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TEIL I: ERSTE BEGEGNUNG MIT DEM UNGEWISSEN

Chris hatte sich sein erstes Date mit Elena anders vorgestellt, als auf neunhundert Höhenmeter, bei mageren 9 ° C und einem Muskelkater notgedrungen zu Fuß den Rückweg aufzunehmen – und seine Verabredung machte keinen Hehl daraus, ihren Unmut darüber kundzutun.
»Ja, meine Glückshormone waren auch schon stimulierter, aber ich kann auch nichts dafür, dass die uns nach jedem Essen einen Aperitif herstellen«, antwortete er mit zusammengebissenen Zähnen.
»Du hast den Alkohol getrunken und dich in der Probezeit ans Steuer gesetzt.« Christ hörte nur mit halbem Ohr zu, denn er musste sich darauf konzentrieren, nicht gegen irgendeine Baumwurzel oder Kuhscheiße zu treten. Der schwach schimmernde Sichelmond konnte nicht verhindern, dass Taschenlampen ihrer Handys als provisorische Lichtquelle herhalten mussten.
»Warum bist so schlecht gelaunt? Sieh die Situation doch positiv: so haben wir die Möglichkeit, uns besser kennenzulernen und zusammenzuwachsen.«
Elly blieb abrupt stehen, machte einen angeekelten Gesichtsausdruck und wischte sich ein Spinnennetz aus ihren dauergewellten, brünetten Haaren. Sie hatte ein markantes hübsches Gesicht, welches sie nicht mit viel Make-Up zu verstecken brauchte und das war ein wichtiger Faktor für ihn in einer Beziehung. Sein Opa Klaus bezeichnete Schminke immer als Ergebnisverfälschung von Gottes Werk und verflucht, da war was Wahres dran. »Ja, sehr romantisch. Ich könnte mir keine bessere Gelegenheit vorstellen bei einem Tinder-Date. Wenn wir Glück haben, singen uns Nacktschnecken Küss sie doch aus Arielle.«
»Mir gefällt dein Sarkasmus nicht.«
»Im Restaurant hast du noch gesagt, dass du gerade das an mir magst und dich deshalb mit mir überhaupt verabreden wolltest.«
Chris sah sie nicht an, aber er spürte, wie sie ihn mit einem Blick zu durchbohren versuchte. Er hörte ein lautes Knacksen. Er musste auf eine Schnecke getreten sein. »Ja, aber da war der Sarkasmus noch nicht gegen mich gerichtet.«
»Oh Mann, ich hätte mich doch mit Phil treffen sollen.«
»Musstest du das jetzt unbedingt laut sagen?«
»Ja.«
Der Weg des Abstieges, dessen Gefälle seit zehn Minuten nicht abzuflachen gedachte, war nicht zwingend konzipiert für Fußgänger, aber nachdem sie nur der Straße entlanggegangen waren, dachte Chris, die Abkürzung durch den Wald wäre zeitschonender. Von den Nerven hat keiner was gesagt.
Bis dato verlief der Abend gut. Sie trafen sich um achtzehn Uhr bei sich zuhause, er fuhr sie ins Goldene Rehgehege, einem abgelegenen Gasthaus, genossen ein Fünf-Gänge-Menü, redeten, lachten. Zum Verhängnis wurde bei der Rückfahrt lediglich die Routinekontrolle der Polizei, gemischt mit den 0,4 Promille, die das Blasgerät anzeigte; dieses halbe Promille war in der Probezeit seines Führerscheins um ein halbes zu viel. Daraufhin musste er den Führerschein abgeben. Da Elly selbst noch keinen hatte – sie war zwei Jahre jünger als er – konnte sie notgedrungen nicht weiterfahren. Sie mussten das Auto abstellen und zu Fuß nach Hause wandern. Natürlich hätten sie, als sie noch Handyempfang hatten, im Gasthaus ein Taxi rufen können, aber Chris versicherte ihr, er »kenne den Weg« und das »wäre nur ein kleiner Spaziergang«, was sich als eine entschiedene Untertreibung der Gesamtsituation herausstellte. Möglicherweise war der Hauptgrund für ihre miese Laune, vor allem, wenn man bedachte, dass sie sich um einundzwanzig Uhr mit ihrer besten Freundin verabredet hatte – und das war der Hauptgrund für Chris´ miese Laune.
