Eine Note findet ihr Glück

tastifix

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Meine Geschichte nahm ihren Anfang auf dem Lande. Es war ein Abend in der Adventszeit. Die Unruhe des Tages war verflogen und überall Stille eingekehrt. Unter dem verhangenen Himmel lag die vom Schnee verhüllte Landschaft friedlich da. Unaufhörlich segelten im Laternenlicht wie winzige Diamanten funkelnde Flocken zu Boden.

Ein Spaziergänger stapfte am Feld entlang und genoss froh lächelnd den Anblick der unberührten zauberhaften Schneelandschaft. Kurz darauf kam er in der weitab liegenden kleinen Stadt an. Er freute sich an den in den vorweihnachtlich geschmückten Straßen blinkenden Lichterketten und den warm leuchtenden Kerzenlichtern hinter den mit Tannenzweigen und buntem Adventsschmuck dekorierten Fenstern. Sentimental wurde es ihm zumute. Sinnend ließ er den Blick an der Häuserfront entlang streifen und entdeckte dabei auch im Fenster einer Dachwohnung solch ein Wärme und Gemütlichkeit spendendes Licht ...
Dort wohnte Herr Sänger, ein junger Musiker und nutzte die Abendstunden für seine Arbeit. Überall in seiner Wohnung standen ähnlich liebevoll geschmückte Kerzen. Sogar auf dem großen Schreibtisch flackerte eine vor sich hin. Herr Sänger starrte auf ein leeres, von der Kerze in warme Helligkeit getauchtes Notenblatt. Dessen Linien sahen den Künstler herausfordernd an. Er sehnte sich danach, eine verträumte Melodie zu komponieren, die es wert ist, den Menschen zur Freude bewahrt zu werden. Warum nur hatte er denn so gar keine Idee? Enttäuscht schaute er ins tröstende Kerzenlicht. Ganz in Gedanken versunken griff er sich einen Stift und malte eine grazile Note auf die Linie, betrachtete sie kurz und hoffte, dass noch weitere Noten folgen würden. Aber es klappte einfach nicht. Frustriert legte er den Stift beiseite und entschloss sich, eine Nacht darüber verstreichen zu lassen. „Vielleicht fällt mir ja morgen endlich etwas ein!“
Unzufrieden ging er zu Bett und sank in einen unruhigen Traum ...

Einsam und ziemlich traurig stand die kleine Note dort auf dem ach so großen Blatt. Sie wusste, dass sie dem jungen Künstler allein kaum würde helfen können, höchstens mal beim Stimmen eines Instrumentes.
„Selbst dafür nutzen die Menschen meist mehrere Töne!“, seufzte sie.
Geknickt hätte sie am liebsten den schlanken Hals gebeugt. Stattdessen stand sie weiterhin wie eine Eins auf ihrer Notenlinie. Obwohl sie sich ja nicht rühren konnte, blieb sie trotzdem nicht untätig.
´Wofür hat der Meister mir einen Kopf geschenkt? Doch wohl, damit ich ihn nutze.`
In dem wirbelten die Gedanken dann nur so herum.
´Es muss einen Weg geben, meinem Meister zu einer romantischen Melodie und mir damit auch aus meiner Einsamkeit heraus zu helfen!`
Menschen erfreuen sich ja gern an immer neuen Melodien.
„Leider gibt es überall auch fiese Missklänge. Nicht nur in der Musik!“, dachte die kleine Note.
Weil sie deswegen aber nicht noch trauriger werden wollte, besann sie sich rasch weitaus Erfreulicherem, denn immerhin war sie ja für eine sehr heitere Melodie bestimmt worden. Sie überlegte und überlegte und dann kam ihr die passende Idee:

„Wir Noten tragen dazu bei, Menschen glücklich zu machen. Also sind wir etwas Liebenswertes. Etwas Liebenswertes hat einen guten Draht zum Himmel, der Heimat alles Reinen und Schönen. Und dort musizieren die Engel zu Ehren des Heilands.
„Singen sie nicht den ganzen Tag ´Halleluja`? - Und die Melodien setzen sich aus Noten zusammen. Au ja! Jetzt weiß ich, was ich machen werde!“
Sie entschied, dort um Hilfe zu bitten. Den Menschen stehen in schlimmen Situationen ja Schutzengel zur Seite.
´Mir doch sicherlich auch, denn ich will ja auch meinen Künstler froh machen!`
So schickte die kleine Note ein flehentliches Stoßgebet nach oben. Zwar sind die Engel in der Vorweihnachtszeit mit Arbeit reichlich überlastet, aber trotzdem rauschte die Bitte an seinem persönlichen Schutzengel nicht unbeachtet vorbei. Nein, er unterbrach sofort das Backen und reiste zur Erde in die gemütliche Dachwohnung. In der erschien er seiner Schutzbefohlenen in einem gleißend hellen Lichtkranz.
„Ängstige dich nicht!“, sprach der Engel. „Ich werde Dir helfen, damit Dein Wunsch in Erfüllung gehen kann!“
Die kleine Note hatte sich ziemlich erschrocken, aber bei diesen Worten fasste sie wieder Mut:
„Was kann ich denn ausrichten? Ich bin ja ans Notenblatt gefesselt.“
„Du darfst diese eine Nacht selbstständig durch die Welt reisen und nach einer zu Dir passenden Melodie suchen!!“
Kaum hatte der Engel geendet, war er schon wieder verschwunden und mit ihm das wundersame Licht.
Wie betäubt saß die kleine Note dort und begriff nur so ganz allmählich, was ihr soeben widerfahren war.
„Engel lügen nicht. Also stimmt es. Hach, ist das schön!“
Eine einzige Nacht in Freiheit ... Dann war wirklich keine Zeit zu verlieren.

