Eine schrecklich verliebte Frau (eine verspätete Geschichte zum Frauentag)

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Ende der 90er Jahre

Corinna war verliebt. So richtig verliebt, mit Schmetterlingen im Bauch und Herzklopfen, wenn sie Joachim nur von weitem sah. Nie hätte sie gedacht, dass ihr das nochmal passieren würde: verliebt zu sein wie ein Teenager, und das mit 35 Jahren, kurz nach der Scheidung von Gernot, als Mutter von einer mehr als schwierigen Tochter, die in der vorpubertären Phase steckte und gegen alles und jeden rebellierte. Erst recht gegen Joachim. Zum Glück ließ er sich von Birtes gebührend zur Schau gestellten Ablehnung nicht abschrecken und kam trotzdem immer wieder. Oder er kam, wenn sie nicht da war. Wie an diesem Wochenende. Birte war bei ihrem Vater und Corinna lief in der Wohnung nervös auf und ab, bis es endlich klingelte.
Freudestrahlend öffnete sie die Tür und fiel Joachim um den Hals. Er schob sie zur Seite.
„Mach nicht so ein Theater", sagte er milde, „man könnte ja meinen, ich sei ein Jahr lang weg gewesen."
„Ich freue mich eben so! Wir haben ein ganzes Wochenende für uns!"
Sie ging vor ihm her ins Wohnzimmer, doch Joachim packte sie am Arm und dirigierte sie ins Schlafzimmer.
„Jetzt schon?" Corinna lachte, freudig erregt. Sie liebte es, mit Joachim zu schlafen, seinen Körper auf sich zu spüren, seine Wärme und sein schnelles Herzklopfen, wenn er gekommen war. Mit vor Erwartung zittrigen Fingern zog sie sich so schnell wie möglich aus und schlüpfte zu Joachim ins Bett. Er streichelte sanft ihre Brüste, dann glitten seine Hände tiefer. Corinna stöhnte auf, als er sich auf sie legte. Und dann fiel ihr urplötzlich etwas ein.
„Der wievielte ist heute?"
„Was?" Joachim hielt in der Bewegung inne und starrte sie verblüfft an.
„Der wievielte ist heute? Ich glaube, heute ist es gefährlich. Ich will nicht schwanger werden. Das lassen wir besser."
Corinna wollte sich unter ihm wegrollen, doch Joachim hielt sie fest.
„Warum nimmst du auch keine Pille?"
„Ich habe die letzten Jahre in meiner Ehe immer die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage ausgerechnet und das hat immer geklappt, da brauch ich mich nicht mit Hormonen vollzustopfen. Würdest du mich jetzt bitte aufstehen lassen?"
Corinna hatte die Frage in spielerischem Ton gestellt. Aber Joachim ging nicht darauf ein.
„Das könnte dir so passen. Erst mich scharf machen und dann abhauen."
Und ehe Corinna sich versah - er hielt sie immer noch fest - drang er in sie ein, obwohl sie versuchte, sich zu wehren. Das klappte natürlich nicht, er war viel stärker als sie. Was aber viel schlimmer war: er ejakulierte in sie hinein. Da versuchte sie gar nichts mehr: Jetzt war alles zu spät. Sie lag still unter ihm, völlig benommen von der Situation. Eine Schwangerschaft war das letzte, was sie brauchen konnte. Als Corinna sich der ganzen Folgen bewusst wurde, konnte sie es nicht verhindern, dass ihr Tränen die Wangen hinunter liefen.
„Ach, mach dir keine Gedanken. Wird schon nichts passiert sein." Joachim ließ sich neben sie fallen.
Sie gab ihm keine Antwort.

Später kochten sie gemeinsam. Corinna hatte überlegt, ob sie ihn rauswerfen sollte. Aber was hätte sie davon? Sie liebte ihn doch... Sie beschloss, nicht mehr an den Vorfall zu denken. Vielleicht hatte sie ja auch Glück und es war nichts passiert.
Nach dem Essen zeigte Joachim ihr überraschend ein Bild von einem etwa zehnjährigen Jungen. „Das ist mein Sohn", erläuterte er. Corinna betrachtete das Foto interessiert.
„Du hast mir noch gar nichts von ihm erzählt."
„Ich sehe ihn ja auch nie. Er lebt bei seiner Mutter. Die hat mir das Bild geschickt, weil sie denkt, ich bezahle ihr dann Unterhalt. Aber da kann sie lange warten." Joachim steckte das Bild wieder ein.
Der Rest des Wochenendes verlief harmonisch. Joachim verabschiedete sich erst Sonntagabend, eine halbe Stunde, bevor Birte nach Hause kommen sollte.
„Auf das Gemecker von deiner Tochter habe ich keine Lust", sagte er entschuldigend.
Corinna war nicht böse darüber. Es war schön, einen Abend für Birte Zeit zu haben und montags musste sie sowieso wieder in die Kanzlei, da war es gut, ein wenig gedanklich von dem Vorfall an diesem Wochenende runter zu kommen. Kurz nach der Scheidung hatte sie eine Halbtagsstelle in ihrem Beruf als Rechtsanwaltsgehilfin gefunden. Der Job verlangte Konzentration, und sie konnte es sich nicht leisten, ständig mit den Gedanken abzuschweifen.