Man geht im Anschluss eines Dates nicht auf ein anderes Treffen, fand er, ob es sich dabei um die beste Freundin oder dem Bundespräsidenten oder was weiß denn ich handelt ist einerlei.
Der junge Mann versuchte, die Stimmung ein wenig zu heben, während er wieder auf irgendetwas Undefinierbares trat. Die kalte Luft blies ihnen entgegen und verursachte rote Bäckchen. »Soll ich dir einen Witz erzählen?«
»Du willst mir einen Witz erzählen?«
»Ja.«
»Ist das dein Ernst?«
»Ja.«
»Wenn er gleich schlecht ist wie der Witz bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich hören will.«
»Im Gasthaus hast du noch…«
»Ja, aber da hatte ich auch noch keine Knieschmerzen oder gefrorene Lungen.« Sie machte eine kurze Pause, sodass nur das hastige, panische Gezwitscher von Vögeln und Blätterrascheln die Ruhe durchbrach. »Schau besser wieder mal nach, ob wir wieder einen Handyempfang haben.«
Es wäre eine gute Idee, sagte er, nahm sein Handy und tippte ein paar Mal darauf herum. Als er es wieder von sich wegzog, um der Taschenlampe die vollständigen Dienste zu erweisen, schüttelte der Mann nur den Kopf.
»Chris?«, störte Elly die Stille, während sie sich mit beiden Händen durch das vom Sichelmond beleuchtete Geäst tastete. »Weißt du überhaupt, wo wir umgehen? Sag mir bitte, dass du weißt, wo wir umgehen.«
Berechtigte Frage.
»Was?«, fragte er, obwohl er die Frage sowohl akustisch als auch inhaltlich perfekt verstand, lediglich ein wenig Zeit schinden musste, um sich eine passendere und optimistischere Antwort zu überlegen als »Nein«.
Doch das war gar nicht notwendig, denn bevor Elly die Frage wiederholen konnte, stolperte sie über etwas und flog mit den Händen fuchtelnd auf den feuchten Oktoberboden – ihr Handy machte einen Bogen, knallte ein paar Meter weiter auf. Er nahm sie am Unterarm, zog sie hoch und dachte sich insgeheim, dieser Vorfall würde nicht zwingend förderlich sein für die Erhellung ihrer Laune. »Diese blöden Baumwurzeln.«
Sie rieb sich die Hände, um sich die grünen Grashalme von den Handflächen zu entfernen. Ein beißender, nach Kloake und Fäulnis riechender Gestank stieg in ihre Nasenflügel.
»Ähm, Elly, ich glaube nicht, dass es eine Baumwurzel war.« Er leuchtete das Ding mit der Lampe ab, über das seine Verabredung gestolpert war und sein Magen verwandelte sich in ein ostukrainisches Kriegsgebiet. »Oder hat eine Baumwurzel Leber und Niere?«
»Wie meinst du…OH MEIN GOTT!«
Sie hielt ihre freie Hand vor dem Mund, denn die andere leuchtete das Ding von vorne bis hinten ab, dass da am Boden lag.
»Das könnte allerdings auch die Lunge sein, bin kein Biologe«, meinte er. Im Schein des Lichtes und des provokant scheinenden Mondes lag zu ihren Füßen ein Hirsch – oder zumindest das, was davon übrigblieb: der Rumpf des Tiers bestand aus einem einzigen Loch, an dessen Rand vertrocknetes Blut klebte, Eingeweide hingen verstreut heraus und schienen noch vor dem Tod Fangen und Verstecken gespielt zu haben. Das angeknabberte Gerippe blickte schüchtern heraus. Fliegen umkreisten das Geschöpf, Würmer bewegten sich fröhlich auf und ab; die Augen des Wildes waren weit aufgerissen, ebenso das Maul, welches panisch zu einem Schrei aufsetzte, bevor es blutrünstig angegriffen wurde. »Ich glaube nicht, dass das Tier an einem natürlichen Tod gestorben ist«, war das einzige Sinnvolle, was er in der Situation von sich geben konnte.
»Ach Mensch.« Ihre Stimme zitterte, als hinge ein Vibrator an ihren Stimmbändern.