„Wie komme ich denn nur von meinem Notenblatt herunter?“, fragte sie sich noch, als sie schon ein eigenartiges Kribbeln zunächst im Kopf, danach im Hals und schließlich im ganzen Körper spürte.
„Huch, was ist denn mit mir los?“
Ihr Kopf drehte sich und immer schneller, so dass es ihr beinahe schwindelig wurde. Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, jubelte sie:
„Ist das toll!!“
Denn dann neigte sich sogar ihr Hals bei der kleinsten Regung leicht zur Seite. Und plötzlich löste sie sich von ihrem Platz, wobei sie den Kopf als Rad benutzte und kollerte tatsächlich von ihrer Linie. Zunächst fühlte sie sich so ohne Halt noch etwas unsicher. Aber als schlaue Note - es hatte sie ja ein sehr kluger Meister erschaffen - erkannte sie überall im Raum Ersatznotenlinien. Sie kullerte an der Schreibtischkante entlang, danach seitlich hinunter und nahm den Längsrand des Teppichs als Hilfslinie. Die leitete sie bis hin zur Zimmertür.
Inzwischen bereits mutiger geworden, rollte sie schon etwas schneller durch die Tür bis zum Treppengeländer, hockte sich auf die Brüstung und rutschte in rasantem Tempo nach unten ins Erdgeschoss. Alle Unsicherheit war vergessen.
„Schade, dass mich meine Freundinnen aus den Notenheften jetzt nicht sehen. Die würden blass vor Neid!“
Schließlich verließ sie das Haus. Draußen verhielt sie einen Moment und schöpfte kurz Atem. Noch wie benommen wegen der ungewohnten Freiheit machte sie sich auf den Weg durch die kleine Stadt und hopste unbekümmert die Bordsteine rauf und runter. Zum ihrem Glück schien kein Fahrzeug unterwegs zu sein.Von Verkehrsregeln hatte dieses übermütige Etwas ja noch keine Ahnung, denn es sah ja zum ersten Male etwas Anderes als das eigene Notenblatt. Neugierig schaute die kleine Note umher und hätte beim Anblick der bunten Fenster zu gerne laut getönt. Doch dies war ihr ja noch verwehrt. In ihrer Euphorie bildete sie sich ein, nun die ganze Welt erobern zu können. Nur schade, dass sie keine Gesellschaft hatte.
„Na ja, vielleicht finde ich während der Reise noch eine Kameradin!"

Staunend bummelte sie durch die Straßen.
„Mir ist ja soviel als braver Blattnote entgangen! Ach, wenn ich doch für immer so durch die Welt reisen dürfte!“
Unwillkürlich musste sie daran denken, was der Engel gesagt hatte:
´Nur für die Dauer dieser einzigen Nacht!`
Morgen würde sie wieder unbeweglich auf dem Notenblatt stehen wie zuvor und geduldig darauf warten, dass sie irgendwann einmal in einer Melodie gespielt werden wird! Herr Sänger schwärmte ja für schwungvolle Musik.
„Ne Wagner-Note werde ich also bestimmt nicht!“
Das machte sie ausgesprochen froh, denn die sollten ja schrecklich eingebildet sein.
´Hm, sind ja von einem begnadeten Komponisten in gewaltige Weisen eingebunden worden. Und jene werden von Menschen auf der ganzen Welt geliebt!`
Solche Artgenossen würden sich sicherlich nicht mit einfachen Straßennoten wie ihr abgeben. Das wäre unter deren Würde.

