Eingeschlafen für Kinder ab 5 Jahren

Abstrus

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Eingeschlafen
Das ist Johannes.
Johannes ist fünf Jahre alt.
Eigentlich sollte Johannes jetzt schlafen, es ist schon spät. Doch ihm gehen zu viele Gedanken im Kopf herum.
Heute ist seine Oma für immer eingeschlafen. So haben ihm das Mama und Papa erklärt. Er wusste nicht, dass man für immer einschlafen kann und fragt sich nun, wie das wohl so ist.
Ob ihm das auch passieren kann, wenn er jetzt die Augen zu macht und einschläft? Bleibt er dann für immer in seinem Traum? In welchen Traum bleibt er denn dann? Schließlich träumt er ja jede Nacht etwas anderes. Manchmal träumt er auch von schlimmen Sachen, die ihm Angst machen. Was wäre, wenn er in einem solchen Traum für immer bleiben müsste? Aber meistens hat er ja schöne Träume. In so einem schönen Traum bleibt man bestimmt gerne. Was seine Oma wohl grade träumt?
Wenn er bei seiner Oma geschlafen hat, dann hat sie ihm immer gesagt: „Schlaf gut mein Engel. Wir treffen uns gleich unter dem großen, alten Baum der Träume und pflücken uns die Schönsten.“ Dann hat sie Johannes auf die Augen und die Stirn geküsst, ihn fest in seine Decke eingepackt und dann die Tür hinter sich angelehnt, damit noch ein wenig Licht ins Zimmer fällt.
Johannes ist mittlerweile sehr müde, doch schlafen kann er noch nicht. Ob seine Oma heute wieder unter dem großen, alten Baum der Träume auf ihn wartet? Vielleicht hat sie ihm ja auch schon einen besonders schönen Traum gepflückt?
Doch – was ist, wenn er jetzt einschläft und dann, wie seine Oma, nicht mehr aufwachen kann?
Jetzt muss er auch noch auf die Toilette.
Johannes krabbelt aus seinem Bett und schleicht sich ins Badezimmer. Mama und Papa sind noch wach, im Wohnzimmer brennt das Licht und er kann sie sich leise unterhalten hören. Vielleicht können Mama und Papa ja auch noch nicht schlafen, weil sie, genau wie er, sich Gedanken darüber machen, wie das so ist, mit dem immer schlafen und nicht mehr aufwachen?
Er setzt sich auf die Toilette und lässt seine Beine baumeln.
Wie ist das eigentlich, wenn man für immer schläft und dann auf die Toilette muss? Wacht man selbst dann nicht auf? Muss man dann ins Bett machen? Wer macht das Bett denn dann immer wieder trocken – oder bleibt man in seiner Pipi liegen? Vielleicht bekommt man ja auch eine Windel an, so wie die Babys. Aber wer macht die Windel dann immer wieder sauber?
Vielleicht sollte er Mama und Papa fragen wie das so ist, mit dem für immer schlafen.
Johannes hüpft von der Toilette, drückt die Spülung und wäscht sich gründlich die Hände. Dann steht er im Flur und fragt sich, ob es nicht doch schon zu spät ist um mit Mama und Papa zu reden. Vielleicht werden sie ja böse, weil er noch nicht schläft. Schließlich ist es draußen schon dunkel und eigentlich ist Johannes ja doch so richtig müde. Aber schlafen kann er noch nicht.
Sein Opa hat ihm einmal verraten, dass er immer an die frische Luft geht um seine Gedanken zu sortieren und um danach besser schlafen zu können. Vielleicht sollte Johannes das ja auch mal ausprobieren und an die frische Luft gehen? Das ist bestimmt eine gute Idee. Schnell schlüpft er in sein Zimmer um sich seine Hausschuhe und den kuschligen Morgenmantel anzuziehen.
Ob Mama und Papa damit einverstanden sind, wenn er jetzt raus geht? Bestimmt nicht. Schließlich ist es schon sehr dunkel und kleine Jungs sollten eigentlich schon längst schlafen. Das sagt ihm seine Mama immer, wenn er so spät noch Durst bekommt. Aber Durst hat er heute nicht.