»Hier muss sich vermutlich irgendwo ein Wolf rumtreiben ... oder mehrere.«
Das Mädchen riss die Augen auf, legte ihren Kopf in den Nacken und fing an, panisch im Kreis zu laufen. Sie murmelte mehr mit sich selbst: »Oh mein Gott, ach du heilige … oh mein Gott! Auf was habe ich mich denn da eingelassen? Wo bin ich gelandet? Oh mein Gott …«
Das Gewinsel von Elly ließ allmählich nach, sie sah ihn mit glasigen, blauen Augen vorwurfsvoll an. »Ich schwöre dir, wenn wir sicher zuhause ankommen, werde ich Tinder deinstallieren.« Das Wort sicher betonte sie, als wäre es irgendein utopisches Fantasiekonstrukt, ähnlich wie UFO oder Bermudadreieck.
Chris beachtete sie nur so, wie es seine geteilte Aufmerksamkeit zuließ und überhörte die indirekte Kritik an die Qualität des Dates, denn er betrachtete das Wild, genauer gesagt die Bissspuren. Er hat sich als Jugendlicher lange mit Wölfen und dessen Anatomie beschäftigt, da ihm diese Tiere eine gewisse Faszination entlockten, aber das Gebiss wurden nicht von Wolfszähnen verursacht, wobei er sich wünschte, es wären welche.
»Komm, wir gehen einfach weiter. Je schneller wir hier weg sind, desto besser. Aber sonst ... ist doch ein netter Abend bis jetzt, oder?« Begeisterung in ihren Gesichtszügen sah anders aus. »Weißt du was ich glaube? Du spielst mit mir Hard-to-get
Elena sah ihn verblüfft an. »Hard-to-get? Ist das dein Ernst? Du bist überrascht, dass ich nicht begeistert bin, weil du mich in eine Beilage zwischen zwei Brötchen verwandelt hast?«
Frauen konnten manchmal echt launisch sein.


Wäre diese Geschichte amerikanischen Ursprungs, würde der Polizist beim eingehenden Scheppern seines Diensttelefons seinen Donut mit Zuckerglasur fallen lassen, seufzen und abheben, aber da es sich lediglich um eine österreichische Kurzgeschichte handelt, bleibt der Donut außen vor und wurde durch ein Leberkäsesemmel ersetzt. Auf seinem Knie ruhte sein Handy und er fummelte mit senfbekleckerten Fingern darauf herum. »Völlinger. Polizeirevier Ost, was kann ich tun?« Er versuchte, interessiert und freundlich zu klingen, da seine Konzentration aber aus seinem Online-Tic-Tac-Toe-Turnier gerissen wurde, gelang es ihm nicht.
Die Stimme auf der anderen Leitung klang aufgeregt; natürlich tat sie das. Schließlich riefen Zivilpersonen nicht im Polizeirevier an, um Pizza zu bestellen, sich einen Song im Radio zu wünschen oder sich bei der stöhnenden SexyBetty aufzugeilen und zuzuhören, wie sie ihren kleinen dreckigen Zeigefinger in ihrer Ritze vor und zurück gleiten ließ – aber der Polizist hatte sich schon damit abgefunden, dass er nur zu Hilfe gezogen wird, wenn die verzogene Gesellschaft die Spielregeln des Lebens mal nicht wieder einhielt. »H-hallo. Hier spricht Isabell.«
»Hi Isabell.« Völlinger wischte mit einem Taschentuch das Handydisplay ab und bereinigte es und anschließend seine Hände vom Fett des kalorienhaltigen Brühwurstbrötchenbelages.
Ihre Freundin – Elena – habe sich mit einem Tinder-Date im Goldenen Rehgehege getroffen und sei seit zwei Stunden abgängig. Sie habe ihr geschrieben, sie angerufen, aber keine Rückmeldung, stotterte sie am anderen Ende.
Nun hatte auch der schwarze Telefonhörer vom Leberkäsefett seinen Teil abbekommen.
»Vielleicht ist ja ihr Akku leer geworden, Isabell, das könnte doch auch sein, oder?«
»Nein, das kann nicht sein. Sie schickte mir kurz vor ihrem Date noch ein Screenshot und ganz am oberen rechten Rand sah ich die Akkulaufzeit von 97%.«
»Sie war auf einem Date, sagtest du?«
»Ja«, fing sie an zu schluchzen. Völlinger sah förmlich den Rotz sehen, der auf ihren Lippen talwärts fuhr. »Genau das macht mich so skeptisch. Sie traf sich mit einem Fremden oben im Goldenen Rehgehege. Ich hatte von Anfang an ein komisches Gefühl bei der Sache.«
»Beim Rehgehege ist die Verbindung oft sehr schlecht. Wie hieß denn die Verabredung?«
»Christian heißt er, glaub ich. Den Nachnamen weiß ich nicht, aber sie hat ihn mir beschrieben mit braunen Haaren und Augen und einen leichten Bartansatz. Er ist zwanzig Jahre alt.«
Er legte sein Essen auf den Teller beiseite und notierte vorsichtshalber alle Infos. »Okay, vielen Dank ... wir werden ... uns darum kümmern.«
»Vielen Dank.«
»Auf Wiederhören.«
Völlinger nahm das Essen wieder zur Hand, machte einen Biss, kaute allerdings ungewöhnlich lange darauf herum. Er kratze sich am kahlen Kopfansatz, während er sich wieder dem Tic-Tac-Toe-Turnier widmete.