Die kleine Note war am Rand der vertrauten Stadt angekommen und durfte, als sie sie dann endgültig hinter sich ließ, erstmals schneebedeckte Felder bewundern.
„Wie schön das aussieht!!“
Frölich wanderte sie weiter an den Feldern entlang. Nach einer Weile erspähte sie in der Ferne einen hohen Kirchturm.
´Der gehört bestimmt zu einer Stadt!
Sie rollte auf jene Stadt zu und als sie dort ankam, schaute sie auf ein riesiges Häusermeer und entdeckte wirklich einen zweiten Kirchturm, dann sogar noch einen dritten.
„Wo bin ich hier bloß?“
Auf einmal vernahm sie ein Plätschern, das, je weiter sie rollte, ständig lauter wurde. Neugierig folgte sie dem Geräusch, bog um eine Kurve und blieb überrascht stehen. Vor ihr lag ein breiter Fluss, so ähnlich langgezogen wie der Schal, den ihr Musiker sich an kalten Tagen um den Hals band. Gegen den war dieser hier eher ein Dinosaurier-Schal, denn sein Ende war gar nicht auszumachen. An seinem Ufer standen zwei Schilder. Auf dem ersten stand der Name des Flusses, auf dem zweiten daneben der der Stadt.
´Aah, der Rhein! - Und in dieser Stadt leben bestimmt viele Menschen, die gerne Musik hören! Ich guck mich hier mal genauer um! - Und Herr Sänger hat gesagt, dass Düsseldorf gute Theater und sogar eine Oper und dort jeden Abend schöne Melodien gespielt werden.`
Auch sehr viel Romantisches war dabei. Sie blieb noch kurz stehen und schaute dem glitzerndem Wellenspiel zu. Dann aber riss sie sich von dem tollen Anblick los, zog weiter und gelangte in die Altstadt. Dort reihten sich zahlreiche Restaurants und Bars aneinander und von allen Seiten her schallte Musik:
„Rumms, knall, bums, peng!”
„Ach, herrjee!!"
Fix kehrte sie dem Krach den Rücken zu und wanderte bis zur Oper. Vor der wartete bereits eine kleine Menschenmenge ungeduldig auf Einlass. In Schaukästen wurde das Programm angekündigt:
„Oh nein! Wagner!! Nichts für mich. Ich suche eine heitere Melodie!“

Sie pendelte weiter durch die von Laternen erleuchteten Straßenzüge. Völlig verwirrt wegen all der auf sie einstürmenden Eindrücke beachtete sie den Straßenverkehr noch immer nicht. Leichtsinnig wagte sie sich ein wenig zu weit auf die Fahrbahn. Plötzlich quietschte es schrill hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um. Dort machte ein Wagen eine Vollbremsung, um ihr im letzten Moment noch auszuweichen. Denn niemand wollte eine so niedliche Note wie sie überfahren. Bei dem Bremsmanöver rammte das Fahrzeug einen auf der Gegenseite parkenden Wagen. Fluchend stieg der junge Fahrer aus und lehnte sich an sein gleichfalls beschädigtes Auto, sauer auf die Note, auch auf sich selber und noch mehr auf den Unbekannten, der seines ausgerechnet dort drüben abgestellt hatte.
„Entschuldigung!“, stotterte die kleine Note eingeschüchtert und schlug verschämt vor: „Darf ich Ihnen zum Trost etwas vortönen?“
Oje! Der Mann schien diese Bemerkung wohl ziemlich unverschämt zu finden. Sein Gesicht lief vor Wut rot an.
´Hab ich den etwa beleidigt??`
„Deinetwegen komme ich jetzt viel zu spät zur Party!“
Die Note wusste darauf nichts zu ihrer Entlastung zu sagen, murmelte etwas Undefinierbares und verdrückte sich schnell.
´Bloß fix weg hier!`
Ihr selber war ja zum Glück nichts passiert.

„Na, so eine Überraschung! Ich bin schon so lange allein unterwegs und das ist so langweilig!Und jetzt treffe ich Dich, juchuuh! Aber - ausgerechnet unter diesen Umständen!? Bist
Du etwa erste Mal ohne dein Notenblatt unterwegs??“
Perplex drehte sich die kleine Note um und sah sich einer anderen Note gegenüber.
„Weißt Du denn nicht, gefährlich es hier draußen für uns sein kann? - Sei bloß froh, dass Du Dir gerade nicht den Hals gebrochen hast!“
„Nach dem, was Du sagst, bist Du aber schon länger allein unterwegs, ja?“
„Stimmt!“, bestätigte ihr die Andere. „Meinem Künstler gefiel ich für seine Komposition nicht mehr und er hat mich einfach aus dem Heft entfernt. Nun bin ich auf der Suche nach einem passenden Notenblatt.“
„So ein Zufall! Meinem ist nichts eingefallen und deshalb ziehe ich umher, um eine Melodie für uns zu finden. - Lass uns gemeinsam weiterziehen! Wir können aufeinander achten und es macht mehr Spaß zusammen. Ich bin übrigens ein ´E`.“
„Und ich heiße ´A`!“

