Eine Minute Ruhe

trivial

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Liebe Chandrika,

Form und Ästhetik Deines Gedichts sprechen mich durchaus an, doch scheint es mir ein inneres Anliegen, die Grundannahme selbst, in der Dein Gedicht für sich vollkommen stimmig ruht, zu hinterfragen beziehungsweise den hier verwendeten Demokratiebegriff zu kritisieren oder vielleicht eher zur Disposition zu stellen.

Der allseits prognostizierte oder prophezeite Untergang der Demokratie ist für mich vor allem ein selbsterfüllender Untergang.

Schon die Vorstellung, unsere Gesellschaftsform sei ein fertiges Gebilde, dessen Fortbestand von außen gesichert werden müsse, verfehlt ihren Charakter und trägt damit selbst zu ihrer Entdemokratisierung bei.

Eine Gesellschaft ist kein Haus, das wir bauen und dann gemeinsam beziehen, aus dem wir unliebsame Bewohner ausschließen oder das abgerissen werden kann. Sie ist kein Ergebnis gemeinsamer Selbstbestimmung, sondern deren Vollzug, das fortwährende Beantworten der Frage, wie wir zusammen leben wollen.

Wer diesen Vollzug aufgibt und die Gesellschaft einem ihr äußerlichen, bereits feststehenden Maßstab unterwirft, gibt dieses konstituierende Moment auf.

Eine freie und offene Gesellschaftsform ist eine immanente Praxis, nicht etwas, das irgendwo „lebt“ und dessen Tod wir beobachten können. Sie ist auch nichts, das wir museal verwalten können, sondern das fortwährende Hervorbringen und Aushandeln ihrer selbst.

Eine Gesellschaft, die ihre eigene Ordnung als offenen Vollzug begreift, entsteht aus einer vorausliegenden (transzendentalen/unverfügbaren) Bindung heraus in eine offene Zukunft – nicht aus einem vorgestellten Zukunftsziel rückwärts als dessen Verwirklichung.

Sie steht in einer Wirklichkeit, die ihr vorausgeht.

Eine Gesellschaft, die sich selbst von außen betrachtet, verliert schon durch die Betrachtung ihre Offenheit und dadurch ihre Freiheit?

Möge man anführen: Freiheit und Offenheit ohne den Blick von außen sind überhaupt nicht möglich. Erst wenn wir heraustreten und uns fragen: „Wie verhalten wir uns eigentlich gerade als Gesellschaft?“, werden Veränderungen, Freiheit und der Schutz von Minderheiten überhaupt möglich.

Aber – und das ist der entscheidende Unterschied: Die notwendige Selbstkritik einer freien Gesellschaft darf gerade nicht von einem imaginierten „Ganzen“ von außen kommen. Sie muss immanent aus ihr – also logisch aus jenen hervorgehen, die das Zusammenleben tagtäglich vollziehen.

Nicht die Gesellschaft als Ganzes reflektiert sich im eigenen Erleben, sondern die Individuen, aus denen sie emergiert.

Sie muss sich von außen betrachten können, aber sie darf keinen tatsächlich äußeren Standpunkt voraussetzen.

Sie muss sich gegenübertreten können, ohne sich gegenüberzustehen.

Nicht alles, was gesellschaftlich geschieht, ist mit dem Prinzip des gesellschaftlichen Vollzugs vereinbar. Aber das Prinzip selbst kann nicht von außen gesetzt werden, ohne sich selbst aufzuheben.

Vielleicht ist diese Betrachtung zu naiv oder verharmlost reale Missstände, und dennoch kommt in mir immer ein gewisses Unbehagen oder ein Gefühl der Entfremdung auf. Ist es auch eine Art Emanzipationsangst meinerseits?

Was wäre, wenn eine Gesellschaft sich aus einem klar definierten, offenen Auftrag abwendet, umdreht und in die Zukunft hinein entwirft?

Ist das das Ideal einer souveränen, selbstbestimmten Gesellschaft oder der Verlust des „Glaubens“ an etwas Größeres – Nietzsches ungeheures Ereignis, welches nun bis zu den Ohren der Menschen gedrungen ist?


