Ein unwiderstehlicher Drang

lazarus

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Ein unwiderstehlicher Drang!




Endlich war es also soweit! Wir waren in der Fußgängerzone angekommen. Natürlich wieder zu der unmöglichsten Zeit. Genau sechzehn Uhr. Ich glaube, es gibt wenig, was ich noch mehr hasse als ein Einkaufsbummel zu dieser Zeit. Tomatensuppe vieleicht, oder Jenny Elvers!
Aber das war mal wieder typisch für meine Familie, ausgerechnet dann, wenn das arbeitende Volk - ich hatte Gott sei Dank meinen wohlverdienten Urlaub - ihre Tätigkeit beendet und sich aufmachte noch Besorgungen zu erledigen, musste mein Clan auch dorthin. Gut, Michael benötigte wieder mal neue Jeans und Turnschuhe. Es war unmöglich mit dem Jungen. In kürzester Zeit hatte er es wieder geschafft aus einer Hose, die schlappe hundertfünfzig Mark gekostet hatte, einen seichten, löchrigen und durch und durch schmutzigen Fetzen Stoff zu fabrizieren. Und erst seine Turnschuhe! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie es möglich ist, in ein Stück Leder einen Geruch zu zaubern, der einer Käsefabrik alle Ehre machen würde. Aber egal, Kinder kosten eben mal Geld. Das hat mir meine Mutter schon immer gepredigt.
Wenn das erledigt wäre, wollte sich meine Frau noch nach einem Kleid umsehen, das, das sie sich vor einem halben Jahr gekauft hatte, war natürlich schon zu alt und zu verschlissen, obwohl sie es nicht öfter als drei Mal angehabt hatte. Und wenn sie schon mal hier war, konnte sie ja mal nachsehen, ob sie zu ihren Hosenanzug auch noch passende Schuhe fände. Ich weiss schon jetzt mit fast hunderprozentiger Sicherheit, das sie weder ein Kleid noch die richtigen Schuhe mit nach Hause nehmen würde. Sie würde wieder eine Handtasche entdecken, die sie dringend bräuchte, dann einen Mantel, den sie zwar erst im Winter tragen könnte, aber der so günstig war, das sie nicht widerstehen kann und Unmengen an Unterwäsche würde sie sich aussuchen. Mit Sicherheit einen BH in Grösse fünfundsiebzig B, in den sie zuletzt vor der Geburt unseres Sohnes gepasst hätte. Aber man kann ja nie wissen, schliesslich macht sie zur Zeit eine Diät - schon die vierte in diesem Jahr, aber geholfen hat noch keine- da wäre es ja möglich, das sie ihre Idealfigur wieder erreichen würde.
Aber zuerst war ich dran! Mir sollte ein neues Sakko verpasst werden. Denn meine holde Gattin hatte beschlossen, das mein Grünes den Dienst bereits vor Jahren beendet hätte und nicht mehr in die Mode und in unseren Lebensstil passte. Schon zwei Mal hab ich sie erwischt, wie sie die Jacke in einen Sack für Altkleidung gesteckt hatte. Doch mit mir nicht. Kampflos würde ich mein Sakko nicht aufgeben. In diesem Kleidungsstück steckt noch mehr als alter Schweiss, Kragenspeck und ein Kaffeefleck. Dort haben sich Erinnerungen angesammelt. Dieses Sakko trug ich an meinem ersten Arbeitstag. In ihm steckte ich als Michael getauft wurde. Ich hatte es an, als ich den Kauf unseres Hauses unterschrieben hatte. Wie sollte ich mich von solch einem Stück Erinnerungen trennen? Was für unzählige Leute ein Foto- oder Poesiealbum war, war für mich mein Sakko!
Ich hatte mir schon eine Taktik zurechtgelegt, wie ich mein Lieblingskleidungsstück retten könnte. Mir würde einfach kein anderes Sakko passen und gefallen. Also würde auch kein Neues gekauft und ich konnte in Frieden mit meinen Erinnerungen weiterleben.