Die Zwei kamen an vielen Bars vorbei. Das ´E` hatte noch nie eine von innen gesehen und überredete seine neue Freundin, kurz hineinzurollen. Dies aber hätten sie sich besser ersparen sollen:
´Peng, rumms. Peng, peng, rumms!`
„Dies Gejaule soll doch nicht etwa Musik sein … ?“
Fassungslos schaute sie den verrückten Verrenkungen der Leute auf der dafür viel zu kleinen Tanzfläche zu.
´Warum nur können die Menschen sich nicht genauso gesittet benehmen wie wir Noten auf unseren Blättern?`
Zu ihrer neuen Freundin gewandt, vermutete sie dann:
„Die landen garantiert nach Ende der Party alle im Krankenhaus oder sogar in der Klapsmühle!?“
Das ´A` bog sich halb den Hals schief vor Lachen:
„Du, sollen wir auch mal?“
„Nee, ich vergesse nicht meine gute Kinderstube und benehme mich dermaßen unwürdig!“, hielt die Note der Freundin entrüstet vor. „Außerdem lass ich mir in dieser Enge nicht von den Menschen auf dem Kopf herumtreten. Der tut mir bei dem Krach sowieso schon weh genug!“ ´Bloß das nicht: Ich mit einem in einer Menschendiskothek gebrochenen Hals ...`
Obendrein war sich die kleine Note sehr unsicher, ob die in den Menschenkrankenhäusern überhaupt wussten, wie man beschädigte Notenhälse heilt.
´Wenn sie mir den falsch zusammennähen würden, müsste ich meine Karriere vergessen!`
Der unmögliche Krach reichte den Beiden und sie flüchteten wieder nach draußen. Und wohin jetzt? Unsicher schauten sie zur gegenüber liegenden Straßenseite.
„Sieh doch mal! Ein großes Musikgeschäft. Dort finden wir sicherlich viele Notenhefte mit so gut erzogenen Noten, wie wir es sind!“, mutmaßte das ´E`.
Solche schönen Geschäfte findet man in Düsseldorf an der berühmten Königsallee. Gut nur, dass die Zwei gar kein Geld besaßen und somit „ungeschoren“ jene Einkaufsmeile links liegen lassen konnten. Nur das Musikgeschäft weckte ihre Neugierde.

In einer Traumnacht ist alles möglich. So spazierten die kleinen Abenteurer durch die verschlossene Ladentür und fanden sich in einer völlig anderen Welt wieder. An den Wänden standen kunstvoll gearbeitete, blitzende Instrumente wie Geigen, Posaunen, Bässe und Gitarren. In dem hinteren Raum dann begannen ihre Herzen heftig zu klopfen! An der einen Längswand befanden sich Zimmerdecken hohe Regale, auf denen Hunderte wertvoller Notenhefte lagerten und auf der gegenüberliegenden Seite stand sogar ein weißer Flügel. Verzückt bewunderten ihn die Beiden. Was gab es auch für sie Schöneres als sich vorzustellen, auf einem solch wertvollen Notenblatt zu stehen und dann von einem begnadeten Pianisten in einen jubilierenden Ton verwandelt zu werden? Beinahe hätten sie vergessen, dass sie hier waren, um die vornehmen Klassiknoten in den Heften um einen Tipp zu bitten, wo sie ´ihre` Melodie endlich finden konnten! Ein wenig eingeschüchtert kletterten sie an der Wand des ersten Regals empor bis hin zu den Heften mit dem edelsten Äußeren. In geschwungener Goldschrift trugen diese den Namen des Komponisten, dessen Werke sie mit den festen Deckeln vor Schaden bewahrten. Offensichtlich wussten sie darum, wie sehr die Melodien von den Menschen geliebt werden. Hochmütig sahen sie auf die beiden Noten herab, die sich getraut hatten, in ihre hoch edle Gesellschaft vorzudringen.
„Die machen wirklich ihre Aufwartung ohne ein halbwegs anständiges Notenblatt! - Was suchen denn ordinäre Straßennoten in unserem vornehmen Zuhause? Eine Unverschämtheit!!“
Die meisten der Snobs flatterten noch nicht mal, um wenigstens der geringsten Höflichkeit Genüge zu tun, mit dem Deckblatt für ein dann hochnäsiges ´Guten Tag!`. Sie lagen stur abweisend in ihrem Fach und behandelten die armen Besucherinnen wie Luft.
„Mit denen werden wir uns nicht unterhalten!“

