Endstation Paradies

rubber sole

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Fassungslos blicke ich auf mein Leben zurück. Dabei hatte ich lange Zeit eines geführt, das mich selbst nach der Scheidung von meiner Frau wieder erfüllte. Ich konzentrierte mich auf meinen Beruf und machte Karriere; mein Ego war bald wieder aufgerichtet. Die vorangegangene Ehe war an einem Kipppunkt angekommen, als eine große Liebe ins Gegenteil umgeschlagen war. Wann dies genau geschah, kann ich heute nicht mehr sagen. Es musste an einem dieser Abende geschehen sein, an denen wir uns wie die Kesselflicker stritten - wie ungezählte Male vorher, stets ausgehend von Petitessen. „Räum doch mal deine Sachen weg. Mit Staubwischen bist du auch mal dran. Der Stuhl ist kein Kleiderschrank.“ Es waren zu viele der 'Du musst'. 'Du sollst', 'nie' und 'immer'. geworden, der Ton zunehmend harscher. Ich räume ein, ein sehr unordentlicher Mensch zu sein, konnte jedoch die ständigen Vorwürfe meiner extrem ordnungsliebenden Ehefrau nicht mehr ertragen und reagierte irgendwann darauf - anfänglich scherzhaft, später eher vergrätzt: „Was ist daran so schlimm? Du machst dich lächerlich. Dein Zwang zum Aufräumen. Es gibt Wichtigeres. Ständig geht’s um Staub oder herumliegende Kleidung. Albern, über so was zu streiten!“ „Stimmt. Alles nur Kleinigkeiten. Aber es sind ja nicht nur die Klamotten. Auch nicht nur der Staub. Oder die nicht ausgeräumte Spülmaschine.“ Und tatsächlich, da war mehr: Ein ordnungsliebender Mensch wollte Struktur in seinem Leben haben und prallte auf jemanden mit einem ausgeprägten Hang zum Chaos. Nach vielen nervenaufreibenden Scharmützeln hatte sich Harmonie in Resignation verwandelt. Die endgültige Trennung war unvermeidbar. Was blieb, war meine Erinnerung an eine faszinierende südländischen Schönheit; nur dies alleine hatte nicht ausgereicht.

Wir lebten schon längere Zeit getrennt, als ein Anruf des Anwalts meiner Ex-Frau mein Leben aus der Bahn warf: „Sie sind als Zeuge genannt. Es geht um einen Prozess ihrer ehemaligen Frau.“ Ich überlegte kurz und fragte zurück: „Und weiter? Um was genau geht’s da?“ Er erklärte mir, dass meine Aussage von großer Bedeutung wäre. Ich wusste, die Familie meiner früheren Frau stammt aus einem Ort in Südosteuropa, wo gelegentlich Fehden zwischen verfeindete Sippen vorkommen. Nun ging es darum, ihre Angaben zu einem Verfahren gegen ein Mitglied eines gegnerischen Clans zu bestätigen. Ich konnte, und ich wollte meine Unterstützung nicht verweigern und fuhr zum Prozess. Den Angeklagten siehe ich noch heute deutlich vor mir. Während der Verhandlung ging sein Blick immer wieder zu mir - er prägte sich ganz offensichtlich mein Gesicht ein. Die Richterin hatte das Urteil, eine lange Haftstrafe, kaum verkündet, sprang der Mann auf und schrie: „Dafür werdet ihr bezahlen Alle beide! Mit eurem Blut!“ Er zeigte dabei mit hassverzerrtem Gesicht erst auf meine Ex-Frau und dann auf mich. Die Reaktionen seiner Begleiter im Saal unterstrichen dies. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Die Justizbehörde erklärte mir wenige Tage später, dass diese Drohung absolut ernst zu nehmen wäre. Ich wollte zunächst nicht glauben, was ich anschließend hörte: „Sie müssen untertauchen. Sie erhalten eine neue Vita für ein komplett neues Leben. An einem anderen Wohnort.“ Ein neues Leben? Das klang fast nach Abenteuer. Als ich dann alle Dokumente in der Hand hielt und an einem anderen Ort angekommen war, war es das aber nicht. Mein Leben fühlte sich falsch an. Ich spürte, andere Papiere ersetzen kein Zuhause. Dass man meine Ex-Frau und mich geografisch getrennt hatte, war nebensächlich. Es verging einige Zeit, bis ich mich an die neuen Lebensumstände gewöhnt hatte. Irgendwann folgte ich der Macht der Gewohnheit und dehnte meinen Lebenskreis aus, besuchte hin und wieder Veranstaltungen in anderen Orten. Ich unterließ es dabei, die Behörden vorher zu informieren. Niemandem fiel dies auf. Nach einer Weile entfernte ich mich immer weiter von meinem Aufenthaltsort – die Behörden informierte ich darüber nicht. Dann der Entschluss, wieder 'richtig' zu reisen. Ich buchte eine Reise nach Ägypten. Dies war das Land, in das die letzte gemeinsame Reise mit meiner damaligen Frau gegangen war; auch deswegen war Kairo einer meiner Sehnsuchtsorte.

