Ein Spielplatz, eine Parkbank und die Krankheit des Erinnerns

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Für einen staatlich verordneten Mord gibt es keine Schuldigen. Es gibt Ausführende im Sinne der Dienstpflicht. Aber es gibt keine Schuldigen. Die Richter bleiben unsichtbar. Der Vernichtungsbefehl wurde von höchster Stelle unterzeichnet, heißt es, oder: Das Urteil wurde vollstreckt im Namen des Volkes. Ob es einen Einzelnen trifft oder ganze Völker. Es gibt keinen, dem man das Kreuz aufladen könnte im Namen von irgendwem. Es sei denn, man findet einen Dummen. Einen, der sich nicht (mehr) wehrt, einen, mit dem man alles machen kann. Einen wie Georg, der allein schon deshalb verdächtig ist, weil er keinem Blick standhält, verhuscht den Hinterausgang nimmt und den Anschein erweckt, er habe etwas zu verbergen. Einen, der schon in der Schule der Schuldige war, wenn einer „X ist ein Esel\" an die Tafel schrieb, bevor Lehrer X das Klassenzimmer betrat und seinen Richterblick von der Tafel auf Georg heftete, der es im Zweifel gewesen ist.


Dieser Georg ist ein Bürger dieser Stadt, der auf der Parkbank eines Spielplatzes sitzt, dem Treiben der Kinder zusieht und gelegentlich in die bleiche Aprilsonne blinzelt. Dieser Spielplatz reckt sein junges Frätzchen helläugig in die Luft, nimmt alles an und macht keine Anmerkungen, nicht zu den Fahrrädern im knirschenden Kies, nicht zu den umher fliegenden Bällen noch zu den balgenden Kindern im Gras. Alles ist intakt. Der Zaun, das Tor, die Verbotsschilder, gleichgültige Wächter aus rostfreiem Metall. Betreten des Rasens verboten. Fahrradfahren verboten. Die stabilen Bänke noch ohne Graffiti. Ein weiträumig umzäunter Sandkasten, in dessen Mitte senkrechte und waagrechte Holzbalken ein Gestell bilden, das eine hölzerne Plattform trägt. Von dieser Plattform führt eine Rutschbahn in den Sand. Vom Querbalken hängen Stricke, die für Georg auch dann noch bedrohlich wirken, als ein dunkelhäutiges Kind barfuß daran hinauf klettert.

Die Kinder werden Ayse, Marek, Roman oder Hatice gerufen, von Müttern, die in Gummizughosen und Woolworth Jacken hinter dem Zaun stehen. Sie lassen abwechselnd Puppen und dann sich selbst die Rutsche hinab gleiten, während die Sonne mal vor und mal hinter den Wolken den Planeten beleuchtet und Temperaturschwankungen auslöst, die Georg veranlassen, seine Jacke auf und wieder zuzuknöpfen. Dünne Bäumchen zwischen aufgeschütteten Rasenwällen schicken von Zeit zu Zeit Blütenflaum in den Wind, während sie reglos ihre Wurzeln tiefer treiben. Georg stiert auf die parallel zwischen den Wegen verlaufenden Wälle. Man könnte sich fragen, was drunter liegt. Weiße Bögen aus Gießbeton begrenzen die grünen Wülste zu den Wegen hin. Wie Schnittnarben markieren sie hie und da die Anlage, bemühte Ergebnisse moderner Gartenkunst. Fahrräder knirschen auf dem hellbraunen Kies. Mahnrufe von Müttern tönen über den Platz.

Georg rutscht auf seiner Bank hin und her, fixiert die fensterlosen Wohnhausfassaden rechts und links des Platzes. Sein schmaler Mund öffnet sich leicht, was ihm ein debiles Aussehen verleiht. Die Fensterlosigkeit dieser Häuser ängstigt ihn genau wie das Holzgestell drüben bei der Rutsche. Die Relikte angrenzender Ziegelmauern an einigen Stellen der Fassaden machen ihn nervös. Als hätten sterbende Häuser hier Kratzspuren hinterlassen im Überlebenskampf. „Hier stand früher die Rohrbach Metallflugzeugbau GmbH\" hatte er flüchtig gelesen, die Infotafel beim Eingangstor. Das kommt davon, wenn man Infotafeln liest.


Ein dunkelhaariges Kind mit Sturzhelm brettert mit dem Mountainbike um die Kurven. Auch Georg war einmal zehn. Er erinnert sich an ein schwarz-weiß Foto aus den 60-ger Jahren, auf dem seine asymmetrischen Gesichtszüge mit der verformten Nase ihm entgegen glotzten. Verbrechervisage. Er hat alle Fotos von sich zerschnitten. Nichts ist mehr übrig. Er fröstelt. Vielmehr ist es ein Zittern, das mit der Aprilkühle nicht mehr viel gemein hat. Er knöpft seine Jacke zu.

Immer noch starrt er auf die Abrissnarben an den Häuserwänden. Er hätte sich nicht in die Nähe dieses Flugzeugs setzen sollen. Er kratzt seine Bartstoppeln und reibt sich die blutunterlaufenen Augen, lockert seine Gesichtsmuskeln mit ein paar Grimassen, versucht, dem Ansturm der Bilder zu widerstehen. Er weiß, wie ihm die Zeit abhanden kommt bei so etwas. Eine Kälteempfindung ergreift seinen drahtigen Körper, obwohl die Sonne gerade unverhüllt und warm für einige Minuten zwischen den Wolken hindurch scheint. Was Georg sieht, sieht niemand außer ihm.


Die Drogen machen dich kaputt, hat seine Mutter gesagt. Zehn, zwanzig Trips später saß er in der Psychiatrischen. Eigentlich war alles wegen Lisa. Er hat sie vergöttert. Sie war… sie war … Das weiß nur er allein. Vier Uhr. Er muss zurück. Wenngleich, in der Offenen sind die Regeln gelockert. Zwanzig Jahre in der Geschlossenen. Nun in der Offenen. Auf Widerruf. Keiner kennt ihn hier. Keiner schaut kopfschüttelnd hinter ihm her. Er ist ein unscheinbarer Mann auf einem Spielplatz, auf dem einmal eine Fabrik stand. Er nestelt nach seinem dudelnden Handy. „Rohrbach Metallflugzeugbau GmbH guten Tag\". „Wie? Aha! Nein, kenne ich nicht. Von wo rufen Sie an? Urban? Hm. Nein, Sie sind falsch verbunden. Der Akku stirbt mit einem Warnton. Seltsamer Anruf. Er steckt das Ding wieder weg.