Aber es gab auch andere. Auf dem dritten Regal von links trafen die Noten auf ein Heft, dass sich nach einem freundlichen Willkommensgruß bereitwillig auf blätterte und sie sich so edlen Klassik-Noten ein wenig austauschen konnten. Es geriet zum großen Staunen auf beiden Seiten. Jene berichten über große Theater, berühmte und weltberühmte Dirigenten und über die Beifallsstürme des Publikums, das sich nach Ende des Konzertes, noch immer von der Musik verzaubert, auf den Heimweg macht. Sie schilderten es dermaßen lebhaft, dass die kleinen Noten sich alles wunderbar vorstellen konnten und es ihnen darum schwer fiel, nicht vor Aufregung hin- und her zu kollern. Als sie geendet hatten, beugten das ´E` und das ´A` zum Dank gerührt die zierlichen Hälse. Nun beschrieben sie die eigenen Abenteuer, schwärmten von den fantasievoll geschmückten Straßen mit all dem Tannengrün jetzt in der Weihnachtszeit, dem warmen Schein der vielen Kerzen in den Wohnungen der Menschen und von der herrlichen Schneedecke, die alles so märchenhaft schön erscheinen ließ. Doch genauso vergaßen sie nicht, die verrückte Diskothek zu erwähnen. Allein bei der Erinnerung an den scheußlichen Lärm von vor wenigen Minuten wurde es ihnen erneut mulmig. Eine besonders nette Klassiknote hielt mit ihrer Meinung dazu nicht hinter dem Berg:
„Und da habt Ihr Euch hinein gewagt!? Ich wäre vor Schrecken auf den Hals gefallen. Wie furchtbar!“
Die beiden Noten freuten sich über diese herzlichen Worte und verloren alle Scheu. Mutig stellten sie die für sie wichtigste Frage aller Fragen auf dieser aufregenden Reise:
„Kannst Du uns einen Rat geben? Wir suchen schon die halbe Nacht nach einer passenden Melodie für uns. Sie soll romantisch-beschwingt sein, denn die Künstler, die uns geschaffen haben, lieben solche Klänge!“
„Klar doch!“, antwortete die Andere. „Also, Ihr seid nämlich schon fast am Ziel!“
Sie beschrieb ihnen den Weg zu einem besonders gemütlichen Tanzcafe, das ganz in der Nähe in einer Seitenstraße der Königsallee zu finden war. Aufgeregt hörten die kleinen Noten zu. Sollte ihr sehnlicher Wunsch wirklich in Erfüllung gehen?
´Hm, aber die Klassiknote redet doch so überzeugend … !`
Und deshalb begannen die beiden Abenteuerinnen so ganz allmählich an ihr baldiges Glück zu glauben.
„Denk` nur“, meinte die kleine Note zu ihrer Freundin, „Ich glaub`, ich träume!!“
Mit vor Freude tiefschwarz blinkenden Köpfchen verabschiedeten sich die Beiden von ihrer netten Ratgeberin, wünschten ihr und allen Anderen ein Jahrhunderte langes ruhmvolles Dasein und enteilten.

Eilig überquerten sie die Königsallee. Vor Übermut bog die kleine Note viel zu schnell in die dritte Nebenstraße links ein und rollte, ohne abzubremsen, auf die gegenüberliegende Straßenseite zu. Gut nur, dass ihre Freundin schon besser Bescheid wusste in der Menschenwelt und somit auch mit den Gepflogenheiten im Straßenverkehr. Erschrocken hielt sie die kleine Note zurück:
„Bist du verrückt geworden? Du saust ja gleich vor den nächsten Baum!“
Mit der Spitze ihres Notenhalses über das Pflaster kratzend, bremste die kleine Note beschämt ab. Während sie langsamer weiter rollte, schaute sie forschend nach dem besagten Lokal umher.
„Dort!!“, rief sie und deutete mit ihrem Hals auf ein hellerleuchtetes Haus. Trotz der Entfernung klang ihnen bereits Musik entgegen und die hatte so gar keine Ähnlichkeit mit dem Gejaule in der Bar vorhin. Sanft und verspielt waren die Melodien, mit deutlich erkennbarem Takt vorgetragen. Das muss auch so sein, denn in einem richtigen Tanzcafe bewegen sich die Menschen auf dem Parkett genau im Rhythmus der Musik. Neugierig rollten die Beiden durch die große Eingangstür, an der Garderobe vorbei und hinein in den Tanzsaal. Staunend betrachteten sie den großzügig bemessenen Raum mit den gemütlichen Sitznischen ringsum. In denen luden hochlehnige Sofas an niedrigen runden Tischen zum Verweilen ein. Alle Tische schmückten echte Kerzen in hübschen Messingständern.„Wie schön das hier alles aussieht!“
Noch mehr aber begeisterte sie das Tanzparkett in der Mitte in der Mitte des Saales. Es war so schön wie das einer richtigen Tanzschule. Und am anderen Ende des Raumes sorgte ein Disjockey für das Abspielen der Cds.

Hier fühlten sich die Noten sofort wohl und heimisch. Sie genossen es zuzusehen, wie sich die Menschen dort in eleganter Kleidung im Einklang mit der Musik im Kreis drehten. Stolz führten jene komplizierte Tanzschritte vor und freuten sich sichtlich über die bewundernden Blicke der Zuschauenden, zu denen ja auch die kleinen Noten zählen, die vor deren Vorführungen ganz fasziniert waren. Nach einer kurzen Pause setzte erneut die Musik ein. Die Zwei horchten auf. Ihnen wurde richtig leicht und fröhlich zumute. Plötzlich hielt sie nichts mehr auf ihrem Platz. Solch eine jubilierende Weise!
´So soll unsere Melodie klingen! Ganz ähnlich müsste sie sein!!`
Die Musik erreichte ihr Herz. Zunächst zitterten nur ihre Notenhälse hin und her. Dann aber begann auch ihr Kopf zur Seite zu rucken.
„Sollen wir nicht auch mal?“, drängte die Freundin und zog die kleine Note aufs Parkett.
Langsam drehten sie sich im Kreise, neigten beim Tanzen die hübschen Hälse und überließen sich ganz der fröhlichen Melodie. Immer temperamentvoller wirbelten die Paare strahlend, verzaubert von den Klängen, über die Tanzfläche. Genauso erging es unseren Noten. Vor lauter Wonne bildeten sie sich ein zu schweben. Sie schlangen die Notenhälse umeinander und gaben sich Träumereien hin.
„Wenn dieser Tanz doch niemals enden würde!“, seufzte die kleine Note.
Beide schlossen entrückt die Augen. Als es bald darauf wieder hieß ´Pause`, wussten sie, dass sie ihre Melodie empfunden haben. Nur komponiert werden musste sie noch, genau so leicht und verträumt!

