Marc Vollmer
Mitglied
Elvira Drabon hatte ihren Flanellschlafanzug schon an und den letzten Schluck aus dem Weinglas getrunken. Auf dem Weg zum Schlafzimmer klingelte ihr Nokia-Handy. Kurz überlegte sie, nicht ranzugehen. Aber wie immer konnte sie es nicht lassen.
Ein Toter in einem Penthouse. Todesursache noch ungeklärt. Sie zog sich um und fuhr in die Stadt. Ein Kollege in Uniform zeigte ihr den Weg zum Fahrstuhl und tippte einen sechsstelligen Code ein. Verrückte Technik, dachte sie, ein Schlüssel hätte es auch getan.
Die Aufzugtür glitt zur Seite und Elvira betrat den Raum, der aussah wie aus einer Designbroschüre. Der Boden bestand aus makellosem poliertem Granit. In der Luft lag ein zarter Duft von Lavendel, irgendwie künstlich und fast zu gleichmäßig. Weiße, kantige Möbel standen zwischen raumhohen Glaswänden. Das Licht dimmte sich langsam hoch, sobald sie einen Schritt weiter hineinging. Nirgends gab es Griffe, keine Schalter, es erschien ihr wie eine glatte Leblosigkeit.
Ein uniformierter Kollege kam ihr entgegen. „Guten Abend, der Tote liegt im Arbeitszimmer.“
„Danke, Krüger“, erwiderte Elvira. Sie kannte ihn flüchtig aus einem früheren Einsatz.
Er ging vor, und durch den fensterlosen Flur erhellte sich der Boden. Bevor sie die Zimmertür erreichten, öffnete sie sich wie in einem Raumschiff zur Seite.
Der Raum folgte dem gleichen sterilen Design. Nur der tote alte Mann lag unpassend wie ein Fremdkörper an der Wand. Keine Kampfspuren, nur seine Augen hatten das Antlitz von purem Entsetzen. Elvira beugte sich zu ihm herunter. Der Tote zeigte keine Auffälligkeit, abgesehen von zwei tiefen, blutunterlaufenen Punkten am Hals. Jemand hatte ihm den Kehlkopf mit einem doppelstiftähnlichen Gegenstand zerquetscht.
Sie entdeckte nichts, was zur Verletzung passte, und hatte keine Vorstellung davon, wonach sie suchen sollte. Krüger stand im Raum, verschränkte die Arme und beobachtete sie. Ihr machte das nichts aus.
„Wer hat ihn gefunden?“
„Seine Enkelin Leoni.“
„Wie alt?“, fragte sie und versuchte, den leichten Anflug des Aufschreckens zu verbergen.
„Siebzehn. Sie ist mit einer Kollegin in ihrem Zimmer. Ziemlich fertig, das Kind.“
„Kann ich mit ihr reden?“
Krüger zögerte einen Moment. „Sie ist sehr aufgewühlt.“ Stockte. „Aber ja, versuchen Sie es.“
Das Zimmer glich einer Zelle. Bett, Stuhl, Tisch, aber eben alles teuer. Wahrscheinlich mehr als Elvira in drei Monaten verdiente. Ein Mädchen mit blonden, langen Haaren saß mit angezogenen Beinen und versenktem Kopf auf dem Bett. Eine Polizistin stand neben ihr. Ein Wimmern hallte durch den kargen Raum.
„Leoni, kann ich mit dir sprechen?“
Sie hob den Kopf. Verweinte, blaue Augen. Hilflos nickte sie zur Bestätigung.
„Weißt du, was passiert ist?“
Kopfschütteln. Tränen.
„Was hast du getan, als du deinen Großvater gefunden hast?“
Kurz atmete das Mädchen durch. „Ich habe ihn geschüttelt, aber er starrte nur leer zur Decke. Ich habe den Notfallknopf gedrückt.“
Elvira hatte kein derartiges Teil gesehen. „Wo ist dieser Knopf?“
„Unter dem Bildschirm von Tomo.“
Elvira verstand nicht. Wer rennt denn mit einem Monitor und Notfallschalter durch die Wohnung? Sie schaute zu ihrem Kollegen.
„Das ist einer von diesen neuartigen japanischen Pflegerobotern.“
Leoni hatte die Arme wieder um ihre Beine geklammert. Das Gesicht verbarg sie im Schoß. Das leise Schluchzen ähnelte einem Totengesang.
Einsichtig, dass sie mit der Befragung hier nicht weiterkam, verließ sie mit Krüger das Zimmer. Die Tür öffnete und schloss sich wieder mit einem leisen Zischen. „Wo ist dieser Roboter?“
Die Augen des Kollegen wanderten kurz nach oben, dann antwortete er: „Er steht in einer Abstellkammer zum Laden. Wollen Sie ihn sehen?“
Sie hob die offene Hand.