Was wissen die schon, wie einen das Erinnern ausbrennt. Wie es sämtliche Akkus leer saugt innerhalb von Sekunden. Dabei sitzt er nur hier und … nein, er hat keine Nachforschungen angestellt in entlegenen Archiven. Er ist auf keine Expeditionsreise gegangen und hat keine betagten Nachbarn befragt. Er hat nur die Augen geschlossen …


Lange flache Ziegelbauten mit großen Fenstern. Ein dreistöckiges Verwaltungsgebäude mit Konstruktionsbüros. Ein Fuhrpark. Ein Kanaldurchstich zum Nordufer, um die Flugzeugteile nach Travemünde zu schiffen. Eng ist die Straße zwischen den grauen Fassaden. Drüben auf der anderen Seite jenseits des Geländes, von dort hört er das Summen der Grundschule. Die Kinder heißen Fritz und Margret, Gustav und Hilde. Kleine pausbäckige Rotznasen in unförmigen Wollmänteln, die sie von ihren älteren Geschwistern auftragen. Sie spielen mit Brummkreiseln, Laufrädern und Hula-Hoop Reifen. Trotzig blicken sie in die Kamera, die alles irgendwie braun macht. Der Geruch von Ruß und Metall juckt in ihren Nasen. Die Taschentücher, in die sie schnäuzen, werden grau. 54 Schornsteine rauchen in der Umgebung. Osram, Borsig, AEG. Heerscharen von Arbeitern strömen von den Straßenbahnen in die Fabriken, während in der Charité dralle Schwestern gegen die Säuglingssterblichkeit kämpfen und ein Sezierer über Leichen gebeugt nach der menschlichen Seele sucht.

Von der Fabrik müssen die Kinder sich fernhalten. Das ist für die Großen. Doch tönt durch die offenen Fenster des Klassenzimmers das Hämmern und Schweißen aus den nahen Hallen herein. Sie staunen beim Aufleuchten von Funkenregen in den Bogenfenstern der Halle, während der Naturkundelehrer ihnen die Befruchtung der Blumen durch Bienen erklärt. Später stehen sie auf der Straße, neben Schornsteinfeger und Brezelmann. Ein Flugzeugrumpf wird auf die Sprengelstraße gerollt. Sie riechen die frischen Brezeln, den Schweiß der Arbeiter, das heiße Metall. Sie möchten mit auf den Tragflächen des Romar stehen, wo sich einhundert Arbeiter vom Zeitungsmann ablichten lassen, zusammen mit dem Herrn Direktor. Sie stellen Fragen: Was ist ein Flugboot? Wozu braucht man ein Flugzeug im Krieg? Und warum bekommt der Tscheche keinen Lohn?


Georg steht mitten unter ihnen mit verschmiertem Verbrechergesicht, der eingedrückten Nase und mit einem Kreisel, er sieht, riecht und hört und weiß nicht mehr, wohin er gehört. Er hört eine alte Frau neben sich munkeln, dass das ein böses Ende nehmen wird mit der Fliegerei. Gotteslästerung, zischt sie und schnäuzt sich laut. Der Mensch soll auf der Erde bleiben und die Lüfte den Vögeln überlassen.


„Fahr nicht auf den Rasen, Roman!\" Schon sind grüner Anorak und Sturzhelm hinter dem Bogen verschwunden, von einer Rasenwelle verschluckt, einer zweiten Welle, einer dritten. „Hatice, iss keinen Sand!\" „Marek, hör auf damit! Du zerreißt dir die Hosen!\". Die Kinder drängen sich kreischend um die Rutschbahn, was Georgs Eingeweide zu Kontraktionen zwingt, während die Mütter in geräumigen Woolworth-Taschen nach Jacken, Flaschen und Keksschachteln kramen.


Dort drüben, ja, genau dort bei Pappel Nr. 5 – die Bäumchen sind mit Nummernschildern versehen – dort ließ sich der Zwangsarbeiter Vladimir P. von der Berliner Abendpost ablichten. Er versagte der Kamera sein Lächeln, versagt es noch heute. Sein Konterfei glotzt anklagend von der Infotafel herab. Georg rutscht ein Stück tiefer auf seiner Bank, während ein kalter Luftzug um seine eingefallenen Wangen streicht. Noch tiefer zieht es ihn, hinab, dort unten, wo es nach Brand riecht und Tod, wo Jahrzehnte keine Luft mehr in Räume drang.

Den Kopf in den Nacken legend wirft er Anker im Himmel, entziffert die Wolkenschriften hoch oben in der Luft, wo Umrisse von Flugzeugen sich abzeichnen, von flüchtigen Wolken verdeckt und wieder freigegeben. Fast ist er glücklich. Lauter alte Bekannte. Romar. Roland. Rodra. Ro II und Ro III schwirren mit Dreipropellermotoren um seinen Kopf. Dazwischen blickt ein ernstes Gesicht auf ihn herab. Ein Zwanziger-Jahre-Gesicht, vertraut wie sein eigenes, mit glattem Seitenscheitel, der in einer flachen Haarlocke endet, ein Oberlippenbart in Hitler-Manier über den fleischigen Lippen. Ein brauner Anzug. Sepiabraun. Er fühlt die Scham, die Selbstvorwürfe, die Niederlage Adolf Rohrbachs. Er hätte die Fabrik in Tempelhof bauen sollen. Er ist verantwortlich zu machen für den Entzug von Fördermitteln, für die feindliche Übernahme durch die Konkurrenz. Er breitet seine Arme auf die Parkbank wie Tragflächen. In den Wolkenschriften verblassen Kampfbomber und Flugboote. Nun sitzt er selbst in einem Flugzeug mit Lederkappe und Windschutzbrille, wohlwollend begleitet von bekannten Gesichtern, die ihn wie einen verspäteten Angehörigen begrüßen und ihm Glück wünschen, bevor sein Testflugzeug die Schnauze in die Erde bohrt und er keine Zeit mehr hat, sein gebrochenes Genick zu betasten.


Er wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn und legt die Hand auf sein Herz. Stahlhämmer hört er und zweifelt, ob er hier ist und nicht anderswo, wie viel Uhr es ist und wo er heute morgen den Tag begann. Er kann nicht ablassen von den Wolkenfilmen, die sein Leben abwechselnd frei geben und wieder verhüllen. Wieder schiebt sich eine Regenwolke vor sein Bild, er sucht mit den Augen, und es ist ihm, als presche der kleine Roman mit dem Mountainbike an seiner Parkbank vorüber und werfe ihm einen alten rostigen Schlüssel zu, den er reflexartig auffängt. „Da! Für dich! Hab ich gefunden im Sand!\"


Vertraute Gesichter stehen um sein Grab und er weiß nicht, ob sie ihn verabschieden oder begrüßen. Es sind Bauern dabei, die in geflickten Hemden und mit glänzender Stirn Pflüge durch brechende Schollen schieben. Er sieht sie Milcheimer aus Ställen tragen im Morgengrauen, sieht wie ein Messer sich senkt in den Leib einer schreienden Sau. Er sieht sie Blutwurst in Därme füllen und Kartoffeln in Körbe sammeln. In der Abenddämmerung stehen sie auf dem Feld und beugen die Köpfe über gefalteten Händen. Der Keller ist voll mit Eingewecktem. Sie riechen nach Kuhdung und Stroh, wenn sie um den Tisch herum sitzen und sich Scheiben abschneiden vom selbst gebackenen Brot. Manche betreiben Meiereien. Andere halbieren ihren Hof und arbeiten in der Stadt. Er sieht sie Stroh zwischen Holzbalken stopfen und Nägel in Dachstühle hämmern. Er sieht, wie sie wegsehen, als ihre Nachbarn unter Schlägen in Viehwagen gezerrt und fortgekarrt werden. Er sieht, wie sie einander verraten für ein Stück Brot und wie sie in Keller flüchten unter Sirenengeheul.

