einen Korridor gehumpelt. Plötzlich standen die Wände eng, der Boden war gefliest. Nach vielen schmerzvollen Schritten trat Thomas in Wendels festem Griff in einen niedrigen aber weiten Raum und stand plötzlich im ungleichmäßigen Schein von dutzenden unterschiedlichsten Lichtquellen, die an Geschenkkordeln von der Decke hingen. Kinderlaternen, Taschenlampen, Schreibtischleuchten, Kerzenhalter, Baustellenlichter. Überall waren Möbel ohne erkennbare Anordnung aufgestellt. Einige stammten vermutlich aus der Zeit, als dieser Raum als Büro gedient hatte, aber Thomas sah auch antike und massive Kommoden und Küchenschränke, Tische und Stühle, Sessel und Regale. Allesamt auf irgendeine Art kaputt. Sperrmüllfunde. Nichts davon passte zusammen, aber so wie sie standen, sollten sie vermutlich nie zusammenpassen.

„Hier, Thomasss. Komm.“ Wendel zog ihn in eine Ecke, aus der es seltsam schimmerte. Er stand bereits in einem Alkoven, als er das Schimmern als Reflexionen erkannte, die aus dutzenden Spiegelscherben zurückgeworfen wurden. Sie waren in unterschiedlichen Größen an drei Wänden angebracht. Wendel ließ ihn los und eilte zu einem Möbelstück. Thomas, frei von Wendels Griff, fühlte sich jäh ohne Halt, als müsste er fallen. Wendel zog einen niedrigen, splittrigen Wohnzimmertisch in den Alkoven, packte Thomas am Kragen und drückte ihn grob rückwärts auf die Tischplatte. Thomas schrie auf, seine Glieder ragten über die Tischkante und sein Kopf hing hintenüber, bis er sein eigenes entsetztes Gesicht in den Scherben erkannte.

Wendel hielt seinen Kopf eisern umklammert. Thomas sah ihn überall, er sah sich überall. „Thomas, mein Lieber. Still jetzt. Ich werde sie holen. Du wirst sie durchlassen. Sei ein guter Junge, öffne die Tür. Lass sie durch.“

„Was? Wen? Was willst du von mir? Ich habe doch nichts getan.“

„Sei Tür. Lass durch, ja?“ Wendels Griff wurde scharf. Wendels Hände waren Klingen. Thomas fühlte sie in seinen Gedanken. „Hör auf! Was machst du mit mir?“

„Lass sie kommen. Wehr dich nicht. Ist schon fast soweit. Hörst du sie klopfen?“

Etwas drückte gegen Thomas' Innerstes. Bog es durch, bis es qualvoll spannte. „Nein! Das tut weh! Hör auf!“

„Fast vorbei. Lass sie durch. Öffne Tür, ja?“

„Was für eine Tür? Da ist keine Tür! Es zerreißt mich!“

„Keine Tür? Ist das so? Armer Thomasss.“ Wendel wirkte ehrlich traurig über diese Neuigkeit. „Tut mir leid, mein Lieber. Sei nicht böse“ Er beugte sich zu Thomas' Kopf und drückte ihm einen zärtlichen, stinkenden und klebrigen Kuss auf die Stirn. „Klopf, klopf.“

Etwas biss Thomas. Tief im tiefsten Heiligtum seiner Seele. Zähne. Viele Zähne. Viele Münder. Sie kauten und kratzten sich den Weg, der ihnen versprochen war. Erst war der dumpfe Druck tausender Körper, die gedrängt hatten, und jetzt Stiche, die brannten und rissen.

Und dann – der eine.

Der eine Stich, der es schaffte, durchzudringen.

Thomas' Welt ging unter im schwarzen Schein einer sterbenden Sonne. Sein Innerstes barst und klaffte auseinander und eine reißende Flut Triefendes, Schlieriges und Zuckendes brach sich Bahn. Dinge, die gegangen waren und zurück wollten. Um jeden Preis. Thomas Körper zappelte spastisch und wild, während seine Pupillen jede Farbe und Glanz verloren und sich ins Nichts richteten.