Das Teil hatte die Größe eines Erwachsenen. Rundliche Formen und zwei überlange Arme. Als Elvira näher kam, leuchteten zwei Ringe in dem auf, was wohl ein Kopf darstellte. Die Lichtkreise glitten einmal langsam von ihren Schuhen bis zu ihrem Gesicht, bevor sie in der Mitte verharrten. Das Ding hatte sie gescannt. „Sie haben einen Wunsch?“, erklang die Stimme einer jungen Frau.
Sie drehte sich um: „Hört das Teil nur auf Kommandos?“
Krüger hob die Schultern: „Woher soll ich das wissen?“
„Einpacken und bringen Sie das Ding ins Labor zu Thomas Hiller. Die Wohnung wird versiegelt, sobald die SpuSi mit ihrem Job durch ist.“
„Was soll mit dem Mädchen passieren?“, fragte Krüger.
„Die Jugendfürsorge wird sich um sie kümmern“, reagierte Elvira.
Ein „Nein!“, brüchig, weinerlich hallte durch den Raum. Leoni stand in der Tür. In ihrem zartrosa Kleidchen wirkte sie kindlich und nicht wie eine fast erwachsene Jugendliche. „Ich will zu meiner Mutter.“
Elvira hielt einen Moment inne. „Das muss die Fürsorge klären.“ Sie sah die Polizistin an: „Bringen Sie sie bitte so lange in ihr Zimmer.“
Leoni zögerte, doch als sie am Arm genommen wurde, folgte sie und drehte sich nochmals um. Elvira verstand den direkten Vorwurf und dachte kurz, wie merkwürdig das Verhalten sei. „Wer war in der Wohnung, als die Tat passierte?“, wandte sie sich an ihren Kollegen.
Krüger stelzte auf ein Wandpanel zu. „Nur das Mädchen und das Opfer. Das Apartment registriert über eine Gesichtserkennung alle Besucher und Anwesenden. Leoni hat die Wohnung heute Morgen um 7:17 Uhr verlassen und kehrte um 16:32 Uhr wieder zurück. Der Großvater war die ganze Zeit zu Hause.“
Kurzes Schweigen, dann erwiderte Elvira: „Die Wohnung wird überwacht, obwohl jemand zu Hause ist. Und die Leute halten mich für paranoid, nur weil ich kein Smartphone besitze.“
Am nächsten Morgen rief Elvira von zu Hause aus noch im Büro an. Klara sollte Leonis Mutter dringend vorladen. Dann machte sie sich auf den Weg geradewegs zu Thomas, dem Technikspezialisten des Dezernats. Ohne Klopfen trat sie ein: „Hast du schon etwas über diesen Roboter herausgefunden?“
„Ich wünsche dir auch einen schönen guten Morgen, Retro.“
„Entschuldige. Guten Morgen. Es war einfach nur eine beschissene Nacht.“
„Okay, dann lege ich gleich mal los. SPARC-Prozessor, Stratix-FPGAs, Dual-RAM-Kommunikation als DMA, und ...“
„Thomas! Deutsch.“
„Na gut. Schnell, stark und mit Augen überall.“
„Kann dieses Ding einen Menschen töten?“
Thomas verzog kurz das Gesicht, dann lachte er leise auf. „Natürlich. Jeder Roboter kann einen Menschen töten, doch nach Asimows Gesetzen ist ihm das nicht erlaubt.“
„Okay, falsche Frage. Wäre es möglich, dass dieser Roboter einen Menschen tötet, weil seine Programmierung fehlerhaft ist oder irgendein elektronisches Teil nicht richtig funktioniert?“
„Das kann ich dir noch nicht sagen. Ich müsste erst die Software überprüfen, falls ich sie überhaupt lesen kann. Denn im Normalfall ist sie kompiliert und damit kaum zu entziffern.“
„Könnte es eine Mordwaffe verwenden? Dem Opfer wurde mit zwei punktähnlichen Druckstellen der Kehlkopf zerquetscht.“
Sein Gesicht wurde ernst. Er ging zu dem Roboter und hob den mechanischen Arm mit der Drei-Finger-Hand an. „Hast du die schon auf Spuren untersucht?“
Kein Mensch ohne spezielles Training hätte mit bloßen Fingern so viel Kraft aufbringen können, dachte Elvira. Aber eine Maschine? Sie sah Thomas an und winkte ab: „Der Roboter diente als Pflegehilfe, es wird unzählige Spuren von dem Opfer geben.“ Sie lächelte ihn gekünstelt an: „Bis wann hast du die ersten Ergebnisse?“
„Heute Mittag vielleicht.“
„Ich werde da sein.“ Damit verließ Elvira das Labor.