Fleißige Leutchen sind sie. Von großen Dingen wissen sie nichts. Nie bekleiden sie öffentliche Ämter, noch ragen sie aus der Geschichte heraus. Doch vergessen sie weder die Geburtstage ihrer Lieben noch das Gedenken der Toten. Blinde Flecken in der Geschichte sind sie, könnte man meinen, wenn sie sich nicht fortgepflanzt hätten und ihn in der Gegenwart zurück gelassen, Georg, den Schuldigen, den Motor aller Verbrechen.


Er fühlt, wie die Erde erzittert unter der Parkbank vom Einschlagen berstender Bomben, er sieht die Risse sich ausbreiten in den Ziegelmauern der Flugzeugfabrik. Geschwärzte Gesichter starren verloren aus schmutzigen Fenstern. Man sagte ihnen: Arbeite oder stirb!\" Sie haben sich für \'s Arbeiten entschieden, bevor die Detonation sie in die Luft warf. Er sieht Flammen aus den Fenstern schlagen, hört Scheiben bersten, sieht Fensterkreuze glühen und das Dach einsinken. Die eiserne Hebevorrichtung verschwindet unter den Trümmern, er zuckt zusammen, als Funken aus der Schaltzentrale sprühen. Er sieht die Mauer des Bürogebäudes bersten und Papier im Feuersturm tanzen. Konstruktionspläne, Urkunden, Listen verglühen in der heißen Luft. Menschen stochern in rauchenden Trümmern, Helfer errichten einen Zaun und tragen verkohlte Balken davon. Er ringt nach Luft. Rauch und Schuld schnüren ihm den Atem ab.

Er sieht, wie sich Ratten und Obdachlose einnisten, wie sich Grassamen in Fugen setzen und Brombeerranken durch Fensterlöcher kriechen. Später würde eine Birke aus der Graffiti-bemalten Mauer wachsen.


Aus seinem halb geöffnetem Mund rinnt Speichel, die Hand an den Hals gepresst blinzelt er in den Himmel. Sie war schon länger nicht mehr draußen, die Sonne. Fordernd erwartet er den nächsten wärmenden Strahl, als sei es eine persönliche Angelegenheit. Er versucht sich zu bewegen, hin und her zu rücken, aufzustehen, doch es gelingt ihm nicht. Er hat sich verloren im Labyrinth der Zeit.

Lisa! Seine Erste! Seine Einzige! Sie war 17. Er betete sie an. Eines Tages war sie fort. Ihre Mutter öffnete und sah vom oberen Treppenabsatz auf ihn herab. „Lisa ist nicht da\". Er wusste, dass es gelogen war. An diesem Tag verschwand Lisa aus seinem Leben. Sie war nie mehr erreichbar für ihn. Keine Erklärung, nichts. Viele Male hat er noch an ihrer Tür geklingelt. Später sah er sie mit einem Anderen.


Schwer und rau liegt der Schlüssel in seiner Hand. Er würde es wieder tun. Er würde wieder an ihrer Tür klingeln, so lange, bis sie öffnet. Er würde an ihrer Mutter vorbei kommen Er würde ein besserer Mann sein, einer, der eine Frau halten kann. Er würde die Fabrik wieder an derselben Stelle gründen, jawohl.


Er dreht den Schlüssel in seiner Hand. Dieser Schlüssel würde ihn von so Manchem freisprechen.

Er wird noch weiter zurückgehen, dort, wo die Urkunden verblichen und die Buchstaben verwischt sind. Dort, wo man in Kirchenbüchern schon mal Namen und Geburtstag ändern konnte, um einen Bastard zu vertuschen oder einen Inzest. Dinge, die sich hinüber retten, resistent gegen Krieg und Zerstörung, Flucht und Armut, bis in die Gegenwart, so lange, bis ein Schuldiger gefunden ist.


Ein Windzug fährt durch die Jungpappeln, pustet eine hellgelbe Wolke von Blütenstaub in die Luft, umherwirbelnd, pflanzliches Sperma. Was Lisa ihm von der behaarten Linie unterhalb des Bauchnabels geleckt hat. Damals hatte er noch einen Körper. Die Frauen hinter den Zäunen sehen argwöhnisch zu ihm herüber. So lange bleibt keiner hier sitzen, der nicht Exhibitionist oder Kinderschänder ist. Sie rufen ihren Nachwuchs zum Gehen.


Georg schließt die Augen und fühlt die Erregung in seinem Schoß, leicht und fliegend wie Blütenstaub, etwas, das er Jahre nicht mehr gefühlt hat. Mit seinem debilen Grinsen auf den spröden Lippen geht er zurück in die Zeit, unter die Erde geht er, unter die Narbenwülste der Rasen - Aufschüttungen von Trümmern einer Bombennacht, von bemühten Landschaftsplanern erdacht, damit die Kinder nicht Fußball spielen. Schwer dreht sich der Schlüssel im Schloss.


Dort drüben, genau da, wo das Verwaltungsgebäude stand, hinter dem Pförtnerhäuschen, dort wo das Gestell mit der Rutschbahn steht … ein Galgen. Das leise Trudeln vertrocknender Leichen in schwarzen Lumpen. Im Namen des Volkes. Sie stinken erbärmlich unter dem Kreisen kreischender Krähen und das Blut, das den graslosen Boden tränkt, spricht von Schuld. Er schnappt nach Luft, indem er den Mund weit öffnet und ein japsendes Geräusch von sich gibt, er fasst sich ans tobende Herz. Welche Tür soll er noch öffnen, aus der ihm nicht Tote entgegen quellen mit entstellten Gesichtern? Sie klagen ihn an, ihn!


Galerie der Spiegel, er schreitet die Ahnenreihen ab, sieht jedem ins Gesicht. Spiegel der Henker, der Abdecker und Kadaververwerter, unehrlich vor den Toren der Stadt, verheiratet mit seiner Frau, die neben ihm steht und seine feuchte Hand drückt, sie, seine Schwester, die Kräuterkundige, die den Bauern die Karten legt für Kindbett und Ernteglück. Auf dem Weg in die Kirche weicht man vor ihnen zurück. Ihr Auftreten auf einem Fest ist ein böses Omen. Seine Geliebte, die eine Ehrbare ist, hat ihn verlassen: Lisa, seine Erste, seine Einzige, Süß und feucht ist ihr Kuss. „Für immer und ewig\", kommt es über seine aufgesprungenen Lippen und in seinen Augen steigt die Flut.


Er hat alles vernichtet. Er hat seine Herkunft geleugnet, er hat sich als Künstler versucht. Er hat geglaubt, mit dem Schnitzen von Altarbildern und Chorgestühl etwas gut zu machen. Doch die Spatzen haben es von den Dächern gepfiffen. Schuldig. Schuldig. Am Tod der Mörder, Sodomisten und Ehebrecher, er hat Schuld am Los von 65 Zwangsarbeitern, Schuld am Scheitern Adolf Rohrbachs (unsicher betastet er seinen Oberlippenbart). Auch am eigenen Tod ist Georg auf mystische Weise schuld: Lithium, Rohypnol, Hyperilex, täglich nach Anweisung des Arztes, weil er es muss … weil er es muss … Weil er kein Recht hat auf ein rechtschaffenes Leben. Heute hat er die Anweisung diskret unterwandert.