»Chef,« kam sein langer Kollege hinzu, der sein Büro neben dem seinigen hatte. Er hatte einen Zettel und einen Führerschein in der Hand, dem er Völlinger auf das Pult schmiss. »Ich habe Ihr Telefonat mitgehört. Wir hatten oben beim Goldenen Rehgehege routinemäßige Radarkontrollen durchgeführt und dem Typen den Führerschein abgenommen, da er alkoholisiert am Steuer saß. Und das in der Probezeit.« Die Beschreibung Isabells passte zum Foto auf dem Führerschein.
»Welchen Eindruck machte er auf euch?«
»Ganz in Ordnung, aber das kann man nie so richtig sagen, was?«
Völlinger nickte. Er hatte in einer halben Stunde Feierabend und nicht wirklich Lust, wegen eines Blindalarms seinen monatlichen Beischlaf mit seiner Frau zu verpassen. »Danke.«
Der lange Polizist – sein Nummernschild verriet, sein Name war Bokzs – ging zurück ins Büro. Der Chef sah auf die Uhr
22:21
schob sein Handy wieder zu sich. Zwei Partien hatte er noch zu gewinnen, dann würde diese Runde an ihn gehen.
Er setzte sein X am rechten unteren Rand des Spielfeldes.


»Weißt du jetzt, wo wir umgehen?«, fragte sie, doch ihre Stimme klang nicht neugierig, sondern von vornherein enttäuscht. Die Lampe ihres Handys wies ihnen den von Bäumen und Sträuchern umrahmten Weg, während der junge Mann auf Google Maps die Route unter die Lupe nahm. Er verglich den Ort auf seinem Handy und beschleunigte seine Schritte. Sie mussten bald an einer Lichtung ankommen, von der in nördlicher Richtung ein Hang hinabführt. An dessen Fuß würden sie wieder die Straße erreichen.
Seine Verabredung humpelte neben ihm her, seine Schritte waren aufgrund des noch andauernden Muskelkaters auch nicht flüssiger, aber tapfer und zähneknirschend hielten sie ihren körperlichen Schwächeanfällen stand.
Was, wenn die Kreatur, die ja schon den Hirsch so brutal erlegt hatte, in der Nähe war? Dieser Gedanke schoss beiden durch den Kopf, doch niemand traute sich, es zu erwähnen.
Er wusste nicht warum, aber die Lichtung, so sehr es aus dieser Richtung auch stank, schien ihm wie ein Magnet die Richtung vorzugeben. Eine wollige Wärme, das Gefühl, nein, das Wissen, richtig zu sein, ebnete ihm den Weg und somit auch die Entscheidung, den Weg fortzusetzen.
Das Mädchen wischte sich mit ihrem schönen Abendkleid die Mundwinkel ab.
Menschliche Zivilisation ist momentan nur ein utopischer Gedankenfetzen, der sich in meinem Gehirn festgesetzt hat, dachte der Bursche im Stillen und musste dabei unbewusst an Shining denken. Das Unterbewusstsein konnte manchmal ein echtes Arschloch sein.