Im Büro platzte sie direkt bei Klara rein: „Was haben wir über das Opfer?“
„Okay, dann eben ohne eine freundliche Begrüßung, wie so oft“, sagte die junge Mitarbeiterin mit einem Zwinkern. „Das Opfer ist Eduard Stein, 73 Jahre, ehemaliger Berufssoldat und nach seiner Ausscheidung aus dem Militärdienst hat er für verschiedene Rüstungsfirmen als Berater gearbeitet. Nach seinen Kontoständen zu urteilen, verdiente er damit einen Batzen Geld.“
„Familie?“
„Eine Tochter mit dem Namen Sabine Stein und seine Enkelin Leoni.“
„Seine Tochter ist unverheiratet?“
„Ja“, sagte Klara ernst und grinste dann. „Kann ich sonst noch etwas für die hochwohlgeborene Mürrigkeit tun?“
„Nein, aber gute Arbeit.“ Elvira zog die Augenbraue hoch. „Ist die Mutter schon da?“
„Ja, sie sitzt seit einer Viertelstunde im Vernehmungszimmer.“
Elvira betrat den kleinen, von Neonlicht erhellten Raum. Eine Frau von Mitte vierzig saß am Tisch, das Licht zeichnete Schatten unter ihren Augen. In den Fingern hielt sie ein zerknülltes Papiertaschentuch.
„Frau Sabine Stein?“, begann sie, als sie Platz nahm.
Die Frau nickte, senkte den Blick.
„Sie wissen, warum Sie hier sind?“
„Es geht um meinen Vater.“ Die Stimme war leise, brüchig.
„Und um Ihre Tochter“, fügte Elvira hinzu. „Sie war im Penthouse, als er starb.“
Erschrocken hob die Mutter den Kopf, sagte nichts, Tränen standen ihr in den Augen.
Für eine Weile ließ Elvira die Stille wirken. „Wann hatten Sie den letzten Kontakt zu Ihrer Tochter?“
„Vor zwei Tagen rief sie überraschend an und wir trafen uns. Davor habe ich 13 Jahre lang nichts von ihr gehört, und sie zu sehen war mir nicht erlaubt. Sie müssen wissen, mein Vater hat sich vor Gericht mit unsauberen Mitteln das uneingeschränkte Sorgerecht erstritten. Der erbarmungslose Richter hörte nur auf ihn.“
„Sie waren nicht in der Wohnung des Verstorbenen?“
„Noch nie.“ Ein Schluchzen folgte: „Kann ich meine Tochter zu mir nehmen?“
Elvira hätte gerne anders geantwortet, sagte jedoch: „Dies wird die verantwortliche Stelle entscheiden. Sie können jetzt gehen, aber halten Sie sich zur Verfügung, falls wir weitere Fragen haben.“
Die Frau stand auf, drehte sich nochmals um: „Können Sie mir eine Ansprechperson nennen?“
„Draußen wird Ihnen die junge Kollegin weiterhelfen.“
Ein Opfer ohne Täter gab es nicht, dachte sich Elvira, als sie alleine im Vernehmungsraum verweilte. Was wäre, wenn der Roboter Eduard Stein getötet hätte? Wer übernimmt dafür die Schuld? Eins nach dem anderen befahl sie sich. Nach der Mittagspause würde sie zu Thomas rübergehen.
Mit einer Papiertüte süßer Stückchen in der Hand betrat Elvira das Labor. Der Raum war wie immer zu kühl, die Klimaanlage ließ ihre Nackenhaare aufstellen. „Ein Kaffee würde dazu passen.“
Thomas‘ Augen glänzten in einem Lächeln. „Ist schon unterwegs.“
Nachdem er den ersten Bissen genossen hatte und sie am Kaffee genippt hatte, fragte sie: „Was gibt es Neues?“
„Wir hatten Glück. Ich habe in einer Kiste ein passendes Programmierkabel gefunden und konnte auf die Steuerung des Roboters zugreifen. Die meisten Unterroutinen waren verschlüsselt, aber die Hauptroutine wurde in einer Script-Sprache geschrieben. Also lesbar.“
„Klingt nicht gerade nach Hochsicherheitscode.“
„Ist es auch nicht. Das Teil läuft auf einer abgespeckten ROS-Architektur mit einem offenen Python-Interface, damit es für individuelle Pflegebedürfnisse angepasst werden kann. In diversen Foren findest du genug Material und konkrete Beispiele, um so ein Ding umzuschreiben.“
Elvira runzelte die Stirn. „Glaubst du, ein Teenager könnte das mit ein paar Anleitungen hinbekommen?“
Thomas zuckte mit den Schultern. „Wenn das Interesse groß genug ist.“
„Was genau tut diese Hauptroutine?“
„Steuerbefehle abarbeiten, wenn die Sensorik entsprechende Daten schickt. Auch die Spracherkennung führt in Kombination mit der Kamera Befehle aus.“
„Alles völlig normal?“ Elvira rührte in ihrer Kaffeetasse.
