Einige Ungereimtheiten

Gute Nacht Eugen. Und guten Morgen hinterher.

Obwohl ich Widerspruchwillen beim Lesen des Textes empfand,war das überhaupt keine unangenehme Reaktion. Nein, je mehr ich zum Ende kam, desto mehr fühlte ich mich eingeladen, etwas darauf zu entgegnen, denn ich bin ein großer Freund und Anhänger freier, nichtgereimter Lyrik. Nun weiß ich nicht, ob aus deinem Text mehr ein LI spricht oder du als natürlicher Autor. Deshalb versuche ich, mit meiner Entgegnung möglichst allgemein zu sein.
Zur Verteidigung des reimfreien Dichtens kann man ja schon mal anmerken, dass auch diese Art des Schreibens längst anerkannte ehrliche Arbeit im großen Sprachwerk ist. Nicht wenige, auch bedeutende Autor*innen haben sich in dem Bereich versucht und verewigt und ihre begeisterte Leserschaft gefunden.
Ob Reimfaulheit von jeher eine entscheidende Triebkraft dafür war, kann ich nicht sagen, würde mir jedoch die Ehre zustehen, als Begründer des reimfreien Dichtens zu gelten, so würde ich dir recht geben. Ja, im Beginn meineseigenen lyrischen Schreibens wollte ich auch viel mehr reimen, und scheiterte häufig an den Mühen der Suche nach dem richtigen Reimwort. Das konnte ja manchmal Monate dauern, da war das heimelige Gefühl für den schönen Text längst verflogen ... Und je mehr ich las und je verschiedener die Dichterseelen waren, die sich mir dabei eröffneten, desto häufiger stellte ich fest, dass das, was ich für unabdingbar an Gedichten hielt, offenbar keine in Stein gemeißelten und mit Blattgold belegten Regeln sind, an die sich alle Schreibenden immer und überall halten müssen. Neben meinen jugendlichen Vorstellungen von freier Liebe und Reisefreiheit und freiem Jazzgefitschel wuchs eine Betrachtung des Umgangs mit der mir geschenkten Sprache, die mir mehr und mehr Freude daran vermittelte, sie korsettlos zu lieben, und ich merkte, dass sie auch frei und ungebunden zu wunderbaren Rhythmen finden kann und dass derart geschriebene Zeilen andere Menschen eebenso erreichen können, wie die kunstvollsten Sonette wie aus alter Zeit. Ich empfinde die ungebundene Lyrik wie natürliche Gewässer, im Gegensatz zu den künstlichen Sprudelbecken der Alhambra oder mondäner Swimmingpools hundert Meter vom Meer entfernt. Das kann alles auf seine Art schön sein, und mal genieße ich das eine, und mal das andere. Aber selbst fühle ich mich als Schreibender am wohlsten, wenn ich die wenigsten Zwänge überwinden muss, um zu einem Ergebnis zu kommen. Und Faulheit - ja, ein übler Schreibgenosse. Aber man kann auch viel Arbeit, viel Zeit, viel Geduld in frei daher plappernde Worte investieren. Das weiß ich inzwischen.

freundliche Grüße
vom müden Clown
 
Hallo @Clown seiner Klasse,
vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken. Das lyrische Ich spricht natürlich überspitzt. Auch ich bin der Meinung, dass man sich beim Schreiben nicht allzu sehr von vorgegebenen Konventionen und festen Formen beschränken lassen sollte und es gibt auch viele reimlose Gedichte an denen ich großen Gefallen finde.
Aber mindestens genauso häufig begegne ich ungereimter Lyrik, die von anderen Lesern himmelhoch gepriesen wird, bei der ich dagegen bloß das Gefühl habe, durch ein semantisches Wortfeld zu stolpern oder einen schlecht formatierten Prosatext vor mir zu haben. Darauf bezieht sich auch der letzte Vers. Ich denke nicht, dass diese Gedichte schlecht sind oder der Autor einfach faul, eher habe ich das Gefühl, dass mir die richtige Lesart fehlt.
GlG Eugen
 

fee_reloaded

Mitglied
Ein sehr hintersinniges, reimloses Gedicht hast du uns da hingestellt, lieber @Eugen van Anders !