Im Dunkeln stolpert er über sieben hölzerne Scheiben, die er brennend und Funken sprühend durch die Nacht sirren sieht. Er stützt sich auf eine Truhe. Er hebt den Deckel, hustend im aufwirbelnden Staub, es riecht nach feuchtem Leder, Rattendreck. Das Richtschwert schwer mit beiden Händen anhebend, die Zange legt er daneben, die Daumenschrauben. Kaum hat er ausreichend Muskeln für das schwere Gerät. Ein Pergament mit verblichener Schrift zieht er hervor und zwischen den Flecken entziffert er mühsam:


4 fl. von einem zu justifizieren mit dem Schwert oder Strick

1 fl. von der Leiter aufzurichten

1 fl. an die Fluh zu bestatten

2 fl. unter den Galgen zu vergraben

2 fl. mit Ruten auszustreichen

5 Batzen das Zeichen zu suchen

5 Batzen für einmal an die Folter zu binden

8 Batzen des Tags, so lange er hier, sein Taglohn

1 fl. aber ihm des Tags für Zehrung, oder gastfrei halten

4 Batzen für einen Gang in den Turm

1 fl. den Kopf auf den Galgen zu nageln

2 fl. an den Pranger oder Halseisen zu stellen

3 Batzen von einem Aufzug zu torturieren, wenn er nicht den Taglohn hat


die Liste ist ziemlich lang. Sie ist so lang wie der Nachmittag, blutig wie die Mauerspuren an den Fassaden, der Kies unter Georgs Stiefeln, der Staub seiner Ahnen, der Blütenstaub von den Pappeln, das Geschehen in seinem Körper. Er muss zurück. Zurück in die Klinik. Zurück in der Zeit. Wer geht schon zurück in der Zeit? Nur wer kein Leben hat. Nur wer kein Leben hat.


Die Fundamente unter dem Rasen, sie sind noch da. Er schreitet sie ab. Die Eisenträger, tief in den sandigen Boden getriebene Stämme, die rauchgeschwärzten Ziegelfassaden, das geschmolzene Metall, die vom Feuer verformte Hebevorrichtung, zerschossene Skulpturen auf den Laternenpfeilern. Im Dunkel des einzig verbliebenen überdachten Raums verwest ein Haufen aus umgeworfenen Schränken, Ordnern, Flaschen, Eimern, Papier, ein Fernseher, dessen Eingeweide aus dem Gehäuse quellen, von der Witterung zu einer klebrigen Masse fermentiert, der gebrochene Kamin, das Pissoir in der Durchfahrt, der Stuhl, der aus dem Eisenofen ragt. En paar kräftige Weiden schießen aus den Trümmern des eingestürzten Dachs. Graffiti spiegelt sich in Regenwasser, neben dem Kellereingang, der mit Trümmern zugeschüttet ist. Lila, Orange, Grün! Er lacht verzückt, reckt das grinsende Gesicht in den Himmel. Dreihundert Jahre später. Sieben metallene Scheiben am Boden und ein bis zur Unkenntlichkeit verstümmeltes Etwas, das einmal ein Auto war.

Ein Windstoß wirbelt eine Wolke von Blütenstaub in die Luft. Er ejakuliert ohne sein Zutun, bemerkt es nicht einmal, auch entgeht ihm der leise Wohllaut aus seiner trockenen Kehle, noch bemerkt er die Uniform des Sicherheitsdienstes, die neben ihm steht: „Der Platz wird geschlossen. Ich muss Sie bitten zu gehen\". Und als Georg weiterhin mit offenem Mund vor sich hin lächelt, legt der Mann eine Hand auf seine Schulter. Georg umklammert den Schlüssel wie einen eifersüchtig gehüteten Besitz und kann sich nicht lösen von den Wolkenschriften der Träume, die sich rötlich einfärben dort hinter den Birken.

Am nächsten Tag erscheint eine Kurzmeldung im Lokalteil der Berliner Morgenpost:

Wedding: Am gestrigen Donnerstag gegen 18:00 Uhr wurde im Sprengelpark eine hilflose Person gefunden. Es handelt sich um einen ca. 50-jährigen Mann, der keine Papiere mit sich führte. Er trug einen gelben Anorak, khakifarbene Cargohosen und Springerstiefel. Der Mann war zeitlich desorientiert und stand vermutlich unter dem Einfluss von Drogen. Er wurde in die Notaufnahme des Virchow Klinikums verbracht. Wer sachdienliche Hinweise zur Person machen kann, melde sich bitte bei der Polizeidirektion 3, Berlin Wedding, Abschnitt 35, Tel. 030-4664-335700.
 
Für einen staatlich verordneten Mord gibt es keine Schuldigen. Es gibt Ausführende im Sinne der Dienstpflicht. Aber es gibt keine Schuldigen. Die Richter bleiben unsichtbar. Der Vernichtungsbefehl wurde von höchster Stelle unterzeichnet, heißt es, oder: Das Urteil wurde vollstreckt im Namen des Volkes. Ob es einen Einzelnen trifft oder ganze Völker. Es gibt keinen, dem man das Kreuz aufladen könnte im Namen von irgendwem. Es sei denn, man findet einen Dummen. Einen, der sich nicht (mehr) wehrt, einen, mit dem man alles machen kann. Einen wie Georg, der allein schon deshalb verdächtig ist, weil er keinem Blick standhält, verhuscht den Hinterausgang nimmt und den Anschein erweckt, er habe etwas zu verbergen. Einen, der schon in der Schule der Schuldige war, wenn einer „X ist ein Esel" oder "Jesus ist ein Gespenst" an die Tafel schrieb, bevor Lehrer X das Klassenzimmer betrat und seinen Richterblick von der Tafel auf Georg richtete, der es im Zweifel gewesen ist.

Dieser Georg ist ein Bürger dieser Stadt, der auf der Parkbank eines Spielplatzes sitzt, dem Treiben der Kinder zusieht und gelegentlich in die bleiche Aprilsonne blinzelt. Dieser Spielplatz reckt sein junges Frätzchen helläugig in die Luft, nimmt alles an und macht keine Anmerkungen, nicht zu den Fahrrädern im knirschenden Kies, nicht zu den umher fliegenden Bällen noch zu den balgenden Kindern im Gras. Alles ist intakt. Der Zaun, das Tor, die Verbotsschilder, gleichgültige Wächter aus rostfreiem Metall. Betreten des Rasens verboten. Fahrradfahren verboten. Die stabilen Bänke noch ohne Graffiti. Ein weiträumig umzäunter Sandkasten, in dessen Mitte senkrechte und waagrechte Holzbalken ein Gestell bilden, das eine hölzerne Plattform trägt. Von dieser Plattform führt eine Rutschbahn in den Sand. Vom Querbalken hängen Stricke, die Georg auch dann noch erschauern lassen, als ein dunkelhäutiges Kind barfuß daran hinauf klettert. Er weiß nicht, warum. Doch das Ding ist ihm unheimlich.