„Das ist der Punkt, an dem es schräg wird.“ Thomas drehte den Monitor zu ihr. „Es existiert eine offene Unterroutine mit dem Namen rettedaskind.py. Sie wird ausgelöst, sobald ein bestimmter Sprachbefehl erkannt wird: ‚Hilfe‘. Danach checkt das System, wer spricht, und richtet sein Verhalten daran aus.“
„Was macht die Routine dann?“
„Der Roboter greift die nächstgelegene erwachsene Person und fixiert sie, um das Kind zu schützen.“
„Das hilft mir weiter“, sagte Elvira und eilte hinaus. Auf dem Weg rief sie Klara an und gab Krüger die Order.
Sie trafen sich in dem Apartment und Krüger meinte nach einem „Guten Tag“, worauf er keine Antwort bekam: „Was suchen wir?“
„Einen Computer mit einem speziellen Kabel.“
„Aha, der berühmte Glückstreffer.“
„Wir fangen in Leonis Zimmer an.“
Kaum durch die Tür steuerte Krüger den Tisch an, öffnete eine Schublade und zog einen Laptop hervor. Elvira griff sofort hinein, fand ein Ladegerät und ein USB-Kabel mit einem unbekannten Anschluss. Sie fotografierte es und schickte das Bild per MMS an Thomas. Retro, trotz alledem sicher. Die Antwort kam prompt.
„Krüger, alles eintüten. Sie können es später im Labor vorbeibringen, aber zuerst fahren wir zur Fürsorge, wo Leoni untergebracht ist.“ Er verzog keine Miene, griff wortlos zu den Beuteln und packte das Material ein.
Klara hatte bereits veranlasst, dass das Mädchen mit einer Betreuerin in einem Aufenthaltsraum wartete, als sie ankamen. Elvira setzte sich an den Tisch und Krüger blieb neben dem Eingang stehen.
„Hallo Leoni, wie geht es dir?“
„Nicht gut. Es ist alles so fremd.“
„Aber besser als bei deinem Großvater?“
Das Mädchen starrte sie für Sekunden an. Keine Tränen, keine Traurigkeit, nur ein Blick eines Kindes, das dem Leid entflohen war.
„Was ist wirklich passiert?“
„Ich wurde von Tomo beschützt.“
„Du wolltest zu deiner Mutter?“
Leoni nickte langsam und senkte dabei den Blick. „Ich habe von ihr die wahre Geschichte gehört. Ich war seine Marionette, eingesperrt hinter unsichtbaren Gittern, bis ich funktionierte, wie er es wollte.“
„Du hättest ihn dafür aber nicht töten müssen.“
„Hab ich nicht“, kam es mit einer pubertären Selbstsicherheit.
Elvira wandte sich zu der Aufsichtsperson. „Nehmen Sie das Kind bitte in Gewahrsam.“
Das Mädchen zuckte zusammen und die Betreuerin sagte empört: „Dazu brauchen Sie einen Gerichtsbeschluss!“
„Ich denke, im Laufe des Tages wird dieser vorliegen.“
Sie verabschiedeten sich, wobei Leoni mit trotzigem Gesicht auf dem Stuhl saß und die Arme angespannt vor der Brust verschränkte.
Als sie zum Wagen kamen, fragte Krüger: „Wieso? Ich dachte, der Mörder sei der Roboter?“
„Wohl eher die Mordwaffe. Leoni hatte die Steuerung mit einem speziellen Kabel programmiert und den Roboter zum Töten ihres Großvaters benutzt.“
„Vielleicht war es Notwehr?“, hakte Krüger nach.
Statt einer Antwort schloss Elvira für einen Moment die Augen. Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Es gab keine Gerechtigkeit, die verlorene Kinderjahre wiedergutmachen konnte. Und nun drohte dem Mädchen auch noch der letzte Rest von Persönlichkeit genommen zu werden. „Das muss ein Richter entscheiden.“ Sie blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten, und wischte sich schließlich eine von der Wange. Krüger reichte ihr wortlos ein Taschentuch, das sie annahm, bevor sie leise „Danke“ sagte.
