Eine Minute vor ...

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Inu

Mitglied
*




Eine Minute vor dem Untergang


eine Minute vor dem Untergang
wollte jemand ein Apfelbäumchen pflanzen
das war in einer anderen Zeit
in einer anderen Welt


ich aber werde deine Wange berühren
werde meinen Kopf an deine Schulter lehnen

wirst du mich vermissen mein Sohn
du rätselhaftes Kind?

eine Minute vor dem Untergang
werde ich dich ansehen
wirst du lächeln
denn wir wissen beide:
alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis

eine Minute vor dem Untergang
wird die Sonne weiß sein

eine Minute vor dem Untergang
sind wir unsterblich.

*




Kürzere (alte) Fassung:


Eine Minute vor dem Untergang
wollte jemand ein Apfelbäumchen pflanzen,
ich aber werde deine Wange berühren,
werde meinen Kopf an deine Schulter lehnen.

Wirst du mich vermissen, mein Sohn,
du rätselhaftes Kind?

Eine Minute vor dem Untergang
werde ich dich ansehen,
wirst du lächeln,
denn wir wissen beide:
alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis.

Eine Minute vor dem Untergang
wird die Sonne weiß sein.

Eine Minute vor dem Untergang
sind wir unsterblich.



*
Ich habe bei diesem Gedicht an die Menschen gedacht, die im verminten Theater in Moskau, aber auch in der Schule von Beslan/Südrussland am 2. September 2004 von tschetschenischen Freiheitskämpfern als Geiseln festgehalten wurden und den sicheren Tod vor Augen hatten.

Aber es geht auch um den eigenen ... um jeden Tod.

*




Noch eine Information. Was dem Geiseldrama in Tschetschenien politisch vorausging.
Wie und warum bewaffneter Freiheitskampf ( andere nennen ihn Terrorismus ) entsteht. Man muss beide Seiten sehen.

http://www.friedenskooperative.de/themen/tsche-01.htm
 
S

Sandra

Gast
Hallo Inu,

ein schönes u. stimmungsvolles Gedicht, was berührt.
In dieser Art hattest du bereits einmal ein Gedicht gepostet, ich bin mir ziemlich sicher, da es mir auch damals schon gut gefiel. Es stand, wie ich glaube, erst in Anonymus, schließlich im Forum selbst. Aus diesem Grund halte ich die Widmung für nicht ganz authentisch. Doch, wie du selbst siehst, passt der Inhalt zu dem Zeitgeschehen immer und überall.

LG
Sandra
 

nisavi

Mitglied
hallo inu,

dein text verursacht gänsehaut.
ich erinnere mich sehr gut an die bilder von beslan und daran, dass ich immer gehofft habe, alles würde doch ein gutes ende nehmen.
ich habe ebenfalls versucht, zu schreiben - damals. so ein guter text wie dir ist mir nicht gelungen.
kompliment.

n.
 
B

bonanza

Gast
eines deiner lyrischeren werke, inu.
du hättest besser nach dem gedicht auf "beslan" hinge-
wiesen. vor dem lesen ist man dadurch etwas voreingenommen.

im großen und ganzen gefallen mir die bilder, welche
für die empathie der dichterin zu einem tragischen
ereignis sprechen.
du läßt die poesie aus deinem herzen sprechen.

bon.
 

Inu

Mitglied
Liebe
Nachtwind, Sandra, Nisavi, Bon

es fällt mir manchmal schwer, auf Lob zu antworten. Ich freue mich natürlich sehr darüber und danke Euch allen für Eure positiven Rückmeldungen.

Danke
Inu
 
B

bonanza

Gast
genau genommen ist mir viel zu viel pathos in deinem
gedicht, inu. ich weiß nicht, ob man seine betroffenheit
als weitab außenstehender derart schwülstig über ein
menschlich sehr grausames und tragisches ereignis
verdichten sollte.
das klingt für mich immer wie hohn für die opfer.
oder wie heuchelei - wenn zb. bei der beerdigung meiner
eltern mir entfernte tanten ihr "aufrichtiges" beileid
"sehr" betroffen bekunden, welche ich seit
40 jahren nicht mehr bei meinen eltern sah.

du läßt ja fast nichts aus, inu.
vom terroranschlag über die naturkatastrophe - du
verdichtest es.
das muß man dir lassen.

mir gefiel die lyrik in dem gedicht. sicher nicht der
bezug auf die tragödie von beslan.

bon.

(kannst du mit dieser kritik mehr anfangen?)
 