Wendel hockte vor Thomas, das Gesicht zur Decke gerichtet und den Mund wie zur Fütterung weit geöffnet verging er in in Ekstase. Der Strom an Geistern und dunkleren Wesen, der aus Thomas' seelischer Wunde floss, durchdrang Wendel auf dem Weg ins Diesseits. Die schmierigen Spuren, die sie durch Wendels Seele zogen, waren wie Gift, das alles Schlechte wegbrannte. Zurück blieb Glückseligkeit in ihrer reinsten Form. Wendel benässte sich, bevor er überwältigt zusammenbrach.


Wendel kam zu sich. Seine Gesichtszüge waren schon längst wieder frei von jeglichem Glück, er leckte mit trockener Zunge über die rissigen Lippen. Schnaubend packte er Thomas' Hemd an der Brust und schleifte ihn mit einer Hand vom Tisch runter und durch den Raum, wobei Thomas' Rucksack an einer Schulter hängend über den Boden schabte. In einer gekachelten Kammer, die früher eine Dusche gewesen war, ließ Wendel Thomas auf einen Berg aus Fell, Knochen und moderndem Fleisch fallen. Thomas' Fall schreckte hunderte Fliegen auf, die summten und surrten, bis er unter dieser Wolke kaum noch zu erkennen war. Wendel verließ die Kammer, verließ den Raum, verließ die Lagerhalle und suchte sich eine... Katze.

Thomas' blinzelte nicht, als Fliegen ihn bedeckten und Maden über ihn kletterten. Jemand in ihm zuckte, jemand fröstelte. Er leckte eine Made von seinem Mundwinkel und zerkaute sie teilnahmslos. Die Spieluhr fiel aus dem Rucksack in sein Blickfeld und eine Stimme begann mit Thomas' Mund, das Lied zu singen, dessen Melodie die Spieluhr einst gekannt hatte. „Heile heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Schnee, tut schon nicht mehr...“ Klick. Die Aufnahme stoppte.




Einkehr

Sie betrat den McDonalds pünktlich um 9 Uhr dreißig und schüttelte das Wasser von ihrem schwarzen Regenschirm. Sie war der einzige Gast und musste trotzdem zwei Minuten auf ihren Kaffee warten. Der Kassierer wirkte gestresst, und als sie in ihrer kleinen Lederhandtasche nach Kleingeld kramte, stöhnte er und zupfte ungeduldig an seinem Namensschild. Sie legte ihm die Münzen auf den Tresen und er wischte sie in die Kasse, ohne zu zählen. Noch bevor sie den Becher in der Hand hielt, war er in der Küche verschwunden.

Sie rührte die Milch in den Kaffee und blickte durch die große Fensterscheibe auf die nassglänzende Straße. Sie war davon ausgegangen, dass er nicht vor ihr ankommen würde. Seine Art, sich in den Emails auszudrücken, hatten ihr den Eindruck vermittelt, dass er sich nicht an Regeln hielt. Um ehrlich zu sein, hatte sie den Eindruck, dass er gar keine kannte.

Sie wollte nicht warten müssen. Lange konnte sie es nicht auf dieser unbequemen Bank aushalten. Sie wollte es vermeiden, auf einem niedrigen Sessel zu sitzen. Diese modernen Dinger sahen bequem aus, aber sie zwangen einen geradezu, sich nach hinten zu lehnen. Der Abstand zwischen ihnen wäre zu groß. Sie brauchte eine klare Aufnahme. Es war vielleicht zu offensichtlich, wenn ihre Handtasche mit dem Diktiergerät zu mittig auf dem Tisch lag. Sie zog sie etwas zu sich, betrachtete sie, drehte sie leicht. Jetzt wirkte es erst recht gestellt. Sie verzog das Gesicht und gab ihr einen frustrierten Schubs. Sie machte sich verrückt, nur weil sie einen Betrüger entlarven wollte. Das sah ihr gar nicht ähnlich.