Ein Toter in einem Penthouse. Todesursache noch ungeklärt. Sie zog sich um und fuhr in die Stadt. Ein Kollege in Uniform zeigte ihr den Weg zum Fahrstuhl und tippte einen sechsstelligen Code ein. Verrückte Technik, dachte sie, ein Schlüssel hätte es auch getan.
Die Aufzugtür glitt zur Seite und Elvira betrat den Raum, der aussah wie aus einer Designbroschüre. Der Boden bestand aus makellosem poliertem Granit. In der Luft lag ein zarter Duft von Lavendel, irgendwie künstlich und fast zu gleichmäßig. Weiße, kantige Möbel standen zwischen raumhohen Glaswänden. Das Licht dimmte sich langsam hoch, sobald sie einen Schritt weiter hineinging. Nirgends gab es Griffe, keine Schalter, es erschien ihr wie eine glatte Leblosigkeit.
Ein uniformierter Kollege kam ihr entgegen. „Guten Abend, der Tote liegt im Arbeitszimmer.“
„Danke, Krüger“, erwiderte Elvira. Sie kannte ihn flüchtig aus einem früheren Einsatz.
Er ging vor, und durch den fensterlosen Flur erhellte sich der Boden. Bevor sie die Zimmertür erreichten, öffnete sie sich wie in einem Raumschiff zur Seite.
Der Raum folgte dem gleichen sterilen Design. Nur der tote alte Mann lag unpassend wie ein Fremdkörper an der Wand. Keine Kampfspuren, nur seine Augen hatten das Antlitz von purem Entsetzen. Elvira beugte sich zu ihm herunter. Der Tote zeigte keine Auffälligkeit, abgesehen von zwei tiefen, blutunterlaufenen Punkten am Hals. Jemand hatte ihm den Kehlkopf mit einem doppelstiftähnlichen Gegenstand zerquetscht.
Sie entdeckte nichts, was zur Verletzung passte, und hatte keine Vorstellung davon, wonach sie suchen sollte. Krüger stand im Raum, verschränkte die Arme und beobachtete sie. Ihr machte das nichts aus.
„Wer hat ihn gefunden?“
„Seine Enkelin Leoni.“
„Wie alt?“, fragte sie und versuchte, den leichten Anflug des Aufschreckens zu verbergen.
„Siebzehn. Sie ist mit einer Kollegin in ihrem Zimmer. Ziemlich fertig, das Kind.“
„Kann ich mit ihr reden?“
Krüger zögerte einen Moment. „Sie ist sehr aufgewühlt.“ Stockte. „Aber ja, versuchen Sie es.“
Das Zimmer glich einer Zelle. Bett, Stuhl, Tisch, aber eben alles teuer. Wahrscheinlich mehr als Elvira in drei Monaten verdiente. Ein Mädchen mit blonden, langen Haaren saß mit angezogenen Beinen und versenktem Kopf auf dem Bett. Eine Polizistin stand neben ihr. Ein Wimmern hallte durch den kargen Raum.
„Leoni, kann ich mit dir sprechen?“
Sie hob den Kopf. Verweinte, blaue Augen. Hilflos nickte sie zur Bestätigung.
„Weißt du, was passiert ist?“
Kopfschütteln. Tränen.
„Was hast du getan, als du deinen Großvater gefunden hast?“
Kurz atmete das Mädchen durch. „Ich habe ihn geschüttelt, aber er starrte nur leer zur Decke. Ich habe den Notfallknopf gedrückt.“
Elvira hatte kein derartiges Teil gesehen. „Wo ist dieser Knopf?“
„Unter dem Bildschirm von Tomo.“
Elvira verstand nicht. Wer rennt denn mit einem Monitor und Notfallschalter durch die Wohnung? Sie schaute zu ihrem Kollegen.
„Das ist einer von diesen neuartigen japanischen Pflegerobotern.“
Leoni hatte die Arme wieder um ihre Beine geklammert. Das Gesicht verbarg sie im Schoß. Das leise Schluchzen ähnelte einem Totengesang.
Einsichtig, dass sie mit der Befragung hier nicht weiterkam, verließ sie mit Krüger das Zimmer. Die Tür öffnete und schloss sich wieder mit einem leisen Zischen. „Wo ist dieser Roboter?“
Die Augen des Kollegen wanderten kurz nach oben, dann antwortete er: „Er steht in einer Abstellkammer zum Laden. Wollen Sie ihn sehen?“
Sie hob die offene Hand.