Die Kinder werden Ayse, Marek, Roman oder Hatice gerufen, von Müttern, die in Gummizughosen und Woolworth Jacken hinter dem Zaun stehen. Sie lassen abwechselnd Puppen und dann sich selbst die Rutsche hinab schlittern, während die Sonne mal vor und mal hinter den Wolken den Planeten beleuchtet und Temperaturschwankungen auslöst, die Georg veranlassen, seine Jacke auf und wieder zuzuknöpfen. Schüttere Bäumchen zwischen aufgeschütteten Rasenwällen schicken von Zeit zu Zeit Blütenflaum in den Wind, während sie reglos ihre Wurzeln tiefer treiben. Ihre Wurzeln. Georg stiert auf die parallel zwischen den Wegen verlaufenden Wälle und fragt sich aus Langeweile, was wohl darunter liegt. Weiße Bögen aus Gießbeton bilden den Abschluss der grünen, etwas Unbekanntes verdeckenden Wülste am Wegrand. Schnittnarben moderner Gartenkunst. Fahrräder knirschen auf hellbraunem Kies. Mahnrufe von Müttern tönen über den Platz.

Georg rutscht auf seiner Bank hin und her, fixiert die fensterlosen Wohnhausfassaden rechts und links des Platzes. Sein schmaler Mund öffnet sich leicht, was ihm ein debiles Aussehen verleiht. Die Fensterlosigkeit dieser Häuser ängstigt ihn genau wie das Holzgestell drüben bei der Rutsche. Die Relikte angrenzender Ziegelmauern an einigen Stellen der Fassaden machen ihn nervös. Sterbende Häuser haben hier Kratzspuren hinterlassen im aussichtlosen Kampf. „Hier stand früher die Rohrbach Metallflugzeugbau GmbH" hatte er flüchtig gelesen, vorne, auf der Infotafel beim Eingangstor. Das kommt davon, wenn man Infotafeln liest.

Ein dunkelhaariges Kind mit Sturzhelm brettert mit dem Mountainbike um die Kurven. Auch Georg war einmal zehn. Er erinnert sich an ein schwarz-weißes KInderfoto von sich aus den 60-ger Jahren, auf dem seine asymmetrischen Gesichtszüge mit der verformten Nase ihm entgegen glotzten. Verbrechervisage. Er hat alle Fotos von sich zerschnitten. Er fröstelt. Vielmehr ist es ein Zittern, das mit der Aprilkühle nicht mehr viel gemein hat. Er knöpft seine Jacke zu. Wenn man ihn fragte, ob er Angst habe, er würde es verneinen.

Er hätte sich nicht in die Nähe dieses Flugzeugs setzen sollen. Er kratzt sich die Bartstoppeln und reibt die blutunterlaufenen Augen, lockert seine Gesichtsmuskeln mit ein paar Grimassen, versucht, dem Ansturm der Bilder zu widerstehen. Er weiß, wie ihm die Zeit abhanden kommt bei so etwas. Eine Kälteempfindung ergreift seinen drahtigen Körper, obwohl die Sonne gerade unverhüllt und warm für einige Minuten zwischen den Wolken hindurch scheint. Was Georg sieht, sieht niemand außer ihm. Das ist ja das ganze Dilemma.

Die Drogen machen dich kaputt, hat seine Mutter gesagt. Zehn, zwanzig Trips später saß er in der Psychiatrischen. Eigentlich war alles wegen Lisa. Er hat sie vergöttert. Sie war… sie war … Das weiß nur er allein. Vier Uhr. Er muss zurück. Wenngleich, in der Offenen sind die Regeln gelockert. Zwanzig Jahre in der Geschlossenen. Nun in der Offenen. Auf Widerruf. Keiner kennt ihn hier. Keiner schaut kopfschüttelnd hinter ihm her. Er ist ein unscheinbarer Mann auf einem Spielplatz, auf dem einmal eine Fabrik stand. Er nestelt nach seinem dudelnden Handy. „Rohrbach Metallflugzeugbau GmbH guten Tag" meldet er sich. „Wie? Aha! Nein, kenne ich nicht. Von wo rufen Sie an? Urban-Krankenhaus? Hm. Nein, Sie sind falsch verbunden. Der Akku stirbt mit einem Warnton. Seltsamer Anruf. Er steckt das Ding wieder weg.

Was wissen die schon, wie einen das Erinnern ausbrennt. Wie es sämtliche Akkus leer saugt innerhalb von Sekunden. Dabei sitzt er nur hier und … nein, er hat keine Nachforschungen angestellt in entlegenen Archiven. Er ist auf keine Expeditionsreise gegangen und hat keine betagten Nachbarn befragt. Er schließt nur die Augen … und dann ...


Lange flache Ziegelbauten mit großen Fenstern. Ein dreistöckiges Verwaltungsgebäude mit Konstruktionsbüros. Ein Fuhrpark mit BMW Automobilen. Ein Kanaldurchstich zum Nordufer, um die Flugzeugteile nach Travemünde zu schiffen. Eng ist die Straße zwischen den grauen Fassaden. Drüben auf der anderen Seite des Geländes hört er das Summen der Christian-Konrad-Sprengel-Schule. Die Kinder heißen Fritz und Margret, Gustav und Hilde. Kleine pausbäckige Rotznasen in unförmigen Wollmänteln, die sie von ihren älteren Geschwistern auftragen. Sie spielen mit Brummkreiseln, Laufrädern und Hula-Hoop Reifen. Trotzig blicken sie in die Kamera, die alles irgendwie braun macht. Der Geruch von Ruß und Metall juckt in ihren Nasen. Die Taschentücher, in die sie schnäuzen, werden grau. 54 Schornsteine rauchen in der Umgebung. Osram, Borsig, AEG. Heerscharen von Arbeitern strömen von den Straßenbahnen in die Fabriken, während in der Charité dralle Schwestern gegen die Säuglingssterblichkeit kämpfen und ein berühmter Arzt über Leichen gebeugt nach der menschlichen Seele sucht.

Von der Fabrik müssen die Kinder sich fernhalten. Das ist für die Großen. Doch tönt durch die offenen Fenster des Klassenzimmers das Hämmern und Schweißen aus den nahen Hallen herein. Sie staunen beim Aufleuchten von Funkenregen in den Bogenfenstern der Halle, während der Naturkundelehrer ihnen die Befruchtung der Blumen durch Bienen erklärt. Später stehen sie auf der Straße, zwischen Schornsteinfeger und Brezelmann. Ein Flugzeugrumpf wird auf die Sprengelstraße gerollt. Sie riechen die frischen Brezeln, den Schweiß der Arbeiter, die Kohle, das heiße Metall. Sie möchten mit auf den Tragflächen des Romar stehen, wo sich einhundert Arbeiter vom Zeitungsmann ablichten lassen, zusammen mit dem Herrn Direktor. Sie stellen Fragen: Was ist ein Flugboot? Wozu braucht man ein Flugzeug im Krieg? Und warum bekommt der Tscheche keinen Lohn?

Georg steht mitten unter ihnen mit verschmiertem Verbrechergesicht, der eingedrückten Nase und mit einem Kreisel, er sieht, riecht und hört und weiß nicht mehr, wohin er gehört, vergisst, die Brezel zu essen, die in seine Hand zerdrückt (er umklammert sein Handy,)hört die Alte neben sich munkeln, dass das ein böses Ende nehmen wird mit der Fliegerei. Gotteslästerung, zischt sie und schnäuzt sich laut. Der Mensch soll auf der Erde bleiben und die Lüfte den Vögeln überlassen.