Sie sah einen Bus halten und nach zwanzig Sekunden wieder abfahren. An der Bushaltestelle stand ein Mann. Sein Blick war auf sie gerichtet. Und dieser Blick war es, der ihr plötzlich das Gefühl gab, nicht auf ihn vorbereitet zu sein. Auf einen Schwindler war sie eingestellt, aber er war offensichtlich noch mehr. Seine blassen Augen, über denen nasse, graue Strähnen hingen, wechselten im kurzen Moment seines Blicks ständig die Emotion: genervt, traurig, hungrig... Sie sah ihr eigenes Gesicht in der Scheibe über seines gespiegelt, bevor er den Kopf senkte und die Straße überquerte, ohne auf den Verkehr zu achten.

Auf einmal empfand sie seinen leicht humpelnden Gang als zu schnell. Sie wünschte sich, er würde sich mehr Zeit lassen. Ihr mehr Zeit lassen. Vielleicht war er nicht der Mann, auf den sie wartete. Wäre es nicht schön, wenn er sich einen Hamburger schnappte und einfach wieder ging?

Seinen grünen Parka legte er zum Trocknen mit hageren Fingern über einen Stuhl am Nachbartisch. Ihr Schweigen und ihr unverhohlenes Starren hatte ihm verraten, dass er hier richtig war. Während er ihr gegenübersaß, tropfte es von seiner Nasenspitze auf die Tischfläche. Zwischen ihnen, wie zum Hauptgang serviert, ihre kleine Ledertasche. „Ich brauche einen Kaffee“, sagte er tonlos. Ohne nachzudenken stellte sie ihm ihren eigenen hin. „Du bist Thomas“, stellte sie überflüssig fest.

„Und du bist Sarah. Reicht das als Smalltalk?“ Er trank, und während er auf die Handtasche starrte, tippte er mit zwei Fingern einen unbestimmten Rhythmus auf den Deckel des Pappbechers. Mit der anderen Hand zog er sich eine Zigarette. Sarah sah wie hypnotisiert den Bewegungen zu. Blauer Qualm zog beißend durch den Raum, und für eine Sekunde war die gerunzelte Stirn des Kassierers in der Küche zu sehen – es wurde dort bemerkenswert still.

Die Zigarette baumelte an seinem linken Mundwinkel, als er herausfordernd die Handflächen nach oben drehte. Sie schien aus einem Traum in einen neuen zu erwachen, schüttelte den Kopf, aber nichts klärte sich. „Das ist“, begann sie und verstummte wieder. Wo sie am Anfang eine schmerzhafte Emotionsdichte gesehen hatte, lagen nun zwei Eissplitter, deren spitze Enden auf sie gerichtet waren. Er senkte seine Hände und wartete. Sie holte noch einmal aus: „Das ist. Kafkaesk.“ Er legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. „Ich gehe jetzt pissen“, sagte er. „Danach hole ich mir ’nen Burger. Und wenn ich zurück bin, will ich meinen Auftrag. Und das Geld. Einverstanden?“ Sie nickte.

Ohne seine quälende Anwesenheit brauchte sie plötzlich etwas zum Festhalten und hätte beinahe nach ihrer Tasche gegriffen. Stattdessen legte sie die Hände auf den Bauch und schaute an sich herab, während sie sich über die Bluse streichelte. Das sollte anders laufen. Sie sollte das hier nicht fühlen. Sie sollte einen klaren Kopf haben. Sie sollte alles im Griff haben. Oder wenigstens irgendetwas im Griff. Vielleicht spielte es auch keine Rolle, solange das Ergebnis stimmte. Und was war es, das ihr die Kehle zuschnüren wollte?

Er sah sie nicht an, ging zum Tresen, an dem lautlos der Kassierer mit einem nervösen Zucken im Auge auftauchte und auf ein Tablett unaufgefordert und wahllos Burger häufte. Er quetschte noch einen großen Becher Kaffee in den Essensberg und verschwand wieder.

Sein Weg zum Tisch erschien ihr diesmal endlos. Eine herannahende Apokalypse. Vor Generationen prophezeit. Von Plagen begleitet. Geschwüre und Blut und sengende Hitze und Dunkelheit. Und zu guter Letzt die Wiederkunft. Sie schmeckte sauren Kaffee und würgte ihn wieder hinunter.