Und die Faszination früherer Erlebnisse fesselte mich sofort wieder. Direkt nach Verlassen des Hotels tauchte ich in die betörende Exotik dieses Lebens ein, schlenderte durch enge Gassen und über Basare. Allein die Gerüche nach Gewürzen, gebratenem Fleisch der Garküchen, gemischt mit dem schwer definierbaren Odeur des Orients, berauschten mich. Es war wie damals. Nach einem Besuch im Neuen Ägyptischen Museum bummelte ich durch das Gewimmel der Altstadt, ließ mich treiben. Schließlich stand ich vor einem Restaurant, das ich von früher kannte: Felfela. Ich trat ein, meine Augen hatten sich gerade an das schummrige Licht gewöhnt, als mein Blick an einer Frau hängen blieb. Das dunkle Haar, die Haltung, dieses Gesicht als sie aufsah und sich unsere Blicke trafen: Es war meine Ex-Frau. Ausgerechnet hier! Wir sahen uns entgeistert an: „ Du?! Das kann nicht sein!“ Und dann brach die Starre. Wir fielen uns in die Arme, all die Jahre der Enttäuschung, des Zorns und der Einsamkeit waren verflogen. Sie war aus ähnlichem Grund hierhergekommen wie ich. Es gab jetzt keine Diskussionen mehr über herumliegende Kleidung o.ä., kein „Du machst immer..., kein „Du bist doch selbst...“und ähnliches. Jetzt nur wir beide, mit der Erkenntnis, da ist noch was. Wir kamen uns an dem Abend sehr nahe und blieben bis spät in die Nacht im Felfela. Als wir später das Lokal verließen, erlebten wir Kairo immer noch turbulent, das Leben um uns pulsierte. Die Eindrücke dieser Nacht hatten uns aufgeputscht. Wir sahen uns an und ihr Blick war verheißungsvoll, in mir keimte ein verrückter Gedanke: „Was wäre, wenn wir einfach abhauen. Zusammen?“ Sie hielt inne, sah mich eindringlich an und fragte zurück. „Und wohin?“ „Egal. Irgendwohin, wo uns niemand kennt.“ „Und das Zeugenschutzprogramm?“ Ich zuckte mit den Schultern und antwortete: „Wir steigen einfach aus. Verstecken uns nicht mehr. Es wird ein neues Leben. Gemeinsam. Und diesmal für immer.“

Die Tragweite dieses Entschlusses war uns bewusst. Wir kamen an ein Ziel, weit entfernt von unserem bisherigen Leben, in eine große Stadt in Südostasien. Das Leben dort fühlte sich an wie ein Traum. In unserem neuen Zuhause, direkt am Ufer eines mächtigen Stroms, saßen wir oft auf der Terrasse und genossen den Blick auf den dunkel schimmernden Fluss, in dem sich in tropischen Nächten die Lichter der Stadt im Wasser spiegelten; das Leben auf diesem träge dahinfließenden Fluss schien nie zu ruhen. Freiheit. Wir hatten es geschafft, der Vergangenheit zu entrinnen. Allerdings hatten wir eines unterschätzt: Wir konnten nicht voreinander davonlaufen, glaubten in unserer Euphorie aber, dass in dieser Freiheit alles anders werden würde. Eines Morgens blieb eine Tasse auf dem Tisch stehen. „Kannst du die mal wegräumen. Bitte!“ Ich blickte auf die Tasse. „Ja doch. Später.“ Keine Reaktion. Am Abend stand die Tasse immer noch da. „Du hast sie nicht weggeräumt.“
„Hab ich glatt vergessen.“
„Na klar.“
Diesen Ton kannte ich. „Fang jetzt nicht wieder damit an.“
„Womit?“
„Genau damit.“
Sie erklärte, zunehmend gereizter, dass ich meine Sachen einfach nie wegräume. Ich erwiderte, es ginge ja wohl nur um eine bescheuerte Tasse. Da schüttelte sie den Kopf und antwortete: „Es ist nie nur die eine Tasse!“ Und das war der Satz, den ich all zu gut kannte. Mit einem Schlag war alles wieder da. Das alte Muster, einfaches alles: die gleichen Vorwürfe, die gleichen Verletzungen. Wir hatten die Dämonen unserer Vergangenheit mitgenommen. Unser Traum war zersplittert, irgendwo mitten im Paradies.
 



 
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