Einsam im Mondschein

pseudodelic

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Die Nacht brach an, der Mondschein des Vollmondes tränkte die dunklen Gassen in eine gewisse Helligkeit, in der man selbst fremde Gesichter erkennen konnte.
Er, John Hoffmann, stöberte in seiner Tasche nach seinen Filterzigaretten, die er regelrecht verschlang. Am Tag rauchte er üblicherweise zwei Packungen.
John Hoffmann war ein normaler Typ, mit mittellangen dunkelbraunen Haaren, trug immer einen grau gestreiften Mantel und schwarze Lederschuhe, war gerade in den mittleren Zwanzigern angekommen und schon maßlos überfordert vom Leben.
Diesen Makel hatte er sich selbst zuzuschreiben, denn er war mit seinen jungen Jahren schon abgeklärter als die meisten Mitfünfziger und alles nur durch seine Furcht vor Menschen.
Diese Angst machte ihn zwar nicht fertig, aber zynischer als Diogenes von Sinope, und somit einsam.
»Was darfs'n sein?« sagte ein Barkeeper einer schmuddeligen Bar, an einer von Großtonnern abgewrackten Straße, in der nur Stammgäste tranken.
»Bier.«
John bekam ein gefülltes Glas, zündete sich eine Zigarette an, spuckte ins Glas und schleuderte es vom Tresen.
»In der Flasche, Vollidiot.«
»Haste eigentlich noch alle Latten am Zaun, Fremder?«
Dem Barkeeper traten Wutadern am Hals hervor und er wurde roter als die Flagge der Sowjetunion.
»Klar, wie sieht's bei dir aus? Jetzt gib mir ein Bier in der Flasche, ab dalli, sonst mach ich einen richtigen Aufstand. Und für den Dreck vom Fass bezahle ich gar nichts.«
Die Musik hörte auf zu dröhnen, so etwas hat man hier noch nie erlebt. Einige Stammgäste erhoben sich gemächlich, trotteten an den dunkelbraunen Bartresen rüber, und versammelten sich um John in einem Halbkreis.
»Wir hab'n hier kein Bock auf solche Leute wie dich.«
»Ja, schieb dein Arsch hier raus, sonst kracht es.«
Der Barkeeper klinkte sich mit ein.
»Mach dich ja raus, sonst ruf ich nicht nur die Bullen, sondern hau dir selbst die Fresse platt.«
John stand auf, schmiss noch ein halbvolles Glas eines betrunken Gastes, der auf dem Tresen schlief, um, und ging mit einer Hand in der Tasche und der anderen am Glimmstängel hinaus auf die Straße.
Er machte sich auf den Weg zu Gregor, seinen einzigen und besten Freund.
Dort angekommen machten sie sich erstmal zwei Gläser dreiviertel voll mit Whisky, den billigsten Fusel, den Gregor im Supermarkt finden konnte.
»Wie läuft's mit den Weiber'n?« fragte Gregor.
»Geht so, das mit Mary kann ich wahrscheinlich vergessen.«
»Was war denn los?«
»Hab mit einer anderen rumgemacht, sie hat es mitbekommen.«
»Du kannst nicht mit anderen rummachen, wenn du eine Frau liebst. Und du liebst Mary, das spüre ich. Auch wenn du so tust, als würde es dir nichts ausmachen, ich kann deine Verzweiflung sehen.«
»Rede nicht so viel, schenk lieber nochmal nach.«
John und Gregor sprachen nie viel, wenn sie beieinander waren, nur falls es wirklich etwas wichtiges zu erzählen gab. Sie waren der Ansicht, man müsse so viel gequirlten Dreck am Tag reden, im Beruf oder beim Einkaufen, dass es auch Zeiten geben muss, in der man einfach in Gesellschaft etwas trinkt und altem Blues von einer Schallplatte genießen.
Nach zwei Stunden des Schweigens stand John auf, verabschiedete sich mit den Worten "halt die Löffel steif, bis morgen" und machte sich auf den Weg nach Hause.
 

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