Liebe Inu,

Empfindungen, die unsere Herzen berühren, in Worte zu fassen, gelingt dir immer wieder ausgezeichnet.
Das, was viele von uns vor Erschaudern verstummen lässt, beschreibst du in perfekter Lyrik.

Alle Achtung!

LG
GFÜ
 
R

Redlich

Gast
Also, ich weiß nicht, entweder hat sich hier die Dichterin auf ein Terrain begeben, auf dem sie sich nicht auskennt, oder sie wollte einfach nur Mal unbewußt ein Loblied auf die Opfer und deren Hinterbliebenen singen. Allerdings kommt es mir eher so vor, als hätte sie sich in ihrer jugendlichen Naivität noch nicht so richtig zwischen Opfer und Täter entscheiden können, was für mich als Leser natürlich einen fatalen Eindruck hinterlässt.

Wie kann ich z.b. Eingangs gleichermaßen den Geiselnehmern und den Geiselopfern gedenken? - Wo ist hier die Unterscheidung?

Absolut Erbärmlich!
 

Inu

Mitglied
Bon

genau genommen ist mir viel zu viel pathos in deinem
gedicht, inu. ich weiß nicht, ob man seine betroffenheit
als weitab außenstehender derart schwülstig über ein
menschlich sehr grausames und tragisches ereignis
verdichten sollte.
[blue]das klingt für mich immer wie hohn für die opfer.[/blue]
Nein, bon
[blue]oder wie heuchelei [/blue]
Nein
- wenn zb. bei der beerdigung meiner
eltern mir entfernte tanten ihr [blue]"aufrichtiges" beileid[/blue]
"sehr" betroffen bekunden, welche ich seit
40 jahren nicht mehr bei meinen eltern sah.
Menschliche Gefühle sind so kompliziert und vielschichtig, Du kennst nicht die Gründe, warum sie nicht früher gekommen sind, ihre Trauer kann trotzdem ehrlich sein, ... vielleicht gehören diese kleinen 'Floskeln' einfach nur zur Tradition der Mitmenschlichkeit, wenn alle anderen Worte nichts mehr bringen.
[blue]du läßt ja fast nichts aus, inu.
vom terroranschlag über die naturkatastrophe - du
verdichtest es.
das muß man dir lassen. [/blue]
Ob Du es glaubst oder nicht, ich möchte manchmal Menschen ( mit meinen wirklich mickrigen Mitteln) ein Denkmal setzen - verdichtet, wie Du sagst ... also über die sachliche, kühle Medien-Beschreibung ihrer Leiden hinausgehend. wär froh, wenn es mir besser gelänge.


Gruß
Inu
 

Inu

Mitglied
Geisterfahrer Überholer

Ich freue mich über Deine Worte ... aber na ja, oft gelingt es mir auch nicht, dieses Gedicht scheint eine der wenigen Ausnahmen zu sein, wo meine Intention mal rüberkommt.

Vielen Dank Dir
Inu
 

Inu

Mitglied
Hallo Redlich

[blue]Also, ich weiß nicht, entweder hat sich hier die Dichterin auf ein Terrain begeben, auf dem sie sich nicht auskennt, [/blue]

Ich kann nur eins sagen: ich lese viele Zeitungen ( aus Sparsamkeitsgründen online ) und verfolge Nachrichten am Fernsehen + Diskussionen. Ich weiß über die Weltereignisse so viel ( oder so wenig ) wie die meisten Leute hier.

[blue]oder sie wollte einfach nur Mal unbewußt ein Loblied auf die Opfer und deren Hinterbliebenen singen. Allerdings kommt es mir eher so vor, als hätte sie sich in ihrer jugendlichen Naivität noch nicht so richtig zwischen Opfer und Täter entscheiden können, was für mich als Leser natürlich einen fatalen Eindruck hinterlässt[/blue].

Gerade weil ich seit Jahrzehnten die Nachrichten verfolge, fällt es mir immer schwerer, zwischen Opfern und Tätern zu unterscheiden. Erklären kann ich Dir das nicht. Was mich noch immer zur Weißglut reizt, ist offensichtliches Unrecht, das nicht bestraft wird. Aber die Unrecht-Täter von heute, können morgen schon Opfer und die Opfer von heute, können morgen schon zu Agressoren und Bombenlegern werden. Ich versuch mich in die EINZELNEN Menschen hinein zu versetzen und ihr jeweiliges Handeln zu verstehen. Aber das hat nur am Rand mit diesem Gedicht zu tun.

