Liebe Chandrika,
Vielleicht würde ich dennoch nicht ganz auf die Vorstellung verzichten wollen, dass Demokratie auch auf Voraussetzungen beruht, die nicht in jeder einzelnen Aushandlung erneut zur Disposition stehen dürfen.
Jetzt überlegte ich die ganze Zeit, wie ich meinen geistigen Schnellschuss, der sich für mich so intuitiv richtig anfühlt, logisch konsistent zusammenbekomme.
Die „Hybris“ der Moderne scheint mir zu sein: die Bedingungen der eigenen Selbstbestimmung selbst verfügbar zu machen – ebenso wie die Vorstellung, jede Spannung, jeden Widerspruch auflösen zu können.
Egal, ob von außen auferlegt oder als innere Bedingung des freien Vollzugs – vielleicht ist es ein Drittes: Vollzug, ohne durch unseren Vollzug vollständig gesetzt zu sein.
Eine immanente, aber unverfügbare Bedingung.
Vielleicht ist es eben dieser Widerspruch, der stehen bleiben muss, weil seine Auflösung genau das wäre, was den Widerspruch erst erzeugt: der Versuch, die Bedingung der eigenen Selbstbestimmung selbst zu bestimmen.
Selbstkonstitution ohne Selbstursprung.
Selbstbestimmung ohne Selbstbegründung.
Es gibt etwas, worüber wir gerade nicht vollständig verfügen können – und deshalb können wir auch den Grund unserer eigenen normativen Ordnung nicht vollständig selbst herstellen.
Vielleicht müsste man meinen Schuldbegriff, der den ganzen Gedanken zugrunde liegt, etwas näher definieren. Nicht als moralische oder normative Schuld, sondern als ontologische Schuld, unterteilt in positive und negative Schuld.
Positive Schuld:
Etwas ist – es bindet mich – ich bin ihm etwas schuldig.
Wirklichkeit – Schuld – Verantwortung – offene Zukunft
Negative Schuld:
Ich setze ein Soll – die Wirklichkeit entspricht ihm nicht – ich erzeuge daraus die Schuld des Fehlens.
Verantwortung – Soll – Schuld/Fehlstelle – konstruierte Zukunft
Die positive Schuld trifft mich zunächst als Widerfahrnis. Ich finde mich bereits in einem Verhältnis vor.
Die negative Schuld dagegen benötigt zunächst eine Reflexionsleistung:
Die erste Bewegung geht aus etwas heraus.
Die zweite geht auf etwas hin und erzeugt dabei rückwirkend den Mangel, von dem sie ausgeht.
Wo Verantwortung ihren unverfügbaren Ursprung verliert, erzeugt sie ihre eigene Schuld retroaktiv.
Je stärker negative Schuld die positive Schuld ersetzt, desto mehr muss eine Gesellschaft ihre Ordnung aus sich selbst heraus erzeugen und desto weniger kann sie auf einen vorausliegenden, unverfügbaren Anspruch antworten.
Eine Gesellschaft muss aus sich selbst entstehen, ohne sich selbst vorauszusetzen.
Der Bürger ist für die Gesellschaft unverfügbar genug, um handeln zu können.
Die Gesellschaft ist für den Bürger unverfügbar genug, um eine gemeinsame Welt zu bilden.
Beide sind zugleich verfügbar genug, um einander zu verändern.
Freiheit verlangt die Möglichkeit des Fehlens.
Recht verlangt die Möglichkeit der Antwort auf dieses Fehlen.
Eine Wahl kann die Gesellschaft verändern. Sie kann nicht dadurch, dass sie stattfindet, rückwirkend die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit vollständig aufheben.
Stabilität ist nicht die Aufhebung von Kontingenz, sondern die temporäre Stabilisierung von Kontingenz durch fortgesetzten Vollzug. Eine stabile Ordnung ist eine Ordnung, die ihre eigene Kontingenz auszuhalten vermag.
Staat und Bürger dürfen füreinander verfügbar genug sein, um Recht und Ordnung zu ermöglichen, aber unverfügbar genug bleiben, damit keiner zum bloßen Objekt des anderen wird.
Um diese pseudointellektuelle Abhandlung über die Schnittstelle von Phänomenologie und Deontologie auf die Spitze zu treiben, braucht es natürlich auch noch einen schmissigen Namen wie PTiK – Performative Transzendentale immanente Kontingenz
PTiK bezeichnet die transzendentale Offenheit des Antwortens.
Positive Schuld bezeichnet die Vorgegebenheit dessen, worauf geantwortet wird.
Eine Gesellschaft kann sich selbst konstituieren.
Sie kann sich aber nicht selbst voraussetzen.
Mögen zukünftige Generationen anhand dieses Manifestes im Namen des PTiKismus als Rufisten mit besten Absichten ganze Gesellschaften zugrunde richten
Ich hoffe dies gilt weiterhin
Insofern empfinde ich Deine Ausführungen nicht als Abschweifung, sondern als eigenständige und sehr willkommene Antwort darauf
Bis in die Unendlichkeit und darüber hinaus
Rufus