Der kalte Oktoberwind tätschelte ihre Wangen, der silberne Sichelmond schimmerte unbeteiligt, fast schon provokant, auf den Weg herab. Für eine Minute, oder waren es zwei, sagten sie nichts. Dann brach Elena diesen Zustand: »Ich habe Angst, aber weißt du, was mich noch ängstlicher macht? Nicht zu wissen, vor was ich eigentlich Angst habe. Du weißt es, nicht wahr? Ich sehe es in deinen Augen. Auch wenn ich dich erst heute kennengelernt habe, sehe ich, dass du Bescheid weißt. Du wusstest, dass es kein Wolf war, dass den Hirsch ermordet hat? Du wusstest an den Wunden, welches Geschöpf – welches albtraumhafte Geschöpf – für die Tat verantwortlich war.« Sie sah ihn mit gläsernen Augen eindringlich an, dann stellte sie eine Frage, die ihn überraschte. »Was ist es? Erzähl es mir.«
Der Bursche folgte immer noch mit schnellen Schritten den Schein der Lampe. Er beobachtete die Helligkeit wie einen spannenden Blockbuster. Für eine kurze Zeit dachte das Mädchen, er habe sie akustisch nicht verstanden, dann hob er die Stimme: »Ja. Und ja, du hast auch recht, wenn du sagtest, ich habe die Bissspuren im Fleisch des Hirsches erkannt. Aber so ganz genau stimmt das nicht...« Er machte eine Pause, versuchte, einen Weg zu finden, die Geschichte einzuleiten. »Denn das Wesen hat keine Bissspuren hinterlassen, zumindest nicht nur. Es war jedenfalls nicht der Hinweis, an dem ich es identifiziert habe. Es waren ... Hauer.«
Dann erzählte er die ganze Geschichte.


Völlinger hat das Tic-Tac Toe-Turnier verloren und das war nur seiner eigenen Unachtsamkeit geschuldet. Er hatte sich zu sehr auf den Angriff fokussiert, dass die Verteidigung nur mehr in der Ecke verstaubte.
Wütend drückte er den Kopf zur Tastensperre, schmiss sein Handy wütend auf die Tastatur und entsperrte so den Computer. Als der Bildschirm aufleuchtete, sah er wieder die Personalien von Christian, die er zuvor beim Anruf von dieser Isabell aufgerufen hatte. Der Polizist hob den rosaroten Führerschein – der bis auf weiteres für den jungen Mann wertlos sein soll – und verglich die beiden Fotos. In beiden hatte er, obwohl er nicht lächelte, eine angenehme Wärme in seinen Augen, Lachfalten umzogen seine Mundwinkel wie Klammern und ließen die Illusion entstehen, dass er grinste.
Die ängstliche, besorgte Stimme Isabells hallte in seinen Ohren wider.

»Bokzs«, schrie er ins Nebenbüro hinein und erhob sich von seinem Stuhl. »Starte den Polizeiwagen, sieht nach Überstunden aus.«


TEIL II: EINVERLEIBT

»Vor ungefähr fünfhundert Jahren«, begann der Bursche sachte die Geschichte, während sich Elena immer näher an ihn drückte, »ist die Kirche neben dem Gemeindeamt die wichtigste Einrichtung. Priester und Bürgermeister arbeiteten eng zusammen, der Politik abhängig von der Kirche und umgekehrt. So kam es, dass in dieser Zeit in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, der hiesige Priester namens Theodor, Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters, und der Bürgermeister Bruenecker gegenseitig ihre Vorteile und Besitztümer in den Rachen schoben. Dem Priester wurde steuerliche Vorteile, staatliche Subventionen und Zugang zu den besten, geheimen Bordellen der Umgebung gewährt, dem Bruenecker wurde der Erlass aus dem Fegefeuer versprochen. Dann wurde aber eine Prostituierte von ihm schwanger, als ihm der Bürgermeister nach einem Streit alle finanziellen Subventionen streichen wollte, eskalierte die Stimmung und mündete in einen verbitterten Streit. Der Bürgermeister ließ den Priester von einem Gemeindemitarbeiter Tag und Nacht observieren. Immer mehr von Wahn und Manie getrieben erschlug der Priester dann bei einem Unfall die Frau mit einem großen Eisenkreuz. Panisch vergrub er sie in diesem Wald und segnete das Grab ab. Als der Bürgermeister vom Mord erfuhr, kannst du dir ausdenken, dass dieß die Fronten noch weiter verhärtete. So hat der Bürgermeister den Entschluss gemacht, den Priester umbringen lassen zu wollen, aber freilich nicht persönlich. Er ging zu einem Satanisten, der sagte, er solle ihm ein Tier vorbeibringen, welches der Priester am meisten fürchtete. So kam er am darauffolgenden Tag mit einem Wildschwein in einem großen Käfig vorbei. Der Satanist – angeblich der okkulten Magie mächtig – rieb das mächtige Tier mit Hahn-Blut ein und sperrte es für eine Nacht in eine dunkle Kiste. Am nächsten Tag versteckten der Satanist und der Bürgermeister das Schwein in der Kirche, um sein Werk vollenden zu können, doch der Zauber schien zu stark gewesen zu sein, denn als der Priester die heilige Stätte betrat, kam es nicht nur zum Mord an den Priester, sondern zu einem wilden Blutgemätzel.«
Elly schnappte auf.