Das Teil hatte die Größe eines Erwachsenen. Rundliche Formen und zwei überlange Arme. Als Elvira näher kam, leuchteten zwei Ringe in dem auf, was wohl ein Kopf darstellte. Die Lichtkreise glitten einmal langsam von ihren Schuhen bis zu ihrem Gesicht, bevor sie in der Mitte verharrten. Das Ding hatte sie gescannt. „Sie haben einen Wunsch?“, erklang die Stimme einer jungen Frau.
Sie drehte sich um: „Hört das Teil nur auf Kommandos?“
Krüger hob die Schultern: „Woher soll ich das wissen?“
„Einpacken und bringen Sie das Ding ins Labor zu Thomas Hiller. Die Wohnung wird versiegelt, sobald die SpuSi mit ihrem Job durch ist.“
„Was soll mit dem Mädchen passieren?“, fragte Krüger.
„Die Jugendfürsorge wird sich um sie kümmern“, reagierte Elvira.
Ein „Nein!“, brüchig, weinerlich hallte durch den Raum. Leoni stand in der Tür. In ihrem zartrosa Kleidchen wirkte sie kindlich und nicht wie eine fast erwachsene Jugendliche. „Ich will zu meiner Mutter.“
Elvira hielt einen Moment inne. „Das muss die Fürsorge klären.“ Sie sah die Polizistin an: „Bringen Sie sie bitte so lange in ihr Zimmer.“
Leoni zögerte, doch als sie am Arm genommen wurde, folgte sie und drehte sich nochmals um. Elvira verstand den direkten Vorwurf und dachte kurz, wie merkwürdig das Verhalten sei. „Wer war in der Wohnung, als die Tat passierte?“, wandte sie sich an ihren Kollegen.
Krüger stelzte auf ein Wandpanel zu. „Nur das Mädchen und das Opfer. Das Apartment registriert über eine Gesichtserkennung alle Besucher und Anwesenden. Leoni hat die Wohnung heute Morgen um 7:17 Uhr verlassen und kehrte um 16:32 Uhr wieder zurück. Der Großvater war die ganze Zeit zu Hause.“
Kurzes Schweigen, dann erwiderte Elvira: „Die Wohnung wird überwacht, obwohl jemand zu Hause ist. Und die Leute halten mich für paranoid, nur weil ich kein Smartphone besitze.“
Am nächsten Morgen rief Elvira von zu Hause aus noch im Büro an. Klara sollte Leonis Mutter dringend vorladen. Dann machte sie sich auf den Weg geradewegs zu Thomas, dem Technikspezialisten des Dezernats. Ohne Klopfen trat sie ein: „Hast du schon etwas über diesen Roboter herausgefunden?“
„Ich wünsche dir auch einen schönen guten Morgen, Retro.“
„Entschuldige. Guten Morgen. Es war einfach nur eine beschissene Nacht.“
„Okay, dann lege ich gleich mal los. SPARC-Prozessor, Stratix-FPGAs, Dual-RAM-Kommunikation als DMA, und ...“
„Thomas! Deutsch.“
„Na gut. Schnell, stark und mit Augen überall.“
„Kann dieses Ding einen Menschen töten?“
Thomas verzog kurz das Gesicht, dann lachte er leise auf. „Natürlich. Jeder Roboter kann einen Menschen töten, doch nach Asimows Gesetzen ist ihm das nicht erlaubt.“
„Okay, falsche Frage. Wäre es möglich, dass dieser Roboter einen Menschen tötet, weil seine Programmierung fehlerhaft ist oder irgendein elektronisches Teil nicht richtig funktioniert?“
„Das kann ich dir noch nicht sagen. Ich müsste erst die Software überprüfen, falls ich sie überhaupt lesen kann. Denn im Normalfall ist sie kompiliert und damit kaum zu entziffern.“
„Könnte es eine Mordwaffe verwenden? Dem Opfer wurde mit zwei punktähnlichen Druckstellen der Kehlkopf zerquetscht.“
Sein Gesicht wurde ernst. Er ging zu dem Roboter und hob den mechanischen Arm mit der Drei-Finger-Hand an. „Hast du die schon auf Spuren untersucht?“
Kein Mensch ohne spezielles Training hätte mit bloßen Fingern so viel Kraft aufbringen können, dachte Elvira. Aber eine Maschine? Sie sah Thomas an und winkte ab: „Der Roboter diente als Pflegehilfe, es wird unzählige Spuren von dem Opfer geben.“ Sie lächelte ihn gekünstelt an: „Bis wann hast du die ersten Ergebnisse?“
„Heute Mittag vielleicht.“
„Ich werde da sein.“ Damit verließ Elvira das Labor.