Die kleine Note hoffte sehr, dass ihrem Meister am Morgen die passende Idee einfallen würde. Aber etwas Unterstützung dabei konnte ja nicht schaden.
„Ob ich mich noch ein zweites Mal um Hilfe an den Engel wenden darf?“
Nach kurzem Zögern kamen das“E“ und das „A“ überein, es einfach zu wagen. Etwas Schlimmeres als eine Absage konnte ihnen ja nicht blühen. Also Mut! Das „E“ gedachte intensiv seines Kameraden im Himmel, der ihm doch auf so wunderbare Weise schon einmal geholfen hatte. Gemeinsam mit ihrer Freundin wartete die kleine Note nach einem flehend vorgetragenem Gebet gemeinsam mit seiner Freundin auf ein Zeichen von dort oben. Ganz still verharrten sie dort auf ihrem Fleck. Sie mussten sich nicht lange gedulden. Der Engel des kleinen „E“ vernahm die Bitte und machte sich sofort ein zweites Mal auf die Reise zu ihr. Bald leuchtete in der Dunkelheit vor dem Tanzlokal jenes überirdische, wärmende Licht. In dessen Strahlenkranz sahen die Noten wieder den Engel. Mit zärtlicher Stimme sprach er zu seiner kleinen Schutzbefohlenen:
„Es ist lobenswert, dass Du nicht allein an Dein eigenes Glück denkst, sondern dabei auch Deinen Meister nicht vergisst und ihm beweisen möchtest, wie dankbar Du ihm bist,dass er Dich geschaffen hat. Deshalb werde ich Dir auch jetzt wieder helfen. - Und ein Musiker, der seine Noten so fürsorglich akkurat aufs Papier malt, ist mit Sicherheit ein sehr sensibler Mensch, der auch mit allem Anderen behutsam umgeht.“
Der Engel schwieg einen Moment und fuhr dann fort:
„Auch Deiner Freundin werde ich helfen! Zur Belohnung für Euer Verhalten soll Eure Freundschaft nach dieser Nacht nicht vergehen. Euch wird es beschieden sein, in einer gemeinsamen Melodie Euer Glück zu finden. Morgen wird Dein Musiker eine weise komponieren, die noch tausendmal schöner ist als alles, was Ihr bislang gehört habt. Sie wird ihm und Euch zu Ruhm und Ehre gereichen!“
Sprach es, war verschwunden und mit ihm das wundersame Licht.

Stumm schauen sich die Zwei an. Ihre Köpfe glänzen tiefschwarz vor Freude. Als sie sich wieder etwas gefasst hatten, kullerten sie übermütig herum.
„Wir werden immer zusammen sein und auch berühmte Theater erobern!“
Im selben Moment erklang leise eine liebliche Melodie. Wunderlich wurde es den Noten zumute, so, als ob sie fliegen würden. Verunsichert blickten sie zurück zum Tanzlokal und stutzten:
„Merkwürdig, wieso ist es plötzlich so klein? - Bei solch sanften Klängen kann uns aber wohl nichts Böses widerfahren, ja!?“
Sich umklammernd, versuchten sie sich gegenseitig zu beruhigen. Das Gefühl der Leichtigkeit war keine Einbildung, denn, wie von einem Windhauch getragen, hatten sie den Boden verlassen und schwebten nun hoch und höher. Die Häuser blieben wie Spielzeughäuschen zurück, die Autos wie bunte Stecknadelknöpfe. Kur darauf konnten sie die Menschen gar nicht mehr erkennen. Ja, so weit hatten sie sich inzwischen empor geschwungen, flogen nun wie Flugzeuge am Himmel dahin und wichen dabei immer wieder schweren Wolken aus, die der Erde neuen Schnee bescheren sollten. In der Dunkelheit, die sie umgab, leuchteten aber statt der Sonnenstrahlen des Tages Millionen große und kleinere, hell blinkende und schwächere Himmelslaternen, die Sterne und nahmen so der Nacht das Bedrohliche. Tief berührt setzten die Noten stumm ihre Reise durch die friedvolle Stille fort. Während sie das geheimnisvolle Sternenmeer betrachteten, stellten sie sich tiefgründige Fragen:
´Birgt unsere kleine Erde im Universum, diesem all umfassenden Wunder, wirklich das einzige Leben? - Was wird uns wohl noch begegnen?`
Verzaubert von der sie umgebenden Pracht, dachte die kleine Note:
´Die Sterne sind viel schöner als all die Diamanten in den teuren Geschäften der Königsallee!`