»Das Tier schlug wild um sich, zerstörte Weihwasserbecken, Altar und Stühle. Vom Priester war keine Spur mehr zu sehen. Bruenecker und der Magier hatten keine andere Wahl, als das Tier zu töten, bevor es noch mehr Schaden anrichten konnte. Sie durchlöcherten das Wildschwein mit zwei gezielten Pistolentreffern, hoben eines Nachts das Grab aus, indem der Priester schon die schwangere Frau begrub und hievten das Tier hinein, als handelte es sich um altes, faules Fleisch.
Am nächsten Tag wurde er in seinem Büro von einem lauten Knall überrascht – das Wildschwein sprang durch sein Bürofenster. Es hatte gelbe Augen, scharfe, rote Hauer und seine Mundwinkel waren mit trockenem Blut bekleckert. Es sah aus wie in ein Kind, nachdem es Spaghetti aß. Aber das schlimmste war, es hat zu ihm gesprochen, in diesem aufdringlich französischen Akzent. «Bruenecker, du Wichser«, sagte es, »du hast misch getötet und das gleische Schicksal wird ausch dir widerfahren.« Er glaubte nicht an Zauberei, nicht an Flüche oder Verwünschungen, aber er war sich sicher, dass das Schwein, na, wie soll ich es so romantisch wie möglich sagen...dass die Sau den Priester in der Kirche ... einverleibt hat. Aber nicht nur körperlich, auch seinen Geist und seine Seele. Jedenfalls fand sein Buchhalter den Bürgermeister ein paar Stunden aufgespießt in seinem Bürostuhl.
Man geht heute davon aus, dass die geweihte, gesegnete Erde des Priesters in Verbindung mit dem verfluchten, vom Satan getriebenen Schwein zu einer Art Spannungsfeld im besagten Wald führte, welches das Vieh endgültig in ein sprechendes Monster verwandelt hat, welches sich in diesen Wäldern herumtreibt. Helles Licht mache das Monstrum schwach, daher ist es bei Sichel- und Halbmond am aktivsten. Vor allem vom Menschen geschaffenes, elektronisches Licht. Und, naja, wie soll ich es möglichst harmlos erklären ... es ist seit diesem Vorfall auf Frauen nicht sonderlich gut zu sprechen.«
Elly fragte zähneklappernd: »W-wie kann das sein, dass ich noch nie zuvor gehört habe? Oder meine Freundin Isabell? Ich wohne zwar nicht hier, aber so eine ... Legende ... spricht sich doch rum, oder?«
»Tja, du kannst dir vorstellen, dass diese Kleinstadt nicht stolz auf solche Geschichten ist und den Ruf und vor allem den Tourismus im Schmutz sehen würden, sollte sie sich verbreiten. Nur eine Handvoll Menschen weiß davon Bescheid und da mein Opa Gemeindearbeiter war, konnte er viel darüber in Erfahrung bringen und hat er einiges an Wissen an mich übergeben.«
»Und ... was ist mit dir? Glaubst du daran?«
»Wenn ich die Geschichte ernst genommen hätte, wäre ich nicht mit dir hierhergekommen. Ich habe sie, um ehrlich zu sein, sogar vergessen. Oder verdrängt. Wie auch immer. Sie kam erst wieder in mein Gedächtnis, als wir...«
»...den Hirsch gesehen haben?«
Er nickte. Plötzlich schoss wieder ein penetranter Geruch in ihre Nasen, der sich aus einer Zusammensetzung aus verfaulten Eiern, Fäkalien und süßem, getrockneten Blut zusammensetzte. Beide hielten sich die Nasen zu, doch es half nichts. Der Gestank bohrte sich durch ihre Hände – und beide waren einem Würgereiz nahe. Sie kamen an eine große Lichtung an, die Baumkronen wirkten wie hohe Schlossgemäuer unter der Friedlichkeit des Sichelmondes, doch die Friedlichkeit war nur Teil einer spontanen, trivialen Einbildung. Der Anblick, der sich ihnen bot, ließ ihre Knochen zusammenziehen; unzählige, leblose Tiere jeglicher Größe – teilweise aufgeschlitzt und verstümmelt - lagen an Bäumen gelehnt. Alle mit panisch aufgerissenen Augen und Mäulern. Marder, Rehe, Füchse und sogar Wölfe gafften wie im Bann des Exorzisten gen Himmel.