Also quasi gleich das Exempel für deine darin gestellten Fragen mitgeliefert. Das nenn ich mal raffiniert. ;)

Wie auch bei den gereimten Gedichten gibt es eben auch bei den ungereimten manchmal mehr, manchmal weniger, (manchmal auch keine) Ungereimtheiten, die man persönlich als Leser so wahrnimmt bzw. empfindet. Nur weil jemand anders - oder auch mehrere ein Gedicht hochloben muss das nicht automatisch heißen, dass es technisch herausragend gemacht ist. Oft sind es andere Faktoren, die "wirken" bzw. beeindrucken -den einen mehr, den anderen Leser weniger. Das hängt von den jeweiligen, individuellen Lesegewohnheiten und -ansprüchen ab. Für den einen sind es die darin verwendeten Bilder, für jemand anderen eine gewisse Wortgewalt, oft ist es auch das Thema, das schon gewogen stimmt, den Text toll zu finden...

...und manchmal sind sie auch handwerklich wirklich gut gemacht.
In der Kunsterziehung gibt es den schönen Spruch: "Kunst entsteht dann, wenn das Ganze (=Fertige) mehr ist als die bloße Summe aller Teile."

Soll heißen: da fügen sich die Faktoren Inhalt, Sprachduktus, Melodie, Rhythmus und Bilder zu etwas zusammen, das eine gewisse Magie oder Energie entwickelt, die berührt, bewegt und schwer greifbar ist, weil quasi "unsichtbar". Da leistet die Sprache im Text mehr, als nur zu beschreiben - sie erzeugt eine Stimmung hinter den Worten (durch den Klang der gewählten Worte und den Rhythmus, der durch die Wortfolgen entsteht zum Beispiel), die den Inhalt trägt und dadurch "hebt".

Wenn du also einen als Gedicht eingestellten Text als beliebig umgebrochene Prosa empfindest beim Lesen, wird das wohl im Großteil der Fälle auch so sein. Und dann würde auch ich es nicht als Lyrik bezeichnen. Aber das ist nur mein Anspruch und meine persönliche Meinung, was reimlose, ungebundene Lyrik leisten soll, um sich Lyrik nennen zu dürfen. Ich bin sicher, jeder sieht das ein wenig anders.

LG,
fee
 
Zuletzt bearbeitet:

Anders Tell

Mitglied
Hallo Eugen,

mir geht es oft genauso wie Dir. Es werden oft Gedichte wegen ein oder zwei stimmiger Bilder in den Himmel gelobt, obwohl sie in ihrer Gesamtheit wenig Aussage aufweisen. Nur wenigen gelingt es, aus Versen ohne Rein ein Textgewebe zu erstellen, das dicht und kohärent wirkt. Diese wenigen sind aber dann von der Stimmung und den angeregten Emotionen richtig gut.
Anders
 
Hallo @Clown seiner Klasse,
vielen Dank für das Teilen deiner Gedanken. Das lyrische Ich spricht natürlich überspitzt. Auch ich bin der Meinung, dass man sich beim Schreiben nicht allzu sehr von vorgegebenen Konventionen und festen Formen beschränken lassen sollte und es gibt auch viele reimlose Gedichte an denen ich großen Gefallen finde.
Aber mindestens genauso häufig begegne ich ungereimter Lyrik, die von anderen Lesern himmelhoch gepriesen wird, bei der ich dagegen bloß das Gefühl habe, durch ein semantisches Wortfeld zu stolpern oder einen schlecht formatierten Prosatext vor mir zu haben. Darauf bezieht sich auch der letzte Vers. Ich denke nicht, dass diese Gedichte schlecht sind oder der Autor einfach faul, eher habe ich das Gefühl, dass mir die richtige Lesart fehlt.
GlG Eugen

Hallo Eugen!

Ich bin erleichtert. Einerseits habe ich gern mit Ernsthaftigkeit auf deinen Eingangstext geantwortet, andererseits hatte ich wirklich etwas Bammel, mal wieder auf einen Hardliner der holden Dichtkunst zu treffen. Das führt meist zu wenig ergötzlichen Streitereien, in deren Folge ich mich dann eigentlich immer irgendwann still schweigend zurückziehe. So aber ist alles okay und ich gehe unbelastet meines Weges.

Bis dann mal,
sagt der Clown
 



 
Oben Unten