Eine Wanderung am 1. Mai 1976

Es war ein schöner, klarer Morgen. Nachdem sich die ersten Sonnenstrahlen nur zaghaft hatten blicken lassen, herrschte um 11 Uhr strahlender Sonnenschein, wie geschaffen für eine Wanderung. Als Treffpunkt war die alte Hütte am sogenannten Trampelpfad genannt worden. Von dort aus sollte es zur Burg Carr auf dem großen Felsen gehen, unter anderem ein beliebtes Wanderziel auf Klassenausflügen. Gordon war das letzte Mal vor sechs Jahren dort gewesen, in der 9. Klasse.
Er war vor den anderen an der Hütte und sah sich um. Es bot sich ein friedlicher Anblick. Wiesensalbei blühte am Wegesrand, auch Klatschmohn und Butterblumen waren vereinzelt zu sehen. Hier war der Weg noch eben, doch er würde bis zur Burg immer steiler werden, soweit Gordon sich erinnerte.
„Von dort hat man einen wunderbaren Ausblick, weißt du noch?“, hatte Jonathan am Telefon gesagt. „Wir würden uns so freuen, wenn du mitkommst.“
„Wer kommt denn noch mit?“
„Nur Erika. Meine neue Freundin. Ihr kennt euch von früher, hat sie mir erzählt, aus der Schule.“
Gordon hatte nach Ausflüchten gesucht, aber ihm war nichts eingefallen. Vor allem hatte er auch nichts anderes vor, und wer wollte am 1. Mai schon alleine zu Hause sitzen? So sagte er zu. Erika … wie lange war das her? In der 9. Klasse hatten sie ein Techtelmechtel gehabt. Es hatte nicht lange gehalten, da Erika ihm einfach zu kapriziös gewesen war. Ihre Launen gingen ihm ziemlich schnell gegen den Strich. Nie war sie mit etwas zufrieden gewesen, und mit der Treue hatte sie es auch nicht so genau genommen.
Nach dem Schulabschluss hatte man sich aus den Augen verloren. Und nun war Erika mit Jonathan, seinem besten und zwei Jahre älteren Freund, zusammen. Gordon musste sich eingestehen, dass er neugierig darauf war, Erika wiederzusehen.

„Huhu! Huhu, Gordon!“ Von weitem erklang ein Rufen und ein Lachen. Er schaute in die Richtung, und kurz darauf standen sie vor ihm: Jonathan und Erika, Hand in Hand, lachend, glücklich, mit Rucksäcken bepackt.
„Hi, ihr beiden!“ Er reichte Erika die Hand. „Das ist ja ewig her! Gut siehst du aus!“
„Du auch!“ Sie schüttelte seine Hand kräftig. „Ja, die Zeit vergeht. Was machst du so? Hat es geklappt, was du damals vorhattest?“
„Ja.“ Gordon war überrascht, dass sie das noch wusste. „Ich habe das Abitur gemacht und studiere jetzt Naturwissenschaften. In Mainz. Und du?“
„Ich arbeite im Büro“, erklärte Erika. „Im Moment bei einer Getränkefirma. Aber mein Traumberuf ist das eigentlich nicht.“
„Du kannst ja später bei mir auf dem Bauernhof arbeiten“, mischte Jonathan sich ein. „Da bist du immer an der frischen Luft.“
„Außer im Stall bei den Kühen“, grinste Gordon.
Erika lachte. „Das sehen wir mal. Können wir los oder warten wir noch auf jemanden?“
Gordon schüttelte den Kopf. „Ich bin allein unterwegs.“
„Dann mal los! Wir haben noch ein gutes Stück vor uns.“

Die nächsten drei Stunden verliefen ohne besondere Ereignisse. Sie folgten wie geplant dem Wanderweg, lachten und redeten über Belangloses unterwegs, und Gordon bemerkte, dass Erika ihm ab und zu von der Seite Blicke zuwarf, die er zu ignorieren versuchte.
Kurz nach 14.00 Uhr hatten sie die Burg erreicht, zu der auch ein gut besuchtes Café gehörte. Erika steuerte einen freien Tisch an. „Leute, wir haben es geschafft! Jetzt trinken wir erst mal etwas.“ Das ließen sich die beiden jungen Männer nicht zweimal sagen. Der lange Weg hatte durstig gemacht, und beide bestellten ein kühles Bier. Erika zog eine Cola vor.
„Was machen wir mit dem angebrochenen Tag?“, fragte sie, als die Getränke vor ihnen auf dem Tisch standen. Jonathan nahm sie in den Arm. „Genießen, mein Liebling.“
„Natürlich, aber wir haben noch so viel Zeit. Ich habe eigentlich keine Lust, schon zurückzugehen.“
„Ich auch nicht“, sagte Gordon spontan.
Jonathan stöhnte. „Ich sehe schon, das müssen wir ausdiskutieren. Aber später.“ Er stand auf und verschwand in Richtung Toilette.
„Wie geht es dir wirklich?“, fragte Erika, als er weg war und berührte Gordon sacht am Arm. „Ich hab in letzter Zeit oft an dich gedacht.“ Sie schwieg und fügte dann hinzu: „Ich habe so das blöde Gefühl, Jonathan will tatsächlich Zukunftspläne mit mir machen.“
„Wäre das schlimm?“, fragte Gordon überrascht.
„Ich weiß nicht. Ich will nicht wirklich auf einem Bauernhof leben, auch wenn ich ihn gern habe.“
„Kann ich verstehen“, sagte Gordon. „Aber er wird den Hof erben, er kann gar nichts anderes machen.“
„Ich weiß.“ Sie rückte näher an Gordon heran und flüsterte: „Hast du auch ab und zu an mich gedacht?“
„Natürlich.“ Mit einer solch unverblümten Anmache hatte Gordon nicht gerechnet. Er fühlte sich überrumpelt und gleichzeitig geschmeichelt. Allerdings kam es gar nicht in Frage, seinem besten Freund sein Mädchen auszuspannen.
„Aber ich bin ein armer Student. Ich kann dir gar nichts bieten, im Moment jedenfalls noch nicht“, sagte er.
„Davon ist doch gar keine Rede.“ Sie rückte von ihm ab. Fast im gleichen Moment kam Jonathan an den Tisch zurück, und sie lächelte ihm zu.
„Ich habe mir was überlegt“, sagte er. „Wie wäre es, wenn wir von hier aus in Richtung Aachen laufen?“
„Du spinnst. Das ist mit dem Auto schon zwei Stunden. Das schaffen wir nie im Leben“, sagte Erika, und Gordon stimmte ihr zu.
„Ich meinte ja nicht, nach Aachen. Ich meinte nur in die Richtung. Wir schlagen einen mit Aachen gekennzeichneten Wanderweg ein, und wenn wir genug haben, kehren wir wieder um.“
„Können wir machen“, sagte Gordon nach kurzem Zögern.
Eine halbe Stunde später brachen sie auf.

„Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee war“, murrte Erika, nachdem sie anderthalb Stunden unterwegs gewesen waren. „Einfach so ins Blaue hinein laufen. Andere Wanderer haben wir hier auch kaum gesehen. Und wir brauchen nachher wahrscheinlich vier Stunden zurück, vielleicht ist es dann schon dunkel.“
„Der Weg ist ausgeschildert. Dunkel wird es um die Jahreszeit nicht mehr so früh. Und außerdem wolltest du doch noch nicht zurück nach Hause, mein Schatz.“ Jonathan zog sie in seinen Arm, doch sie schüttelte ihn unwirsch ab.
„Ich habe es mir anders überlegt, ich will zurück.“ Sie drehte sich um und ging in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
„Weiber“, sagte Jonathan verärgert. „Erst hü, dann hott! Und immer sollen wir machen, was sie wollen.“
„So ist das halt, wenn man eine Freundin hat.“ Gordon grinste. „Die haben immer komische Launen. Komm, gehen wir ihr nach.“
„Ich denke nicht daran. Wir warten hier mindestens eine halbe Stunde. Sie soll sich nicht einbilden, ich würde ihr hinterherlaufen. Trinken wir ein Bier.“ Jonathan ließ seinen Rucksack auf den Boden gleiten, fischte zwei Bierdosen heraus und gab Gordon eine davon. „Prost, Alter!“
„Prost!“ Sie stießen an. Jonathan setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken an einen Baumstamm, und Gordon tat es ihm nach.
„Sie ist sicher nochmal zum Café gegangen“, sagte er nach einer Weile „Sie müsste sich ja hier auskennen.“
„Kann sein.“ Jonathan stand auf. „Obwohl, einen großartigen Orientierungssinn hat sie nicht. Ach egal, weit kann sie nicht sein.“
Schweigend liefen sie nebeneinander her. Auf dem Weg zum Café überholten sie einige Wanderer, Erika war nicht unter ihnen.
„Wir hätten sie eigentlich einholen müssen“, sagte Jonathan stirnrunzelnd, „wir laufen viel schneller als sie.“
Auch im Café war Erika nicht. Auf Nachfrage bei der Bedienung schüttelte diese nur den Kopf. Nein, sie hatte die junge Frau seit heute Mittag, als sie mit den beiden Männern am Tisch gesessen hatte, nicht mehr gesehen.
„Dann ist sie nach Hause gegangen“, mutmaßte Gordon.
„Glaube ich nicht.“ Jonathan ließ sich an einem Tisch auf einen Sessel sinken. „Warten wir hier. Nein, ich habe eine Idee. Wir trennen uns und suchen sie in entgegengesetzten Richtungen.“
„Gute Idee. Ich laufe in den Wald zurück und du über den Trampelpfad.“
„Okay.“

Lange musste Gordon nicht suchen. Nach einer Viertelstunde fand er Erika – sie lehnte, etwas vom Laub verdeckt, an einem Baum und lächelte ihn an.
„Das war nicht lustig, Erika“, sagte er verärgert.
„Ich weiß.“ Sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und Gordon – erwiderte den Kuss.
Dann befreite er sich unwillig aus ihrer Umarmung. „Lass den Quatsch bitte.“
„Quatsch?“ Sie lachte. „Es hat dir doch gefallen.“
„Du hast dich kein bisschen verändert.“ Gordon bemühte sich, unfreundlich zu klingen, was ihm nicht gelang.
„Na komm, du Moralapostel.“ Sie hängte sich bei ihm ein. „Gehen wir zurück zu deinem und meinem Freund.“
„Das soll er auch bleiben“, knurrte Gordon. „Also vergessen wir das.“

Sie trafen Jonathan zehn Minuten später. Erleichtert schloss er Erika in seine Arme.
„Gott sei Dank, ich hab mir Sorgen gemacht. Danke, Gordon.“
„Gut, dass er mich gefunden hat. Ich hatte mich verlaufen und wusste nicht mehr, wohin.“
„Ja, auf Gordon kann man sich verlassen.“
Auf dem Rückweg herrschte eine fröhliche Stimmung. An der Hütte verabschiedeten sie sich mit Handschlag.

Und als Gordon alleine auf dem Heimweg war, fragte er sich, ob ihm ein Kuss von Erika nicht lieber gewesen wäre.
 



 
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