Das ist also unsere Einkaufsliste! Und das nachmittags um sechzehn Uhr! Kann es etwas Schrecklicheres geben? Ich war schon um vierzehn Uhr zur Abfahrt bereit. Ich war immer der Erste in unserer Familie, aber meine Frau musste ja noch mit ihrer Schwester telefonieren und Michael hatte seine Hausaufgaben noch nicht erledigt. Also musste ich wieder mal warten. Wenn ich hochrechne, wieviel Zeit ich in meiner Ehe schon mit Warten vergeudet habe, würde ich auf circa ein Jahr kommen. Ein Jahr! Zwölf Monate! Dreihundertfünfundsechzig Tage, oder waren es dreihundertsechsundsechzig? Es könnte ja auch ein Schaltjahr sein! Wenn ich diese Zeit ungeschehen machen könnte, wäre ich noch ein Mann in den Dreissigern. Doch so musste ich mit der Zahl Vier vor meinem Alter leben. Und warum? Wegen Warten!
Um Fünfzehn Uhr fünfzehn saß ich abfahrbereit im Wagen und musste wieder warten. Meine Frau und Michael mussten nochmal aufs Klo. Dafür wartete ich gerne. Ich weiß doch wie das ist, in der Einkaufspassage nach einer Toilette zu suchen, die erstmals sauber , in der Klopapier war und nicht von einem Penner besetzt wurde. Eine Jungfrau in einem Bordell könnte man schneller bekommen.
Wir stehen gerade in der Herrenabteilung eines großen Kaufhauses und meine Frau hat schon damit begonnen, mir die neuesten Errungenschaften der Sakkomode zu präsentieren, als mich so ein unangenehmes Gefühle durchstreicht. Dieses Gefühl kenn ich nur zu gut. Mein Darm fängt an, sich gegen die sechs Nürnberger Bratwürste und den Krautsalat, die ich am Mittagstisch zu mir genommen hatte, aufzulehnen. Ausgerechnet jetzt! Wie soll ich jetzt aufs Klo kommen? Und vor allem wo sollte ich eines finden?
Meine Frau ruft fröhlich meinen Namen und hält mir ein ockerfarbenes Sakko vor die Nase, zu grell! Dann zieht sie ein dunkelblaues aus den Ständer, zu finster. Ein Grummeln fährt durch meine Eingeweide. Oh Gott! Wenn meine Frau nicht bald aufgeben würde, könnte es ein Malheur geben, das mir seit der ersten Klasse nicht mehr passiert ist. Sie hält mir wieder eine Jacke hin, ich hasse Rot. Beim Nächsten ist mir der Kragen zu gross! Sollte ich ihr nicht sagen, wie es um meine Verdauung steht? Auf gar keinen Fall! Schliesslich hatte sie mich schon am Mittag ermahnt, das ich nicht soviel von dem Salat essen sollte. Ich wisse ja am besten wie mein Darm darauf reagiere. Und ob ich das jetzt weiss! Ich bemerke gerade, wie sich meine Haare einzeln aufstellen. Sie zeigt mir jetzt ein Schwarzes Jackett, ich geh doch selten auf eine Beerdigung. Nun kommt ein dunkelgraues an die Reihe, ich hasse Polyester. Oh Gott! Bitte sorge dafür, das mir jetzt nichts herunterfällt und ich mich bücken muss. Nun wird mir ein Kleinkariertes gezeigt, sehe ich aus wie ein Heizdeckenverkäufer? Danach folgt eines ohne Kragen, bin ich ein Pfaffe? Meine Gesässbacken und die Knie pressen sich aneinander als würde sie in einem Schraubstock stecken. Jetzt kommt ein mittelgraues Sakko an die Reihe, das sieht nicht mal schlecht aus. Will ich wirklich schon aufgeben? Von Wollen kann keine Rede sein, ich muss! Ich schlüpfe in das Jackett, passt wie angegossen, das nehme ich! Aber zu dem Sakko besitze ich kein passendes Hemd, bemerkt meine Frau. Also zehn Meter weiter zu dem nächsten Ständer. Gleich das Erste das mir meine Gattin