Er ist ein Betrüger, versicherte sie sich. Er will dein Geld. Er verschwindet. Du hast am Ende nichts. Dass er verrückt ist, ändert nichts. Seine Ankunft am Tisch war unspektakulär und harmlos. Das beruhigte sie und lockte fast ein erleichtertes Auflachen hervor.

Langsam schrumpfte der Berg Burger, vertrocknete der Fluss Kaffee. „Mein Auftrag?“ fragte er. Folter, Mord und Vergewaltigung. Sie traute ihm alles zu, aber angeboten hatte er etwas anderes. Ihre Hände lagen noch auf ihrem Bauch, und sein Blick tat es inzwischen auch. „Da?“, fragte er.

Sie nickte. „Ja, ich will mein Baby zurück.“ Hatte sie das wirklich gesagt?

Er wirkte zufrieden. „Ist gut“, sagte er. „Harmlos.“

„Ist es auch mal nicht harmlos?“

„Es ist immer harmlos hier“, er klopfte sich auf die Brust, „und manchmal schlecht hier“, er klopfte sich gegen die Stirn.

„Ich habe nichts zu befürchten? Weder körperlich, noch psychisch?“

„Dein Kopf ist deine Sache. Aber ich glaube, du hältst es aus.“

„Warum ist es bei mir harmlos?“

Er überlegte nicht lange. „Da passiert nicht viel. Die Beziehung ist innig genug, aber ihr werdet einander nicht viel zu sagen haben. Oder hatte sie gelebt?“

Sie neigte den Kopf, und vergaß dabei das Kopfschütteln. Ein einzelner Tropfen rann ihre Wange hinab „Du klingst so sicher. Ich bin nicht die erste, die das will?“

Sie sah ihn zum ersten Mal lächeln, und auch wenn es ein herablassendes Lächeln war, wirkte er fast wie ein normaler Mensch. „Ohne euer Bedauern, wäre ich arbeitslos.“

„Schämst du dich gar nicht, damit Geld zu verdienen?“

„In eurer Welt, bin ich nicht arbeitsfähig“, sagte er und zeichnete mit der Zeigefingerspitze eine Kreisbewegung auf die Schläfe. „Irgendwie muss ich ja auch was in den Magen bekommen.“ Er hatte nicht bezahlt... Ihr Blick wanderte zur Küche, die menschenleer wirkte. Als er ihn wieder anschaute, schwebte seine offene Hand vor ihrem Gesicht. Sie legte ihm einen Umschlag auf die Handfläche und fasste sich wieder an den Bauch. „Was jetzt?“, fragte sie. Ein kleines Stück klebrigen Cheeseburger hatte er auf dem Tablett liegen gelassen. Nun hob er es mit Daumen und Zeigefinger auf und hielt es ihr hin. Sie öffnete den Mund. Kaute und suchte nach Speichel. Erst der letzte bittere Rest Kaffee ließ sie schlucken.

Er stand auf und zog seinen klammen Parka an. „War’s das?“, fragte sie.

„Das ist genug“, sagte er. „Dauert nicht lange. Brauchst mir nicht mehr zu schreiben. Deine Adresse und deine Nummer habe ich blockiert. Der Rest ist dein Ding, ich habe damit nichts mehr zu tun. Das war der Deal.“

„Wann hast du mich durchschaut?“, rief sie ihm hinterher und wusste die Antwort noch in derselben Sekunde, als sie ihre Tasche mitten auf dem Tisch liegen sah. „Du wirst nichts darüber berichten“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Niemand wollte jemals davon erzählen.“

Sie sah ihn in dem Bushaltestellehäuschen sitzen. Etwas drückte gegen ihre Hände. Schmiegte sich an sie. Durch ihre Bauchwand. An einem finsteren, toten Ort, wo es nicht möglich sein sollte. Augenblicklich schossen Tränen aus ihren Augen, Speichel lief aus dem Mund. Geräuschlos formte ihr Mund immer wieder die gleichen zwei Wörter. Ein letztes Mal blickte sie ihm in die Augen, die liebten und schrien und weinten und hassten.

Bevor der Bus ihnen die Sicht nahm, sprach sie es aus und atmete die Worte ein. Mein Baby.
 
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