Im nächsten Monat blieb die Periode aus. Auch fünf Tage nach Fälligkeit war nicht die geringste Spur von Blut im Slip zu sehen. Schlecht war es Corinna nicht. Dafür spannten die Brüste extrem. Nach zwei weiteren Tagen kaufte sie einen Schwangerschaftstest, der nur bestätigte, was sie längst wusste. Sie sagte Joachim Bescheid, der ihr empfahl, abzutreiben. Mehr kam von ihm dazu nicht. Aber sie war ihm nicht böse, sondern immer noch verliebt.

Corinna ging zu ihrer Frauenärztin und schilderte ihr die Situation.
„Ich kann das Kind nicht bekommen", sagte sie verzweifelt. „Ich habe schon eine Tochter, ich bin geschieden, wir kommen gerade so über die Runden. Ich hätte noch nicht mal ein Zimmer für das Kind in meiner Wohnung. Arbeiten gehen könnte ich auch nicht mehr. Und ich weiß, dass mein Freund bereits ein Kind hat, für das er keinen Unterhalt bezahlt. Er würde mich sicher nicht unterstützen. Und heiraten schon gar nicht."
Die Frauenärztin war freundlich und verständnisvoll. „Also es ist so", sagte sie nach der Untersuchung, „Sie müssen das Kind nicht mehr bekommen. Bis zur 12. Woche dürfen Sie straffrei abtreiben. Sie sind in der sechsten Woche, wir liegen gut in der Zeit. Aber zuerst müssen Sie zur Beratung."
Corinna nickte. „Machen Sie diesen... Eingriff?"
„Nein, ich mache es nicht, das macht ein Kollege. Aber ich schreibe Ihnen schon mal ein Rezept für die Pille auf. Die sollten Sie nach dem Eingriff unbedingt nehmen."

Einige Tage später war Corinna bei der Beratung. Auch dort war man sehr verständnisvoll. Joachims Namen gab sie nicht an. Er hatte darum gebeten, herausgehalten zu werden. Es spielte ja auch keine Rolle.
Nicht verständnisvoll war der Arzt, der den Eingriff vornehmen sollte.
„So", sagte er und musterte Corinna streng durch seine Brille. „Von Verhütung haben Sie wohl noch nie etwas gehört?"
Corinna wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie hatte keine Lust auf ein Streitgespräch. Vor allen Dingen hatte sie keine Lust, es sich mit dem einzigen Menschen, der ihr helfen konnte, zu verderben. Also senkte sie schuldbewusst den Blick und schwieg.
„Nun gut, ich werde es tun." Der Arzt machte eine Pause, als ob er Beifall erwarten würde und sprach dann mit erhobener Stimme weiter. „Aber ich tue es nicht gern! Und Sie sollten sich am besten gleich sterilisieren lassen. Damit Ihnen so etwas nicht noch einmal passiert."
Corinna antwortete nicht darauf. Mochte er sagen und denken, was er wollte! Mochte er sie verachten, was interessierte sie es! Hauptsache, er führte die Operation aus.

Eine Woche später war es soweit. Der Eingriff wurde ambulant durchgeführt, danach musste Corinna noch ein paar Stunden zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Erstaunt bemerkte sie Schmerzen und fragte die Schwester danach.
„Das sind Wehen", bekam sie zur Antwort. „Das ist völlig normal."
Stimmt, dachte Corinna. Fühlt sich an wie Wehen. Nun ja, eine Geburt tut ja schließlich auch weh. Aber warum hatte ihr das hier keiner gesagt?

Am Abend rief Joachim an und fragte, wie der Eingriff verlaufen sei.
„Alles in Ordnung", sagte Corinna. „Ich bin nicht mehr schwanger. Aber ich glaube, wir sollten uns nicht mehr sehen."
Sie legte auf und sah die Wand an. Sie erinnerte sich daran, wie sie in ihrer Jugend in den 70ern mit ihren Freundinnen Abtreibungen und Frauen, die es taten, scharf verurteilt hatte.

Jetzt empfand sie nur Dankbarkeit - Dankbarkeit den Frauen gegenüber, die dafür gekämpft hatten, dass sie ihrem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert gewesen war.
 
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Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Begründung für die drei Punkte? Ich denke, das ist ziemlich einfach. Drei Punkte: das heißt "Durchschnitt." Ich finde, der ziemlich hausbacken daherkommenden Geschichte weniger Punkte zu geben, wäre ungerecht gewesen.

Gruß Ralph
 
Begründung für die drei Punkte? Ich denke, das ist ziemlich einfach. Drei Punkte: das heißt "Durchschnitt." Ich finde, der ziemlich hausbacken daherkommenden Geschichte weniger Punkte zu geben, wäre ungerecht gewesen.

Gruß Ralph
Etwas schlecht bzw. durchschnittlich zu finden und das dann damit zu erklären, weniger Punkte seien ungerecht gewesen, ist keine Begründung.
 

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