Nach einigen Stunden verblassten die Himmellaternen mehr und mehr. Weil deren Anblick die Notenherzen nicht länger wärmte, begannen die Beiden zu frieren. Was war nur geschehen? Sie waren zurück in die nun dichte, schwer und dunkel den Himmel verhängende Wolkendecke eingetaucht. Aus ihrem Sternentraum gerissen, fanden sie in der Kälte die Sprache wieder:
„Ach, ich wäre so gerne für immer bei den Sternen geblieben!“, seufzte das „E“ .
„Hast du etwa schon vergessen, weshalb wir nur unterwegs sein durften?“
„Ach ja, du hast ja Recht!“
Die kleine Note nickte traurig. Dann aber klang sie wieder froher:
„Aber, wenn ich an das Schöne denke, das auf uns wartet, wird es mir gleich wieder wunderbar warm.“
Ja, sie waren auf dem Rückflug zur Erde. Ein heller Streifen am Horizont kündigte an, dass die Nacht, die sie soviel Gutes hatte erfahren lassen, sich dem Ende zuneigte. Kurz darauf entdeckten sie bereits die Kirchturmspitze und die vertrauten Straßen unter sich. Noch eine letzte Flugkurve und die kleine Note war daheim.
„Von nun an ist es auch dein Zuhause!“, sagte sie zu ihrer Freundin.
Sie kullerten durch die Haustür, hockten sich auf das untere Ende des Treppengeländers und huschten hoch in den ersten Stock. In einer Traumnacht wie dieser ist alles möglich und so gelangten sie trotz verschlossener Wohnungstür in die Diele und von der Diele in das Arbeitszimmer. Dort rollten sie am Teppich entlang bis zum Schreibtisch des Meisters. Eilig kletterten sie am Tischbein hoch und kollerten möglich rasch über die Tischplatte zurück auf das dort noch immer wartende, leere Notenblatt. Wie von Engelshand geleitet, tänzelten sie übermütig kreuz wie auch quer über die Linien und hinterließen dabei überall schwarze Tupfen. Zuletzt dann nahm auch das ´A` auf der Notenlinie einen festen Platz, ganz nah neben dem, den der Künstler dem kleinen ´E` zugewiesen hatte. Von dem Moment an benahmen sie sich wie alle gut erzogenen Noten, wackelten weder mit dem Kopf noch drehten sie den Hals, sondern warteten, sich nach der versprochenen Melodie sehnend, in stolzer Haltung regungslos auf Herrn Sänger, den Komponisten.

Allmählich wurde es hell in der gemütlichen Dachstube, es war Morgen. Vormittags schneite es ununterbrochen und bald waren selbst die Fußspuren des Spaziergängers, der am Vorabend durch die Straßen gewandert war, nicht mehr zu sehen. Alles wirkte vollkommen unberührt und sehr romantisch. Der Musiker wachte auf, reckte sich kräftig und öffnete verschlafen die Augen. Er hatte einen wunderlichen, aber schönen Traum gehabt und war darum besonders gut gelaunt.
„Hm, eigenartig! Denn eine Melodie weiß ich doch immer noch nicht!“
Nach einer Stippvisite im Bad frühstückte er gemütlich, setzte sich an den Schreibtisch, wollte sich erneut den Kompositionen widmen und stutzte:
„Wie ... !??“
Er erinnerte sich genau, dass er gestern frustriert den Stift zur Seite gelegt hatte, weil ihm nichts einfallen wollte. Und jetzt? Ganz deutlich sah er sie, die beiden Noten, von denen er aber nur die eine selber auf die Linie gezeichnet hatte.
„Wo kommt nur die zweite her? - Quatsch! Ich bin wahrscheinlich noch nicht richtig wach!“
Verwirrt verschwand er ins Bad, wusch sich mit einem kalten Waschlappen durchs Gesicht und kehrte schnell an den Schreibtisch zurück.
„Jetzt wird alles wieder seine Ordnung haben.“
Fassungslos starrte er auf das Blatt:
„Das gibt’s doch nicht!“
Immer noch schaut ihm die fremde Note lieb entgegen. Auch auf den übrigen Linien entdeckte er welche. Herr Sänger grübelte:
„Es ist kurz vor Weihnachten! Hat im Himmel vielleicht jemand meine vergeblichen Versuche mitbekommen, etwas Schönes zu komponieren? Ist mir etwa ein Wunder widerfahren?“
Je länger er darüber nachsann, umso wahrscheinlicher erschien es ihm. Froh nahm er den immer noch sorgfältig gespitzten Bleistift zur Hand:
„Die Himmelsnote und auch all die anderen nutze ich für meine neue Komposition!“
In den nachfolgenden Stunden zeichnete er rasch, damit er sie nicht gar in letzter Sekunde wieder vergaß, die noch fehlenden Noten auf das Notenblatt. Mit jeder weiteren ausgefüllten Linie steigerte sich seine Freude. Gegen Mittag legte er zufrieden den Bleistift zur Seite und griff sich seine Geige.
„Ping!“
Schön! Weitere Töne folgten. Mehr und mehr erfüllte ihn unbändiger Stolz. Jene Melodie war genau die, wie er sie sich immer ersehnt hatte.
´Heute Nachmittag kommt ja Michael. Ob sie ihm wohl gefallen wird?`