Liebe Chandrika, verzeih diese ausufernde Form, die sich erst aus meinem Unbehagen entfaltet hat und so ausführlich gar nicht beabsichtigt war. Vielleicht zirkuliert dieses Unbehagen auch nur ziellos in mir selbst. Nun bin ich mir unsicher, wie viel davon noch konstruktive Kritik an Deinem Text ist oder ob ich hier zu sehr ausschweife, um Fragen zu beantworten, die Du in Deinem Gedicht überhaupt nicht gestellt hast.

Liebe Grüße
Rufus
 
Lieber Rufus,

hab vielen Dank für Deine ausführlichen und so sorgfältig entwickelten Gedanken. Du musst Dich für ihre Länge keineswegs entschuldigen. Im Gegenteil: Ich empfinde es als ein schönes Zeichen, dass mein Gedicht ein Unbehagen berührt hat, das sich nicht in einer kurzen Reaktion auflösen ließ.

Deine Unterscheidung zwischen Gesellschaft als fertigem Gebilde und Gesellschaft als fortwährendem Vollzug finde ich sehr anregend. Auch der Gedanke, Demokratie nicht als etwas zu verstehen, das unabhängig von uns „lebt“ oder „stirbt“, sondern als eine Praxis, die sich im gemeinsamen Handeln immer wieder erst hervorbringt, leuchtet mir ein. In diesem Sinne ist die Rede vom Untergang der Demokratie tatsächlich problematisch: Sie kann uns zu bloßen Beobachtenden eines Geschehens machen, das doch nur durch unser eigenes Tun oder Unterlassen Wirklichkeit gewinnt.

Vielleicht würde ich dennoch nicht ganz auf die Vorstellung verzichten wollen, dass Demokratie auch auf Voraussetzungen beruht, die nicht in jeder einzelnen Aushandlung erneut zur Disposition stehen dürfen. Gerade die Freiheit, über unser Zusammenleben zu verhandeln, braucht Bedingungen: die Anerkennung der anderen als Gleiche, den Schutz von Minderheiten und die Möglichkeit, überhaupt gehört zu werden. Ob diese Voraussetzungen der Gesellschaft „von außen“ auferlegt sind oder ob sie gerade die innere Bedingung ihres freien Vollzugs bilden, scheint mir eine der Fragen zu sein, auf die Dein Brief zuläuft.

Sehr schön finde ich Deine Formulierung, eine Gesellschaft müsse sich gegenübertreten können, ohne sich gegenüberzustehen. Vielleicht liegt genau darin die Spannung demokratischer Selbstkritik: Wir müssen Abstand zu dem gewinnen können, was wir gemeinsam hervorbringen, ohne so zu tun, als könnten wir einen vollkommen neutralen Ort außerhalb davon beziehen.

Ob Dein Unbehagen eine Emanzipationsangst ist, vermag ich nicht zu sagen. Auf mich wirkt es zunächst weniger wie Angst vor Freiheit als wie ein Misstrauen gegenüber jeder Vorstellung, die offene Zukunft könne bereits von einem feststehenden Bild des Richtigen her bestimmt werden. Dieses Misstrauen halte ich nicht für naiv. Es wird nur dort schwierig, wo Offenheit selbst zum absoluten Prinzip wird und uns die Sprache dafür nimmt, reale Gewalt, Ausschlüsse oder Herrschaft als undemokratisch zu benennen.

Du beantwortest damit vielleicht Fragen, die mein Gedicht nicht ausdrücklich gestellt hat. Aber ein Gedicht muss die Gedanken, die es auslöst, auch nicht bereits selbst enthalten haben. Insofern empfinde ich Deine Ausführungen nicht als Abschweifung, sondern als eigenständige und sehr willkommene Antwort darauf.

Herzliche Grüße
Chandrika
 

trivial

Mitglied
Liebe Chandrika,

Vielleicht würde ich dennoch nicht ganz auf die Vorstellung verzichten wollen, dass Demokratie auch auf Voraussetzungen beruht, die nicht in jeder einzelnen Aushandlung erneut zur Disposition stehen dürfen.
Jetzt überlegte ich die ganze Zeit, wie ich meinen geistigen Schnellschuss, der sich für mich so intuitiv richtig anfühlt, logisch konsistent zusammenbekomme.

Die „Hybris“ der Moderne scheint mir zu sein: die Bedingungen der eigenen Selbstbestimmung selbst verfügbar zu machen – ebenso wie die Vorstellung, jede Spannung, jeden Widerspruch auflösen zu können.