»Das ... ist ... nein.« Elly löste den Griff von Chris und übergab sich ausgiebig; und es wirkte wie eine Art grotesker symbolischer Hilferuf. Chris wollte sie umklammern, aber sie stieß ihn von sich ab.
Sie vernahmen ein Geräusch von eines der Gebüsche. Er presste seinen Zeigefinger auf die Lippen.
Als das Rascheln lauter wurde und näherkam, nahm sein Schweizer Taschenmesser aus seinen Taschen. Es war ein verzweifelter Akt aus der Angst und Verzweiflung heraus, aber er musste was machen.
Dann schoss etwas großes Braunes aus dem Gebüsch.

Bokzs schaltete in den zweiten Gang zurück, während sie den Berghang hinaufführen, der zum Goldenen Rehgehege führen sollte – mit Völlerer am Beifahrersitz.
Sie hatten keinen Stress, aber sobald ihnen etwas auffällig vorkommen soll, würden sie das Blaulicht an die Decke anbringen und jegliche Geschwindigkeitsbeschränkungen über Bord werfen, die man nur über Bord werfen konnte.
Die Nacht war klar, aber dennoch wusste man nie, was einem erwartete.

In seiner ganzen achtzig-Kilo-Pracht, wie die Kreatur nun vor ihnen stand, stellten die zwei keine Sekunde mehr die Realität der Geschichte in Frage. Blutige, schiefe und vor allem scharfe Zähne bildeten die Konturen im Zentrum des Maules, der gesamte Körper war blutverschmiert und sah an einigen Stellen nicht nur mitgenommen, sondern regelrecht verfault aus und von zwei Schusswunden gezeichnet; seine gelben Augen waren blutunterlaufen, funkelten mit den Sternen um die Wette. Der fette Hängebauch hing herunter, aber das machte die Situation nur noch brutaler und grotesker. Das Tier knurrte wie ein tollwütiger Pitbull.
Chris sprang sich schützend vor Elena, als ob er mit dem Boden verwurzelte. Wie ein Baum. Ein Baum, der schlotterte. Zumindest diesen Gefallen konnte er ihr nach diesem verkorksten Date noch tun.
Am schlimmsten aber war die Stimme, die nun mit französischem Akzent ansetzte. Es klang nicht so, als hätte Gott diese Stimmbänder geformt, sondern Satan höchstpersönlich. »Aus dem Weg du Nischtsnutz, isch will nur die Fotze umbringen.«
Er hob sein Taschenmesser fester in der Hand, bis es heiß wurde und hielt es schützend vor sich.
Der Keiler stürmte laut grunzend auf die beiden zu, sprang ein, nein, zwei Metern in die Höhe und stieß Christian mit einem eleganten Fußtritt auf dem Oberarm, sodass dieser das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte. Als er beim Aufprall seinen Kopf drehte, konnte er nur sehen, wie Elly schreiend weglaufen wollte, doch die spitzigen, blutigen Hauer des Viehs bohrten sich durch ihren Magen, sodass das Blut aus ihr wie ein Geysir hinausströmte.
»Isch werde disch töten, du Miststück!«
NEEEIN! Ich ... muss ... was ...
Die Kreatur hob sie mithilfe seiner Hauer auf und stürmte mit ihr los, eine Fontäne von Blut hinter ihr nachziehend. Sie lief ans Ende der Lichtung nach Norden, wo der steile Abhang hinunterführte und stieß sie hinunter, dass sie ein Sack Kartoffel an den Bäumen vorbei zur Straße schlitterte.
»Guten Rutsch, mon chérie

Im Polizeiwagen wurde seit Minuten kein Laut mehr gesprochen; da kann es einem Fahrer schon mal erschrecken, wenn der Beifahrer plötzlich schreit: »Da vorne, da liegt etwas mitten auf der Straße!«
Völlinger blieb hurtig stehen und schaltete in den ersten Gang. Die zwei Polizisten stiegen aus, gingen auf das Geschöpf zu, das mit allen Gliedmaßen ausgestreckt am Boden lag, wild röchelte und am ganzen Körper – auch ihre langen, brünetten Haare – blutbeschmiert war. Frischem, glänzenden.