Sollte er sich vielleicht besser rausschleichen? Das hat er noch nie gemacht. Ehrlich gesagt war er auch noch nie alleine im Dunkeln draußen. Vielleicht sollte er Mama und Papa ja fragen, ob sie mitkommen wollen? Wenn sie sich auch so viele Gedanken machen wie er und deshalb noch nicht schlafen können, wäre es doch gut, wenn sie auch an die frische Luft gehen um ihre Gedanken zu sortieren.
Aber was ist, wenn sie doch mit ihm schimpfen, weil er nicht in seinem Bett liegt und schläft? Warum sind große Menschen immer so schwer einzuschätzen?
Johannes hat eine Idee. Wenn er im Garten bleibt, dann ist er ja immer noch zu Hause und weil Mama und Papa auch zu Hause sind, ist er ja auch gar nicht alleine draußen im Dunkeln. So entschließt er sich dazu in den Garten zu gehen – die frische Luft dort wird ja wohl genug sein um seine Gedanken zu sortieren. Also schleicht er sich zur Haustür.
Hoffentlich ist nicht abgeschlossen, denn wenn er den großen Schlüsselbund bewegen müsste, würden das Mama und Papa bestimmt hören.
Johannes hat Glück, die Tür ist nicht abgeschlossen und er kann leise hindurch, in den Vorgarten schlüpfen. Hinter sich lehnt er die Tür vorsichtig an.
Es ist wirklich schon richtig dunkel und sehr still. Die Welt scheint schon zu schlafen und nur er und Mama und Papa sind noch wach.
Vor dem Wohnzimmerfenster ist es nicht ganz so dunkel. Der Rollladen ist noch offen. Johannes setzt sich unter dem Wohnzimmerfenster ins Gras und atmet tief die frische Luft ein. Sie tut wirklich gut, Opa hatte Recht.
Neben ihm raschelt es. Erschrocken schaut er genauer hin, woher dieses Rascheln kam. Eine kleine Maus streckt neugierig ihre kleine Nase in seine Richtung. Anscheinend hat er sie auch erschreckt, als er beim Hinsetzen mit dem Gras raschelte. Ob Mäuse wohl auch für immer schlafen können? Die keinen Knopfaugen der Maus mustern Johannes genau und das kleine Näschen schnuppert aufgeregt in seine Richtung.
Leise fragt Johannes die kleine Maus: „Können Mäuse eigentlich auch für immer schlafen?“ „Ich darf nicht mit Fremden sprechen.“ hört er eine leise, dünne, piepsige Stimme sagen. Aufgeregt schaut er sich um woher wohl die Stimme gekommen ist. Schließlich können Mäuse ja nicht reden. Außer in seinen Träumen, da können alle Tiere reden. Träumt er denn? Ist er vielleicht ja doch eingeschlafen und hat es nicht gemerkt?
„Du bist öfter hier, nicht wahr?“ hört er wieder dieses fiepsige Stimmchen. Mit großen Augen starrt er die kleine Maus an. „Ich habe dich etwas gefragt. Hörst du schlecht?“ fiepst es.
„Nein, nein, ich höre sehr gut, sagt meine Oma immer und ja, ich bin fast jeden Tag hier im Garten.“ flüstert Johannes aufgeregt. „Und ich darf auch nicht mit Fremden sprechen. Aber ich glaube Mama meint damit fremde Menschen.“
Darüber muss die kleine Maus erst einmal ein wenig nachdenken. Hat ihre Mama damit vielleicht fremde Mäuse gemeint als sie ihr das sagte und nicht alle Fremden?
Dann fiepst sie: „Ja, du scheinst recht zu haben und weil du keine Maus bist, kann ich wohl mit dir reden. – Was hast du mich vorhin gefragt? Ob auch Mäuse für immer schlafen können? Was ist denn das für eine Frage? Warum sollten Mäuse für immer schlafen wollen?“
Johannes erklärt der kleinen Maus was Mama und Papa ihm über seine Oma erzählt haben. Das sie jetzt für immer schläft und das er sich fragt, wie sie das wohl macht, wenn sie mal zur Toilette gehen muss.
Das kleine Mäuschen beäugt ihn nachdenklich. Nach einer kurzen Pause fiepst sie: „Das verstehe ich nicht so ganz. Für immer schlafen. Wie macht man das denn, wenn man Hunger bekommt? Ich kenne ein paar andere Tiere hier im Garten, die schlafen sehr lange, wenn es draußen kalt ist. Aber sie sind immer wieder aufgewacht und waren dann sehr hungrig. Da muss man als Maus sehr aufpassen, denn die haben richtig schlechte Laune wenn sie Hunger haben. Andere gehen oder fliegen einfach weg und kommen wieder wenn es wieder warm wird. Manche kommen auch gar nicht wieder.“