Der Schrei einer Woolworth behosten Frau schreckt ihn auf: „Fahr nicht auf den Rasen, Roman!" Schon sind grüner Anorak und Sturzhelm hinter dem Bogen verschwunden, von einer Rasenwelle verschluckt, einer zweiten Welle, einer dritten. „Hatice, iss keinen Sand!" „Marek, hör auf damit! Du zerreißt dir die Hosen!". Die Kinder drängen sich kreischend um die Rutschbahn, was Georgs Eingeweide zu Kontraktionen zwingt, während die Mütter in geräumigen Taschen nach Jacken, Flaschen und Keksschachteln kramen.

Dort drüben, ja, genau dort bei Pappel Nr. 5 – die Bäumchen sind mit Nummernschildern versehen – dort ließ sich der Zwangsarbeiter Vladimir P. von der Berliner Abendpost ablichten. Er versagte der Kamera sein Lächeln, versagt es noch heute, denn sein Konterfei glotzt anklagend von der Infotafel herab. Georg rutscht ein Stück tiefer auf seiner Bank, während ein kalter Luftzug um seine eingefallenen Wangen streicht. Noch tiefer zieht es ihn, hinab, dort unten, wo es nach Brand riecht und Tod, wo Jahrzehnte keine Luft mehr in Räume drang.

Den Kopf in den Nacken legend wirft er Anker im Himmel, entziffert die Wolkenschriften hoch oben in der Luft, wo Umrisse von Flugzeugen sich abzeichnen, von flüchtigen Schwaden verdeckt und wieder freigegeben. Fast ist er glücklich. Lauter alte Bekannte. Romar. Roland. Rodra. Ro II und Ro III schwirren mit Dreipropellermotoren um seinen Kopf. Dazwischen blickt ein ernstes Gesicht auf ihn herab. Ein Dreißiger-Jahre-Gesicht, vertraut wie sein eigenes, mit glattem Seitenscheitel, der in einer flachen Haarlocke endet, ein Oberlippenbart in Hitler-Manier über den fleischigen Lippen. Ein brauner Anzug. Sepiabraun. Oh Schuld! Seine Schuld ist es! Er fühlt die Schande, die Niederlage Adolf Rohrbachs. Hätte er doch die Fabrik in Tempelhof gebaut! Sie hätten ihm nicht die Fördermittel entzogen. Man hätte der feindlichen Übernahme entgehen können! Weser-Flugzeugbau GmbH. Ein Hohn!
Er breitet seine Arme auf die Parkbank wie Tragflächen. In den Wolkenschriften verblassen Kampfbomber und Flugboote. Nun sitzt er selbst im Flugzeug, es ist das Wasserflugzeug Rocco, mit Lederkappe und Windschutzbrille, wohlwollend folgen ihm Blicke aus bekannten Gesichtern, die ihn wie einen Angehörigen grüßen und ihm Glück wünschen, bevor sein Testflugzeug die Schnauze in die Erde bohrt und er keine Zeit mehr hat, sein gebrochenes Genick zu betasten.

Er wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn und legt die Hand auf sein Herz. Stahlhämmer hört er und zweifelt, ob er hier ist und nicht anderswo, wie viel Uhr es ist und wo er heute morgen den Tag begann. Er kann nicht ablassen von den Wolkenfilmen dort oben, die sein Leben abwechselnd frei geben und wieder verhüllen. Wieder schiebt sich eine Regenwolke ins Bild, er sucht und sucht, doch da prescht der kleine Roman mit dem Mountainbike an seiner Parkbank vorüber und wirft ihm einen alten rostigen Schlüssel zu, den er reflexartig auffängt. „Da! Für dich! Hab ich gefunden im Sand!" Georg blickt fremd auf das Kind, dann auf den Schlüssel.

Vertraute Gesichter stehen um sein Grab. Es sind Bauern dabei, die in geflickten Hemden und mit glänzender Stirn Pflüge durch brechende Schollen schieben. Er sieht sie Milcheimer aus Ställen tragen im Morgengrauen, sieht wie ein Messer sich senkt in den Leib einer schreienden Sau. Er sieht sie Blutwurst in Därme füllen und Kartoffeln in Körbe sammeln. In der Abenddämmerung stehen sie auf dem Feld und beugen die Köpfe über gefalteten Händen. Der Keller ist voll mit Eingewecktem. Sie riechen nach Kuhdung und Stroh, wenn sie um den Tisch herum sitzen und sich Scheiben abschneiden vom selbst gebackenen Brot. Manche betreiben Meiereien. Andere halbieren ihren Hof und arbeiten in der Stadt. Er sieht sie Stroh zwischen Holzbalken stopfen und Nägel in Dachstühle hämmern. Er sieht, wie sie wegsehen, als ihre Nachbarn unter Schlägen in Viehwagen gezerrt und fortgekarrt werden. Er sieht, wie sie einander verraten für ein Stück Brot und wie sie in Keller flüchten unter Sirenengeheul, wo sie um ihr Leben zittern und sich einnässen vor Angst.

Fleißige Leutchen sind sie. Von großen Dingen wissen sie nichts. Nie bekleiden sie öffentliche Ämter, noch ragen sie aus der Geschichte heraus. Doch vergessen sie weder die Geburtstage ihrer Lieben noch das Gedenken der Toten. Blinde Flecken in der Geschichte sind sie, könnte man meinen, wenn sie sich nicht fortgepflanzt hätten und ihn in der Gegenwart zurück gelassen, Georg, den Schuldigen, den Motor aller Verbrechen.

Er fühlt, wie die Erde erzittert unter der Parkbank vom Einschlagen berstender Bomben, er sieht die Risse sich ausbreiten in den Ziegelmauern der Flugzeugfabrik. Geschwärzte Gesichter starren verloren aus schmutzigen Fenstern. Man sagte ihnen: Arbeite oder stirb!" Sie haben sich für's Arbeiten entschieden, bevor die Detonation sie in die Luft warf. Er sieht Flammen aus den Fenstern schlagen, hört Scheiben bersten, sieht Fensterkreuze glühen und das Dach einsinken. Die eiserne Hebevorrichtung verschwindet unter den Trümmern, er zuckt zusammen, als Funken aus der Schaltzentrale sprühen. Er sieht die Mauer des Bürogebäudes bersten und Papier im Feuersturm tanzen. Konstruktionspläne, Urkunden, Listen verglühen in der heißen Luft. Menschen stochern in rauchenden Trümmern, in denen Tote und Lebende stecken. Helfer errichten einen Zaun und tragen Leichen und verkohlte Balken davon. Er ringt nach Luft. Rauch und Schuld hemmen den Atem.

Er sieht, wie sich Ratten und Obdachlose einnisten, wie sich Grassamen in Fugen setzen und Brombeerranken durch Fensterlöcher kriechen. Langsam wächst eine Birke aus der Graffiti-bemalten Mauer. Ein angekohlter Balken knickt und reißt ein Mauerstück mit herunter, begräbt einen Sauerampfer unter sich.