Egal, ob von außen auferlegt oder als innere Bedingung des freien Vollzugs – vielleicht ist es ein Drittes: Vollzug, ohne durch unseren Vollzug vollständig gesetzt zu sein.

Eine immanente, aber unverfügbare Bedingung.

Vielleicht ist es eben dieser Widerspruch, der stehen bleiben muss, weil seine Auflösung genau das wäre, was den Widerspruch erst erzeugt: der Versuch, die Bedingung der eigenen Selbstbestimmung selbst zu bestimmen.

Selbstkonstitution ohne Selbstursprung.
Selbstbestimmung ohne Selbstbegründung.

Es gibt etwas, worüber wir gerade nicht vollständig verfügen können – und deshalb können wir auch den Grund unserer eigenen normativen Ordnung nicht vollständig selbst herstellen.

Vielleicht müsste man meinen Schuldbegriff, der den ganzen Gedanken zugrunde liegt, etwas näher definieren. Nicht als moralische oder normative Schuld, sondern als ontologische Schuld, unterteilt in positive und negative Schuld.

Positive Schuld:
Etwas ist – es bindet mich – ich bin ihm etwas schuldig.

Wirklichkeit – Schuld – Verantwortung – offene Zukunft

Negative Schuld:
Ich setze ein Soll – die Wirklichkeit entspricht ihm nicht – ich erzeuge daraus die Schuld des Fehlens.

Verantwortung – Soll – Schuld/Fehlstelle – konstruierte Zukunft

Die positive Schuld trifft mich zunächst als Widerfahrnis. Ich finde mich bereits in einem Verhältnis vor.

Die negative Schuld dagegen benötigt zunächst eine Reflexionsleistung:

Die erste Bewegung geht aus etwas heraus.
Die zweite geht auf etwas hin und erzeugt dabei rückwirkend den Mangel, von dem sie ausgeht.

Wo Verantwortung ihren unverfügbaren Ursprung verliert, erzeugt sie ihre eigene Schuld retroaktiv.

Je stärker negative Schuld die positive Schuld ersetzt, desto mehr muss eine Gesellschaft ihre Ordnung aus sich selbst heraus erzeugen und desto weniger kann sie auf einen vorausliegenden, unverfügbaren Anspruch antworten.

Eine Gesellschaft muss aus sich selbst entstehen, ohne sich selbst vorauszusetzen.

Der Bürger ist für die Gesellschaft unverfügbar genug, um handeln zu können.
Die Gesellschaft ist für den Bürger unverfügbar genug, um eine gemeinsame Welt zu bilden.

Beide sind zugleich verfügbar genug, um einander zu verändern.

Freiheit verlangt die Möglichkeit des Fehlens.
Recht verlangt die Möglichkeit der Antwort auf dieses Fehlen.

Eine Wahl kann die Gesellschaft verändern. Sie kann nicht dadurch, dass sie stattfindet, rückwirkend die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit vollständig aufheben.

Stabilität ist nicht die Aufhebung von Kontingenz, sondern die temporäre Stabilisierung von Kontingenz durch fortgesetzten Vollzug. Eine stabile Ordnung ist eine Ordnung, die ihre eigene Kontingenz auszuhalten vermag.

Staat und Bürger dürfen füreinander verfügbar genug sein, um Recht und Ordnung zu ermöglichen, aber unverfügbar genug bleiben, damit keiner zum bloßen Objekt des anderen wird.

Um diese pseudointellektuelle Abhandlung über die Schnittstelle von Phänomenologie und Deontologie auf die Spitze zu treiben, braucht es natürlich auch noch einen schmissigen Namen wie PTiK – Performative Transzendentale immanente Kontingenz ;)

PTiK bezeichnet die transzendentale Offenheit des Antwortens.
Positive Schuld bezeichnet die Vorgegebenheit dessen, worauf geantwortet wird.

Eine Gesellschaft kann sich selbst konstituieren.
Sie kann sich aber nicht selbst voraussetzen.

Mögen zukünftige Generationen anhand dieses Manifestes im Namen des PTiKismus als Rufisten mit besten Absichten ganze Gesellschaften zugrunde richten ;)

Ich hoffe dies gilt weiterhin

Insofern empfinde ich Deine Ausführungen nicht als Abschweifung, sondern als eigenständige und sehr willkommene Antwort darauf
Bis in die Unendlichkeit und darüber hinaus

Rufus
 



 
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