Im Büro platzte sie direkt bei Klara rein: „Was haben wir über das Opfer?“
„Okay, dann eben ohne eine freundliche Begrüßung, wie so oft“, sagte die junge Mitarbeiterin mit einem Zwinkern. „Das Opfer ist Eduard Stein, 73 Jahre, ehemaliger Berufssoldat und nach seiner Ausscheidung aus dem Militärdienst hat er für verschiedene Rüstungsfirmen als Berater gearbeitet. Nach seinen Kontoständen zu urteilen, verdiente er damit einen Batzen Geld.“
„Familie?“
„Eine Tochter mit dem Namen Sabine Stein und seine Enkelin Leoni.“
„Seine Tochter ist unverheiratet?“
„Ja“, sagte Klara ernst und grinste dann. „Kann ich sonst noch etwas für die hochwohlgeborene Mürrigkeit tun?“
„Nein, aber gute Arbeit.“ Elvira zog die Augenbraue hoch. „Ist die Mutter schon da?“
„Ja, sie sitzt seit einer Viertelstunde im Vernehmungszimmer.“
Elvira betrat den kleinen, von Neonlicht erhellten Raum. Eine Frau von Mitte vierzig saß am Tisch, das Licht zeichnete Schatten unter ihren Augen. In den Fingern hielt sie ein zerknülltes Papiertaschentuch.
„Frau Sabine Stein?“, begann sie, als sie Platz nahm.
Die Frau nickte, senkte den Blick.
„Sie wissen, warum Sie hier sind?“
„Es geht um meinen Vater.“ Die Stimme war leise, brüchig.
„Und um Ihre Tochter“, fügte Elvira hinzu. „Sie war im Penthouse, als er starb.“
Erschrocken hob die Mutter den Kopf, sagte nichts, Tränen standen ihr in den Augen.
Für eine Weile ließ Elvira die Stille wirken. „Wann hatten Sie den letzten Kontakt zu Ihrer Tochter?“
„Vor zwei Tagen rief sie überraschend an und wir trafen uns. Davor habe ich 13 Jahre lang nichts von ihr gehört, und sie zu sehen war mir nicht erlaubt. Sie müssen wissen, mein Vater hat sich vor Gericht mit unsauberen Mitteln das uneingeschränkte Sorgerecht erstritten. Der erbarmungslose Richter hörte nur auf ihn.“
„Sie waren nicht in der Wohnung des Verstorbenen?“
„Noch nie.“ Ein Schluchzen folgte: „Kann ich meine Tochter zu mir nehmen?“
Elvira hätte gerne anders geantwortet, sagte jedoch: „Dies wird die verantwortliche Stelle entscheiden. Sie können jetzt gehen, aber halten Sie sich zur Verfügung, falls wir weitere Fragen haben.“
Die Frau stand auf, drehte sich nochmals um: „Können Sie mir eine Ansprechperson nennen?“
„Draußen wird Ihnen die junge Kollegin weiterhelfen.“
Ein Opfer ohne Täter gab es nicht, dachte sich Elvira, als sie alleine im Vernehmungsraum verweilte. Was wäre, wenn der Roboter Eduard Stein getötet hätte? Wer übernimmt dafür die Schuld? Eins nach dem anderen befahl sie sich. Nach der Mittagspause würde sie zu Thomas rübergehen.
Mit einer Papiertüte süßer Stückchen in der Hand betrat Elvira das Labor. Der Raum war wie immer zu kühl, die Klimaanlage ließ ihre Nackenhaare aufstellen. „Ein Kaffee würde dazu passen.“
Thomas‘ Augen glänzten in einem Lächeln. „Ist schon unterwegs.“
Nachdem er den ersten Bissen genossen hatte und sie am Kaffee genippt hatte, fragte sie: „Was gibt es Neues?“
„Wir hatten Glück. Ich habe in einer Kiste ein passendes Programmierkabel gefunden und konnte auf die Steuerung des Roboters zugreifen. Die meisten Unterroutinen waren verschlüsselt, aber die Hauptroutine wurde in einer Script-Sprache geschrieben. Also lesbar.“
„Klingt nicht gerade nach Hochsicherheitscode.“
„Ist es auch nicht. Das Teil läuft auf einer abgespeckten ROS-Architektur mit einem offenen Python-Interface, damit es für individuelle Pflegebedürfnisse angepasst werden kann. In diversen Foren findest du genug Material und konkrete Beispiele, um so ein Ding umzuschreiben.“
Elvira runzelte die Stirn. „Glaubst du, ein Teenager könnte das mit ein paar Anleitungen hinbekommen?“
Thomas zuckte mit den Schultern. „Wenn das Interesse groß genug ist.“
„Was genau tut diese Hauptroutine?“
„Steuerbefehle abarbeiten, wenn die Sensorik entsprechende Daten schickt. Auch die Spracherkennung führt in Kombination mit der Kamera Befehle aus.“
„Alles völlig normal?“ Elvira rührte in ihrer Kaffeetasse.