Aus seinem halb geöffnetem Mund rinnt Speichel, die Hand an den Hals gepresst blinzelt er in den Himmel. Sie war schon länger nicht mehr draußen, die Sonne. Fordernd erwartet er den nächsten wärmenden Strahl, als sei es eine persönliche Angelegenheit. Er versucht sich zu bewegen, hin und her zu rücken, aufzustehen, doch es gelingt ihm nicht. Er hat sich verloren im Labyrinth der Zeit. Trotz Anstrengung kann er sich nicht mehr bewegen.

Lisa! Seine Erste! Seine Einzige! Sie war 17. Er betete sie an. Eines Tages war sie fort. Er würde es noch ein letztes Mal versuchen. Sieben mal in sieben Tagen stand er vor Lisas Tür. Ihre Mutter öffnete und sah vom oberen Treppenabsatz auf ihn herab. „Lisa ist nicht da". Er wusste, dass es gelogen war. Von diesem Tag an war Lisa aus seinem Leben verschwunden. Als hätte es sie nie gegeben. Keine Erklärung. Er mied ihre Tür fortan wie man einen Schmerz meidet. Später sah er sie mit einem Anderen.

Schwer liegt der rostige Schlüssel in seiner Hand. Er würde es wieder tun. Er würde wieder an ihrer Tür klingeln, so lange, bis sie öffnet. Er würde Blumen bringen. Er würde an ihrer Mutter vorbei kommen Er würde ein besserer Mann sein, einer, der eine Frau halten kann. Einer, der eine Fabrik führen kann. Einer der den Untergang aufhalten kann für sein Haus, wenn drum herum alles in Schutt und Asche versinkt. Er würde die Fabrik wieder an derselben Stelle bauen.

Er reibt Rost von der rauen Oberfläche des Schlüssels. Dieser Schlüssel wird ihn von so Manchem freisprechen.

Oh noch viel weiter wird er zurück gehen in der Zeit, dort hin, wo die Urkunden verblichen und die Buchstaben verwischt sind. Dort, wo man in Kirchenbüchern Namen und Geburtstag ändern konnte, um einen Bastard zu vertuschen oder einen Inzest. Dinge, die sich in die Gegenwart herüber retten, resistent gegen Krieg und Zerstörung, Flucht und Armut, so lange, bis ein Schuldiger gefunden ist. Doch er, Georg, wird es nicht mehr sein.

Ein Windzug fährt durch die Jungpappeln, pustet eine hellgelbe Wolke von Blütenstaub in die Luft, umherwirbelnd, pflanzliches Sperma. Was Lisa ihm von der behaarten Linie unterhalb des Bauchnabels geleckt hat. Damals hatte er noch einen Körper. Die Frauen hinter den Zäunen sehen argwöhnisch zu ihm herüber. So lange bleibt keiner hier sitzen, der nicht Exhibitionist oder Kinderschänder ist. Sie rufen ihren Nachwuchs zum Gehen.

Georg schließt die Augen und fühlt die Erregung in seinem Schoß, leicht und fliegend wie Blütenstaub, etwas, das er Jahre nicht mehr gefühlt hat. Mit seinem debilen Grinsen auf den spröden Lippen geht er zurück in die Zeit, unter die Erde geht er, unter die Narbenwülste der Rasenwälle, die Aufschüttungen von Trümmern einer Bombennacht, von bemühten Landschaftsplanern erdacht, damit die Kinder hier nicht Fußball spielen, Ha! Schwer dreht sich der Schlüssel im Schloss.

Dort drüben, genau da, wo das Verwaltungsgebäude stand, hinter dem Pförtnerhäuschen, dort wo das Gestell mit der Rutschbahn steht … es ist ein Galgen. Mit angehaltener Luft und geweiteten Augen beobachtet das leise Trudeln vertrocknender Leichen in schwarzen Lumpen. Im Namen des Volkes. Sie stinken erbärmlich unter dem Kreisen kreischender Krähen und das Blut, das den graslosen Boden tränkt. Das Bild spricht von Schuld. Er schnappt nach Luft, indem er den Mund weit öffnet und ein japsendes Geräusch von sich gibt, er fasst sich ans tobende Herz. Welche Tür öffnet sich nicht, aus der ihm nicht Tote entgegen quellen mit entstellten Gesichtern? Sie klagen ihn an, ihn! Georg, den Verräter, den Schuldigen!

Galerie der Spiegel, er schreitet die Ahnenreihen ab, sieht jedem ins Gesicht. Spiegel der Henker, der Abdecker und Kadaververwerter, unehrlich vor den Toren der Stadt, verheiratet mit einer Frau, die neben ihm steht und seine feuchte Hand drückt, sie ist seine Schwester, eine andere durfte er nicht, sie ist die Kräuterkundige, die den Bauern die Karten legt für Kindbett und Ernteglück. Auf dem Weg in die Kirche weicht man vor ihnen zurück. Ihr Auftreten auf einem Fest ist ein böses Omen. Seine Geliebte, die eine Ehrbare ist, hat ihn verlassen: Lisa, seine Erste, seine Einzige, Süß und feucht ist ihr Kuss. Seine Zunge fährt über die trockenen Lippen, die sich dehnen im Schmerz. „Für immer und ewig", eine spröde Stelle platzt und ein Blutstropfen wächst aus seiner Oberlippe, glänzt in der Sonne, in seinen Augen steigt die Flut.

Es war eine Zeit, in der Leute wie Georg keine Chance hatten. Er hat alles vernichtet. Er hat seine Herkunft geleugnet, er hat sich als Künstler versucht. Er hat geglaubt, mit dem Schnitzen von Altarbildern und Chorgestühl etwas gut zu machen. Doch die Spatzen haben es von den Dächern gepfiffen. Schuldig. Schuldig. Am Tod der Mörder, Sodomisten und Ehebrecher, er hat Schuld am Los von 65 Zwangsarbeitern, Schuld am Scheitern Adolf Rohrbachs (unsicher betastet er seine Oberlippe). Auch am eigenen Tod ist Georg auf mystische Weise schuld: Lithium, Rohypnol, Hyperilex, täglich nach Anweisung des Arztes, weil er es muss … weil er es muss … Weil er kein Recht hat zu leben. Heute hat er die Anweisung grob missachtet.

Sieben hölzerne Scheiben sirren, Funken sprühend, durch die Nacht, bleiben am Boden liegen, wie gestapelte Teller halb übereinander gelagert. Er stützt sich auf eine Truhe. Er hebt den Deckel, hustet im aufwirbelnden Staub, es riecht nach feuchtem Leder, Rattendreck. Das Richtschwert schwer mit beiden Händen anhebend, die Zange legt er daneben, die Daumenschrauben. Kaum hat er ausreichend Muskeln für das schwere Gerät. Ein Pergament mit verblichener Schrift zieht er hervor und zwischen den Flecken entziffert er mühsam:

4 fl. von einem zu justifizieren mit dem Schwert oder Strick
1 fl. von der Leiter aufzurichten
2 fl. mit Ruten auszustreichen
5 Batzen für einmal an die Folter zu binden
1 fl. den Kopf auf den Galgen zu nageln
2 fl. an den Pranger oder Halseisen zu stellen
3 Batzen von einem Aufzug zu torturieren, wenn er nicht den Taglohn hat

die Liste ist so lang wie der Nachmittag, blutig wie die Mauerspuren an den Fassaden, Georgs Lippen, der Kies unter seinen Springerstiefeln, der Staub seiner Ahnen, blutig der Blütenstaub von den Pappeln, das Geschehen in seinem Körper. Er muss zurück. Zurück in die Klinik. Wer geht schon zurück in die Zeit? Nur wer kein Leben hat. Nur wer kein Leben hat.