Johannes muss kurz lachen. Da guckt die Maus ein wenig beleidigt. Sie glaubt wohl er lacht sie aus. Doch das tut er nicht. Er erklärt ihr, dass manche Vögel dem Sommer hinterher fliegen und sich auf dem Rückweg bestimmt einen anderen Garten aussuchen und dass einige andere Tiere Winterschlaf halten. Das hat er nämlich im Kindergarten gelernt. Aber die wachen wirklich wieder auf – da hat die kleine Maus Recht.
Ach, es ist zum Mäuse melken. Was hat das denn nun mit dem für immer Schlafen auf sich? Also Mäuse tun es wohl nicht und auch die Winterschläfer wachen wieder auf.
Da fiepst die kleine Maus plötzlich: „Als ich noch richtig klein war, da hat mein Onkel die Augen zu gemacht und nicht wieder auf. Gar nicht wieder auf. Überhaupt nicht mehr. Meine Mama sagte mir, dass er schon sehr alt war und ich mich von ihm verabschieden soll. Er wäre jetzt an einem schönen Ort, einem sehr schönen Ort und würde von dort nie wieder kommen. Dabei sah er nur aus, als würde er schlafen und er war ja auch noch da. Aber dann wurde er weg gebracht und ich habe ihn nicht wieder gesehen – nur manchmal, wenn ich träume, dann besucht er mich in meinem Traum. Meine Mama sagte mir das heißt Tod. Mein Onkel ist also tot.“
Tod – das Wort, vor dem die Erwachsenen immer so viel Angst haben. Johannes fragt sich, warum das wohl so ist. Es hört sich doch gar nicht so schlimm an und die Geschichte von der kleinen Maus hat ihm auch gut gefallen. Vor allem das mit dem schönen Ort. Oma würde so ein schöner Ort bestimmt auch gefallen. Aber so lange sie schläft kann sie dort wohl nicht hin – also überhaupt nicht, denn sie wacht ja nie wieder auf. Das macht Johannes traurig. Er muss weinen.
Das kleine Mäuschen wird nun auch traurig. Sie wollte Johannes nicht zum Weinen bringen. Sie schlüpft unter seinen kuschligen Morgenmantel und kitzelt ihn ein wenig. Dann setzt sie sich auf seine Schulter.
„Es tut mir leid“, fiepst sie. „Ich wollte dich nicht traurig machen.“
„Ist schon gut“, meint Johannes. „Es ist nur, weil meine Oma diesen schönen Ort wohl nie sehen wird. Wie soll denn das auch gehen, wenn sie jetzt für immer schläft?“
Die kleine Maus denkt kurz darüber nach, was Johannes gesagt hat. Dann hat sie eine Idee: „Sag mal, du hast doch gesagt, dass deine Oma jetzt für immer schläft – ich habe bei meinem Onkel auch gedacht, er wäre nur eingeschlafen. So hat er nämlich ausgesehen, als würde er schlafen. Dann hat meine Mama mir erklärt was wirklich passiert ist, nämlich das er tot ist. Vielleicht ist deine Oma ja auch tot? Vielleicht wissen deine Mama und dein Papa ja auch nicht was Tod ist und glauben nur, dass sie schläft. Dann machen sie sich vielleicht genauso viele Gedanken wie du und können deshalb nicht schlafen. Meine Mama sagt immer, der Tod gehört zum Leben. Ohne ihn gibt es kein neues Leben. Er ist ganz normal. Aber man weiß nie wann er kommt und einen an diesen schönen Ort bringt.“
Da fällt Johannes ein, dass seine Oma ihm mal genau dasselbe erzählt hat. Aber da war er noch richtig klein. Fast hätte er es vergessen.
Vorsichtig setzt er die kleine Maus wieder ins Gras. „Danke kleine Maus, ich glaube du hast Recht. Vielleicht ist es gut wenn ich das Mama und Papa erzähle.“
Dann steht er vorsichtig auf um die kleine Maus nicht wieder zu erschrecken und läuft zur Haustür. Die Tür ist noch immer angelehnt, so kann er leise in den Flur hineinschlüpfen. Mama und Papa sind noch wach. Aber es ist ganz still im Wohnzimmer.
Johannes nimmt seinen ganzen Mut zusammen und geht zur Wohnzimmertür. Mama und Papa sitzen auf dem Sofa. Sie haben ganz müde Augen. Vorsichtig geht Johannes hinein und setzt sich in ihre Mitte.