In dem Moment, als Völlinger den Finger an ihre Pulsader legte, hörte dieser auf zu schlagen.
Völlinger und Bokzs blickten sich mit großen Augen vielsagend an, sahen auf den mit Bäumen übersäten Hügel, von wo sie den Blutspuren folgend gekommen.
Oder gerollt?
kam und zogen ihre Waffen aus der Halterung.

Taumelnd stand Chris auf, mit beiden Händen fuchtelnd. Er sah nichts, er musste irgendwo sein Handy fallen gelassen haben. Aber das war jetzt egal. Der Schwindel versuchte, ihn aus der Balance zu bringen, aber jeglicher Versuch ging fehl; er lief nach vorne, direkt auf das Wildschwein zu, frisches Blut glitzerte an den Hauern und am Boden.
»Du Drecksvieh!«, schrie Chris ihm entgegen. Er musste den Mut nicht vortäuschen. »Das wirst du büßen. Ich töte dich.«
Das Tier drehe sich um, sah in mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an. Es war eine Miene, fast schon der Schnute eines Kindes ähnlich. Provokant wedelte es seinen Hintern und lief das Gefälle runter, dem die fast schon leblose Elly wenige Sekunden zuvor herunter schlitterte.
Chris nahm alle Kraft in seine Beine, stürmte hinunter. Seine Knie brannten, sein Hals ächzte, aber er ignorierte es. Er wollte nur Elly helfen und das Tier töten. Er könnte es sich selbst nie verzeihen, wenn sie hier ihr Leben lassen würde.
»Ich bring dich um! Ich töte dich, Mistvieh!«, schrie Chris, sein Messer fest umklammert und er war verblüfft, so viel Lungenvolumen zu haben.
Das Wildschwein rann mit schnellen Schritten runter, doch als es sein Tempo beschleunigte, war es aus seinen Augen verschwunden. Zu seinen beiden Seiten waren nur Bäume – und die verdächtige Stille, die ihn angrinste.
Stattdessen sah er am Fuß des Hügels Lichter.
Ja, das müssten, die Abblendlichter eines Autos sein. Blaulicht? Ja! Polizei!
Seine Beine schienen den Weg von selbst zu kennen, denn sie trieben ihn darauf zu, ehe er zwei Umrisse vor sich erkennen konnte, die eine Mütze trugen und mit Pistolen ausgestattet waren.
Polizisten! Ja! Sie kommen, mir zu helfen. Um uns zu helfen.
Sie stießen ihre Hand aus, aber anstatt sie zur Begrüßung hinzustrecken, schlugen sie ihm ins Gesicht – sein Lauf wurde brutal abgebremst und er landete auf dem Rücken im nassen Gras. Er ließ das Messer fallen, wusste nicht, was los war? Verschwommen zogen seltsame, unwahre Bilder an ihm vorbei, während er von den zwei Polizisten auf den Asphalt gezogen wurde. Er fand nicht die Kraft, etwas zu unternehmen.
Jemand packte ihn unter die Achseln, zog ihn hoch, um gewaltsam Handschellen anzubringen und in den warmen Wagen zu bugsieren. Die Stimme hinter ihm murmelte etwas, er hörte aber gar nicht zu, wollte nur schreien »Wir können ihr noch helfen«. Sein Lungenvolumen war aufgebraucht.
Einige Minuten saß er am Rücksitz, bis seine Augen und sein Bewusstsein wieder klare Sicht hatten. Müde und ausgelaugt lehnte er sich an die Ledersitze.
Elly. Elly...
Chris hustete und bespuckte seine Jacke mit noch mehr Blut.
Eine Träne lief ihm übers Gesicht, an den Wangen und Mundwinkeln vorbei.
Als er links von der anderen Seite des Fensters eine Bewegung ausmachen konnte, blickte er in die besagte Richtung und er erschrak, bis sein Herz wieder anfing, wie wild gegen seine blut- und rotzverschmierte Brust zu hämmern: ein Wildschwein – vom Blaulicht des Einsatzfahrzeuges beschienen – ging die Straße entlang und blickte fast schon schadenfroh ins Polizeiauto. Die blutigen Hauer blickten bedrohlich aus seinem Unterkiefer. Es entstand fast der Eindruck, dass der Keiler ihm zuzwinkerte, bevor sein fetter Körper wieder im tiefen, dunklen Gebüsch verschwand.
Wie vom Wald einverleibt, dachte er und lachte.
 



 
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