Er schreitet die Fundamente ab. Die Eisenträger, tief in den sandigen Boden getriebene Stämme, die rauchgeschwärzten Ziegelfassaden, das geschmolzene Metall, die vom Feuer verformte Hebevorrichtung, zerschossene Skulpturen auf den Laternenpfeilern. Im Dunkel des einzig verbliebenen überdachten Raums verwest ein Haufen aus umgeworfenen Schränken, Ordnern, Flaschen, Eimern, ein Fernseher, dessen Eingeweide aus dem Gehäuse quellen, Papier, von der Witterung zu einer klebrigen Masse fermentiert, gebrochener Kamin, Pissoir in der Durchfahrt, ein Stuhl, der aus dem Eisenofen ragt. En paar kräftige Weiden schießen aus den Trümmern des eingestürzten Dachs. Graffiti spiegelt sich in Regenwasser, neben dem Kellereingang, der mit Trümmern zugeschüttet ist. Lila, Orange, Grün! Er lacht verzückt, reckt das Gesicht grinsend in den Himmel. Dreihundert Jahre später. Sieben metallene Scheiben am Boden und ein bis zur Unkenntlichkeit verstümmeltes Etwas, das einmal ein Auto war.

Er ejakuliert. Ein Windstoß wirbelt eine Wolke von Blütenstaub in die Luft. Verwundert blickt er auf seinen Schoß hinunter, ein leiser Wohllaut entsteigt seiner Kehle. Auch bemerkt er die Uniform nicht, die neben ihm steht: „Der Platz wird geschlossen." sagt der Mann vom Sicherheitsdienst. Ich muss Sie bitten zu gehen". Und als Georg weiterhin mit offenem Mund vor sich hin lächelt, legt der Mann eine Hand auf seine Schulter. Georg umklammert den Schlüssel wie einen eifersüchtig gehüteten Besitz und will sich nicht lösen von seiner Parkbank, von den Wolkenschriften der Träume, die sich rötlich einfärben dort hinter den Birken.

Am nächsten Tag erscheint eine Kurzmeldung im Lokalteil der Zeitung:
Wedding: Am gestrigen Donnerstag gegen 18:00 Uhr wurde im Sprengelpark eine hilflose Person gefunden. Es handelt sich um einen ca. 60-jährigen Mann, der keine Papiere mit sich führte. Er trug einen gelben Anorak, khakifarbene Cargohosen und Springerstiefel. Der Mann war zeitlich desorientiert und stand vermutlich unter dem Einfluss einer Medikamenten-Überdosis. Er wurde in die Notaufnahme des Virchow Klinikums verbracht. Wer sachdienliche Hinweise zur Person machen kann, melde sich bitte bei der Polizeidirektion 3, Berlin Wedding, Abschnitt 35, Tel. 030-4664-335700.
 
K

Kasper Grimm

Gast
Ein verstörender Text, sehr konkret in der Detailschilderung, erst mal verwirrend im Springen zwischen den Zeitebenen, was aber die Spannung entfacht: faszinierend, einen heutigen monoton genormten Kinderspielplatz vorgeführt zu bekommen, und alsobald rutscht man wie durch mentale Falltüren, Erinnerungslöcher, in die Vergangenheit und erfährt, daß hier vormals eine Fabrik stand, vernichtet im Bombenhagel - erfährt aber auch den Kontrast einer Kriegszeit zur etwas langweiligen, sterilen, buchstäblich ein- und ausbetonierten Gegenwart, einen Bruch zwischen den Zeitebenen bei Raumgleichzeitigkeit, was die Wirkung noch vertieft.
Was geht hier vor? Wer sitzt da und erinnert, ja atmet geradezu soviel Destruktivität? Erst denkt der Leser, da hat sich ein verwahrloster Pädophiler, ein Kinderspanner hinplaziert - und die Eltern im Text mutmaßen das ja auch, indem sie ihre Kinder von ihm hinwegbeordern. Dann wird aber schnell klar, daß es so einfach, ja, platt und vorurteilsbeladen in diesem Text nicht zugeht: da steckt mehr, anderes dahinter, auch Schuld, auch Verbrechen, auch Gewalttat, aber in einem anderen, geschichtlichen Kontext, der mit dem Jetzt nahtlos verwoben ist, und wenn nur in dieser fiktiven Figur, die aus ihrer eigenen Vergangenheit so hervorgegangen ist, wie sie da jetzt sitzt, kaputt, unter Tabletten: das ist er aus seiner Geschichte geworden - Kausalkette eines Lebens, das wohin führt? Die Autorin lüftet nicht direkt das Geheimnis um diesen Unglücklichen, Unheimlichen, vielleicht aus einer Verwahranstalt vorübergehend Entlassenen, der verabsäumt, rechtzeitig in Anstaltsmauern zurückzukehren, die sein heutiger Verwahrungsort sind.
Irgendwas hat er sich zuschulden kommen lassen. Da werden Andeutungen an eine Henkersausübung gemacht, ein Hitlerbart taucht auf. War er bei der Gestapo? Hat er Menschen gefoltert und umgebracht? Aber wie konnte er dann mit "Batzen" entlohnt werden - fließen da nicht Überzeiten, Metaebenen ineins, entstammt er etwa einer Henkersknecht-Dynastie? Und Andeutungen werden gemacht, die den Inzest mit der Schwester vermuten lassen - andererseits aber auch eine große Liebe heraufbeschwören, die unterbunden wurde: hat die Ichperson aus diesem Grunde sich dem Üblen überantwortet, hilflos den Versuchungen des Bösen ausgeliefert aufgrund dieses verwehrten Lebensglücks?
Fragen über Fragen - aber daß sie nicht eindeutig beantwortet werden, sondern vage bleiben, in der Schwebe, interpretierbar, somit auch sich jeglichen (Vor)Urteils enthaltend - das macht meines Erachtens die Besonderheit und Qualität dieses Textes aus, der außerdem immer noch einen Hinweis darauf gibt, daß unsere Gegenwart, genau wie die des Protagonisten, eine Vergangenheit hat, aus der sie gewachsen, geformt und gemodelt ist - mehr noch: daß auch unsere Jetztzeit irgendwie krankhafte Spuren aus dem Gestern aufweist und durch noch soviel Beton nicht zu übertünchen ist: Narben im Gras, abstrakte Hinweisschilder bleiben - und die Kinder, abgeschnitten scheinbar von der eigenen, von den Eltern verdrängten Geschichte, fahren mit ihren Rädern darüber hin, spielen in aller Unschuld und werden dauernd ermahnt, nicht den Rasen zu betreten - und dem Unheimlichen dort fernzubleiben: Überrest einer Vergangenheit und deren Menschenruine aus nie verarbeiteter Zeit?
Ein guter Text, wie ich finde.
 

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