zeigt, gafällt mir! Die Größe passt! Gekauft! Ab zur Kasse.Ich merke wie sich die Muskeln meiner hinteren Backen zu eine Krampfattacke formieren, mir bleibt keine Zeit mehr. Verdammt, jetzt ist auch noch eine Schlange vor der Theke! Ich zücke gleich meine Kreditkarte, jetzt bloß keine unnötigen Sekunden verlieren. Endlich sind wir an der Reihe. Mensch Mädchen, mach Dampf, mir pressierts. Sie steckt die Kleidungsstücke mit einer so provozierenden Ruhe in eine große Plastiktüte, das mir nicht nur der Darm androhte zu platzen, sondern auch noch der Kragen. Endlich ist alles bezahlt und verstaut. Ich schnappe mir den grossen Beutel und schicke meine beiden Begleiter schon mal in die Kinderabteilung, ich würde gleich nachkommen.
Also ab auf die Kundentoilette. Oh nein, besetzt. Wie kann es auch anders sein! Was mach ich jetzt bloß?
Ich hab nur noch eine Möglichkeit! Ich sause so schnell es mit zusammengekniffenes Knien geht, -muss ich in dieser Gangart ein komisches Bild abgeben - in eine Kabine, stelle die Tüte auf den Hocker, greife mit einer Hand blind in sie, befördere den Inhalt auf den Boden und öffne meine Hose. Ich stülpe hektisch die Tüte über mein Gesäss und lasse meinen Druck freien Lauf. Ich hoffe nur, das mir dabei keine Luft lautstark entweicht. Doch es läuft alles in angenehmer Stille ab. Ah, tut das gut! Es ist als würde mir eine Zentnerlast abfallen. Einfach herrlich! Als ich fertig bin, zieh ich eine Packung Papiertaschentücher aus meinem grünen Sakko - für irgendetwas muss es ja gut sein, das Michael einen chronischen Schnupfen hat - und reinige meinen Schlitz. Nachdem ich das Tuch, zu dem nicht gerade angenehm duftenden Inhalt der Tüte beförderte, schnappe ich mir den Beutel, der mindestens zwei Kilo wiegt - Da sieht man mal wie nötig ich eine Erleichterung hatte - mache einen Knoten hinein, und verlasse die Kabine. Ich stürme aus den Laden und befördere die Kunststofftragetasche in den nächststehenden Mülleimer.
Jetzt ist mir, als hätte ich was Vergessen. Na klar! Mein Sakko und das Hemd liegen ja noch in der Kabine. Also wieder hinein in das Gewümmel des Kaufhauses. Das Hemd ist noch da! Aber wo ist das Sakko? Hat es eine Verkäuferin schon weggeräumt? Ich gehe wieder zu den Ständer auf dem die Jacketts hingen und durchsuche ihn. Erfolglos. Auch die Nachfrage bei einer Angestellten ist umsonst. Wo kann denn diese verfluchte Jacke nur stecken? Ich gehe im Kopf nochmals sämtliche Aktionen meiner Erleichterung durch. Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen! War es wirklich möglich, das ein Mensch ein Gewicht von Zwei Kilo aus seinen Darm entlud? Wohl kaum! Also musste noch etwas in der Tüte gewesen sein! Und was anderes hätte es sein sollen, als das Sakko?
Mir wird übel! Was hab ich nur getan. Ich habe gerade einen Wert von zweihundert Mark, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Scheisse gesteckt. Ich Trottel!
Doch jetzt muss ich lachen. Ich wollte doch verhindern, das mir meine Frau eine neue Jacke verpasst. Sie hatte es zwar geschafft, aber nicht länger als für fünf Minuten. Also war ich der Gewinner!
Es lebe mein grünes Sakko! Es lebe die Erinnerung! Es sterbe der Zorn meiner Frau
 
J

josipeters

Gast
Diese Geschichte

ist wirklich köstlich. Ich habe laut lachen müssen, Bravo, Lazarus!
 

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