Eiskalte Hand

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Betcy

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Die Frau mit der eiskalten Hand

Seit vielen Jahren machen wir regelmäßig auf der Nordseeinsel Borkum Urlaub. Zum ersten Mal waren wir in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf unserer Lieblingsinsel, um meine Schwester, die dort einige Jahre in einem Kinderheim gearbeitet hat, zu besuchen.

Zusammen mit ihr schlenderten wir vom Hauptstrand durch die Bismarkstraße und über den Bahnhof in Richtung des alten Leuchtturms. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem seltsamen grauen „Bretterzaun“ vorbei. Meine Schwester erklärte uns, dass es sich nicht um Holzbretter, sondern um Kieferknochen eines Wales handelte. Die Borkumer haben ja jahrhundertelang vom Walfisch und der „Seeräuberei“ gelebt.

Am alten Leuchtturm angekommen, fiel uns neben den alten Grabdenkmälern früherer Borkumer Persönlichkeiten, darunter auch welche, die ihr Vermögen sicher nicht nur auf ganz legale Weise erwirtschaftet haben, ein von Schnee bedecktes Grab auf. Seltsam war das vor allem, weil inzwischen Mai war und rings herum alle Bäume und Blumen in voller Blüte standen.

„Dort“, erzählte meine Schwester, „ist die Frau mit der eiskalten Hand begraben. Sie lebte zusammen mit ihrem Mann in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auf der Insel. Nachdem die einzige Tochter nach einem Streit mit ihrer Mutter bereits mit achtzehn Jahren die Insel verlassen hatte, lebten sie allein in einem kleinen Häuschen in der Nähe des Südstrandes am Greune-Stee Weg.

Nach dem Weggang der Tochter war auch die Beziehung zwischen den Ehepartnern immer schlechter geworden. Ein Problem war dabei, dass die Frau die kompletten Einnahmen verwaltete. Da sie das Haus von ihren Eltern geerbt hatte und der Mann als Zugereister vom Festland auf die Insel gekommen war, fühlte sie sich dazu auch berechtigt. Der Mann musste jeden Samstag seinen kompletten Lohn abgeben. Immer, wenn er nach dem Dienst bei der Kurverwaltung mit den Kollegen auch nur ein Bier trank, gab es riesigen Ärger. Sie hingegen leistete sich teure Kleider, einen extravaganten Pelzmantel und jede Menge Schmuck. Ohne groß aufzumucken, fügte der Mann sich in sein Schicksal.

Doch als er das Rentenalter erreicht hatte, nahte die Stunde der Rache. Er erwartete die Auszahlung einer Lebensversicherung in Höhe von zehntausend Mark. Nach einem der üblichen Zwistigkeiten mit seiner Frau, beschloss er, ihr dieses Geld nicht auszuhändigen. Stattdessen ging er zum Inseljuwelier in der Franz-Habich-Straße und ließ sich einen prunkvollen, goldenen Ring anfertigen. Der nach der Fingergröße der Frau geschmiedete Ring ließ sich nach dem schmerzhaften Überstülpen nicht wieder entfernen, weil er viel zu eng war.

Zum Verdruss seiner Ehefrau trug er den teuren Ring bis an sein Lebensende. Auch nach seinem Tod ließ sich der Ring nicht abziehen. Also wurde der Mann mit dem Ring am Finger in der alten Leuchtturmkirche aufgebahrt. Die Frau aber war nicht gewillt, auf das wertvolle Schmuckstück zu verzichten. Also schlich sie in der Nacht vor der Beerdigung zum Leuchtturm. Trotz ihrer großen Angst öffnete sie die knarrende, schwere Eingangstür. Mit einem Brecheisen versuchte sie, den Eichensarg zu öffnen. Das gelang ihr nur unter großen Anstrengungen.

Als um Mitternacht plötzlich die Turmuhr zu schlagen begann, wäre sie fast vor Schreck in Ohnmacht gefallen. Aber sie ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Mit einem großen Brotmesser trennte sie ihrem toten Ehemann die rechte Hand ab, verschloss sorgsam den Sarg und machte sich auf den Heimweg. Die Hand brachte sie zunächst in den Eiskeller. Darum wollte sie sich nach der Beerdigung in aller Ruhe kümmern.

Am nächsten Morgen wurde ihr verstorbener Ehemann auf dem kleinen Friedhof an der Leuchtturmkirche beigesetzt. Während der schwere Sarg von den hilfsbereiten Nachbarn in das Grab hinabgelassen wurde, spürte sie plötzlich ein seltsames Kribbeln in ihrer rechten Hand. Als sie diese mit der anderen Hand berührte, erschrak sie fast zu Tode. Die . . . Hand . . . war . . . eiskalt und völlig blutleer. Auch ihr Gesicht verlor plötzlich jegliche Farbe. Aber sie riss sich zusammen.

Doch als der Pastor ihr nach der Beisetzung die Hand reichte, um ihr sein Beileid auszusprechen, zuckte dieser erschrocken zurück. Den anderen Trauergästen erging es genauso. Nach der Beerdigung wieder Zuhause angekommen, versuchte sie, die Hand am Ofen und mit heißem Wasser zu wärmen. Aber es nütze nichts. Die Hand blieb eiskalt. Immer, wenn sie jemanden die Hand geben wollte, zuckten die Menschen erschrocken zurück. Sie war auf ganz Borkum seitdem nur noch als die Frau mit der eiskalten Hand bekannt. Verunsichert wandten sich nach und nach auch die letzten ihrer wenigen Freunde von ihr ab.

Völlig vereinsamt starb die Frau mit der eiskalten Hand nur wenige Jahre später. Mitten in einem sehr kalten Winter wurde sie ebenfalls auf dem kleinen Friedhof am Leuchtturm beigesetzt. Auf allen Gräbern lag viele Wochen hoher Schnee. Doch als es im März langsam wärmer wurde, schmolz auf den Nachbargräbern der Schnee. Das Grab der Frau mit der eiskalten Hand blieb weiß. Auch als im Mai die Kirschbäume blühten, lag dort noch immer eine dicke Schicht Schnee.

Und seitdem“, beendete meine Schwester ihre Erzählung, „schmilzt der Schnee auf diesem Grab immer erst, wenn es im Sommer richtig heiß wird“.
 


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