[blue]Wie kann ich z.b. Eingangs gleichermaßen den Geiselnehmern und den Geiselopfern gedenken? - [/blue]
Ich kann das, weil ich mich in die unsagbare Wut und Verletztheit der Tschetschenen, die zu Terroristen geworden sind, hineinversetzen kann und gleichzeitig ebenso sehr in die Not und Todesangst der UNSCHULDIGEN OPFER.

LG
Inu
 
B

bonanza

Gast
trotzdem hat redlich mit seiner kritik nicht unrecht.
bei aller mitempfindung für die täterschaft.
man sollte opfer und täter nicht nebeneinander stellen.
das beleidigt die opfer. wenn opfer irgendwann verzeihen
können, empfinde ich das als grandiose menschliche
leistung - oder dass sie wenigstens nicht auf rache
sinnen.
man muß sich entweder für die opfer- oder die täterperspektive
entscheiden, sonst gibt das ein emotionales kuddelmuddel
nach dem motto: ihr seid ja alle so arm dran, und ich
habe solches mitleid mit euch - warum war die welt so
schlecht zu euch?
es ist ehrenhaft, dass man auch an die motive der täter
denkt. aber für manche grausamen taten kann als recht-
fertigung kein motiv der welt herhalten. was diese
terroristen in beslan anstellten ist und bleibt einfach
mies. die einzige moralische instanz, die ihnen verzeihen
kann, ist gott. kein mensch kann das leisten. auch du
nicht, inu. das muß oberflächlich wirken.
es ist einfach unmöglich, täter und opfer in diesem falle
in einem atemzug zu bedauern.

ich weiß, dass du es gut meinst, inu, wenn du die kalten
nachrichten sozusagen in betroffenheitsgedanken und -gefühle
verdichtest. ich will dir das auch nicht nehmen und
betrachte deine bemühungen weiterhin kritisch.

bon.
 

Inu

Mitglied
*




Eine Minute vor dem Untergang


eine Minute vor dem Untergang
wollte jemand ein Apfelbäumchen pflanzen
das war in einer anderen Zeit
in einer anderen Welt

ich aber werde deine Wange berühren
werde meinen Kopf an deine Schulter lehnen

wirst du mich vermissen mein Sohn
du rätselhaftes Kind?

eine Minute vor dem Untergang
werde ich dich ansehen
wirst du lächeln
denn wir wissen beide:
alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis

eine Minute vor dem Untergang
wird die Sonne weiß sein

eine Minute vor dem Untergang
sind wir unsterblich.

*




Kürzere (alte) Fassung:


Eine Minute vor dem Untergang
wollte jemand ein Apfelbäumchen pflanzen,
ich aber werde deine Wange berühren,
werde meinen Kopf an deine Schulter lehnen.

Wirst du mich vermissen, mein Sohn,
du rätselhaftes Kind?

Eine Minute vor dem Untergang
werde ich dich ansehen,
wirst du lächeln,
denn wir wissen beide:
alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis.

Eine Minute vor dem Untergang
wird die Sonne weiß sein.

Eine Minute vor dem Untergang
sind wir unsterblich.



*
Ich habe bei diesem Gedicht an die Menschen gedacht, die im verminten Theater in Moskau, aber auch in der Schule von Beslan/Südrussland am 2. September 2004 von tschetschenischen Freiheitskämpfern als Geiseln festgehalten wurden und den sicheren Tod vor Augen hatten.

Aber es geht auch um den eigenen ... um jeden Tod.

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Noch eine Information. Was dem Geiseldrama in Tschetschenien politisch vorausging.
Wie und warum bewaffneter Freiheitskampf ( andere nennen ihn Terrorismus ) entsteht. Man muss beide Seiten sehen.

http://www.friedenskooperative.de/themen/tsche-01.htm
 

Inu

Mitglied
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Eine Minute vor dem Untergang


eine Minute vor dem Untergang
wollte jemand ein Apfelbäumchen pflanzen

ich aber werde deine Wange berühren
werde meinen Kopf an deine Schulter lehnen

wirst du mich vermissen mein Sohn
du rätselhaftes Kind?

eine Minute vor dem Untergang
werde ich dich ansehen
wirst du lächeln
denn wir wissen beide:
alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis

eine Minute vor dem Untergang
wird die Sonne weiß sein

eine Minute vor dem Untergang
sind wir unsterblich.

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Copyright Irmgard Schöndorf Welch
 

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