„Mama, Papa, ich muss euch etwas erzählen“, fängt er leise an zu reden. „Also ich habe darüber nachgedacht. Wie das wohl so ist, mit dem für immer schlafen. Das stelle ich mir nicht so schön vor. Denn wie ist das denn wenn Oma mal zur Toilette muss oder Hunger bekommt? Das geht dann ja gar nicht. Opa hat gesagt, zum Nachdenken braucht man frische Luft. Deshalb war ich im Garten. Da war eine kleine Maus, die hat mir gesagt, dass Oma vielleicht ja auch tot sein kann und gar nicht schläft und dass ihr das vielleicht nur nicht wisst, weil euch das noch niemand erklärt hat. Also wenn man tot ist, dann sieht man nur so aus als wie wenn man schläft. Dabei schläft man aber gar nicht. Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit wird man vom Tod aber abgeholt und der bringt einen dann an einen sehr, sehr schönen Ort. Da kann man aber nur hin, wenn man tot ist, nicht wenn man schläft. Das passiert jedem einmal, denn ohne den Tod gibt es ja auch kein neues Leben. Also ist er ganz normal und gehört eben dazu. Ist Oma vielleicht tot?“
Mama weint. Das wollte Johannes nicht. Er mag es gar nicht wenn seine Mama traurig ist, dann ist er auch traurig. Papa nimmt ihn in den Arm, küsst ihn auf seine Stirn und sagt: „Du hast Recht Johannes und die kleine Maus ist eine sehr schlaue Maus. Oma ist jetzt wirklich an diesem schönen Ort. Wir hatten nur Angst es dir zu erzählen, weil wir nicht wussten, wie wir es dir erklären könnten und auch weil wir es selbst nicht so recht verstehen. Das mit dem Tod ist so eine Sache. Jeder kennt ihn, doch keiner spricht darüber und so richtig erklären kann man ihn auch nicht. Man weiß nur, dass es ihn gibt, dass er jeden eines Tages holen kommt. Viele fürchten sich vor seinem Besuch, denn die meisten glauben nicht an diesen wunderbaren Ort, an den er einen bringt. Doch ich bin sicher, dass dieser Ort existiert. Oma ist jetzt dort. Von dort aus bekommt sie alles mit, was hier passiert und manchmal kommt sie dich bestimmt auch in deinem Traum besuchen.“
Mama weint nicht mehr, sie lächelt Johannes und Papa an. Johannes muss gähnen. Er ist jetzt so richtig, richtig müde.
Papa nimmt ihn auf den Arm und trägt ihn in sein Bett. Mama kommt auch mit. Sie zieht ihm den kuschligen Morgenmantel und die Hausschuhe aus. Dann wickelt sie ihn fest in seine Decke, küsst ihn auf seine Augen und die Stirn. Beim Hinausgehen sagt sie leise zu Johannes: „Schlaf gut mein Engel. Wir treffen uns gleich unter dem großen, alten Baum der Träume und pflücken uns die Schönsten.“ Dann lehnt sie die Tür hinter sich an, damit noch ein wenig Licht ins Zimmer fallen kann.
 

Abstrus

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Leider kann ich die dazugehörigen, von mir gemalten Aquarelle nicht einfügen. Als Vorlage für diese dienten mir alte Fotos meiner mittlerweile erwachsenen Söhne.
 

molly

Mitglied
Hallo Abstrus,

Jetzt habe ich schon ein paar Mal Deine Geschichte gelesen. Die Eltern erklären Johannes, dass die Oma für immer eingeschlafen ist. Der Junge überlegt sich, wie das wohl sein kann, mit dem Essen usw., Fragen, die ein Fünfjähriger nun einmal hat.

Das ist in der Tat ein sehr heikles Thema, denn viele Erwachsene scheuen sich mit den Kindern über den Tod zu sprechen. Du hast einen Weg über die kleine Maus gefunden. In meiner Familie spreche ich direkt über den Tod, wenn meine Enkel mich danach fragen und im Moment ist das sehr aktuell. Deine Geschichte könnte ich meinen Enkeln nicht vorlessen.

Ja, schade, dass man die Aquarelle nicht sehen kann. Ich möchte Dich aber ermuntern, noch andere Geschichten zu schreiben, Deinen Erzählstil finde ich gut.

Viele Grüße

molly
 

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