„Das ist der Punkt, an dem es schräg wird.“ Thomas drehte den Monitor zu ihr. „Es existiert eine offene Unterroutine mit dem Namen rettedaskind.py. Sie wird ausgelöst, sobald ein bestimmter Sprachbefehl erkannt wird: ‚Hilfe‘. Danach checkt das System, wer spricht, und richtet sein Verhalten daran aus.“
„Was macht die Routine dann?“
„Der Roboter greift die nächstgelegene erwachsene Person und fixiert sie, um das Kind zu schützen.“
„Das hilft mir weiter“, sagte Elvira und eilte hinaus. Auf dem Weg rief sie Klara an und gab Krüger die Order.
Sie trafen sich in dem Apartment und Krüger meinte nach einem „Guten Tag“, worauf er keine Antwort bekam: „Was suchen wir?“
„Einen Computer mit einem speziellen Kabel.“
„Aha, der berühmte Glückstreffer.“
„Wir fangen in Leonis Zimmer an.“
Kaum durch die Tür steuerte Krüger den Tisch an, öffnete eine Schublade und zog einen Laptop hervor. Elvira griff sofort hinein, fand ein Ladegerät und ein USB-Kabel mit einem unbekannten Anschluss. Sie fotografierte es und schickte das Bild per MMS an Thomas. Retro, trotz alledem sicher. Die Antwort kam prompt.
„Krüger, alles eintüten. Sie können es später im Labor vorbeibringen, aber zuerst fahren wir zur Fürsorge, wo Leoni untergebracht ist.“ Er verzog keine Miene, griff wortlos zu den Beuteln und packte das Material ein.
Klara hatte bereits veranlasst, dass das Mädchen mit einer Betreuerin in einem Aufenthaltsraum wartete, als sie ankamen. Elvira setzte sich an den Tisch und Krüger blieb neben dem Eingang stehen.
„Hallo Leoni, wie geht es dir?“
„Nicht gut. Es ist alles so fremd.“
„Aber besser als bei deinem Großvater?“
Das Mädchen starrte sie für Sekunden an. Keine Tränen, keine Traurigkeit, nur ein Blick eines Kindes, das dem Leid entflohen war.
„Was ist wirklich passiert?“
„Ich wurde von Tomo beschützt.“
„Du wolltest zu deiner Mutter?“
Leoni nickte langsam und senkte dabei den Blick. „Ich habe von ihr die wahre Geschichte gehört. Ich war seine Marionette, eingesperrt hinter unsichtbaren Gittern, bis ich funktionierte, wie er es wollte.“
„Du hättest ihn dafür aber nicht töten müssen.“
„Hab ich nicht“, kam es mit einer pubertären Selbstsicherheit.
Elvira wandte sich zu der Aufsichtsperson. „Nehmen Sie das Kind bitte in Gewahrsam.“
Das Mädchen zuckte zusammen und die Betreuerin sagte empört: „Dazu brauchen Sie einen Gerichtsbeschluss!“
„Ich denke, im Laufe des Tages wird dieser vorliegen.“
Sie verabschiedeten sich, wobei Leoni mit trotzigem Gesicht auf dem Stuhl saß und die Arme angespannt vor der Brust verschränkte.
Als sie zum Wagen kamen, fragte Krüger: „Wieso? Ich dachte, der Mörder sei der Roboter?“
„Wohl eher die Mordwaffe. Leoni hatte die Steuerung mit einem speziellen Kabel programmiert und den Roboter zum Töten ihres Großvaters benutzt.“
„Vielleicht war es Notwehr?“, hakte Krüger nach.
Statt einer Antwort schloss Elvira für einen Moment die Augen. Der Gedanke schnürte ihr die Kehle zu. Es gab keine Gerechtigkeit, die verlorene Kinderjahre wiedergutmachen konnte. Und nun drohte dem Mädchen auch noch der letzte Rest von Persönlichkeit genommen zu werden. „Das muss ein Richter entscheiden.“ Sie blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten, und wischte sich schließlich eine von der Wange. Krüger reichte ihr wortlos ein Taschentuch, das sie annahm, bevor sie leise „Danke“ sagte.
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