Als sie am Nachmittag gemütlich zusammensaßen, erwähnte Herr Sänger die neue Komposition.
„Magst du sie mir mal vorspielen?“, bat sein Freund.
Schon bei den ersten Tönen horchte er auf und, je länger Herr Sänger spielte, umso aufmerksamer lauschte Michael. Als er geendet hatte, schaute der Musiker seinen Freund forschend an. Doch zu fragen brauchte er gar nicht erst. Die Antwort konnte er auf dessen Gesicht ablesen.
„Toll! Diese Musik muss noch viel mehr Menschen erfreuen.“
In den nächsten Tagen organisierte Michael ein Künstlertreffen. Die Zuhörer reagierten begeistert und drängten darauf, dass Herr Sänger diese Musik einem noch größeren Publikum vorstellen sollte. Einer der Zuhörer war mit dem Direktor des Opernhauses gut bekannt und berichtete ihm von diesem Talent. Neugierig geworden, lud jener Herrn Sänger zum Vorspiel ein und lauschte dann fasziniert.
„Was halten Sie davon, Ihr Werk im Rahmen eines Galaabends vorzustellen?“
Herr Sänger konnte es kaum fassen, dass ihm eine solche Ehre zuteil werden sollte und sagte rasch zu, damit der Direktor sein Angebot nicht noch wieder zurückzog.

Am Samstag darauf wartete Herr Sänger, das Notenblatt unter den Arm geklemmt, hinter der Bühne, mit heftigem Herzklopfen auf seinen Auftritt. Er lüftete den roten Vorhang ein wenig und riskierte einen Blick aufs Publikum. Ob die Vorstellung wohl ausverkauft war?
„Ach du meine Güte!“
Es war ja für ihn das erste Mal, dass er auf einer solch großen Bühne vor einem so erlesenen Publikum agieren sollte. Schon wurde er angekündigt. Schnell rückte er die Fliege ein letztes Mal zurecht und war dann recht zufrieden mit sich. Der dunkelblaue Smoking kleidete ihn wirklich vortrefflich. Nun war es soweit. Er atmete tief durch, seine Hand umklammerte das Notenheft und er betrat die Bühne. Es empfing ihn ein höflicher Begrüßungsapplaus. Nach der eleganten Verbeugung zum Publikum begann er zu spielen. Die ersten Töne brachte er noch etwas schüchtern dar. Danach aber vergaß er alles um sich her und vertiefte sich in sein Geigenspiel. Die Noten auf dem Blatt wussten um die Bedeutung dieser Minuten und standen kerzengerade auf den Linien. Ihre stolz blinkenden schwarzen Köpfe vermittelten ihm Zuversicht. Immer ungezwungener, flüssiger wurde sein Spiel, bis er dort völlig entrückt saß und sich an der eigenen Musik berauschte.

Kurz darauf endete der Vortrag. Der letzte Ton verklang, Herr Sänger hatte alles gegeben und nun Mühe, in die Wirklichkeit zurückzufinden. Stille herrschte im Saal. Dann aber löste ein erstes Klatschen die knisternde Spannung. Immer mehr Hände brachten dem Musiker regelrechte Ovationen dar. Sogar Bravorufe schallten durch den Raum. Wieder und wieder musste er sich verbeugen. Herr Sänger war überwältigt. Das Publikum sah er nur noch wie durch einen Schleier, denn vor Freude stiegen ihm Tränen in den Augen. Während einer weiteren Verbeugung streifte sein Blick zufällig das Notenblatt. Hatten das ´E` und das ´A` ihm etwa gerade strahlend zugeblinzelt? Er war sich dessen nicht sicher, aber in seiner Freude blinzelte er ebenso strahlend zurück. Was er nicht mitbekam: Die kleine Note flüsterte ganz leise in all dem Jubel:
„Jetzt sollten uns mal die hochmütigen Klassiknoten sehen. Die würden blass vor Neid!“
Und ihre Freundin ergänzte:
„Nun dürften wir sie wie Luft behandeln. Denn wir haben sogar das Publikum in diesem berühmten Theater begeistert!“
Die Beiden schauten sich glücklich an, nickten nochmals dem Musiker zu und gaben sich dann der Wonne des sie um rauschenden Beifalls hin. An diesem Abend hörten sie ihn zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Male in ihrem sicherlich noch sehr, sehr langen Dasein!!
 

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